Meisterwerk der frühen Filmmusik

Un­ser Mit­glied An­dre­as H. Höl­scher hat uns auch über das drit­te Wag­ner-Son­der­kon­zert der Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker am 4. Juni sei­ne Kri­tik zur Ver­fü­gung gestellt.

Blick auf die Lein­wand: Der Stumm­film­klas­si­ker mit Or­ches­ter­be­glei­tung in der Bam­ber­ger Kon­zert­hal­le be­ginnt. – Alle Fo­tos: An­dre­as H. Hölscher

Was wä­ren gro­ße Ki­no­fil­me ohne Mu­sik? Man den­ke nur an den Ita­lo-Wes­tern Once upon a Time in the West von Ser­gio Leo­ne, der ohne die groß­ar­ti­ge Mu­sik von En­nio Mor­rico­ne wohl kaum so po­pu­lär ge­wor­den wäre. Es gibt un­zäh­li­ge Bei­spie­le, bei de­nen die Film­mu­sik die Hand­lung nicht nur un­ter­malt, son­dern selbst agiert, Emo­tio­nen be­stimmt und den Zu­schau­er wie Zu­hö­rer in Bann zieht. Was wä­ren die Star-Wars-Fil­me ohne John Wil­liams? Was wäre der Herr der Rin­ge ohne die Mu­sik von Howard Shore? Oder die Film­rei­he Pi­ra­ten der Ka­ri­bik ohne die kon­ge­nia­le Mu­sik von Hans Zim­mer? Mitt­ler­wei­le ha­ben es Film­mu­si­ken auch in die klas­si­schen Kon­zert­sä­le ge­schafft. Und wenn John Wil­liams sich mit Anne-So­phie Mut­ter als So­lis­tin die Ehre gibt, dann sind die Kon­zert­häu­ser voll. Ob Cross-Over, ob Klas­sik, das spielt kei­ne Rol­le, das Gen­re der Film­mu­sik hat sich eta­bliert, eine Viel­zahl von Or­ches­tern und Di­ri­gen­ten ha­ben sich auf die­se Dar­bie­tun­gen spe­zia­li­siert. Die Film­mu­sik spielt eine ge­wich­ti­ge Rol­le, seit es Fil­me gibt. Ei­ner der pro­mi­nen­tes­ten Ver­tre­ter der frü­hen Film­zeit ist si­cher der Kom­po­nist Erich Wolf­gang Korn­gold, der mit sei­ner Oper Die tote Stadt gro­ßen Ruhm ern­te­te, das Werk steht bis heu­te er­folg­reich auf den Spiel­plä­nen gro­ßer Häu­ser. Doch nur we­ni­ge wis­sen, dass Korn­gold, nach­dem er auf­grund sei­ner jü­di­schen Her­kunft in die USA emi­grie­ren muss­te, dort als Kom­po­nist für Film­mu­sik re­üs­sier­te und für die Mu­sik zu Ro­bin Hood- Kö­nig der Va­ga­bun­den 1938 ei­nen Os­car erhielt.

