Nachruf auf Ingrid Huther-Thor

Die Kunst­his­to­ri­ke­rin Dr. In­grid Hut­her-Thor, die 2003 un­se­ren Wag­ner­ver­band wie­der­ge­grün­det hat und ihm zehn Jah­re lang er­folg­reich vor­stand, ist im Al­ter von 85 Jah­ren gestorben.

Bei der Grün­dungs­fei­er am 10. Mai 2003 im Krack­hardt-Haus (von links) Fest­spiel­lei­ter Wolf­gang Wag­ner, In­grid Hut­her-Thor und Haus­herr Ru­dolf Krack­hardt – Foto: Frän­ki­scher Tag/​Rudolf Mader

Das mög­lichst lachs­far­be­ne Pa­pier, auf das In­grid Hut­her-Thor ihre Mit­glie­der­brie­fe aus­dru­cken ließ, war na­tür­lich kein Zu­fall. Der Ri­chard-Wag­ner-Ver­band Bam­berg, den sie 2003 mit nur ei­ner Hand­voll Gleich­ge­sinn­ter, aber pro­mi­nen­ten Un­ter­stüt­zern wie Fest­spiel­lei­ter Wolf­gang Wag­ner und RWVI-Prä­si­dent Jo­sef Li­en­hart aus dem Dorn­rös­chen­schlaf ge­weckt und ein Jahr­zehnt ge­lei­tet hat, soll­te bei­lei­be nichts Eli­tä­res, aber spür­bar et­was Be­son­de­res sein.

In­grid Hut­her-Thor kam 1940 in Wien zur Welt, als Toch­ter ei­nes Opern­sän­gers, der in Ös­ter­reich und in der Schweiz auf­trat – zwei Län­der, die auch ihre Spra­che char­mant färb­ten. Dass ihr Va­ter als Bass­ba­ri­ton un­ter an­de­rem Wag­ner­rol­len ge­sun­gen hat, soll­te in ih­rem Le­ben al­ler­dings erst spä­ter nach­wir­ken. Denn zu­nächst kam die ganz rea­le Liebe.

Sie hei­ra­te­te ei­nen aus Bam­berg stam­men­den Ar­chi­tek­ten, leb­te samt Fa­mi­lie zeit­wei­se auch in Bay­reuth, wo sie dank ei­ner mit den da­mals ra­ren Kar­ten be­stück­ten Tan­te aus Linz erst­mals die Fest­spie­le be­su­chen konn­te. Nach­dem ihre bei­den Kin­der groß wa­ren, stu­dier­te sie in Bam­berg Volks­kun­de und Kunst­ge­schich­te, pro­mo­vier­te und be­schloss nach ers­ter Mit­ar­beit beim Bay­reu­ther Wag­ner­ver­band den in den 1950er Jah­ren ge­grün­de­ten und 1990 still­ge­leg­ten Bam­ber­ger Orts­ver­band wiederzuerwecken.

Zur Wie­der­grün­dung gab es mit dem da­ma­li­gen RWV-Logo, ei­ner sti­li­sier­ten Ab­wand­lung des Buch­sta­ben W, eine Fah­ne, wie sie ähn­lich je­weils zu den Fest­spie­len auf dem Fest­spiel­haus weht. Foto: privat

Zu Be­ginn mach­te sie das, was auch in den welt­weit über hun­dert un­ter dem Dach des Ri­chard-Wag­ner-Ver­bands In­ter­na­tio­nal (RWVI) ak­ti­ven Wag­ner­ver­ei­nen Usus ist: Nach­wuchs­för­de­rung durch die Ver­ga­be von Bay­reuth-Sti­pen­di­en und die Ver­an­stal­tung von Kon­zer­ten, Wis­sens­ver­mitt­lung durch Vor­trä­ge und Aus­stel­lun­gen, Le­sun­gen und Ge­sprä­che, Auf­füh­rungs­be­su­che und Fahr­ten zum all­jähr­li­chen Wagnerkongress.

Zu den mo­nat­li­chen Tref­fen, un­ter an­de­rem in Schein­ers Gast­stu­ben, im Pa­lais Schrot­ten­berg und in der Bru­der­müh­le, ka­men nicht nur Opern­lieb­ha­ber zum zwang­lo­sen Er­fah­rungs­aus­tausch, son­dern auch nam­haf­te Ex­per­ten und Künst­ler. 2004 konn­te mit ei­nem jun­gen Te­nor erst­mals wie­der ein Sti­pen­di­at nach Bay­reuth ge­schickt wer­den; zehn wei­te­re Mu­si­ker, Ge­sangs- und Büh­nen­künst­ler soll­ten al­lein bis ein­schließ­lich 2013 folgen.

