Mummenschanz auf Koks

Mit der „Göt­ter­däm­me­rung“ run­det sich die „Ring“-Neuinszenierung von Va­len­tin Schwarz und sei­nem Team noch nicht. Das Pre­mie­ren­pu­bli­kum ant­wor­te­te mit ei­nem Buhorkan.

Der al­ko­hol- und ko­ka­in­süch­ti­ge Gun­ther (Mi­cha­el Kup­fer-Ra­de­cky) so­wie der Chor im 2. Akt – Sze­nen­fo­tos: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

Ganz ehr­lich: In mei­nem lan­gen Wag­ner­le­ben ist es mir noch nie pas­siert, dass ich am Ende ei­ner „Göt­ter­däm­me­rung“ völ­lig un­ge­rührt von dem Ge­sche­hen war, ja selbst die Mu­sik mich nicht über­wäl­tigt, son­dern kalt ge­las­sen hat. Das lag nicht nur dar­an, dass Re­gis­seur Va­len­tin Schwarz wo­mög­lich auf die­se Des­il­lu­sio­nie­rung aus war. Der „Ring“-Schluss am Frei­tag war lei­der auch mu­si­ka­lisch ein De­ba­kel, der Bu­hor­kan groß.

Doch bes­ser erst­mal der Rei­he nach. Der 1. Akt be­ginnt wie­der mit ei­ner Über­ra­schung: Was im Ori­gi­nal auf dem Wal­kü­ren­fel­sen spielt, ist jetzt im Zwil­lings­kin­der­zim­mer (Büh­ne: An­drea Coz­zi) ver­or­tet. An die Stel­le der Won­ne­mond-Kind­heits­er­in­ne­run­gen von Sieg­mund und Sieg­lin­de tritt zu­nächst der Alb­traum ei­nes klei­nen Mäd­chens, dem hin­zu­er­fun­de­nen Kind von Brünn­hil­de und Siegfried.

Nor­nen­sze­ne im Kinderzimmer

Mär­chen­haft-gru­se­lig mit über­lan­gen Fin­ger­nä­geln die silb­ri­gen Nor­nen (Kos­tü­me: Andy Be­such), dazu we­hen Un­heil kün­dend die Gar­di­nen. Sieg­frieds sa­lop­pe Klei­dung äh­nelt farb­lich den frü­he­ren baye­ri­schen Po­li­zei­uni­for­men, meint aber des­sen Ver­bun­den­heit zur nicht mehr vor­han­de­nen Na­tur, wäh­rend die sor­gen­de Mut­ter und Haus­frau Brünn­hil­de sich in bür­ger­li­chem Bou­ti­quen­chic gefällt.

Gun­ther (Mi­cha­el Kup­fer-Ra­de­cky) prä­sen­tiert Sieg­fried das Bild von der letz­ten Safari.

Auch in ei­ner to­xi­schen Fa­mi­li­en­sa­ga darf Weih­nach­ten nicht feh­len. Die de­ka­den­ten Gi­bichun­gen ha­ben noch nicht mal alle Ge­schen­ke aus­ge­packt, aber aus­gie­big ge­fei­ert. Der Baum wird ge­ra­de ent­sorgt, das pein­li­che Por­trät von der jüngs­ten Sa­fa­ri ist auf­ge­hängt im vor­ma­li­gen Wal­hall, wo als zeit­ge­nös­si­sches Kunst­werk auch ein Baum­stamm in­stal­liert ist.

Ha­gen (Al­bert Doh­men) hat sich beim Blut­ab­neh­men schon mal ver­letzt, Gun­ther (Mi­cha­el Kup­fer-Ra­de­cky) küsst Sieg­fried (hier: Ste­phen Gould)

Gutru­ne wäre nur eine auf­ge­don­ner­te Tus­si, lie­ße sie nicht ihre Macht­ge­lüs­te am wie­der­um reich­li­chen Per­so­nal aus. Gun­ther ist ganz schwer durch­ge­knallt, auf sei­nem T-Shirt fun­kelt „Who the fuck is Gra­ne?“ als rhe­to­ri­sche Fra­ge. Wir wis­sen ja schon, dass das nicht Brünn­hil­des Pferd ist, son­dern ihr Leib­die­ner (Igor Schwab). Ihm wird an die­sem Abend un­säg­li­ches Leid wi­der­fah­ren. Die Ge­walt­ex­zes­se in Wag­ners „Ring“ kul­mi­nie­ren scho­ckie­rend in dem, was Ha­gen der zu­sätz­li­chen Ne­ben­fi­gur antut.

