„Eine Materialschlacht ohne Punkt und Komma“

Mar­kus Kie­sel re­fe­rier­te als ver­ant­wort­li­cher Dra­ma­turg über Wag­ners „Ri­en­zi“, der im Som­mer in ei­ner leicht ge­kürz­ten Ver­si­on erst­mals im Fest­spiel­haus ge­ge­ben wird. In sei­nem Gast­bei­trag be­rich­tet Frank Piontek über den Vor­trag in der Johanniskapelle.

Mar­kus Kie­sel mit der Karls­ru­her „Rienzi“-Partiturabschrift von 1871 – Foto: Mo­ni­ka Beer
RWV-Vor­sit­zen­de Ant­je Fah­rig und Mar­kus Kie­sel bei der Be­grü­ßung – Foto: Ro­land Gröber

Sieg­fried Wag­ner dach­te dar­über nach, hat den Plan aber ver­wor­fen. Wie­land Wag­ner dach­te dar­über nach und in­sze­nier­te die Oper im­mer­hin in Stutt­gart. Ri­chard Wag­ners „Ri­en­zi“ er­hielt nie ei­nen Zu­gang zu den Bay­reu­ther Fest­spie­len. Nun wird es so­weit sein: Im Som­mer 2026 wird er zum ers­ten Mal auf dem Grü­nen Hü­gel die Fest­spiel­haus­büh­ne be­tre­ten, frei­lich nur für ein paar Vorstellungen.

Man könn­te es als ein dop­pel­tes Ex­pe­ri­ment be­trach­ten, denn schon das Werk an sich ist, ge­nau be­trach­tet, kei­nes, denn es liegt kei­ne de­fi­ni­ti­ve Werk­aus­ga­be vor. Wag­ner selbst hat zwar 1844 eine Par­ti­tur und ei­nen Kla­vier­aus­zug ver­öf­fent­licht, doch un­ter­schei­den sie sich teil­wei­se gra­vie­rend. Schon vor der um­ju­bel­ten Pre­mie­re im Dres­den des Jah­res 1842 wa­ren Pas­sa­gen ge­stri­chen wor­den, weil das Stück in sei­ner Ur­fas­sung auf die spä­te­re Wag­ner-Län­ge kommt – doch wie lang ist ei­gent­lich der „Ri­en­zi“?

Der Dra­ma­turg Mar­kus Kie­sel, der beim Bam­ber­ger Ri­chard-Wag­ner-Ver­band ei­nen span­nen­den Vor­trag hielt, weil er zu­sam­men mit der Di­ri­gen­tin Na­tha­lie Stutz­mann und dem Re­gie­team Alex­an­dra Sze­me­ré­dy und Mag­dol­na Par­dit­ka eine Bay­reu­ther Fas­sung des „Ri­en­zi“ er­ar­bei­tet hat, die 2026 bei den Fest­spie­len ihre Ur­auf­füh­rung er­le­ben wird, be­stä­tig­te die Ver­mu­tung, dass Wag­ner bei sei­ner Zeit­an­ga­be ei­ner sechs­stün­di­gen Auf­füh­rungs­dau­er stark über­trie­ben hat – so wie Wag­ner auch bei der Kom­po­si­ti­on (nicht al­lein des „Ri­en­zi“) stets sei­ne Vor­gän­ger, Ne­ben­läu­fer und Mo­del­le zu über­trump­fen gedachte.

Mar­kus Kie­sel war schon drei­mal zu Gast beim RWV Bam­berg. Kein Wun­der, denn er ist nicht nur ein sehr sach­kun­din­ger, son­dern auch ein tem­pe­ra­ment- und hu­mor­vol­ler Red­ner. – Fo­tos: Ro­land Gröber

Kie­sel brach­te es auf den Punkt: Der 3. Akt ist eine „Ma­te­ri­al­schlacht ohne Punkt und Kom­ma“, mit die­ser Oper woll­te er al­les „in Grund und Bo­den kom­po­nie­ren“. Dies ist Wag­ner ge­lun­gen, so dass Stri­che der Par­ti­tur tat­säch­lich an­ge­bracht sind; kann man In­stru­men­ta­lis­ten, wie nicht al­lein in Bay­reuth, nach den ers­ten Ak­ten aus­wech­seln, so ist dies beim Chor nicht mög­lich, es sei denn, man en­ga­gier­te zwei Chö­re. Aus die­sem Grund hat man sich zu klei­nen Stri­chen in den Chor­par­tien ent­schlos­sen, auch sol­che Fi­gu­ren aus der Par­ti­tur eli­mi­niert, die Wag­ner selbst als sin­gen­de Sta­tis­ten be­zeich­net hat.

