Die tiefsinnigste aller Tragödien - Wagner und die Prometheia

Der fol­gen­de Text von Dr. Frank Piontek (Bay­reuth) geht auf ei­nen von ihm am 29. No­vem­ber 2025 im Künst­ler­haus am Len­bach­platz in Mün­chen ge­hal­te­nen Vor­trag zu­rück und er­mög­licht es uns, auch nach­träg­lich an des­sen In­hal­ten teil­zu­ha­ben. The­ma ist eine bis­lang we­nig be­ach­te­te In­spi­ra­ti­ons­quel­le von Ri­chard Wag­ners „Ring des Ni­be­lun­gen“: die von Jo­hann Gus­tav Droy­sen re­kon­stru­ier­te Pro­me­theus-Tri­lo­gie des Aischylos.

Jo­hann Gus­tav Droy­sen, His­to­ri­ker und Geschichtstheoretiker

„Sehr rüh­mend“, schreibt die Gat­tin am 27. Juni 1880 in ihr Ta­ge­buch, „ge­denkt er Droy­sens und des Ein­dru­ckes, den er ihm ge­macht, als er, Au­to­di­dakt, sich nun eine Bi­blio­thek an­schaff­te und nun in Über­set­zun­gen sich die­se Din­ge an­eig­nen muss­te“. Die­se Din­ge: das wa­ren die Tex­te der grie­chi­schen Tra­gi­ker, ins­be­son­de­re aber die Tra­gö­di­en des Aischy­los, die Wag­ner so be­geis­ter­ten, dass noch im über­nächs­ten Jahr­hun­dert von den mög­li­chen tie­fen Be­zü­gen zwi­schen sei­nem und des an­ti­ken Dich­ters Werk die Rede ist. Nä­her dran an den spä­ten Er­in­ne­run­gen war Wag­ner, als er Mein Le­ben schrieb: es sei­en „na­ment­lich die be­red­ten Di­das­ka­li­en Droy­sens“ ge­we­sen, die ihm da­bei hal­fen, „das be­rau­schen­de Bild der athe­ni­schen Tra­gö­di­en­auf­füh­run­gen so deut­lich mei­ner Ein­bil­dungs­kraft vor­zu­füh­ren, dass ich die Ores­teia vor­züg­lich un­ter der Form ei­ner sol­chen Auf­füh­rung mit ei­ner bis­her un­er­hört ein­dring­li­chen Ge­walt auf mich wir­ken füh­len konn­te“. Noch frü­her, 1849, hat Wag­ner in sei­ner Re­vo­lu­ti­ons­schrift Die Kunst und die Re­vo­lu­ti­on den Aischy­los als den ers­ten un­ter den drei Tra­gi­kern ge­nannt, die jene Wer­ke schrie­ben, die ihm, dem mo­der­nen Au­tor, zum Vor­bild ei­ner neu­en Thea­ter­kon­zep­ti­on die­nen konn­ten. Denn Aischy­los schrieb, so Wag­ner, mit dem Pro­me­theus die „tief­sin­nigs­te al­ler Tragödien“.

