Minna-Briefe-Kalender (14)

Ri­chard Wag­ner aus Mag­de­burg an Min­na Pla­ner, zeit­wei­lig in Ber­lin, Brief vom 11. No­vem­ber 1835.

Ach mei­ne lie­be, lie­be Min­na, wie dan­ke ich Dir, wie kann ich Dir dan­ken für Dei­nen Brief! Es war jetzt der ent­schei­den­de Punkt ge­kom­men, u. Dein Brief muß­te die Ent­schei­dung ent­hal­ten. Ich hielt ihn lan­ge un­er­bro­chen in den Hän­den; – es schnür­te – mir vor Ban­gig­keit die Brust zu; – nein: wenn dar­in stün­de: „Lie­bes Kind, es geht nicht an­ders, ich muß hier blei­ben, u. es thut mir des­halb leid, auf Dei­ne An­er­bie­tun­gen nicht ein­ge­hen zu kön­nen?“ – Da­mit hät­test Du ei­nen Mord an mir be­gan­gen, Min­na! – Aber Gott im Him­mel hat mich er­hört, hat Dir Weich­heit, Mil­de, Lie­be u. Kraft ge­ge­ben. Nimm mich da­für hin für im­mer u. ewig! Jetzt ist Al­les, Al­les gut u. ge­won­nen, es be­durf­te nur des fes­ten Ent­schlus­ses; – Du hast ihn ge­faßt, aus Lie­be zu mir ge­faßt; nun – laß mich für das Ue­b­ri­ge sor­gen. O, die hel­le Freu­de ver­scheucht mir noch je­den ord­nen­den Ge­dan­ken; – ich habe mir es aber auch nicht an­ders er­war­tet, Du muß­test Dich be­we­gen las­sen, es konn­te nicht an­ders sein. O da­für will ich Dich lie­ben, – nie sollst Du mehr ei­nen bö­sen Arg­wohn, ei­nen bö­sen Streit von mir ver­neh­men; – ich will Dein Rit­ter u. Schüt­zer[1] sein für das gan­ze Le­ben. – – Jetzt höre. Schon von selbst u. ohne Dei­ne Auf­for­de­rung habe ich be­reits in mei­nem gest­ri­gen Brie­fe meh­re­re Punk­te be­rührt, nach de­nen Du mich in Dei­nem Brie­fe fragst. Es ver­hält sich al­les so, u. noch bes­ser. – Ich war ges­tern noch des­we­gen bei Beth­mann[2]; er be­klag­te sich al­ler­dings sehr über Dich u. Dei­ne Herz­lo­sig­keit, mit der Du ihn hät­test sit­zen las­sen; – al­lein ich, – magst Du mir nun böse sein, – oder nicht, – habe die Sa­che aus­zu­glei­chen ver­sucht. Ich habe es von Dei­ner Sei­te als eine ra­sche Hand­lung dar­ge­stellt, die Du in ei­nem ge­reit­zten Zu­stan­de schnell be­schlos­sen u. schnell aus­ge­führt hät­test; – ich habe ihm ge­sagt, daß Du, wenn die Col­li­sio­nen mit Dei­nem Fa­che hin­weg­fie­len, recht gern wie­der­kom­men wür­dest, trotz­dem, daß es Dir sonst gar nicht fehl­te; – u. gab ihm da­bei ganz of­fen zu ver­ste­hen, daß Du mehr mei­net­we­gen als sei­net­we­gen zu­rück­keh­ren wür­dest. Willst Du ihm dar­über nicht schrei­ben, mein lie­bes Kind, – Du ver­giebst Dir ja nicht das Min­des­te da­bei; denn streng ge­nom­men ist Dein Fort­lau­fen nicht zu ver­ant­wor­ten. Ist Dir we­gen der Rol­len ein Un­recht ge­sche­hen, so mußt Du Dich dar­über be­kla­gen u. Dein Recht for­dern; erst wenn man es Dir ver­wei­gert, hast Du das Recht zu bre­chen. Auch kannst Du ja gra­des­we­ges er­wäh­nen, daß Du mei­net­halb wie­der­kom­men willst. – – Ue­ber­haupt, komm’ nur her, – dann macht sich schon Al­les! Was ich Dir schon ges­tern mitt­heil­te über die Stim­mung des Publikum’s we­gen Grabowsky’s, so ist dieß völ­lig der Wahr­heit gemäß.
Nun zu Dei­ner Mut­ter[3]! Mein Kind, we­gen die­ser hast Du nun gar nichts mehr zu fürch­ten; wir sind ei­nig. Du weißt was ich Dir schon ges­tern ge­schrie­ben habe. Nun ges­tern Abend ha­ben Mut­ter, Ama­lie, Schrei­ber u. ich auf un­se­re bei­der­sei­ti­gen Ver­lo­bun­gen an­ge­sto­ßen. Die Mut­ter ist wie um­ge­wen­det ge­gen mich; – ich er­klär­te ges­tern Abend vor Al­len Drei­en, Du müß­test wie­der­kom­men, ich könn­te nicht mehr ohne Dich le­ben; – ich müß­te mich mit Dir ver­lo­ben, da­mit wir uns bald ver­hei­ra­then könn­te; – Schrei­ber stimm­te so­gleich mit ein; – wir stie­ßen Alle zu­sam­men an, u. die Mut­ter war eine Freu­de. Nun ging das Scher­zen los; – ich be­grüß­te Schrei­bern als Schwa­ger; – Ama­lie sag­te, das müß­te schar­mant sein; heu­te hie­ße es: „wir ge­hen zu Kapellmeister’s“, u. ich sag­te: „mor­gen ge­hen wir zu Kammersänger’s!“ Die Mut­ter woll­te uns Al­len die Wirt­schaft füh­ren; – wir woll­ten Alle in ei­nem Hau­se woh­nen; – u. so ging es den gan­zen Abend fort. Ach, wä­rest Du da ge­we­sen! – Die Freu­de u. Hoff­nung leb­te mäch­tig in mei­nem Her­zen auf; – die Mut­ter wuß­te vor La­chen gar nicht wo­hin. – Ama­lie sag­te: „na, nun will ich Min­na schrei­ben, daß sie nur bald kom­men soll!“ – O thue es, ma­che Dei­ne Gast­rol­len schnell ab, u. keh­re zu mir zu­rück, um nie mehr von mir zu gehen!
Ich bin zu Freu­de-trun­ken, um Dir auf Dei­ne Be­denk­lich­kei­ten we­gen un­se­res Er­wer­bes u. Auskommen’s aus­führ­lich zu ant­wor­ten;[4] – Du meinst, – ich wür­de ent­beh­ren müs­sen, u. Dir es vor­wer­fen? Pfui, – da den­ke ich ganz an­ders! Ich den­ke gar nicht an das Ent­beh­ren; – ich habe Kopf u. Ta­lent, – u. durch Dei­nen Be­sitz be­kom­me ich auch den erns­ten Trieb, es an­zu­wen­den; – bis zu Os­tern soll sich vie­les ent­schie­den ha­ben, u. auf Glück müs­sen wir rech­nen. Mor­gen mehr davon! – –
Mein lie­ber En­gel, mei­ne gute, süße Braut, – sei froh u. freue Dich mit uns; – es wird Al­les zu uns­rem Heil ausschlagen.
Dein
Richard.

