Kritikenrundschau

Fest­wie­sen­sze­ne aus der „Meistersinger“-Neuinszenierung von Mat­thi­as Da­vids – Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele

Wer wie ich die Bay­reu­ther Neu­in­sze­nie­rung der „Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg“ schon zwei­mal im Fest­spiel­haus und ein­mal als Auf­zeich­nung der Pre­mie­re im Fern­se­hen bei 3sat ge­se­hen bzw. er­lebt hat, könn­te leicht mit­re­den. Aber Kri­ti­ken kön­nen auch and­re schrei­ben – und ein paar Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen so­gar rich­tig gut. Hier also Links zu Ar­ti­keln, die ich ger­ne emp­feh­le, und ein paar ein Zi­ta­te aus Kri­ti­ken, die lei­der oft hin­ter ei­ner Be­zahl­schran­ke ste­hen – wel­che vom Grund­satz her wohl­ge­merkt rich­tig ist, denn war­um soll­ten jour­na­lis­ti­sche Leis­tun­gen um­sonst sein?

Was die Hand­lung der „Meis­ter­sin­ger“ be­trifft, er­in­nert dan­kens­wer­ter­wei­se Ste­fan En­der beim ös­ter­rei­chi­schen Stan­dard dar­an, wie Lo­ri­ot sie zu­sam­men­ge­fasst hat: Wir sto­ßen auf ei­nen mit­tel­al­ter­li­chen Hand­wer­ker­ver­ein, der nach Fei­er­abend selbst­kom­po­nier­tes Lied­gut pflegt. Ein schreck­li­cher Ge­dan­ke. (…) In nur vier­ein­halb Opern­stun­den ver­hilft ein äl­te­rer Schus­ter der mo­der­nen Ge­sangs­kunst zum Durch­bruch und ver­zich­tet auf eine sym­pa­thi­sche Blon­di­ne. Dies tut er, wenn ich das Fi­na­le rich­tig ver­stan­den habe, für Deutschland.

Tref­fend be­schreibt Wolf­ram Goertz von der Rhei­ni­schen Post (Be­zahl­schran­ke) die ers­ten Re­ak­tio­nen un­ter Hü­gel-Jour­na­lis­ten: Man sol­le bei die­sem Werk wie­der mehr la­chen, hat Mat­thi­as Da­vids ge­sagt. Er wol­le Wag­ners Hu­mor zu sei­nem Recht ver­hel­fen. Bei vie­len Mu­sik­kri­ti­kern dringt er da­mit nicht durch. In den Pau­sen sieht man in Po­ker­ge­sich­ter. Die lie­ben Kol­le­gen wir­ken un­froh. In man­chen Mund­win­keln zuckt es. Und ei­nem ist, sagt er, nach dem Ti­tel ei­ner Bach-Kan­ta­te zu­mu­te: Wei­nen, Kla­gen, Sor­gen, Zagen.

Zu den Za­gen­den zählt mein lang­jäh­ri­ger Kol­le­gen-Freund Alex­an­der Dick, der prä­gend für den Nord­bay­ri­schen Ku­rier ge­wirkt hat, be­vor er Frei­burg Bay­reuth vor­ge­zo­gen hat. Sei­ne Kri­tik in der Ba­di­schen Zei­tung fußt auf gro­ßer Sach­kennt­nis und hat nichts ge­mein mit je­nen Ver­ris­sen, die kei­ner­lei Ernst in die­ser In­ter­pre­ta­ti­on ent­de­cken und die gu­ten al­ten Zei­ten zu­rück­ha­ben wol­len: Bay­reuth, wie es singt und lacht, möch­te man aus­ru­fen. Passt gut, denn die Meis­ter­sin­ger-Zunft ist eine Art schrä­ger El­fer­rat oder Schla­raf­fen-Bund: alte wei­ße Män­ner mit Bla­sen­pro­ble­men, über­höh­tem Tra­di­ti­ons­be­griff und gna­den­lo­ser Selbst­über­schät­zung. Der Ort, an dem sie ta­gen, weist ein paar Ele­men­te des Fest­spiel­haus-In­nern auf. Das Bild des zwei­ten Auf­zugs er­in­nert mit den bun­ten Fach­werk­haus-Flä­chen wie­der­um an die be­rühm­te ARD-Un­ter­hal­tungs­show „Zum Blau­en Bock“. Und tat­säch­lich trägt Hans Sachs noch so ein volks­tüm­li­ches West­chen wie wei­land Heinz Schenk. Kur­zes In­ne­hal­ten: Was will uns die­ses Sam­mel­su­ri­um an Ideen letzt­lich sagen?