Was wich­tig ist, blieb am Ort: also alle Stre­cken, in de­nen die mensch­li­chen Kon­flik­te und in­ter­es­san­ten Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen das Werk de­fi­nie­ren. Lässt man dann noch all jene Num­mern und Tak­te fort, die nicht in Wag­ners au­then­ti­scher Or­ches­ter­fas­sung über­lie­fert sind (die Hand­schrift der nie ge­druck­ten Par­ti­tur ist seit 1945 ver­schol­len, wäh­rend die zeit­ge­nös­si­schen Kla­vier­aus­zü­ge, Dru­cke und Ab­schrif­ten teil­wei­se von­ein­an­der ab­wei­chen und nicht al­lein die Pan­to­mi­me le­dig­lich in ei­ner Kla­vier­fas­sung über­lie­fert wur­de), kommt man auf ei­nen Ver­lust von nur 13 Pro­zent. Im Som­mer 2026 wird man also nicht mehr als zehn Mi­nu­ten völ­lig au­then­ti­scher „Rienzi“-Musik ver­mis­sen – oder nicht ver­mis­sen, wenn man das Werk und sei­ne Va­ri­an­ten so ge­nau kennt wie Mar­kus Kiesel.

Die Zu­hö­rer, dar­un­ter im Vor­der­grund die frü­he­re Nürn­ber­ger RWV-Vor­sit­zen­de Ute Berg­feld, hör­ten ge­bannt und be­geis­tert zu. – Foto: Ro­land Gröber

Durch­aus nicht ne­ben­bei: Bei der Su­che nach bis­lang un­be­kann­ten Über­lie­fe­rungs­trä­gern stieß Kie­sel auf eine Ab­schrift der Oper, die 1871 für eine Karls­ru­her Auf­füh­rung un­ter dem spä­te­ren „Parsifal“-Uraufführungsdirigenten Her­mann Levi er­stellt wur­de. Da sie auf der Grund­la­ge der ver­schol­le­nen Münch­ner Ori­gi­nal­par­ti­tur ge­schrie­ben wur­de, ent­deck­te der „Rienzi“-Forscher drei Tak­te, die in ei­nem Kla­vier­aus­zug fest­ge­hal­ten, aber bis dato nicht in Wag­ners In­stru­men­tal­fas­sung be­kannt wa­ren. Drei Tak­te, das mag nicht viel sein, aber wenn man sich mit dem Ri­en­zi be­fasst, der nie ei­nen von Wag­ner ab­ge­seg­ne­ten Werk­cha­rak­ter ge­schenkt be­kam, ist schon die Kennt­nis zwei­er schrä­ger Blä­ser­ak­kor­de in der au­then­ti­schen Klang­ge­stalt ein mehr als ku­rio­ser Gewinn.

Auch nach dem span­nen­den Vor­trag gab es noch viel zu be­spre­chen. Mar­kus Kie­sel im Ge­spräch mit (von rechts) Frank Piontek, Karl­heinz Beer und da­hin­ter Ant­je und Wolf­ram Fah­rig. – Foto: Ro­land Gröber

Das Plä­doy­er für das lan­ge, doch nicht zu lan­ge und mu­si­ka­lisch hin­rei­ßen­de Stück, das ver­mut­lich nicht na­zi­fi­ziert wer­den wird – nein, sagt Kie­sel, Ri­en­zi ist kein Fa­schist, son­dern, wie schon der his­to­ri­sche Cola di Ri­en­zo, ein früh­hu­ma­nis­tisch ge­bil­de­ter Idea­list –, die­ses Plä­doy­er kam beim Bam­ber­ger Pu­bli­kum schon mal gut an. Man darf also im bes­ten Sin­ne auf die sze­ni­sche und die mu­si­ka­li­sche Ge­stalt ge­spannt sein, die Wag­ners frü­her Te­nor­held im Som­mer an­ge­schnei­dert bekommt.

In­fos und Tex­te von Mar­kus Kie­sel zu „Ri­en­zi“ auf der Home­page der Fest­spie­le; ei­nen wei­te­ren Gast­bei­trag von Frank Piontek zu „Ri­en­zi“ fin­den Sie hier.

Nach dem Vor­trag wur­den die Be­su­cher mit Tan­ja Wohn-Na­gen­gasts herr­li­cher Pi­ag­gio-Ape bewirtet …

Fo­tos: Ant­je Fah­rig, Ro­land Gröber