Wag­ner kann­te sie aus Des Aischy­los Wer­ke, her­aus­ge­ge­ben von Jo­hann Gus­tav Droy­sen, die 1832 in zwei Bän­den er­schie­nen (sie sind in der Dresd­ner Bi­blio­thek ent­hal­ten), doch han­delt es sich nur um ein wenn auch be­deu­ten­des Frag­ment. Der ge­fes­sel­te Pro­me­theus (Προμηθεὺς Δεσμώτης, also Promē­theús des­mṓ­tēs) ist nur ein Teil ei­ner einst­mals drei Tra­gö­di­en und ein Sa­tyr­spiel um­fas­sen­den Pro­me­t­heia. Ob je­doch der über­lie­fer­te Ge­fes­sel­te Pro­me­theus in der Mit­te stand, wie es Droy­sen be­haup­te­te, oder, was wahr­schein­li­cher ist, die Tri­lo­gie mit ei­nem Pro­me­theus Ly­o­me­nos, ei­nem Ge­lös­ten Pro­me­theus fort­ge­setzt und ei­nem Pro­me­theus Pyr­pho­ros, ei­nem Feu­ertra­gen­den Pro­me­theus, en­de­te, ist un­we­sent­lich. Droy­sen, He­gel­schü­ler und von 1827 bis 1829 Haus­leh­rer Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dys, dann Pro­fes­sor in Ber­lin und Kiel, His­to­ri­ker der al­ten und neue­ren Ge­schich­te, Ver­fas­ser ei­ner Ge­schich­te Alex­an­ders des Gro­ßen (die auch von den Wag­ners ge­le­sen wur­de), ver­such­te 1832 die ver­lo­ren­ge­gan­ge­nen Pro­me­thie-Tei­le von 474 oder 475 v. Chr. aus dem von ihm über­setz­ten Ge­fes­sel­ten Pro­me­theus und den Frag­men­ten wie den über­lie­fer­ten an­ti­ken My­then we­nigs­tens er­zäh­le­risch zu re­kon­stru­ie­ren. Im Feu­er­brin­gen­den Pro­me­theus, so der Phi­lo­lo­ge, wird die Vor­ge­schich­te er­zählt, die zur Fes­se­lung führ­te: Beim Ur­zeit­kampf en­ga­giert sich Pro­me­theus für die Göt­ter ge­gen die Ti­ta­nen, die Ura­nos-Söh­ne, die mit dem Kro­nossohn Zeus um die Herr­schaft kämp­fen. Pro­me­theus, der „Vor­be­däch­ti­ge“, möch­te schlich­ten, doch er weiß, dass sei­ne pro­phe­tisch be­gab­te Mut­ter das Rich­ti­ge sieht, wenn sie den Un­ter­gang der Ti­ta­nen vor­aus­sagt. Auf sei­nen Rat hin wer­den die Ky­klo­pen aus den Klüf­ten der Un­ter­welt ent­las­sen, um auf Sei­ten der neu­en Göt­ter ge­gen die al­ten zu kämp­fen. Zeus, der vom Va­ter ver­flucht wur­de, siegt, er be­schließt, auch „das alte Ge­schlecht der Sterb­li­chen“ zu „ver­til­gen“, um ein neu­es zu schaf­fen, das al­lein ihn an­be­ten sol­le. Nur Pro­me­theus setzt sich für die Men­schen ein. Er weis­sagt dem Gott, dass ein bo­gen­tra­gen­der Held – es ist He­ra­kles – die Herr­schaft des Got­tes vor dem Fluch des Va­ters Kro­nos ret­ten wer­de. Zeus aber hasst den über­mäch­ti­gen Freund und klu­gen Be­ra­ter; „er sucht Ur­sach an ihm, aber wagt nicht ihn ohne Schuld zu stra­fen“. Für Pro­me­theus sind die Men­schen, die er liebt, wich­ti­ger als der neue Herr­scher, ih­nen gilt sei­ne Sor­ge. „Er nimmt es (..) über sich, un­be­küm­mert um der Göt­ter Zorn, der Mensch­heit Ver­tre­ter zu wer­den.“ So bringt er ih­nen das Feu­er, „er lehrt sie alle Kunst und Wis­sen­schaft, durch die das Da­sein erst zum Le­ben wird (…) Er sagt, gern habe er ge­fre­velt, gern zum Heil der Mensch­heit sich die­ses Leid er­zeugt.“ Da­mit schloss, so Droy­sen, ver­mut­lich der ers­te Teil der Pro­me­t­heia, in der ver­mut­lich be­reits, so der Re­kon­struk­teur, Her­mes und Oke­a­nos, auch Kro­nos auf­ge­tre­ten sind.

