Abschied vom Ausverkauft-Mythos

Im On­line-So­fort­ver­kauf der Bay­reu­ther Fest­spie­le gibt es nach wie vor Kar­ten in Hül­le und Fül­le.

Der Markt re­gelt heut­zu­ta­ge be­kannt­lich al­les. Und wie es scheint, ist das Preis-Leis­tungs-Ver­hält­nis in Bay­reuth, bei der Ur­mut­ter al­ler Fest­spie­le, längst nicht mehr das, was es ein­mal war. Das hat, wie das Wort sagt, ers­tens mit den Kar­ten­prei­sen zu tun. Hier ein Ver­gleich der Ein­tritts­prei­se von 2008 und 2015, also dem Jahr, in dem Wag­ne­ren­kel Wolf­gang Wag­ner of­fi­zi­ell letzt­ma­lig als Fest­spiel­lei­ter fun­gier­te, und dem letz­ten Jahr der sie­ben­jäh­ri­gen Amts­pe­ri­ode von Eva Wag­ner-Pas­quier und Ka­tha­ri­na Wag­ner.

Ga­le­rie links und rechts
G1 € 32,50 – € 50,00
G2 € 28,50 – € 45,00
G3 € 12,00 – € 25,00
G4 € 6,50 – € 10,00

Bal­kon links und rechts
F1 € 150,50 – € 195,00
F2 € 131,50 – € 170,00
F3 € 119,50 – € 155,00
F4 € 131,50 – € 170,00
F5 € 119,50 – € 155,00
F6 € 104,00 – € 135,00
F7 € 119,50 – € 155,00
F8 € 104,00 – € 135,00
F9 € 92,00 – € 95,00

Bal­kon Mit­te
E1 € 150,50 – € 210,00
E2 € 135,50 – € 195,00
E3 € 122,00 – € 185,00
E4 € 24,00 – € 50,00
E5 € 13,00 – € 30,00

Lo­gen links und rechts
D1 € 181,00 – € 260,00
D2 € 161,00 – € 230,00
D3 € 150,50 – € 210,00
D4 € 162,00 – € 240,00
D5 € 150,50 – € 220,00
D6 € 134,50 – € 195,00
D7 € 150,50 – € 210,00
D8 € 134,50 – € 195,00
D9 € 119,50 – € 185,00

Mit­tel­lo­ge
C1 € 180,00 – € 280,00
C2 € 162,00 – € 260,00
C3 € 150,50 – € 240,00
C4 € 134,50 – € 190,00

Par­kett links und rechts
B1 € 128,50 – € 250,00
B2 € 110,50 – € 200,00
B3 € 92,50 – € 150,00
B4 € 110,50 – € 190,00
B5 € 92,50 – € 160,00
B6 € 71,00 – € 120,00

Par­kett
A1 € 208,00 – € 320,00
A2 € 190,00 – € 300,00
A3 € 174,00 – € 280,00
A4 € 159,00 – € 260,00
A5 € 140,50 – € 240,00
A6 seit 2014 € 190,00

Wer die Zah­len ver­gleicht, kommt leicht ins Grü­beln. Vie­le Kar­ten kos­ten min­des­tens ein Drit­tel mehr, es gibt so­gar sol­che, de­ren Prei­se sich in­ner­halb von sie­ben Jah­ren fast oder mehr als ver­dop­pelt ha­ben, und zwar so­wohl in den teu­ren als auch in den güns­ti­gen Ka­te­go­ri­en. Was nun die Leis­tung be­trifft, sprich die künst­le­ri­sche Qua­li­tät der Fest­spiel­auf­füh­run­gen, so sa­gen re­gel­mä­ßi­ge Bay­reuth-Be­su­cher, dass sie längst nicht mehr ad­äquat sei: Be­klagt wird viel­mehr ein sin­ken­des Ni­veau – so­wohl was die sze­ni­sche als auch die sän­ge­ri­sche Um­set­zung be­trifft.