Gutru­ne (Eli­sa­beth Tei­ge) und Gun­ther (Mi­cha­el Kupfer-Radecky)

Ha­gen, im­mer noch im gel­ben T-Shirt, mal die Kap­pe, mal den Schlag­ring zur Hand, ist fast schon ein al­ter Mann. Eher un­auf­fäl­lig, aber ent­schie­den und bra­chi­al führt er den in sei­ner Kind­heit wur­zeln­den Ra­che­feld­zug an. Sein ers­ter Kid­nap­per und Zieh­va­ter Al­be­rich sitzt ihm noch im Na­cken, selbst beim Box­trai­ning zwi­schen him­mel­ho­hen und mat­ten Glaswänden.

Der 2. Akt ist ein äs­the­ti­scher Bruch in der In­sze­nie­rung. Der Chor in schwar­zen Kut­ten und be­stückt mit ro­ten Stab­mas­ken wirkt wie eine ge­drill­te Wo­tan-Sek­te, beim Ein­zug des Paars, dem Spee­r­eid ohne Speer und bei der Mord­ver­ab­re­dung, die end­lich mal nicht im klein­tei­li­gen, son­dern im tie­fen, of­fe­nen Büh­nen­raum statt­fin­det, ste­chen im Ne­bel das pink­far­be­ne Brünn­hil­den­kos­tüm und das um­her­ge­sto­ße­ne Kind ins Auge.

Brünn­hil­de (Iré­ne Theo­rin) im 2. Akt

Der 3. Akt spielt wie­der vor der fast schon ro­man­ti­schen Na­tur­ku­lis­se, mit der al­les be­gon­nen hat, al­ler­dings sieht man nur noch ei­nen klei­nen Aus­schnitt da­von. An­stel­le des Plansch­be­ckens ist jetzt ein gro­ßes, tie­fes, ma­ro­des Sprung­be­cken zu se­hen, in des­sen ver­blie­be­ner Pfüt­ze Sieg­fried sei­ner Toch­ter das An­geln bei­brin­gen will.

Jetzt geht es dem suk­zes­siv um Kin­der und Er­ben er­wei­ter­ten Wo­tan-Clan end­gül­tig an den Kra­gen. Lei­der kul­mi­nie­ren hier die Schwach­punk­te der Neu­pro­duk­ti­on, der Show­down ist mit Lo­gik­fal­len und Sack­gas­sen ge­spickt. So­wohl kon­zep­tu­ell als auch hand­werk­lich ist die Re­gie am Ende. Es tut fast weh zu se­hen, wel­che Ver­stie­gen­hei­ten ernst ge­meint sein wol­len und doch nur hilf­los, ja lach­haft wir­ken, die Licht­in­stal­la­ti­on à la Fi­sches Nacht­ge­sang und das Vi­deo zwei­er sich um­ar­men­der Fö­ten inklusive.

Ha­gen (Al­bert Doh­men) rüt­telt am Sperr­git­ter des ver­gam­mel­ten Sprungbeckens.

Schlim­mer noch gibt es auch mu­si­ka­lisch kei­nen Trost, denn nicht nur bei ih­rem Schluss­ge­sang ist Iré­ne Theo­rin als Brünn­hil­de stimm­lich in­zwi­schen schlicht­weg eine Fehl­be­set­zung. War­um gin­gen im Fest­spiel­haus nicht schon letz­tes Jahr die ro­ten Lam­pen an, bei der von Her­mann Nitsch ge­stal­te­ten „Mal­kü­re“, als sich ihr über­mä­ßi­ges Vi­bra­to wie Mehl­tau über den far­ben­fro­hen Abend leg­te? Es hät­te der Sän­ge­rin das Buh­ge­jau­le er­spart, das das Pre­mie­ren­pu­bli­kum gna­den­los auch ihr entgegendonnerte.

Be­ju­belt wur­den hin­ge­gen drei So­lis­ten, die das Sze­ni­sche be­wun­derns­wert um- und auch stimm­lich Glanz­lich­ter set­zen: die Hü­gel-Neu­lin­ge Eli­sa­beth Tei­ge (Gutru­ne) und Wo­tan-Ein­sprin­ger Mi­cha­el Kup­fer-Ra­de­cky (Gun­ther) so­wie der alt­ge­dien­te „Ring“-Recke Al­bert Doh­men (Ha­gen). Auch Chris­ta May­er (Wal­trau­te) zählt zu den Stüt­zen des En­sem­bles, ein mar­kan­ter Neu­ling ist Olafur Si­gur­dar­son (Al­be­rich). Und noch ein De­büt: Clay Hil­ley sprang kurz­fris­tig als wa­cke­rer Sieg­fried ein.