Es folgt das er­hal­te­ne Stück: Der ge­fes­sel­te Pro­me­theus. Kra­tos und Bia, „Kraft“ (oder „Zwang“) und „Ge­walt“, schlep­pen Pro­me­theus an den Fel­sen im Kau­ka­sus, an den ihn der He­phais­tos im Auf­trag des Zeus fest­schmie­den soll. Er zeigt Mit­leid, fes­selt ihn je­doch an den Fels. Pro­me­theus be­klagt sein Schick­sal, der Chor der Okea­ni­den, der Töch­ter des Oke­a­nos, fliegt an den Fels und be­klagt ihn. Pro­me­theus er­zählt sei­ne Ge­schich­te und schließt, dass Ty­ran­nen kein Ver­trau­en zu Freun­den hät­ten. Doch wis­se er, dass Zeus ir­gend­wann ein­mal stür­zen wer­de – dies ist sei­nes, des An­ge­schmie­de­ten, Trumpf. Die Okea­ni­den blei­ben bei Pro­me­theus und wer­den am Ende mit ihm in den Ab­grund ver­sin­ken. Pro­me­theus er­läu­tert der Chor­füh­re­rin die zi­vi­li­sie­ren­de Kul­tur­tat, die die Men­schen ihm ver­dan­ken. Oke­a­nos kommt, er will Pro­me­theus da­von über­zeu­gen, sei­ne „Schuld“ ein­zu­se­hen oder sich zu­min­dest op­por­tu­nis­tisch auf die Sei­te der Macht zu stel­len. Pro­me­theus wei­gert sich stand­haft; bis zu­letzt wird er in sei­nem Trotz ge­gen den Ty­ran­nen ver­har­ren. Die Okea­ni­den blei­ben zwar, mit­lei­dend, bei Pro­me­theus, ge­ben aber auch ih­rer Fröm­mig­keit ge­gen­über den Herr­scher­gott Aus­druck: Nie möge der Chor die All­macht Got­tes zum Geg­ner ha­ben. Dann stürmt die in eine Kuh ver­wan­del­te Io auf die Sze­ne. In He­ras Auf­trag schreck­lich ver­folgt und mal­trä­tiert von ei­ner Brem­se, flieht sie vor dem gött­li­chen Zorn, der sich Zeus’ se­xu­el­ler Lei­den­schaft ver­dankt. Pro­me­theus ver­heißt ihr jah­re­lan­ge Irr­fahr­ten bis an die En­den der Welt, dann wird sie am Nil – auf sanf­te Art: durch Arm­be­rüh­rung – von Zeus be­fruch­tet wer­den und ei­nen Sohn, Epa­phos, zur Welt brin­gen. In 13. Ge­ne­ra­ti­on wird dann je­ner Held er­schei­nen, der Pro­me­theus vom Fels be­frei­en wird. Dann er­scheint Her­mes, der Pro­me­theus da­von zu über­zeu­gen ver­sucht, dass es bes­ser sei, alle Schuld zu be­ken­nen. Pro­me­theus bleibt stark und be­schimpft, so wie er schon den Kar­rie­ris­ten Oke­a­nos be­schimpf­te, den Gott als Lauf­bur­schen und Be­fehls­emp­fän­ger des Zeus. Her­mes droht ihm: Wür­de er nicht nach­ge­ben, wür­de Zeus sei­nen Don­ner­keil sen­den und den Ti­tan für sehr lan­ge Zeit in den Ab­grund stür­zen. Wäre er dort wie­der hin­aus, wür­de ein Ad­ler täg­lich sei­ne Le­ber fres­sen. Zwar ver­sucht der Chor, Pro­me­theus nun, an­ge­sichts der zu er­war­ten­den Qua­len, zur Auf­ga­be zu be­we­gen, doch blei­ben sie so­li­da­risch bei ihm, als er un­ter Don­ner und Blitz in der Un­ter­welt ver­schwin­det. So­weit das über­lie­fer­te Stück.

