
Wer wie ich die Bayreuther Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ schon zweimal im Festspielhaus und einmal als Aufzeichnung der Premiere im Fernsehen bei 3sat gesehen bzw. erlebt hat, könnte leicht mitreden. Aber Kritiken können auch andre schreiben – und ein paar Kollegen und Kolleginnen sogar richtig gut. Hier also Links zu Artikeln, die ich gerne empfehle, und ein paar ein Zitate aus Kritiken, die leider oft hinter einer Bezahlschranke stehen – welche vom Grundsatz her wohlgemerkt richtig ist, denn warum sollten journalistische Leistungen umsonst sein?
Was die Handlung der „Meistersinger“ betrifft, erinnert dankenswerterweise Stefan Ender beim österreichischen Standard daran, wie Loriot sie zusammengefasst hat: Wir stoßen auf einen mittelalterlichen Handwerkerverein, der nach Feierabend selbstkomponiertes Liedgut pflegt. Ein schrecklicher Gedanke. (…) In nur viereinhalb Opernstunden verhilft ein älterer Schuster der modernen Gesangskunst zum Durchbruch und verzichtet auf eine sympathische Blondine. Dies tut er, wenn ich das Finale richtig verstanden habe, für Deutschland.
Treffend beschreibt Wolfram Goertz von der Rheinischen Post (Bezahlschranke) die ersten Reaktionen unter Hügel-Journalisten: Man solle bei diesem Werk wieder mehr lachen, hat Matthias Davids gesagt. Er wolle Wagners Humor zu seinem Recht verhelfen. Bei vielen Musikkritikern dringt er damit nicht durch. In den Pausen sieht man in Pokergesichter. Die lieben Kollegen wirken unfroh. In manchen Mundwinkeln zuckt es. Und einem ist, sagt er, nach dem Titel einer Bach-Kantate zumute: Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen.
Zu den Zagenden zählt mein langjähriger Kollegen-Freund Alexander Dick, der prägend für den Nordbayrischen Kurier gewirkt hat, bevor er Freiburg Bayreuth vorgezogen hat. Seine Kritik in der Badischen Zeitung fußt auf großer Sachkenntnis und hat nichts gemein mit jenen Verrissen, die keinerlei Ernst in dieser Interpretation entdecken und die guten alten Zeiten zurückhaben wollen: Bayreuth, wie es singt und lacht, möchte man ausrufen. Passt gut, denn die Meistersinger-Zunft ist eine Art schräger Elferrat oder Schlaraffen-Bund: alte weiße Männer mit Blasenproblemen, überhöhtem Traditionsbegriff und gnadenloser Selbstüberschätzung. Der Ort, an dem sie tagen, weist ein paar Elemente des Festspielhaus-Innern auf. Das Bild des zweiten Aufzugs erinnert mit den bunten Fachwerkhaus-Flächen wiederum an die berühmte ARD-Unterhaltungsshow „Zum Blauen Bock“. Und tatsächlich trägt Hans Sachs noch so ein volkstümliches Westchen wie weiland Heinz Schenk. Kurzes Innehalten: Was will uns dieses Sammelsurium an Ideen letztlich sagen?
Zu den Kritikern, die keine Bach-Kantate angestimmt haben, zählt Markus Thiel vom Münchner Merkur. Zu Recht bejubelt er in seinem Text mit dem Titel Nonstop Nonsense: Bayreuths neue „Meistersinger“ die meisten Solisten und besonders einen Rollendebütanten: Michael Spyres ist dieser Stolzing, und er deklassiert viele Bayreuther Vorgänger. Die Stimme sitzt, als sei Singen die einfachste Sache der Welt. Möglich ist dadurch ein hochintelligentes, immer textmotiviertes Spiel mit Farben, Nuancen und Dynamik. Dieser Wundertenor singt quasi zwischen allen Stühlen, Italianità vermählt sich mit musterhafter Wort- und Phrasenformung. Spyres zeigt, angeleitet von der Regie, wie die allmähliche Verfertigung eines Lieds beim Singen funktioniert. Sein finaler Preisgesang ist ein Triumph, im Festspielhaus wird manches Auge feucht. Markus Thiel ist übrigens einer der wenigen Journalisten mit eigenem YouTube-Kanal, wo er schon kurz nach einer Premiere prägnant seine Eindrücke schildert. Beim RWV Bamberg hat er im Sommer 2024 mit Georg Zeppenfeld ein vielsagendes Gespräch geführt.