Das Zeit­al­ter der Film­mu­sik be­gann aber wäh­rend der Stumm­film­zeit, wo die Mu­sik am Pia­no oder vom Or­ches­ter zur Auf­füh­rung ge­spielt wur­de. Dass die­se Art der Film­auf­füh­rung auch heu­te noch be­geis­tern kann, zei­gen die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker im letz­ten Teil Ih­rer Tri­lo­gie Die Welt mit Wag­ner mit ei­ner Live­au­f­füh­rung der Mu­sik zum Stumm­film­klas­si­ker Die Ni­be­lun­gen: Sieg­fried von Fritz Lang aus dem Jah­re 1924. Die Ni­be­lun­gen ge­hört zu den gro­ßen Epen der Film­ge­schich­te. Re­gis­seur Fritz Lang ver­film­te sie von 1923 bis 1924, be­stehend aus den bei­den Tei­len Sieg­fried und Kriem­hilds Ra­che. Das Dreh­buch schrieb die da­ma­li­ge Ehe­frau des Re­gis­seurs, Thea von Har­bou, un­ter Ver­wen­dung von Mo­ti­ven des mit­tel­hoch­deut­schen Ni­be­lun­gen­lie­des, die Film­mu­sik stammt von Gott­fried Hup­pertz. Der Stumm­film wur­de 1924 im Ufa-Pa­last am Zoo in Ber­lin ur­auf­ge­führt. Die­ses epo­cha­le Film- und Mu­sik­werk wur­de in Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen der Fried­rich-Wil­helm-Mur­nau-Stif­tung, Fern­seh­sen­dern und der Eu­ro­päi­schen Film­phil­har­mo­nie für gro­ße Or­ches­ter­auf­füh­run­gen 2009 neu be­ar­bei­tet. Welt­weit fand eine um­fas­sen­de Re­cher­che al­ler ver­füg­ba­ren Film­ma­te­ria­li­en statt, de­ren Er­geb­nis eine bril­lan­te, ori­gi­nal ein­ge­tön­te Vor­führ­ko­pie im 35-mm-For­mat ist. Das Werk wur­de 2010 in der Deut­schen Oper Ber­lin neu ur­auf­ge­führt, mu­si­ka­lisch be­glei­tet von der Eu­ro­päi­schen Film­phil­har­mo­nie un­ter Lei­tung des Di­ri­gen­ten und ih­res Grün­ders Frank Stro­bel, der die Film­mu­sik ge­mein­sam mit Mar­co Jo­vic ein­ge­rich­tet und neu in­stru­men­tiert hat. Die ge­sam­te Mu­sik wur­de in ein, un­ter film­mu­sik­wis­sen­schaft­li­chen Ge­sichts­punk­ten, neu edier­tes Auf­füh­rungs­ma­te­ri­al über­führt. Das liegt nun syn­chron­ein­ge­rich­tet auf die re­stau­rier­te Bild­fas­sung für eine sin­fo­ni­sche Or­ches­ter­be­set­zung vor und er­mög­licht mit über zwei­tau­send Syn­chron- und ge­nau­es­ten Tem­po- und Me­tro­nom­an­ga­ben eine his­to­risch ge­rech­te Auf­füh­rungs­pra­xis des Werkes.

Der ös­ter­rei­chi­sche Schau­spie­ler Paul Rich­ter (1895–1961) als Siegfried

Die Ge­samt­län­ge des Films und der Mu­sik be­trägt etwa 5 Stun­den. Der Kom­po­nist Gott­fried Hup­pertz, der im Üb­ri­gen als Ope­ret­tensän­ger sei­ne Kar­rie­re be­gann, hat­te zu­nächst ge­zö­gert, den Auf­trag an­zu­neh­men, da er be­fürch­te­te, „dass sei­ne Mu­sik nie un­ab­hän­gig von Ri­chard Wag­ner wahr­ge­nom­men wür­de, wäh­rend die Auf­ga­ben­stel­lung – wie auch die Er­war­tung von Fritz Lang – eine ganz an­de­re war: näm­lich eine Mu­sik zu schrei­ben, die pri­mär den An­for­de­run­gen des Me­di­ums Film ent­spricht und die mu­si­ka­lisch das Kon­zept fort­führt, nach dem Thea von Har­bou und Fritz Lang den gro­ßen Stoff auf­be­rei­tet und fil­misch um­ge­setzt ha­ben.“ Lang selbst sag­te über sei­nen Film: „Es han­del­te sich um das geis­ti­ge Hei­lig­tum ei­ner Na­ti­on. Es muss­te mir also dar­auf an­kom­men, in ei­ner Form, die das Hei­lig-Geis­ti­ge nicht ba­na­li­sier­te, mit den Ni­be­lun­gen ei­nen Film zu schaf­fen, der dem Vol­ke ge­hö­ren soll­te und nicht, wie die Edda oder das mit­tel­hoch­deut­sche Hel­den­lied, ei­ner im Ver­hält­nis ganz ge­rin­gen An­zahl be­vor­zug­ter und kul­ti­vier­ter Ge­hir­ne. Da­mit war die Be­din­gung ge­stellt, den Ni­be­lun­gen-Film mit un­er­bitt­li­cher Stren­ge von dem Sche­ma der üb­li­chen Kos­tüm­fil­me los­zu­lö­sen und ihn auf eine Ba­sis zu stel­len, die jen­seits des Aus­stat­tungs­films und des Sen­sa­ti­ons­films ste­hend, den­noch et­was vom Prunk des ers­ten und vom hin­rei­ßen­den Atem des zwei­ten hat­te.“ Hup­pertz wur­de der Er­war­tungs­hal­tung Langs ge­recht und kom­po­nier­te eine Mu­sik, die ei­nen ei­ge­nen Stil hat, von Wag­ner in­spi­riert, aber nicht imitierend.

