Markus Kiesel referierte als verantwortlicher Dramaturg über Wagners „Rienzi“, der im Sommer in einer leicht gekürzten Version erstmals im Festspielhaus gegeben wird. In seinem Gastbeitrag berichtet Frank Piontek über den Vortrag in der Johanniskapelle.


Siegfried Wagner dachte darüber nach, hat den Plan aber verworfen. Wieland Wagner dachte darüber nach und inszenierte die Oper immerhin in Stuttgart. Richard Wagners „Rienzi“ erhielt nie einen Zugang zu den Bayreuther Festspielen. Nun wird es soweit sein: Im Sommer 2026 wird er zum ersten Mal auf dem Grünen Hügel die Festspielhausbühne betreten, freilich nur für ein paar Vorstellungen.
Man könnte es als ein doppeltes Experiment betrachten, denn schon das Werk an sich ist, genau betrachtet, keines, denn es liegt keine definitive Werkausgabe vor. Wagner selbst hat zwar 1844 eine Partitur und einen Klavierauszug veröffentlicht, doch unterscheiden sie sich teilweise gravierend. Schon vor der umjubelten Premiere im Dresden des Jahres 1842 waren Passagen gestrichen worden, weil das Stück in seiner Urfassung auf die spätere Wagner-Länge kommt – doch wie lang ist eigentlich der „Rienzi“?
Der Dramaturg Markus Kiesel, der beim Bamberger Richard-Wagner-Verband einen spannenden Vortrag hielt, weil er zusammen mit der Dirigentin Nathalie Stutzmann und dem Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka eine Bayreuther Fassung des „Rienzi“ erarbeitet hat, die 2026 bei den Festspielen ihre Uraufführung erleben wird, bestätigte die Vermutung, dass Wagner bei seiner Zeitangabe einer sechsstündigen Aufführungsdauer stark übertrieben hat – so wie Wagner auch bei der Komposition (nicht allein des „Rienzi“) stets seine Vorgänger, Nebenläufer und Modelle zu übertrumpfen gedachte.


Kiesel brachte es auf den Punkt: Der 3. Akt ist eine „Materialschlacht ohne Punkt und Komma“, mit dieser Oper wollte er alles „in Grund und Boden komponieren“. Dies ist Wagner gelungen, so dass Striche der Partitur tatsächlich angebracht sind; kann man Instrumentalisten, wie nicht allein in Bayreuth, nach den ersten Akten auswechseln, so ist dies beim Chor nicht möglich, es sei denn, man engagierte zwei Chöre. Aus diesem Grund hat man sich zu kleinen Strichen in den Chorpartien entschlossen, auch solche Figuren aus der Partitur eliminiert, die Wagner selbst als singende Statisten bezeichnet hat.
Was wichtig ist, blieb am Ort: also alle Strecken, in denen die menschlichen Konflikte und interessanten Personenkonstellationen das Werk definieren. Lässt man dann noch all jene Nummern und Takte fort, die nicht in Wagners authentischer Orchesterfassung überliefert sind (die Handschrift der nie gedruckten Partitur ist seit 1945 verschollen, während die zeitgenössischen Klavierauszüge, Drucke und Abschriften teilweise voneinander abweichen und nicht allein die Pantomime lediglich in einer Klavierfassung überliefert wurde), kommt man auf einen Verlust von nur 13 Prozent. Im Sommer 2026 wird man also nicht mehr als zehn Minuten völlig authentischer „Rienzi“-Musik vermissen – oder nicht vermissen, wenn man das Werk und seine Varianten so genau kennt wie Markus Kiesel.

Durchaus nicht nebenbei: Bei der Suche nach bislang unbekannten Überlieferungsträgern stieß Kiesel auf eine Abschrift der Oper, die 1871 für eine Karlsruher Aufführung unter dem späteren „Parsifal“-Uraufführungsdirigenten Hermann Levi erstellt wurde. Da sie auf der Grundlage der verschollenen Münchner Originalpartitur geschrieben wurde, entdeckte der „Rienzi“-Forscher drei Takte, die in einem Klavierauszug festgehalten, aber bis dato nicht in Wagners Instrumentalfassung bekannt waren. Drei Takte, das mag nicht viel sein, aber wenn man sich mit dem Rienzi befasst, der nie einen von Wagner abgesegneten Werkcharakter geschenkt bekam, ist schon die Kenntnis zweier schräger Bläserakkorde in der authentischen Klanggestalt ein mehr als kurioser Gewinn.

Das Plädoyer für das lange, doch nicht zu lange und musikalisch hinreißende Stück, das vermutlich nicht nazifiziert werden wird – nein, sagt Kiesel, Rienzi ist kein Faschist, sondern, wie schon der historische Cola di Rienzo, ein frühhumanistisch gebildeter Idealist –, dieses Plädoyer kam beim Bamberger Publikum schon mal gut an. Man darf also im besten Sinne auf die szenische und die musikalische Gestalt gespannt sein, die Wagners früher Tenorheld im Sommer angeschneidert bekommt.
Infos und Texte von Markus Kiesel zu „Rienzi“ auf der Homepage der Festspiele; einen weiteren Gastbeitrag von Frank Piontek zu „Rienzi“ finden Sie hier.