Zu den Kri­ti­kern, die kei­ne Bach-Kan­ta­te an­ge­stimmt ha­ben, zählt Mar­kus Thiel vom Münch­ner Mer­kur. Zu Recht be­ju­belt er in sei­nem Text mit dem Ti­tel Non­stop Non­sen­se: Bay­reuths neue „Meis­ter­sin­ger“ die meis­ten So­lis­ten und be­son­ders ei­nen Rol­len­de­bü­tan­ten: Mi­cha­el Spy­res ist die­ser Stolz­ing, und er de­klas­siert vie­le Bay­reu­ther Vor­gän­ger. Die Stim­me sitzt, als sei Sin­gen die ein­fachs­te Sa­che der Welt. Mög­lich ist da­durch ein hoch­in­tel­li­gen­tes, im­mer text­mo­ti­vier­tes Spiel mit Far­ben, Nu­an­cen und Dy­na­mik. Die­ser Wun­der­te­nor singt qua­si zwi­schen al­len Stüh­len, Ita­lia­ni­tà ver­mählt sich mit mus­ter­haf­ter Wort- und Phra­sen­for­mung. Spy­res zeigt, an­ge­lei­tet von der Re­gie, wie die all­mäh­li­che Ver­fer­ti­gung ei­nes Lieds beim Sin­gen funk­tio­niert. Sein fi­na­ler Preis­ge­sang ist ein Tri­umph, im Fest­spiel­haus wird man­ches Auge feucht. Mar­kus Thiel ist üb­ri­gens ei­ner der we­ni­gen Jour­na­lis­ten mit ei­ge­nem You­Tube-Ka­nal, wo er schon kurz nach ei­ner Pre­mie­re prä­gnant sei­ne Ein­drü­cke schil­dert. Beim RWV Bam­berg hat er im Som­mer 2024 mit Ge­org Zep­pe­n­feld ein viel­sa­gen­des Ge­spräch geführt.

Für die taz – und „ob­wohl An­drew D. Ed­wards raf­fi­nier­te Büh­nen­bil­der und Su­san­ne Hub­richs grell­bunt durch die Zei­ten va­ga­bun­die­ren­de Kos­tü­me im Lau­fe des Abends im­mer di­cker auf­tra­gen“ – lobt Re­gi­ne Mül­ler vor al­lem den Re­gis­seur über den grü­nen Klee. Sie stellt in Wag­ner goes Mu­si­cal un­ter an­de­rem fest: Der Re­gis­seur sorgt da­für, dass nie­mals Still­stand herrscht auf der Büh­ne, das rie­si­ge So­lis­ten­en­sem­ble ist stän­dig in kom­mu­ni­zie­ren­der Ak­ti­on. So er­zählt Da­vids vie­le klei­ne Ge­schich­ten ne­ben der gro­ßen, auch vom Chor steht nie­mand un­be­schäf­tigt her­um. Beim Quin­tett der Haupt­fi­gu­ren zeigt sich sorg­fäl­tig aus­ge­feil­te Per­so­nen­füh­rung, die ganz nah am Text bleibt, den­noch man­che Si­tua­ti­on ganz neu be­leuch­tet al­lein durch Ges­ten, Bli­cke, ge­zeig­te Unsicherheiten.

Im­mer wie­der scha­de ist, dass die Kri­ti­ken von Jan Brach­mann in der F.A.Z. nicht frei zu­gäng­lich sind, denn in sei­nen Be­schrei­bun­gen fin­den sich jour­na­lis­ti­sche Per­len. Als leuch­ten­des Bei­spiel ste­he  sei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung des Ge­sangs von Jongmin Park in dem Text Wir las­sen die Preis­kuh flie­gen: Sei­ne wohl­klin­gen­de Bass­stim­me steht dem Veit Po­gner zwar gut zu Ge­sicht. Aber wenn er im Sän­ger­wett­streit „Öhva, moin oin­zig Künd, zur Ööh“ (statt: Eva, mein ein­zig Kind, zur Eh’) ver­spricht, klingt er wie Erich Pon­to als Pro­fes­sor Schnauz in der „Feu­er­zan­gen­bow­le“. Er hät­te mit To­bi­as Keh­rer, dem vor­züg­li­chen Nacht­wäch­ter, die Rol­len tau­schen sollen.