Der Dra­che im Stumm­film­klas­si­ker von 1924

Der Di­ri­gent und Grün­der der Eu­ro­päi­schen Film­phil­har­mo­nie, Frank Stro­bel, der die Neu­in­stru­men­tie­rung der Film­mu­sik und Ein­spie­lung 2010 nach ei­ner Vor­be­rei­tungs­zeit von zwei Jah­ren über­nahm, sagt über Hup­pertz‘ Mu­sik: „Es ist eine Mu­sik, die sich nur ent­fernt an Ri­chard Wag­ner an­lehnt und die vor al­lem ei­nen Klang­raum schafft, der die Wucht der Ge­schich­te sug­ges­tiv ver­grö­ßert. Hup­pertz’ Ni­be­lun­gen-Mu­sik wirkt wie ein drei­di­men­sio­na­ler Rah­men, in dem der Film sehr prä­zi­se in Hin­blick auf Tem­po und Be­we­gung ab­läuft und in dem sich die stark or­na­men­ta­li­sier­te Cho­reo­gra­fie ein­drucks­voll ent­fal­ten kann. Mit ei­nem re­la­tiv klei­nen Vor­rat von The­men leuch­tet die Mu­sik den Raum aus, sie macht ihn grö­ßer und klei­ner, pro­du­ziert Prä­senz und Zeit­lo­sig­keit und gibt der Ge­schich­te zu­gleich et­was Sta­ti­sches und Fa­ta­lis­ti­sches. Da­bei be­dient sich Hup­pertz zwar der Leit­mo­tiv­tech­nik für Fi­gu­ren, Hand­lun­gen und Sym­bo­le, doch er geht mit die­sen Mo­ti­ven an­ders um als Strauss oder Wag­ner mit ih­rem tran­szen­die­ren­den Fortspinnungsprinzip.“

Film­sze­ne mit ei­ner spek­ta­ku­lä­ren „le­ben­den Lan­dungs­brü­cke“ für die in Worms an­kom­men­de Brunhild.

In der Bam­ber­ger Kon­gress­hal­le wird nun Teil 1 der Ni­be­lun­gen-Saga, Sieg­fried in der re­stau­rier­ten Fas­sung auf ei­ner Groß­lein­wand ge­zeigt und die Neue­di­ti­on der Film­mu­sik von 2010 von den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern un­ter der Lei­tung von Chris­ti­an Schu­mann ge­spielt, der mit die­sem Di­ri­gat auch sein De­büt bei den Bam­ber­gern gibt. Der In­halt des Films ori­en­tiert sich sehr deut­lich an dem Epos Ni­be­lun­gen­lied und ist in sie­ben Ge­sän­ge un­ter­teilt. Sieg­fried hat bei Mime das Waf­fen­schmie­den er­lernt. Als er er­fährt, dass Kö­nig Gun­ther und des­sen Schwes­ter in Worms sind, will er sich auf den Weg ma­chen. Doch sein Leh­rer Mime ist ei­fer­süch­tig auf sei­nen Mus­ter­schü­ler, er weist ihm ei­nen ge­fähr­li­chen Weg nach Worms, der durch ei­nen Zau­ber­wald führt. Sieg­fried trifft auf ei­nen Dra­chen, den er im Kampf tö­tet. Er ba­det in des­sen Blut und wird un­ver­wund­bar – mit Aus­nah­me ei­ner Stel­le an sei­ner lin­ken Schul­ter, die von ei­nem Lin­den­blatt be­deckt war. Nach­dem Sieg­fried den Ni­be­lun­gen­schatz ge­won­nen hat, zieht er mit rei­chem Ge­fol­ge in Worms ein, um die schö­ne Kriem­hild zu ge­win­nen. Auch Kö­nig Gun­ther will frei­en: Brun­hild, Kö­ni­gin von Isen­land, die er je­doch im Zwei­kampf be­sie­gen muss. Mit dem Tarn­helm ge­schützt, ge­lingt es Sieg­fried, Gun­ther im Kamp­fe bei­zu­ste­hen und Brun­hild zu be­sie­gen. In Worms soll nun Dop­pel­hoch­zeit ge­fei­ert wer­den: Kö­nig Gun­ther soll mit Brun­hild, Sieg­fried mit Kriem­hild ver­mählt wer­den. Als Kriem­hild, die von Sieg­frieds heim­li­cher Hil­fe im Kampf weiß, vor der Kir­che mit Brun­hild in Streit ge­rät, ver­rät sie das Ge­heim­nis. Brun­hild for­dert, dass Gun­ther Sieg­fried töte. We­nig spä­ter wird Sieg­fried wäh­rend ei­nes Jagd­aus­flu­ges von Gun­thers Kämp­fer Ha­gen von Tron­je, dem Kriem­hild leicht­gläu­big die ver­letz­li­che Stel­le an der Schul­ter ver­riet, ge­tö­tet. Am To­ten­bett Sieg­frieds schwört Kriem­hild un­er­bitt­li­che Ra­che, und Brun­hild, de­ren Lie­be Sieg­fried einst zu­rück­wies, nimmt sich zu Fü­ßen des To­ten selbst das Leben.