So kommt zum Bei­spiel die „Holländer“-Inszenierung von Jan Phil­ipp Glo­ger aus dem Jahr 2012 über eine mit­tel­mä­ßi­ge Stadt­thea­ter­pro­duk­ti­on nicht hin­aus. Wenn sie dann auch noch von Haupt­so­lis­ten ge­tra­gen wird, die aus un­ter­schied­li­chen Grün­den nicht das sind, was sie sein soll­ten, näm­lich Spit­zen­klas­se, und die Pro­duk­ti­on nur Fest­spiel­glanz hat­te, weil sie zu­min­dest im Pre­mie­ren­jahr von Chris­ti­an Thie­le­mann di­ri­giert wur­de, er­klärt sich schnell die auf den ers­ten Blick un­er­klär­li­che Kar­ten­fül­le, wie sie der wei­ter un­ten an­ge­füg­ten Über­sicht vom On­line-So­fort­ver­kauf der Fest­spie­le vom 18. April 2015 zu ent­neh­men ist. Wag­ne­ria­ner, die die­sen „Hol­län­der“ schon ein- oder zwei­mal er­lebt ha­ben, ha­ben nicht un­be­dingt noch ein­mal das Be­dürf­nis. Es gibt in un­se­ren gern ge­schmäh­ten Stadt- und Staats­thea­tern längst und im­mer öf­ter bes­se­re Wag­ner­vor­stel­lun­gen als in Bay­reuth, zu­meist bei deut­lich nied­ri­ge­ren Ein­tritts­prei­sen.

Die ein­zi­ge Pro­duk­ti­on auf dem ak­tu­el­len Spiel­plan, die noch et­was vom frü­he­ren Glanz der Fest­spiel­auf­füh­run­gen hat, ist der „Lo­hen­grin“ von 2010. Aber auch hier gibt es kein ge­schlos­se­nes und durch­gän­gig hoch­klas­si­ges So­lis­ten­en­sem­ble mehr, das die Chan­ce hat­te, sich von Sai­son zu Sai­son wei­ter zu ent­wi­ckeln und noch bes­ser zu wer­den. In Neu­neu­bay­reuth ist jetzt eher eine Sän­ger­fluk­tua­ti­on zu be­ob­ach­ten. Für Neu­pro­duk­tio­nen fin­den sich, weil es sich in ei­ner Künst­ler­bio­gra­phie im­mer noch gut macht, wenn man Bay­reuth auf­zäh­len kann, gute Haupt­so­lis­ten und so­gar Welt­stars.

Aber ob sie, wie es Jahr­zehn­te lang aus gu­ten Grün­den prak­ti­ziert wur­de, in der Werk­statt Bay­reuth auch wei­ter­ar­bei­ten, bis die Pro­duk­ti­on ab­ge­setzt wird, ist zu­neh­mend frag­lich. An­dris Nel­sons, der wun­der­ba­re mu­si­ka­li­sche Part­ner für die „Lohengrin“-Inszenierung, di­ri­giert heu­er nicht mehr. Der Ti­tel­held im Pre­mie­ren­jahr, Jo­nas Kauf­mann, wur­de schon für die zwei­te Sai­son nicht mehr en­ga­giert, weil er, der die Rol­le aus­gie­big mit Re­gis­seur Hans Neu­en­fels er­ar­bei­tet hat­te, am Tag der Haupt­pro­be 2011 nicht zur Ver­fü­gung ste­hen konn­te. Ni­be­lun­gen­treue zu Bay­reuth auch in der Pro­ben­zeit mag ja ein heh­res Ziel sein, aber rich­tig gute Wag­ner­te­nö­re sind so rar, dass wohl je­der In­ten­dant an­ders ent­schie­den hät­te als die zwei Wag­ner­schwes­tern. Nichts ge­gen Klaus-Flo­ri­an Vogt! Er ist ein wun­der­ba­rer Lo­hen­grin, in die­ser Par­tie eben­falls Welt­klas­se. Aber singt er über­haupt? Auf der Fest­spiel-Home­page ist ak­tu­ell – das heißt, heu­te, am 19. Mai 2015 – nur die So­lis­ten der „Tristan“-Neuinszenierung er­fah­ren. In den meis­ten grö­ße­ren Opern­häu­sern der Welt kann man mit Be­ginn des Vor­ver­kaufs nach­le­sen, wer singt. Bay­reuth-Be­su­cher­dür­fen ihre über­wie­gend teu­ren Kar­ten fast im­mer blind bu­chen. Wag­ner­vo­gel friss oder stirb.