Seit vie­len Jah­ren mei­ne Lieb­lings-Kol­le­gin ist Ju­dith von Stern­burg. Sie hat für die Frank­fur­ter Rund­schau in der oh­ne­hin heik­len Schluss-Sze­ne ganz ge­nau hin­ge­schaut: Und was ist mit dem Ende, dem pein­li­chen? Hier­zu hat Da­vids ei­nen Ein­fall, der nicht so läp­pisch ist, wie er klin­gen mag. Da ist also die auf­ge­bla­se­ne Kuh über dem Fest­platz. Beck­mes­ser, der sich nach sei­ner Bla­ma­ge är­gert, zieht den just auf dem Souf­fleu­sen­kas­ten dra­pier­ten Ste­cker. Dar­auf­hin geht der Kuh all­mäh­lich die Luft aus. Alle star­ren nach oben, kei­ner will die Kuh auf den Kopf be­kom­men. Wäh­rend Sachs sich nach­hal­tig na­tio­na­lis­tisch aus­tobt, sind alle voll­stän­dig ab­ge­lenkt. Sei­ne Wor­te ge­hen ins Nichts, et­was Bes­se­res ha­ben sie nicht ver­dient. Als Sachs be­greift, was los ist, steckt er den Ste­cker wie­der rein. Und wäh­rend die Wich­tel­män­ner ju­beln, sieht man ihn und Beck­mes­ser dis­ku­tie­rend und ges­ti­ku­lie­rend nach hin­ten ab­ge­hen. Das Le­ben geht weiter.

Zwei, die nur für On­line-Me­di­en, also aus­führ­li­cher schrei­ben dür­fen und kön­nen, zum Schluss. Als ers­tes Frank Piontek, der beim RWV Bam­berg schon et­li­che span­nen­de Vor­trä­ge und im letz­ten Jahr, als Er­satz für den er­krank­ten Wahn­fried-Di­rek­tor Sven Fried­rich, so­gar die Ein­füh­rungs­vor­trä­ge der Bay­reu­ther ge­hal­ten hat. Im Kul­tur­brief re­sü­miert er un­ter dem Ti­tel Eine Ko­mö­die, was sonst? wie folgt: Ist ja auch mal ganz schön: eine Bay­reu­ther Pre­mie­re, die gro­ße Tei­le der Be­su­cher nicht mit Ver­rät­se­lun­gen und Über­set­zun­gen, mit Me­ta­ebe­nen und düs­te­ren Bil­dern, son­dern aus­nahms­wei­se mit ei­ner wie am Schnür­chen ab­lau­fen­den Hand­lung und ei­ni­gen ent­zü­cken­den Ein­fäl­len, auch mit ei­ni­gen emo­tio­nal be­we­gen­den Mo­men­ten er­freut. Wag­ners Mu­sik und Text wi­der­spre­chen dem ja nicht, wenn es nur meist gut ge­macht ist. Der Bei­fall war je­den­falls, die re­la­tiv we­ni­gen üb­li­chen Buh­ru­fer ge­gen das Re­gie­team ab­ge­zo­gen, ein­deu­tig. Da lach­te, glau­be ich, nicht al­lein die Kuh.