Die Schau­spie­le­rin Mar­ga­re­te Schön (1895–1985) als Kriemhild

Die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker spie­len die Film­mu­sik mit gro­ßer Lei­den­schaft, und Chris­ti­an Schu­mann, ein aus­ge­wie­se­ner Ex­per­te für zeit­ge­nös­si­sche Mu­sik und Film­mu­sik, ist ab­so­lut prä­zi­se mit den Tem­pi, denn die Mu­sik ist ab­so­lut syn­chron mit dem ge­zeig­ten Film. Der Film ist ein Klas­si­ker, fast 100 Jah­re alt, und von Stil und Dra­ma­tur­gie in keins­ter Wei­se mit den heu­ti­gen Fil­men ver­gleich­bar. Aber die be­son­de­re Cho­reo­gra­fie und Äs­the­tik des Films, vor al­lem Mi­mik und Ges­tik der Schau­spie­ler, er­hal­ten durch die gro­ße, teils wuch­ti­ge, teils aber auch zar­te Mu­sik Tief­gang und Aus­druck. Gro­ße Bö­gen, Leit­mo­ti­ve und kam­mer­mu­si­ka­li­sche Epi­so­den wech­seln sich ab. Die Mu­sik klingt hel­den­haft, ja, teil­wei­se hoch­dra­ma­tisch wie in der Sze­ne, wenn Sieg­fried den Dra­chen tö­tet, und na­tu­ra­lis­tisch, wenn mit Flö­ten der Ge­sang des Wald­vo­gels imi­tiert wird. An die­ser Stel­le kommt Hup­pertz Wag­ner ganz nahe.

Schlus­sze­ne mit den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern und Di­ri­gent Chris­ti­an Schumann

Nach drei Stun­den, un­ter­bro­chen von ei­ner 20-mi­nü­ti­gen Pau­se nach dem drit­ten Ge­sang, ist die Film­vor­füh­rung mit Live­mu­sik be­en­det. Das Pu­bli­kum im nur mä­ßig ge­füll­ten Jo­seph-Keil­berth-Saal, dar­un­ter auch Di­ri­gent Frank Stro­bel, der die von den Bam­ber­gern ge­spiel­te Fas­sung ein­ge­rich­tet hat, spen­det warm­her­zi­gen Ap­plaus, aber Ova­tio­nen wie bei den ers­ten zwei Aben­den der Tri­lo­gie gibt es dies­mal nicht, ob­wohl Di­ri­gent und Or­ches­ter nach die­ser Leis­tung und auch in der Sum­ma­ti­on der drei Aben­de es si­cher ver­dient hät­ten. Viel­leicht hat­ten auch ei­ni­ge un­ter den Zu­schau­ern sich was an­de­res vor­ge­stellt, viel­leicht so­gar Mu­sik von Ri­chard Wag­ner. Die gibt es an die­sem Abend nicht, da­für aber eine wun­der­ba­re Film­mu­sik, die emo­tio­nal an­spricht und ihre Nähe eher zu Korn­gold hat denn zu Wag­ner oder Strauss. Ger­ne hät­te man ei­nen vier­ten Abend ge­habt, mit dem zwei­ten Teil Kriem­hilds Ra­che und der Film­mu­sik von Gott­fried Hup­pertz. So bleibt es bei ei­ner fas­zi­nie­ren­den Tri­lo­gie mit dem ers­ten Abend Die Welt mit Wag­ner mit in­no­va­ti­ver und ex­pe­ri­men­tel­ler Auf­füh­rung, ei­nem wun­der­ba­ren Ring ohne Wor­te mit Le­sun­gen am zwei­ten Abend und zum Ab­schluss die Mu­sik von Gott­fried Hup­pertz zum Stumm­film Sieg­fried von Fritz Lang. Die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker ha­ben mit die­ser Kon­zert­rei­he ge­zeigt, wie mo­dern und in­ten­siv Auf­füh­run­gen sein kön­nen. Es bleibt zu hof­fen, dass auch in der Zu­kunft der­ar­ti­ge Kon­zert­rei­hen auf dem Pro­gramm ste­hen. Und wer Lust auf die Film­mu­sik be­kom­men hat, es gibt eine Ge­samt­ein­spie­lung bei­der Tei­le mit der Frank­furt Ra­dio Sym­pho­ny un­ter Frank Stro­bel, sehr empfehlenswert.