[1] Lo­hen­grin naht be­reits, der Ret­ter und Schüt­zer – und nicht zu ver­ges­sen der Füh­rer! Aber das war eher ein klei­nes Pro­blem im Fest­spiel­som­mer 2022.
[2] Dass Min­na mit ih­rer Ab­rei­se nach Ber­lin An­fang No­vem­ber ge­gen­über dem Mag­de­bur­ger In­ten­dan­ten Hein­rich Beth­mann ei­nen Ver­trags­bruch be­gan­gen hat­te, liegt auf der Hand. In der Samm­lung Bur­rell fin­det sich so­gar ein von Wag­ner auf­ge­setz­tes, aber ver­mut­lich nicht ab­ge­sen­de­tes Ul­ti­ma­tum mit fol­gen­dem Wort­laut: „Zu mei­nem größ­ten Be­dau­ern er­se­he ich, daß Sie so­wohl heu­te die mir von je­her zu­ge­hö­ren­de Rol­le der Chris­ti­ne in der Kö­ni­gin von Schwe­den durch Mad. Gra­bow­sky be­setzt als auch der­sel­ben die Rol­len der Ju­lia in Ro­meo und Ju­lia und des Gret­chens im Faust zu­ge­t­heilt ha­ben. Ohne Zwei­fel kom­men mir, als der ers­ten tra­gi­schen Lieb­ha­be­rin an Ih­rer Büh­ne die ge­nann­ten be­zeich­ne­ten Rol­len zu und kei­nes­wegs Mad. Gra­bow­sky, die, wie Sie mir selbst ver­si­chert ha­ben, das nai­ve Fach aus­fül­len sol­len. Ich sehe die­se dem zu­wi­der­lau­fen­de Aus­t­hei­lung als die of­fen­bars­te Un­ge­rech­tig­keit an, die mir mei­ne Ehre in je­der Hin­sicht zu dul­den verbietet.“
[3] Es ver­steht sich von selbst, dass Minnas Mut­ter lan­ge ge­gen die­sen Jung­spund Wag­ner war und ade­li­ge „bes­se­re Herrn“, an de­nen es un­ter den Be­wun­de­rern Minnas nicht man­gel­te, lie­ber als Schwie­ger­sohn ge­habt hätte.
[4] Wie Recht soll­te Min­na doch mit ih­ren Be­denk­lich­kei­ten ha­ben! Ei­gent­lich wur­den Wag­ners fi­nan­zi­el­le  Eng­päs­se, ob­wohl er auch in jun­gen Jah­ren schon nicht we­ni­ge ge­be­freu­di­ge Un­ter­stüt­zer hat­te, erst deut­lich we­ni­ger, als Kö­nig Lud­wig II. in sein Le­ben trat. Wo­von Min­na be­kannt­lich nicht viel hat­te, denn 1864 leb­te das Ehe­paar be­reits dau­er­haft getrennt.

Quel­len: Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe; Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, Bd. 1, 1967; John N. Burk: Ri­chard Wag­ner Brie­fe. Die Samm­lung Bur­rell, 1953.

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