Übermäßig lang?

Ei­ni­ge Wor­te zu Ri­chard Wag­ners Oper „Ri­en­zi, der Letz­te der Tri­bu­nen“, die im Som­mer erst­mals im Bay­reu­ther Fest­spiel­haus auf­ge­führt wird. Ein Gast­bei­trag von Frank Piontek zu die­sem Thema.

Ab­bil­dung aus der Leip­zi­ger Il­lus­trir­ten Zei­tung zur Schluß­sze­ne des 4. Akts der „Rienzi“-Uraufführungsproduktion am Kö­nig­li­chen Hof­thea­ter Dresden

6 Stun­den – die­se Zif­fer wird ge­wöhn­lich ge­nannt, wenn von der un­ge­heu­ren Län­ge der Oper, die im Som­mer 2026 zum ers­ten Mal im Fest­spiel­haus ge­spielt wer­den wird, die Rede ist. Wir ver­dan­ken die In­for­ma­ti­on dem Kom­po­nis­ten, der sie in „Mein Le­ben“ wort­reich aus­mal­te: „Mein Stau­nen, selbst im letz­ten Akte – ge­gen Mit­ter­nacht – im­mer noch das Pu­bli­kum voll­zäh­lig an­zu­tref­fen, führ­te zu mei­ner voll­stän­di­gen Per­ple­xi­tät; ich glaub­te mei­nen Oh­ren und Au­gen nicht mehr und hielt den gan­zen Vor­gang die­ses Abends für ei­nen Spuk.“

Doch „Ri­en­zi“ ist nicht län­ger als eine durch­schnitt­lich lan­ge „Göt­ter­däm­me­rung“: 4 Stun­den 40 Mi­nu­ten. So lang ist er al­ler­dings nur in der ein­zi­gen Kom­plett­ein­spie­lung, die 1976 un­ter Ed­ward Dow­nes alle Wie­der­ho­lungs­tei­le und die ge­sam­te Pan­to­mi­me des Fest­akts (20 Mi­nu­ten) plus an­ge­häng­tem Waf­fen­tanz (19 Mi­nu­ten) ent­hält. Die Pan­to­mi­me wird auf den Büh­nen kaum ge­bracht, der Waf­fen­tanz – auch auf­grund der gro­ßen Wie­der­ho­lungs­ab­schnit­te – nur in ge­kürz­ter Form. Schon in Dres­den wur­de das Werk nicht kom­plett auf die Büh­ne ge­bracht: da­mals wur­de tat­säch­lich die kom­plet­te Pan­to­mi­me aus­ge­las­sen; eine Par­ti­tur der Pan­to­mi­me hat be­zeich­nen­der­wei­se nicht überlebt.

Als Ed­ward Dow­nes die In­te­gral­ver­si­on auf­nahm, muss­te er die 20 Mi­nu­ten Pan­to­mi­men­mu­sik aus dem Kla­vier­aus­zug in­stru­men­tie­ren las­sen, d.h. es fie­len min­des­tens 20 Mi­nu­ten weg, da­ne­ben der Auf­tritt der Ge­sand­ten (da­her fin­det man heu­te in den nor­ma­len Text­aus­ga­ben die­se kur­zen Tex­te nicht) und wei­te­re Klei­nig­kei­ten. Wenn die Dresd­ner Auf­füh­rung wirk­lich bis Mit­ter­nacht ge­dau­ert ha­ben soll­te, dann müs­sen die Pau­sen 2 Stun­den lang ge­we­sen sein oder der Di­ri­gent be­son­ders lang­sam di­ri­giert ha­ben. Wag­ners Kol­le­ge Reis­si­ger war al­ler­dings für sei­ne flot­ten Tem­pi be­kannt … und die Um­bau­pau­sen dürf­ten den Rest der Zeit ver­schlun­gen haben.