Teil III: Der be­frei­te Pro­me­theus. Droy­sen ent­wirft mit Hil­fe der über­lie­fer­ten Vers­frag­men­te und der My­then, die in der An­ti­ke, von He­si­od zu Pla­ton, über­lie­fert wor­den sind, eine In­halts­an­ga­be. Die Welt hat sich in­zwi­schen be­ru­higt, Zeus hat sei­ne Herr­schaft kon­so­li­diert. Die „grei­se Mut­ter Erde“, also Pro­me­theus’ Mut­ter The­mis bzw. Gaia, kommt, um den Sohn zu be­kla­gen, doch schon naht ein Hel­de, den Ti­ta­nen zu be­frei­en. Pro­me­theus hat pro­phe­zeit, dass er nicht eher sa­gen wer­de, wie Zeus’ Un­ter­gang auf­zu­hal­ten sei, bis nicht sei­ne Fes­seln ge­löst sei­en. He­ra­kles be­freit nach lan­gen Wan­de­run­gen den Ti­ta­nen, in­dem er den Ad­ler er­schießt, viel­leicht löst dann He­phais­tos die Fes­seln, und an Pro­me­theus’ Statt nimmt der le­bens­mü­de, weil töd­lich ver­letz­te, aber un­sterb­li­che Chei­ron sei­nen Platz ein. Pro­me­theus rät dem Zeus, sich nicht mit der Meer­göt­tin The­tis zu ver­mäh­len, da ein Sohn der Zwei den Un­ter­gang des Va­ters her­vor­ru­fen wür­de. So wird schließ­lich The­tis mit Peleus ver­mählt, die zu­sam­men den Achil­leus zeu­gen wer­den. Gro­ßes Hoch­zeits­fest mit Göt­tern, Ti­ta­nen und Pro­me­theus – und Schluss. So­weit die spe­ku­la­ti­ve „Re­stau­ra­ti­on“ Droy­sens, dem noch ein von Droy­sen nicht er­zähl­tes Sa­tyr­spiel zu fol­gen hat, das das Pro­me­theus-Dra­ma ins Ko­mi­sche zieht; auch so et­was gab es ja in der Antike.

Was ver­bin­det nun die Pro­me­t­heia mit dem Ring des Ni­be­lun­gen? Was spricht für ei­nen di­rek­ten Ein­fluss der ei­nen auf die an­de­re Te­tra­lo­gie? Ul­rich Mül­ler hat ihn auf in­halt­li­cher Ebe­ne prä­gnant herausgearbeitet:

  1. Die Hand­lungs­ket­te Raub, Be­stra­fung und Er­lö­sung, wie sie im Rhein­gold (ur­sprüng­lich soll­te der „Vor­abend“ Der Raub des Rhein­gol­des hei­ßen!), der Wal­kü­re und der Göt­ter­däm­me­rung of­fen­sicht­lich ist. Das Sa­tyr­spiel wür­de in die­ser dra­ma­tur­gi­schen Kon­stel­la­ti­on al­ler­dings mit dem Sieg­fried und sei­nem lus­ti­gen Hel­den an die drit­te Stel­le rücken.
  2. Die „Däm­me­rung des Wer­dens“ am Anfang.
  3. Die Pro­phe­zei­un­gen des be­straf­ten Pro­me­theus ge­gen­über Io und den Okea­ni­den bzw. der zu be­stra­fen­den Brünn­hil­de ge­gen­über Sieg­lin­de und den Okea­ni­den im 3. Wal­kü­re-Akt, wo­bei die Okea­ni­den auch die Po­si­ti­on der den Ver­lust der Na­tur be­kla­gen­den Rhein­töch­ter einnehmen.
  4. Die Weis­sa­gun­gen von Pro­me­theus’ Mut­ter, der Erd­göt­tin The­mis-Gaia, über den Un­ter­gang der Göt­ter – Er­das Pro­phe­zei­ung der Götterdämmerung.
  5. Der ge­fähr­li­che Fluch des Be­sieg­ten: Hier Kro­nos, dort Alberich.
  6. Die dro­hen­de Ent­mach­tung des Got­tes durch ei­nen Nach­kom­men: Hier Zeus, dort Wo­tan, hier der The­tis-Sohn, dort ein Wälsung.
  7. Der ret­tung­brin­gen­de Held, ein Nach­kom­me des Got­tes: Hier Achill / He­ra­kles, dort Siegfried.
  8. Die schließ­li­che Er­lö­sung des Got­tes und des Ti­ta­nen – Wo­tans und Brünn­hil­des durch ei­nen Hel­den bzw. Siegfried.
  9. Pro­me­theus als Hel­fer des Zeus und Feu­er­gott: Loge, Wo­tans Chef­be­ra­ter.[1]
  10. Die Mee­res­töch­ter – die Rhein­töch­ter, die zwei Rie­sen Fa­solt und Faf­ner bzw. Kra­tos und Bias, die Erd­mut­ter The­mis-Gaia und Erda.
  11. Dra­ma­ti­sche Wet­ter­sze­nen: Ge­wit­ter, Don­ner und Blitz in „wil­den Felsengebirgen“.