Apro­pos: Wo­an­ders ist die ex­ak­te Sitz­platz­be­stel­lung mög­lich. War­um nicht auch in Bay­reuth? Schafft es wie­der mal TMT, der Tech­no­lo­gie-Part­ner und taf­fe Freund der Fest­spie­le, nicht? Oder hat es viel­mehr da­mit zu tun, dass sonst zu deut­lich zu se­hen wäre, wie vie­le Kar­ten noch zu ha­ben sind? Denn dem Be­stell­sys­tem kann man nur die ver­füg­ba­ren Ka­te­go­ri­en ent­neh­men, nicht je­doch die An­zahl der Kar­ten je Ka­te­go­rie. Wo­mög­lich han­delt es sich bei den Kar­ten, die Mit­te April in den So­fort­ver­kauf ka­men, nicht nur um die 1700 an­geb­li­chen „Rück­läu­fer“, die Hans-Die­ter Sen­se, kauf­män­ni­scher Ge­schäfts­füh­rer der Fest­spiel-GmbH und Sprach­rohr der Fest­spiel­lei­te­rin­nen bei al­len un­an­ge­neh­men Fra­gen, dem „Nord­baye­ri­schen Ku­rier“ am 22. April 2015 mit­ge­teilt hat. Und wie­so gibt es auch jetzt noch so vie­le Kar­ten, wenn laut Sen­se täg­lich 200 Be­stel­lun­gen ver­zeich­net wur­den. Müss­ten nicht ei­nen Mo­nat spä­ter längst alle weg sein? Fra­gen über Fra­gen.

Dass es auch jetzt noch jede Men­ge „Ring“-Karten gibt, ist kei­ne Über­ra­schung. Frank Cas­torfs In­ter­pre­ta­ti­on mag im Pre­mie­ren­jahr 2013 selbst für jene in­ter­es­sant ge­we­sen sein, die de­kon­struk­ti­ves Re­gie­thea­ter ab­leh­nen, aber aus ei­ge­ner An­schau­ung mit­re­den wol­len. Für das drit­te Auf­füh­rungs­jahr, in dem letzt­ma­lig der ge­fei­er­te Ki­rill Pe­tren­ko di­ri­giert, ist die Nach­fra­ge sicht­lich ein­ge­bro­chen. Gibt das nie­man­dem zu den­ken, dass aus­ge­rech­net das Kern­stück der Fest­spie­le, die Te­tra­lo­gie, um de­rent­wil­len Ri­chard Wag­ner die Fest­spie­le er­fun­den und er­kämpft hat, an eben die­sem ein­ma­li­gen Ort kei­ne ein­ma­li­ge An­zie­hungs­kraft mehr hat? Und wie kann die Fest­spiel­lei­tung zu­las­sen, dass es Rei­se­un­ter­neh­men gibt, die „Ring“-Karten nicht mehr nur im Vie­rer­pack ver­kau­fen? Kann das im Sin­ne Ri­chard Wag­ners sein?

Bei den so­ge­nann­ten Rück­ga­ben wa­ren – um beim The­ma zu blei­ben –, er­staun­lich vie­le „Tristan“-Karten. Es gibt auch jetzt noch wel­che. Was ei­gent­lich nur be­deu­ten kann, dass das Zu­trau­en in die Re­gie­küns­te der Wag­ner­ur­en­ke­lin, die bei ih­rem von ih­ren El­tern Gud­run und Wolf­gang Wag­ner ein­ge­fä­del­ten Bay­reuth-De­büt mit den „Meis­ter­sin­gern“ 2007 un­ter an­de­rem un­be­dingt eine Wag­ner­fi­gur auf dem Klo und mit an­ge­schnall­tem Horn an der Un­ter­ho­se zei­gen muss­te, bei al­ler Neu­gier doch nicht aus­reicht, um das Haus selbst bei ei­ner von Chris­ti­an Thie­le­mann di­ri­gier­ten Neu­in­sze­nie­rung auf An­hieb sechs­mal kom­plett zu fül­len. Es war üb­ri­gens bei Ka­tha­ri­na Wag­ners Wie­der­auf­nah­me­pre­mie­re der „Meis­ter­sin­ger“ 2011, als erst­mals nicht nur mir auf­ge­fal­len ist, dass im Au­di­to­ri­um des Fest­spiel­hau­ses nicht nur eine Hand­voll an Plät­zen un­be­setzt blieb. Man darf ge­spannt sein, wie das heu­er wird. Hier die Über­sicht der Kar­ten, die am 18. April 2015 ge­gen Mit­tag im On­line-So­fort­ver­kauf der Bay­reu­ther Fest­spie­le zu kau­fen wa­ren.