Wenn man also eine nor­ma­le Auf­füh­rung ohne den 39-mi­nü­ti­gen Rie­sen­bro­cken von Pan­to­mi­me und Waf­fen­tanz zu­stan­de bräch­te, wür­de sie nicht mehr als 4 Stun­den dau­ern. Mit zwei Pau­sen à 25 Mi­nu­ten wür­de eine „nor­ma­le“, um die Wie­der­ho­lungs­tei­le, etwa des Frie­dens-Cho­res, ge­kürz­te Auf­füh­rung also nicht län­ger sein als eine um 40 Mi­nu­ten ge­kürz­te „Götterdämmerung“-Aufführung, ja: sie wäre so­gar we­sent­lich kür­zer, ohne dass man sehr viel Mu­sik ver­mis­sen wür­de (denn et­li­che Tei­le sind, um es zu wie­der­ho­len, rei­ne Wiederholungsteile).

Die „6 Stun­den“ der Ur­auf­füh­rung bzw. der Ge­samt­län­ge des Stücks, die im­mer­zu durch die Li­te­ra­tur geis­tern, ge­hö­ren also zwei­fel­los in das Reich der Le­gen­de. Es kann na­tür­lich sein, dass man da­mals drei Rie­sen­pau­sen mach­te, aber das Stück bleibt – ohne re­kon­stru­ier­te Pan­to­mi­me – nicht län­ger als 4 Stun­den 20 Mi­nu­ten, also 1 Stun­de 40 Mi­nu­ten kür­zer als ge­wöhn­lich angegeben.

Zwar ist der Pro­gramm­zet­tel vor der Ur­auf­füh­rung ge­druckt wor­den, aber die An­ga­ben zur Spiel­dau­er (von 18 bis 22 Uhr) wa­ren be­stimmt nicht aus der Luft ge­grif­fen. Vor­la­ge: Os­wald Ge­org Bau­er, „Ri­chard Wag­ner. Die Büh­nen­wer­ke von der Ur­auf­füh­rung bis heute“

Grund­sätz­lich darf man „Rienzi“-Kürzungen ge­gen­über durch­aus kri­tisch ein­ge­stellt sein. Man kann das mit den Wor­ten Hel­mut Kirchmey­ers be­grün­den, der mit „Wag­ner in Dres­den“ ei­nes der Wag­ner-Bü­cher ge­schrie­ben hat: Die Stri­che von zwei­drit­tel Stun­den, die Wag­ner selbst nach der Ur­auf­füh­rung vor­ge­nom­men hat, be­deu­tet eine Ver­min­de­rung der Auf­füh­rungs­dau­er um im­mer­hin 15 Prozent:
Das ge­nüg­te, um die Pro­por­tio­nen ei­nes Stü­ckes gründ­lich zu ver­stüm­meln. Im Fal­le „Ri­en­zi“ lief es dar­auf hin­aus, die ly­risch-aus­glei­chen­den Tei­le fort­zu­neh­men und da­mit die nur aus der Öko­no­mie ver­ständ­li­chen, dra­ma­tisch-hoch­ge­spann­ten Par­tien zu dicht auf­ein­an­der rü­cken zu las­sen, so dass ein Kri­ti­ker, der die Oper mög­li­cher­wei­se erst in ver­kürz­ter Ge­stalt ken­nen­lern­te, sehr wohl ei­nen ver­scho­be­nen Ge­samt­ein­druck er­hal­ten konn­te. Schiff­ner traf das Rech­te, wenn er be­haup­te­te, die Kür­zun­gen im „Ri­en­zi“ hät­ten nur die Zeit ab­ge­kürzt, nicht aber das Werk bes­ser ge­macht, weil das ly­ri­sche Ele­ment feh­le; die Kür­zun­gen grif­fen not­ge­drun­gen in die Pro­por­tio­nen des Werks ein und mach­ten sie un­stim­mig. Die ob­jek­tiv län­ge­re, weil un­ge­kürz­te, aber stim­mi­ge Wag­ner­oper kann auf die­se Wei­se sub­jek­tiv kür­zer wir­ken als die ob­jek­tiv kür­ze­re, da­für aber in Un­ord­nung ge­brach­te Oper.