Bleibt noch Al­brecht Sel­ge vom VAN-Ma­ga­zin. Er ist seit ge­rau­mer Zeit mein männ­li­cher Lieb­lings­kri­ti­ker – und des­halb emp­feh­le ich sehr ger­ne al­len Le­sern, sich doch für 50 Euro im Jahr ein VAN-Abo zu leis­ten, denn es stimmt, was in der Selbst­be­schrei­bung des On­line-Ma­ga­zins steht: Wir er­öff­nen neue Per­spek­ti­ven: auf die Mu­sik und die span­nen­de (Sub-) Kul­tur um sie her­um. Wir pu­bli­zie­ren nicht nur für Klassikliebhaber/​innen, son­dern für alle Mu­sik- und Kul­tur­be­geis­ter­ten, die mehr in­ter­es­siert als gleich­för­mi­ge Hoch­glanz­por­träts oder eli­tä­re Fach­dis­kus­sio­nen. Ohne Abo kann man der­zeit zwei Bei­trä­ge kos­ten­los in­ner­halb ei­nes Mo­nats le­sen. Ich emp­feh­le na­tür­lich zu­erst die Sel­ge-Kri­tik Wenn Beck­mes­ser der Na­tio­nal­kuh den Ste­cker zieht, für die auch die­se Aus­füh­run­gen zum Di­ri­gat bei­spiel­haft sind: Zu der an­ders­ar­ti­gen An­mu­tung der neu­en Meis­ter­sin­ger trägt auch der mu­si­ka­li­sche Lei­ter Da­nie­le Gat­ti bei. Dass ich bei sei­nem Di­ri­gat schon im ers­ten Auf­zug an Ver­di den­ken muss­te, woll­te ich zu­erst lie­ber gar nicht auf­schrei­ben; dann las ich beim post­meis­ter­sin­ger­li­chen Bay­reu­ther Bier im Pro­gramm­heft, dass Gat­ti im In­ter­view die hal­be Zeit über Ver­di re­det. Also! Aber kon­kre­ter: Das Or­ches­ter hat un­ter Gat­ti Leich­tig­keit statt Marsch-Al­lü­re, al­ler­dings auch eher Schwung als je­nen flow, der sich bei man­chen (mei­nen liebs­ten) Meis­ter­sin­ger-Auf­füh­run­gen ein­stel­len kann. Es ist un­pom­pös und kaum schwel­ge­risch, mitt­le­re Stim­men und Li­ni­en tre­ten fein her­vor. Und nicht nur im Vor­spiel klin­gen am bril­lan­tes­ten die Beck­mes­se­rei­en, die­se fri­cke­lig- pe­dan­ti­schen Pas­sa­gen. Laut kann es durch­aus mal sein, die­ses Or­ches­ter, aber mit­un­ter ist es mir fast zu sän­ger­dien­lich. An­de­rer­seits tritt stimm­lich da­für man­ches wirk­lich glän­zend her­vor, das En­sem­ble am Ende des ers­ten Auf­zugs klingt ge­ra­de­zu a cap­pel­la, das zum Schluss des zwei­ten rich­tet sich in sei­ner kom­ple­xen Kon­struk­ti­on gran­di­os auf, und das schöns­te al­ler Wag­ner-Quin­tet­te im drit­ten be­sticht durch ide­al aus­ge­wo­ge­nes Ge­flecht der Stimmen. 

P.S. Der Vi­deo­mit­schnitt der neu­en Bay­reu­ther „Meis­ter­sin­ger“ ist bis 31. De­zem­ber in der ARD Me­dia­thek ver­füg­bar. Der Au­dio­mit­schnitt ist bis 24. Au­gust auf br​-klas​sik​.de und in der ARD Au­dio­thek ver­füg­bar. Die TV-Auf­zeich­nung ist bis 26. Au­gust in der 3sat-Me­dia­thek verfügbar.

Alle Nut­zer die­ser Auf­zeich­nun­gen soll­ten sich klar ma­chen, dass zu­min­dest die Be­ur­tei­lun­gen der So­lis­ten­stim­men grund­sätz­lich nicht nur eine Ge­schmacks­fra­ge sind, son­dern auch des­halb aus­ein­an­der­ge­hen, weil nicht jede Stim­me, die büh­nen­wirk­sam ist, sich gleich gut eig­net für Auf­zeich­nun­gen, die per se un­ter an­de­rem auch dem Ge­schmack der Ton­tech­ni­ker un­ter­wor­fen sind. Will hei­ßen: Nichts kann das di­rek­te Hör­erleb­nis in dem Raum er­set­zen, wo Mu­sik­thea­ter, Lie­der­aben­de oder Kon­zer­te stattfinden.

P.P.S. Die kür­zes­ten Zu­sam­men­fas­sun­gen von Wag­ners Mu­sik­dra­men, die ich ken­ne, hat üb­ri­gens – nicht ver­wandt und nicht ver­schwä­gert! – der ober­frän­ki­sche Mund­art­for­scher und -au­tor Eber­hard Wag­ner vor­ge­legt. Hier sei­ne „Meis­ter­sin­ger“, die zu Chris­ti­na Nils­sons su­per­bem Auf­tritt als Eva pas­sen: wos su a maad­la al­las orichdn kho mid sei­na aung

Chris­ti­na Nils­son als Eva in Bay­reuth 2025 – Foto: Ro­land Gröber