Für die taz – und „obwohl Andrew D. Edwards raffinierte Bühnenbilder und Susanne Hubrichs grellbunt durch die Zeiten vagabundierende Kostüme im Laufe des Abends immer dicker auftragen“ – lobt Regine Müller vor allem den Regisseur über den grünen Klee. Sie stellt in Wagner goes Musical unter anderem fest: Der Regisseur sorgt dafür, dass niemals Stillstand herrscht auf der Bühne, das riesige Solistenensemble ist ständig in kommunizierender Aktion. So erzählt Davids viele kleine Geschichten neben der großen, auch vom Chor steht niemand unbeschäftigt herum. Beim Quintett der Hauptfiguren zeigt sich sorgfältig ausgefeilte Personenführung, die ganz nah am Text bleibt, dennoch manche Situation ganz neu beleuchtet allein durch Gesten, Blicke, gezeigte Unsicherheiten.
Immer wieder schade ist, dass die Kritiken von Jan Brachmann in der F.A.Z. nicht frei zugänglich sind, denn in seinen Beschreibungen finden sich journalistische Perlen. Als leuchtendes Beispiel stehe seine Charakterisierung des Gesangs von Jongmin Park in dem Text Wir lassen die Preiskuh fliegen: Seine wohlklingende Bassstimme steht dem Veit Pogner zwar gut zu Gesicht. Aber wenn er im Sängerwettstreit „Öhva, moin oinzig Künd, zur Ööh“ (statt: Eva, mein einzig Kind, zur Eh’) verspricht, klingt er wie Erich Ponto als Professor Schnauz in der „Feuerzangenbowle“. Er hätte mit Tobias Kehrer, dem vorzüglichen Nachtwächter, die Rollen tauschen sollen.
Seit vielen Jahren meine Lieblings-Kollegin ist Judith von Sternburg. Sie hat für die Frankfurter Rundschau in der ohnehin heiklen Schluss-Szene ganz genau hingeschaut: Und was ist mit dem Ende, dem peinlichen? Hierzu hat Davids einen Einfall, der nicht so läppisch ist, wie er klingen mag. Da ist also die aufgeblasene Kuh über dem Festplatz. Beckmesser, der sich nach seiner Blamage ärgert, zieht den just auf dem Souffleusenkasten drapierten Stecker. Daraufhin geht der Kuh allmählich die Luft aus. Alle starren nach oben, keiner will die Kuh auf den Kopf bekommen. Während Sachs sich nachhaltig nationalistisch austobt, sind alle vollständig abgelenkt. Seine Worte gehen ins Nichts, etwas Besseres haben sie nicht verdient. Als Sachs begreift, was los ist, steckt er den Stecker wieder rein. Und während die Wichtelmänner jubeln, sieht man ihn und Beckmesser diskutierend und gestikulierend nach hinten abgehen. Das Leben geht weiter.
Zwei, die nur für Online-Medien, also ausführlicher schreiben dürfen und können, zum Schluss. Als erstes Frank Piontek, der beim RWV Bamberg schon etliche spannende Vorträge und im letzten Jahr, als Ersatz für den erkrankten Wahnfried-Direktor Sven Friedrich, sogar die Einführungsvorträge der Bayreuther gehalten hat. Im Kulturbrief resümiert er unter dem Titel Eine Komödie, was sonst? wie folgt: Ist ja auch mal ganz schön: eine Bayreuther Premiere, die große Teile der Besucher nicht mit Verrätselungen und Übersetzungen, mit Metaebenen und düsteren Bildern, sondern ausnahmsweise mit einer wie am Schnürchen ablaufenden Handlung und einigen entzückenden Einfällen, auch mit einigen emotional bewegenden Momenten erfreut. Wagners Musik und Text widersprechen dem ja nicht, wenn es nur meist gut gemacht ist. Der Beifall war jedenfalls, die relativ wenigen üblichen Buhrufer gegen das Regieteam abgezogen, eindeutig. Da lachte, glaube ich, nicht allein die Kuh.