In­ter­es­san­ter­wei­se hat Ber­tolt Brecht, als er dar­an ging, bei sei­nen ei­ge­nen In­sze­nie­run­gen sei­ne Stü­cke zu kür­zen, ge­nau das Glei­che fest­ge­stellt: mit Kür­zun­gen macht man die Stü­cke sub­jek­tiv län­ger. Wer die un­ge­kürz­te Oper, 4 Stun­den 40, ge­hört hat, kann Fol­gen­des fest­stel­len: die ein­zi­ge Sze­ne, die man kür­zen könn­te, wäre der Waf­fen­tanz, weil es hier ei­nen rie­si­gen Wie­der­ho­lungs­teil gibt. Al­les an­de­re soll­te man so las­sen, denn es macht ei­nen ge­wal­ti­gen Ein­druck. Mu­si­ka­lisch schwa­che Stel­len – aber wer be­stimmt, was das ist? – gibt es kaum, eher in die­sem rein in­stru­men­ta­len Teil. Die Kon­fron­ta­ti­on des „jun­gen“ mit dem ab­so­lut rei­fen Wag­ner des „Tann­häu­ser“ und des „Lo­hen­grin“ ist höchst span­nend – aber nur im Zu­sam­men­hang al­ler Tei­le macht die­se pa­cken­de mu­si­ka­lisch-sze­ni­sche Dra­ma­tur­gie ei­nen Sinn, der, wie im­mer bei Wag­ner, aufs Gro­ße Gan­ze, hier aufs Gro­ße Gan­ze ei­ner psy­cho­lo­gisch grun­dier­ten Aus­stat­tungs­oper geht. Letz­ten En­des hat Wag­ner be­wie­sen, dass die Gat­tung „His­to­ri­sche Oper“ an ei­nem End­punkt an­ge­langt war (Mey­er­beer soll­te spä­ter gleich­falls ver­su­chen, das Gen­re zu re­for­mie­ren). Man ka­piert auch dies nur, wenn man sich das al­les an­tut: die end­lo­sen Auf­zü­ge und Schlach­ten­sze­nen, de­ren Mu­sik ab­so­lut mit­rei­ßend ist. Auf wel­chem Ni­veau? Das spielt hier kei­ne Rol­le mehr – es ist viel­leicht ge­ra­de das Kol­por­ta­ge­haf­te, das un­be­fan­gen Drauf­los­schleu­dern­de der Mu­sik, das uns, mit gu­ten Grün­den, vom Sitz hebt.

Wenn die Auf­füh­rung mit zwei Pau­sen weit un­ter 4 Stun­den dau­ern soll­te, be­deu­tet das, dass man mit 3 Stun­den um 100 Mi­nu­ten be­tro­gen wird. Nicht, dass „Ri­en­zi“ die Ei­gen­hei­ten der „Meis­ter­sin­ger“ oder der „Göt­ter­däm­me­rung“ hät­te, aber es gibt gute Grün­de, war­um man in letz­ter Zeit die­se Oper häu­fi­ger in­sze­niert hat. Es wäre schön, wenn man auch hier alle Stri­che auf­ma­chen wür­de – so wie es Gus­tav Mahler vor 110 Jah­ren beim Wie­ner „Ring“ ge­macht hat. Es wür­de dem Werk an sich gut tun. Man darf also sehr ge­spannt sein, wie die so­ge­nann­te Bay­reu­ther Fas­sung des Fest­spiel­neu­lings aus­se­hen wird.

PS: Es gibt, über die 4 Stun­den 40 Mi­nu­ten hin­aus, üb­ri­gens noch wei­te­re „Rienzi“-Musik: das nach­kom­po­nier­te Vor­spiel zu „Ri­en­zis Fall“, dem zwei­ten Teil der ex­pe­ri­men­tell zwei­ge­teil­ten Oper, die ei­ni­ge Male in Dres­den zur Auf­füh­rung kam. Un­ter Wolf­gang Sa­wal­lisch war es 1983 in Mün­chen zu hö­ren. Auch ein schö­nes Stück …