RING I
Bal­kon Mit­te E2, E3, E4, E5
Bal­kon links und rechts F2
Lo­gen links und rechts D1, D3, D6, D7, D8, D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C1, C2
Mit­tel­lo­ge links und rechts C1, C2
Par­kett A1, A2, A5, A6
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

RING II
Ga­le­rie links und rechts G2, G3
Bal­kon Mit­te E3
Bal­kon links und rechts F2, F3, F4, F7
Lo­gen links und rechts D5, D6, D8, D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C4
Mit­tel­lo­ge links und rechts C3
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6´

RING III
Ga­le­rie links und rechts G1, G2
Bal­kon Mit­te E3
Bal­kon links und rechts F3, F4, F9
Lo­gen links und rechts D2, D5, D6, D7, D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C2, C3, C4
Mit­tel­lo­ge links und rechts C1, C2
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

TRIS­TAN I – aus­ver­kauft

LO­HEN­GRIN I
Mit­tel­lo­ge Center­box C4
Par­kett links und rechts B6

HOL­LÄN­DER I
Ga­le­rie links und rechts G2, G4
Bal­kon links und rechts F1, F2
Lo­gen links und rechts D7, D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C1, C2, C4
Par­kett A3, A4, A6
Par­kett links und rechts B1, B2, B4, B5, B6

TRIS­TAN II
Lo­gen links und rechts D3
Par­kett A3, A4, A5, A6
Par­kett links und rechts B1, B4

HOL­LÄN­DER II
Bal­kon links und rechts F1, F2
Lo­gen links und rechts D4, D6
Par­kett A1, A2, A4, A5, A6
Par­kett links und rechts B1, B2, B4

LO­HEN­GRIN II
Bal­kon links und rechts F6
Lo­gen links und rechts D3, D7
Mit­tel­lo­ge links und rechts C3
Par­kett A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B5

SIEG­FRIED IV
Ga­le­rie links und rechts G3
Lo­gen links und rechts D1
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B6

TRIS­TAN III – aus­ver­kauft
HOL­LÄN­DER III
Ga­le­rie links und rechts G1, G2, G3
Bal­kon E2
Bal­kon links und rechts F1, F2, F4, F7
Lo­gen links und rechts D7, D9
Par­kett A1, A2, A4
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

TRIS­TAN IV
Bal­kon E3
Lo­gen links und rechts D3, D7, D8
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B4, B6

HOL­LÄN­DER IV
Ga­le­rie links und rechts G2
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2

LO­HEN­GRIN III
Ga­le­rie links und rechts G2, G3
Bal­kon E1
Bal­kon links und rechts F2
Lo­gen links und rechts D5, D8
Mit­tel­lo­ge Center­box C3
Mit­tel­lo­ge links und rechts C1, C3
Par­kett A5
Par­kett links und rechts B1, B3, B4, B5, B6

TRIS­TAN V
Bal­kon E3
Bal­kon links und rechts F3, F8
Lo­gen links und rechts D6, D7, D8, D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C2
Mit­tel­lo­ge links und rechts C1, C2
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

HOL­LÄN­DER V
Ga­le­rie links und rechts G2
Par­kett A1, A2, A3, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B3, B5

LO­HEN­GRIN IV
Ga­le­rie links und rechts G2, G3, G4
Bal­kon E1
Bal­kon links und rechts F6
Lo­gen links und rechts D7, D8, D9
Mit­tel­lo­ge links und rechts C3
Par­kett A2, A3, A4, A5, A6
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

TRIS­TAN VI
Lo­gen links und rechts D9
Mit­tel­lo­ge Center­box C4
Par­kett A1, A2, A3, A4
Par­kett links und rechts B1, B4, B5

LO­HEN­GRIN V
Bal­kon E3
Bal­kon links und rechts F5
Lo­gen links und rechts D2, D7, D8
Mit­tel­lo­ge Center­box C4
Par­kett A2, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B2, B3, B4, B5, B6

HOL­LÄN­DER VI
Lo­gen links und rechts D4
Mit­tel­lo­ge Center­box C3, C4
Par­kett A1, A4, A5
Par­kett links und rechts B1, B6

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