Faszinierende Trug- und Vexierbilder

Sze­ne aus dem „Ver­schwun­de­nen Hoch­zeiter“ Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Na­wrath

Der „Meis­ter“ wäre wahr­schein­lich be­geis­tert ge­we­sen, wenn er die­se Ur­auf­füh­rung er­lebt hät­te. Wie bit­te? War die letz­te Fest­spiel-Ur­auf­füh­rung nicht vor 136 Jah­ren? Ja, aber der „Par­si­fal“ wur­de im Fest­spiel­haus aus der Tau­fe ge­ho­ben, und die Oper „der ver­schwun­de­ne hoch­zeiter“ des ös­ter­rei­chi­schen Kom­po­nis­ten Klaus Lang am Diens­tag im ehe­ma­li­gen Reichs­hof-Kino, das sich üb­ri­gens nicht als  Not­lö­sung, son­dern als ide­al ent­pupp­te. Doch der Rei­he nach.

Im letz­ten Jahr ha­ben die Fest­spie­le als ei­ge­nes Rah­men­pro­gramm erst­mals die Rei­he „Dis­kurs Bay­reuth“ in­iti­iert, mit ei­nem hoch­ka­rä­tig be­setz­ten Sym­po­si­um und Kon­zer­ten in Haus Wahn­fried. Heu­er lau­tet das Ge­ne­ral­the­ma „Ver­bo­te (in) der Kunst“, das sich un­ter an­de­rem im Fra­ge­ver­bot in Wag­ners „Lo­hen­grin“ spie­gelt – und im ers­ten Auf­trags­werk der Bay­reu­ther Fest­spie­le, das am Tag vor der Fest­spiel­eröff­nung ur­auf­ge­führt wur­de.

Die neue Oper im ex­trem re­du­zier­ten und struk­tu­rier­ten Sze­na­ri­um und Li­bret­to des Kom­po­nis­ten greift den Stoff ei­ner al­ten ös­ter­rei­chi­schen Sage auf: Ein Bräu­ti­gam wird von ei­nem Frem­den zu ei­ner Hoch­zeit ein­ge­la­den, soll sich ver­gnü­gen, fei­ern und tan­zen – aber nur so lan­ge die Mu­sik spielt. Der Bräu­ti­gam hält sich nicht dar­an. Als er heim­kehrt, er­fährt er, dass seit sei­nem Weg­gang drei­hun­dert Jah­re ver­gan­gen sind, und zer­fällt zu Staub.

Die Pro­duk­ti­on ist in mehr­fa­cher Hin­sicht ein Coup – und zu­min­dest, was die Be­set­zung be­trifft, kaum zu top­pen. Denn Re­gis­seur Paul Es­ter­ha­zy, der nicht zum ers­ten Mal eine Oper von Klaus Lang in­sze­niert, hat sich ers­tens als Part­ner den Vi­deo­künst­ler Fried­rich Zorn ge­holt und zwei­tens den Hoch­zeiter in eine Dop­pel­fi­gur um­ge­setzt, die auf der Büh­ne von zwei Tän­zern dar­ge­stellt wird: das  tsche­chi­sche Zwil­lings­paar Jiri und Otto Bu­be­nicek, das sich dank vir­tuo­ser Vi­deo­tech­nik auch ver­viel­fa­chen kann.

Wenn laut Text­buch „der raum und die zeit sich öff­nen“ – Wag­ne­ria­ner den­ken na­tür­lich an den Schlüs­sel­satz „Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“ aus dem „Par­si­fal“ – sieht man ein schon lan­ge leer­ste­hen­des Zim­mer mit zwei Fens­tern, in dem zu­nächst me­di­ta­tiv Schnee fällt. Der Bas­sist Alex­an­der Kiech­le (Der Hoch­zeiter) und der Coun­ter­te­nor Ter­ry Wey (Der Frem­de) als Ge­sangs­so­lis­ten, der sub­ti­le Frau­en­chor so­wie das vom Kom­po­nis­ten ge­lei­te­te Or­ches­ter Ic­tus En­sem­ble mu­si­zie­ren ver­teilt im Raum ne­ben den Zu­schau­ern und vom Rang her, so dass sich im­mer wie­der das Ge­fühl ein­stellt, vom Klang ein­ge­hüllt zu wer­den.

Klaus Lang geht es in der neu­en Oper vor al­lem um das Hör­bar­ma­chen von Zeit und Zeit­lich­keit, um die Wahr­neh­mung un­ter­schied­li­cher Klang­wel­ten, die ei­ner­seits wir­ken sol­len wie abs­trak­te Farb­flä­chen­ma­le­rei, wo­bei die Far­be Weiß ein wie­der­keh­ren­des Ele­ment ist, an­de­rer­seits wie ein hy­per­rea­lis­ti­sches Still­le­ben. Mi­ni­ma­lis­tisch ein­lul­len­den Klang­flä­chen und Ge­sän­gen ste­hen sel­te­ne Klang­ex­plo­sio­nen ge­gen­über, die wie aus dem Nichts kom­men.

Die rät­sel­haf­te Mär­chen­hand­lung und ihre bril­lan­te sze­ni­sche Um­set­zung mit Trug- und Ve­xier­bil­dern stützt das mu­si­ka­li­sche Flie­ßen, in dem die Zeit ver­streicht, im­mer wie­der an­ge­hal­ten und sel­ten be­schleu­nigt wird. 5373 ge­nau ge­zähl­te Se­kun­den, also gut eine Stun­de und vier­zig Mi­nu­ten, dau­ert die Oper, die in ih­rer auch al­pha­be­ti­schen Struk­tur hör­bar ein biss­chen an Ma­len nach Zah­len er­in­nert. Die Ur­auf­füh­rung an ei­nem hei­ßen und spä­ten Som­mer­abend tat das Ih­ri­ge, dass nicht we­ni­ge im Pu­bli­kum sich wünsch­ten, sie wäre trotz der auch ge­ge­be­nen mu­si­ka­li­schen Fas­zi­na­ti­on nur halb so lang ge­we­sen.

Den in­ter­nen Ver­gleich mit der heu­ti­gen mu­si­ka­li­schen Avant­gar­de braucht Ri­chard Wag­ner also nicht zu fürch­ten. Al­ler­dings hät­te er wer weiß was ge­ge­ben, um die büh­nen­tech­ni­schen und vor al­lem fil­mi­schen Mög­lich­kei­ten zu ha­ben, mit de­nen die In­sze­nie­rung so über­zeu­gend punk­tet. Dass da­für ein ehe­ma­li­ges Kino aus sei­nem Dorn­rös­chen­schlaf ge­weckt wur­de, ist also kei­ne Not­lö­sung, son­dern eine wun­der­ba­re Fü­gung. Mit Wun­dern kann’s ger­ne wei­ter­ge­hen.

Be­such­te Ur­auf­füh­rung am 24. Juli 2018, Erst­ver­öf­fent­li­chung im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags vom 26. Juli, wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 26. und 27. Juli um 21 Uhr, Ein­füh­rungs­ge­spräch um 20 Uhr. Kar­ten per E-Mail un­ter hochzeiter@bayreuther-festspiele.de

 

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