PPS: Mar­kus Kie­sel, der am 8. März beim Bam­ber­ger Wag­ner-Ver­band ei­nen span­nen­den Vor­trag über die „Bay­reu­ther Fas­sung“ hielt, die 2026 bei den Fest­spie­len ihre Ur­auf­füh­rung er­le­ben wird, be­stä­tig­te in vol­lem Um­fang die Ver­mu­tung, dass Wag­ner bei sei­ner Zeit­an­ga­be ei­ner sechs­stün­di­gen Auf­füh­rungs­dau­er stark über­trie­ben hat – so wie er auch bei der Kom­po­si­ti­on (nicht al­lein des „Ri­en­zi“) stets sei­ne Vor­gän­ger, Ne­ben­läu­fer und Mo­del­le zu über­trump­fen dach­te. Kie­sel brach­te es auf den Punkt: Der 3. Akt ist eine „Ma­te­ri­al­schlacht ohne Punkt und Kom­ma“, mit die­ser Oper woll­te er al­les „in Grund und Bo­den kom­po­nie­ren“. Dies ist ihm ge­lun­gen, so dass Stri­che der Par­ti­tur tat­säch­lich an­ge­bracht sind; kann man In­stru­men­ta­lis­ten, wie nicht al­lein in Bay­reuth, nach den ers­ten Ak­ten aus­wech­seln, so ist dies beim Chor nicht mög­lich, es sei denn, man en­ga­gier­te zwei Chö­re. Aus die­sem Grund hat man sich zu klei­nen Stri­chen in den Chor­par­tien ent­schlos­sen, auch sol­che Fi­gu­ren aus  der Par­ti­tur eli­mi­niert, die Wag­ner selbst als sin­gen­de Sta­tis­ten be­zeich­net hat. Was wich­tig ist, blieb am Ort: also alle Stre­cken, in de­nen die mensch­li­chen Kon­flik­te und in­ter­es­san­ten Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen das Werk de­fi­nie­ren. Lässt man dann noch all jene Num­mern und Tak­te fort, die nicht in Wag­ners au­then­ti­scher Or­ches­ter­fas­sung über­lie­fert sind (die Hand­schrift der nie ge­druck­ten Par­ti­tur ist seit 1945 ver­schol­len, wäh­rend die zeit­ge­nös­si­schen Kla­vier­aus­zü­ge, Dru­cke und Ab­schrif­ten teil­wei­se von­ein­an­der ab­wei­chen und nicht al­lein die Pan­to­mi­me le­dig­lich in ei­ner Kla­vier­fas­sung über­lie­fert wur­de), kommt man auf ei­nen Ver­lust von nur 13 Pro­zent. Im Som­mer 2026 wird man also nicht mehr als zehn Mi­nu­ten völ­lig au­then­ti­scher „Rienzi“-Musik ver­mis­sen – oder nicht ver­mis­sen, wenn man das Werk und sei­ne Va­ri­an­ten so ge­nau kennt wie Mar­kus Kiesel.

Durch­aus nicht ne­ben­bei: Bei der Su­che nach bis­lang un­be­kann­ten Über­lie­fe­rungs­trä­gern stieß Kie­sel auf eine Ab­schrift der Oper, die 1871 für eine Karls­ru­her Auf­füh­rung un­ter dem spä­te­ren „Parsifal“-Uraufführungsdirigenten Her­mann Levi er­stellt wur­de. Da sie auf der Grund­la­ge der ver­schol­le­nen Münch­ner Ori­gi­nal­par­ti­tur ge­schrie­ben wur­de, ent­deck­te der „Rienzi“-Forscher drei Tak­te, die in ei­nem Kla­vier­aus­zug fest­ge­hal­ten, aber bis dato nicht in Wag­ners In­stru­men­tal­fas­sung be­kannt wa­ren. Drei Tak­te, das mag nicht viel sein, aber wenn man sich mit dem „Ri­en­zi“ be­fassst, der nie ei­nen von Wag­ner ab­ge­seg­ne­ten Werk­cha­rak­ter ge­schenkt be­kam, ist schon die Kennt­nis zwei­er schrä­ger Blä­ser­ak­kor­de in der au­then­ti­schen Klang­ge­stalt ein mehr als ku­rio­ser Gewinn.

Mar­kus Kie­sel (links) nach sei­nem Vor­trag beim RWV Bam­berg mit Frank Piontek (rechts) – Foto: © Mo­ni­ka Beer

Den kom­plet­ten Be­richt zum Vor­trag von Mar­kus Kie­sel fin­den Sie hier.