Der mu­si­ka­li­schen Um­set­zung un­ter Cor­ne­li­us Meis­ter darf letzt­lich kei­ne hohe Mess­lat­te an­ge­legt wer­den: Der Di­ri­gent in die­sem Einspringer-„Ring“ hat­te zu we­nig Pro­ben, um mit dem we­gen Co­ro­na auf­ge­stock­ten und zwei­ge­teil­ten Fest­spiel­or­ches­ter, mit den So­lis­ten und Cho­ris­ten so­fort auf ei­nen ge­mein­sa­men Nen­ner zu kom­men. Aber si­cher wer­den er und die Mu­si­ker mit je­der Vor­stel­lung in den zwei wei­te­ren Zy­klen zu­le­gen. Ob 2023 der ur­sprüng­lich vor­ge­se­he­ne Pie­ta­ri In­ki­nen über­nimmt, bleibt abzuwarten.

Bay­reuth war und ist der rich­ti­ge Ort, um die­se un­ge­wöhn­li­che, er­nüch­tern­de, nicht im­mer leicht zu le­sen­de und zu­spit­zen­de Neu- und Um­deu­tung der Fi­gu­ren­kon­stel­la­tio­nen in Wag­ners „Ring“ zu wa­gen. Va­len­tin Schwarz und sein Team ha­ben mit ih­rer „werk­im­ma­nen­ten Über­schrei­bung“ viel Be­den­kens­wer­tes vor­ge­legt, soll­ten aber dem Pu­bli­kum nicht nur mit di­ver­sen Ein­füh­rungs­tex­ten entgegenkommen.

Die ge­ge­be­ne Text-/Bild­sche­re ist kei­nes­wegs per se in­ak­zep­ta­bel, son­dern des­halb, weil die Er­satz- und Zu­satz­re­qui­si­ten das Ver­ständ­nis un­nö­tig er­schwe­ren. Ein Schwert ist nun mal ein Schwert – und we­der ein Leucht­ob­jekt in Py­ra­mi­den­form mit Pis­to­le noch ein aus ei­nem Krück­stock ge­zo­ge­ner Spa­di. Die kon­zep­tu­el­le Be­haup­tung, der Ring sei ein in meh­re­ren Ge­nera­tio­nen hin­zu­er­fun­de­nes Kind, wird sa­bo­tiert, wenn Faf­ner ei­nen rea­len Schlag­ring trägt, der wei­ter wan­dert. Es gibt also noch viel zu tun in der Werk­statt Bayreuth.

Be­such­te Pre­mie­re am 3. Au­gust 2022, Erst­druck im Frän­ki­schen Tag vom 5. Au­gust 2022. Die Pre­mie­ren­vor­stel­lung wur­de auf­ge­zeich­net und kann bis Jah­res­en­de in der BR-Me­dia­thek als Stream kos­ten­los ab­ge­ru­fen werden.

Kommentar: Bayreuth ist nichts für Anfänger

Nein, die­se Über­schrift spielt nicht auf „Ring“-Regisseur Va­len­tin Schwarz an, der wie einst der jun­ge Pa­tri­ce Ché­reau die Chan­ce nut­zen soll­te, sei­ne Neu­in­sze­nie­rung zu über­ar­bei­ten. Ge­meint ist das Pu­bli­kum. Dass die mit Pro­mis gar­nier­te „Tristan“-Premiere nicht we­ni­ge Bay­reuth-Neu­lin­ge an­lock­te, war nicht zu über­se­hen. Et­li­che ka­men fast zu spät, brach­ten Un­ru­he ins Par­kett und wa­ren noch laut, als die Mu­sik längst spiel­te. Ganz zu schwei­gen vom Han­dy-Ge­pol­ter. Das Wag­ner­mu­se­um hat die Be­nimm-Lü­cke er­kannt und bie­tet für Ein­stei­ger ei­nen pfif­fi­gen Schnell­kurs, wie man ei­nen Tag am Grü­nen Hü­gel (üb)erlebt. Dass auch ein­ge­fleisch­te Hü­gel­pil­ger sich da­ne­ben be­neh­men, zeig­te sich in den „Ring“-Premieren, die schon von der Spiel­dau­er her nichts für An­fän­ger sind. Buh­ru­fe ge­gen die Re­gie sind Opern- und Fest­spiel-All­tag, aber ist die deut­lich spür­ba­re Wut der sich ge­sell­schaft­lich hoch­ste­hend wäh­nen­den Bil­dungs­bür­ger an­ge­mes­sen? Und ha­ben jene, die selbst So­lis­ten aus­bu­hen, nicht ver­stan­den, dass es kaum eine kom­ple­xe­re und vul­nerable­re Höchst­leis­tung gibt als die von Sängerdarstellern?

Ähnliche Beiträge