In­grid-Hut­her Thor (rechts) mit So­pra­nis­tin Kat­rin Sil­ja Kurz, der RWV-Sti­pen­dia­tin 2008, und Till We­ser, dem Lei­ter der Som­mer Oper Bam­berg – Foto: Frän­ki­scher Tag/​Barbara Herbst

Zu­neh­mend such­te und fand In­grid Hut­her-Thor vor Ort Part­ner für ge­mein­sa­me Ver­an­stal­tun­gen: die VHS, die Uni­ver­si­tät und vor al­lem die Som­mer­oper, aus der et­li­che Sti­pen­dia­ten aus­ge­wählt wur­den und in de­ren För­der­ver­ein sie sich eben­falls en­ga­gier­te. Zum fünf­jäh­ri­gen Be­stehen zähl­te der klei­ne, aber fei­ne RWV Bam­berg schon fast sech­zig Mit­glie­der und sei­ne rüh­ri­ge Vor­sit­zen­de wur­de in den RWVI be­ru­fen – was eine Ehre war, aber zu­sätz­li­che Ar­beit bedeutete.

Der RWV Bam­berg war Mit­ver­an­stal­ter der 13-teil­i­gen Ring­vor­le­sung zu Wag­ners „Ring“-Tetralogie an der Uni­ver­si­tät Bam­berg 2005: (von links) Prof. Dr. Al­bert Gier, In­grid Hut­her-Thor und Dra­ma­turg Nor­bert Abels von der Oper Frank­furt – Foto: Frän­ki­scher Tag/​Matthias Hoch

2013 stemm­te der Bam­ber­ger Wag­ner­ver­band zum The­ma E.T.A. Hoff­mann und Wag­ner in der RWVI-Rei­he „Stich­wort Wag­ner“ erst­mals ein drei­tä­gi­ges Sym­po­si­um, zu dem ei­gens auch aus­län­di­sche Wag­ne­ria­ner nach Bam­berg ka­men. Es war die letz­te Groß­ver­an­stal­tung, die In­grid Hut­her-Thor ver­ant­wor­te­te. Bei der Mit­glie­der­ver­samm­lung im De­zem­ber stell­te sich die in­zwi­schen 73-Jäh­ri­ge aus Al­ters­grün­den nicht mehr zur Wahl.

Im Juli 2014 fand ihr eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment nach­träg­lich die öf­fent­li­che An­er­ken­nung: Mit vier wei­te­ren Aus­er­wähl­ten wur­de In­grid Hut­her-Thor mit der Bam­ber­ger Bür­ger­na­del ge­ehrt – eine Aus­zeich­nung der Stadt Bam­berg in Ko­ope­ra­ti­on mit der Me­di­en­grup­pe Ober­fran­ken. Auch auf den Fo­tos zur Preis­ver­lei­hung war zu se­hen, dass sie eine ech­te Dame war – mit Aus­strah­lung, Charme und Stil.

In­grid Hut­her-Thor bei ih­rer An­spra­che zum Sti­pen­dia­ten­kon­zert 2012 im Spie­gel­saal der Har­mo­nie Foto: Frän­ki­scher Tag/​Jürgen Gräßer

Na­tür­lich blieb sie „ih­rem RWV“ treu, war mit ih­rem Mann Er­win ein gern ge­se­he­ner Be­su­cher bei den Vor­trä­gen, Fahr­ten und Kon­zer­ten. Sie freu­te sich, dass Sohn Oli­ver sich als Kas­sen­prü­fer ein­brach­te und im auf über 150 Mit­glie­der an­ge­wach­se­nen, seit Juni 2024 von Ant­je Fah­rig ge­führ­ten RWV Bam­berg im Vor­stand mitarbeitet.

Als das lie­be­voll re­no­vier­te Haus am Kaul­berg be­gann, den All­tag zu be­schwe­ren, fand sie mit ih­rem Mann ein neu­es Zu­hau­se bei Toch­ter Bar­ba­ra, die sie pfleg­te, als sie plötz­lich er­krank­te. In­grid Hut­her-Thor ist am 24. Ok­to­ber ei­ner schwe­ren Krebs­er­kran­kung er­le­gen. Die Ur­nen­ver­ab­schie­dung fin­det am 8. De­zem­ber 2025 um 13:45 Uhr statt, die Bei­set­zung der Urne er­folgt auf Wunsch der Ver­stor­be­nen zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt im engs­ten Familienkreis.