Bleibt noch Albrecht Selge vom VAN-Magazin. Er ist seit geraumer Zeit mein männlicher Lieblingskritiker – und deshalb empfehle ich sehr gerne allen Lesern, sich doch für 50 Euro im Jahr ein VAN-Abo zu leisten, denn es stimmt, was in der Selbstbeschreibung des Online-Magazins steht: Wir eröffnen neue Perspektiven: auf die Musik und die spannende (Sub-) Kultur um sie herum. Wir publizieren nicht nur für Klassikliebhaber/innen, sondern für alle Musik- und Kulturbegeisterten, die mehr interessiert als gleichförmige Hochglanzporträts oder elitäre Fachdiskussionen. Ohne Abo kann man derzeit zwei Beiträge kostenlos innerhalb eines Monats lesen. Ich empfehle natürlich zuerst die Selge-Kritik Wenn Beckmesser der Nationalkuh den Stecker zieht, für die auch diese Ausführungen zum Dirigat beispielhaft sind: Zu der andersartigen Anmutung der neuen Meistersinger trägt auch der musikalische Leiter Daniele Gatti bei. Dass ich bei seinem Dirigat schon im ersten Aufzug an Verdi denken musste, wollte ich zuerst lieber gar nicht aufschreiben; dann las ich beim postmeistersingerlichen Bayreuther Bier im Programmheft, dass Gatti im Interview die halbe Zeit über Verdi redet. Also! Aber konkreter: Das Orchester hat unter Gatti Leichtigkeit statt Marsch-Allüre, allerdings auch eher Schwung als jenen flow, der sich bei manchen (meinen liebsten) Meistersinger-Aufführungen einstellen kann. Es ist unpompös und kaum schwelgerisch, mittlere Stimmen und Linien treten fein hervor. Und nicht nur im Vorspiel klingen am brillantesten die Beckmessereien, diese frickelig- pedantischen Passagen. Laut kann es durchaus mal sein, dieses Orchester, aber mitunter ist es mir fast zu sängerdienlich. Andererseits tritt stimmlich dafür manches wirklich glänzend hervor, das Ensemble am Ende des ersten Aufzugs klingt geradezu a cappella, das zum Schluss des zweiten richtet sich in seiner komplexen Konstruktion grandios auf, und das schönste aller Wagner-Quintette im dritten besticht durch ideal ausgewogenes Geflecht der Stimmen.
P.S. Der Videomitschnitt der neuen Bayreuther „Meistersinger“ ist bis 31. Dezember in der ARD Mediathek verfügbar. Der Audiomitschnitt ist bis 24. August auf br-klassik.de und in der ARD Audiothek verfügbar. Die TV-Aufzeichnung ist bis 26. August in der 3sat-Mediathek verfügbar.
Alle Nutzer dieser Aufzeichnungen sollten sich klar machen, dass zumindest die Beurteilungen der Solistenstimmen grundsätzlich nicht nur eine Geschmacksfrage sind, sondern auch deshalb auseinandergehen, weil nicht jede Stimme, die bühnenwirksam ist, sich gleich gut eignet für Aufzeichnungen, die per se unter anderem auch dem Geschmack der Tontechniker unterworfen sind. Will heißen: Nichts kann das direkte Hörerlebnis in dem Raum ersetzen, wo Musiktheater, Liederabende oder Konzerte stattfinden.
P.P.S. Die kürzesten Zusammenfassungen von Wagners Musikdramen, die ich kenne, hat übrigens – nicht verwandt und nicht verschwägert! – der oberfränkische Mundartforscher und -autor Eberhard Wagner vorgelegt. Hier seine „Meistersinger“, die zu Christina Nilssons superbem Auftritt als Eva passen: wos su a maadla allas orichdn kho mid seina aung