Struk­tu­rell:

  1. Der be­tont epi­sche Stil der Dra­men-Hand­lung und die ent­schei­den­de Be­deu­tung von Dialog-Szenen.
  2. Die Ver­bin­dung von Göt­ter-, He­ro­en- und Men­schen­hand­lung zu ei­ner wahr­haf­ten „Ge­schich­te der Welt“.

Und vor Allem:

Das Schick­sal, die moira, als hand­lungs­lei­ten­des Prinzip.

Min­des­tens zwei Stel­len des Ring ver­wei­sen dar­auf, dass Wag­ner auch die Pro­me­t­heia vor Au­gen hat­te, als er zu­nächst das Schluss­stück Sieg­frieds Tod kon­zi­pier­te. Brünn­hil­de er­zählt da ih­rer Halb­schwes­ter Wal­trau­te ihr Schick­sal: „Denn ver­schloss er [der Herr­scher­gott] mich gleich in Schlaf, / fes­selt‘ er mich auf den Fels“. Fes­selt‘ er mich auf den Fels: die Stel­le ist zu auf­fäl­lig, um zu­fäl­lig zu sein. We­nig spä­ter ruft sie, als der fal­sche Gun­ther den Fel­sen be­tritt, pa­nisch aus: „Ein Un­hold schwang sich auf je­nen Stein! / Ein Aar kam ge­flo­gen / mich zu zer­flei­schen!“ Ein Aar ist ein Ad­ler, er wird Brünn­hil­des See­le gleich­sam zer­ha­cken. „Es wird dir dann / Zeus’ flü­gel­wil­der, mächt’ger Aar in hei­ßer Gier / Zer­flei­schen dei­nes Lei­bes gro­ßes Trüm­mer­feld“, heißt es an ana­lo­ger Stel­le in Droy­sens Über­set­zung. Um es mit Wolf­gang Scha­de­waldt, der 1963 im Meis­ter­sin­ger-Pro­gramm­heft der Bay­reu­ther Fest­spie­le über die struk­tu­rel­len Be­zie­hun­gen zwi­schen der Pro­me­t­heia und dem Ring Aus­kunft gab, zu­sam­men­fas­send zu sagen:

Bei­de, Pro­me­theus und Brünn­hil­de, sind Kin­der der wis­sen­den und war­nen­den Erd­göt­tin, The­mis und Wala-Erda. Bei­de sind selbst tief Wis­sen­de. Bei­de, Pro­me­theus wie Brünn­hil­de, wer­den be­straft für ihre zu gro­ße Men­schen­lie­be. Bei­de wer­den in men­schen­fer­ner Ge­gend an ei­nen Fel­sen „ge­fes­selt“: Pro­me­theus im ei­gent­li­chen Sinn des Wor­tes, Brünn­hil­de da­durch, dass sie von Wo­tan in Schlaf ver­senkt und mit der Wa­ber­lo­he um­ge­ben wird. (…) Aus­füh­ren­des Or­gan ist bei bei­den der Feu­er­gott, dort He­phais­tos, hier Loge. Bei­de, Pro­me­theus wie Brünn­hil­de, wer­den nach Jah­ren – oder Jahr­hun­der­ten – ge­löst von ei­nem Hel­den, der gött­li­cher Ab­stam­mung und zu­gleich der Sohn ei­ner sterb­li­chen Frau ist, mit der bei­de in ih­rem Le­ben zu tun be­ka­men. Der er­lö­sen­de Held ist für Pro­me­theus He­ra­kles, für Brünn­hil­de Sieg­fried. Die Frau ist bei Pro­me­theus Io, der der Ti­tan sei­nen Rat auf ih­ren schwe­ren Weg über die Erde mit­gibt, die Ahn­frau des Ge­schlechts, dem He­ra­kles ent­stam­men wird. Für Brünn­hil­de ist die Frau Sieg­lin­de, die be­reits Sieg­fried un­ter ih­rem Her­zen trägt und ähn­lich wie Io von Pro­me­theus, so von Brünn­hil­de Hil­fe und Rat auf ih­ren Weg emp­fängt. Sieg­fried (…) ist auch wie­der deut­lich ein jun­ger He­ra­kles, und wie die­ser Rei­ni­ger der Erde und Be­kämp­fer von Un­ge­heu­ern. Und er wird wie die­ser an der Ei­fer­sucht ei­ner Frau zu­grun­de gehen.

Scha­de­waldt wies, so­weit es das Sprach­li­che der bei­den Dra­men be­trifft, auf den Ana­päst hin, wie er bei den Okea­ni­den und den Wal­kü­ren im Wech­sel­ge­spräch mit Pro­me­theus und Brünn­hil­de auf­tritt, ja: Der Okea­ni­den-Auf­tritt äh­ne­le in auf­fal­len­der Wei­se dem der Wal­kü­ren: Bei­de Grup­pen flie­gen durch die Luft, be­vor sie den Bo­den be­tre­ten, ei­ni­ge der Wal­kü­ren wür­den, wie bei Aischy­los die Oke­a­nos­töch­ter, „in ei­nem blit­zer­glän­zen­den Wol­ken­zu­ge“ er­schei­nen. Bei al­len Un­ter­schie­den der sze­ni­schen Ge­stal­tung han­de­le es sich hier dort um ei­nen Paro­dos, ei­nen Auf­tritt in Form ei­nes cho­ri­schen Ein­zugs­lieds. Für Scha­de­waldt wie­der­hol­te sich in den Auf­trit­ten der ver­folg­ten Io und des got­tes­hö­ri­gen Her­mes die Struk­tur des wei­te­ren Fort­gangs des 3. Auf­zugs: mit der töd­li­chen Ver­zweif­lung der ver­folg­ten Frau, dem durch eine Pro­phe­zei­ung ak­zen­tu­ier­ten Ab­gang von Io (die we­sent­lich ver­zwei­fel­ter in die Gas­se ent­las­sen wird als ihre neu­ger­ma­ni­sche Schwes­ter) und Sieg­lin­de, schließ­lich der Auf­tritt des die Stra­fe des Got­tes an­kün­den­de Götterbote.

All die­se un­leug­ba­ren Ähn­lich­kei­ten ma­chen, so der Gräcist, al­ler­dings nicht die eben­so un­über­seh­ba­ren Un­ter­schie­de zwi­schen dem Ge­fes­sel­ten Pro­me­theus und der Wal­kü­re un­sicht­bar. Herr­schen und fei­ern am Ende der re­kon­stru­ier­ten Pro­me­t­heia nach wie vor die Göt­ter un­ter dem Ty­ran­nen Zeus, so ge­hen Wag­ners Göt­ter am Ende in Wal­hall co­ram pu­bli­co un­ter. Und auch die Ver­söh­nung, die nach Droy­sen und den neue­ren Pro­me­t­heia-In­ter­pre­ten erst am Ende rea­li­siert wird, klingt be­reits am Schluss der Wal­kü­re an, in­dem die Be­stra­fung Brünn­hil­des schon die Mög­lich­keit der Be­frei­ung und Er­lö­sung des Got­tes von sich selbst ent­hält. Die Ak­tio­nen aber wer­den von je­nen hoch­dra­ma­ti­schen Stür­men um­wet­tert, die hier wie dort das Ge­sche­hen laut­stark be­glei­ten: hier aus­ge­löst vom Sturm­gott Wo­tan, dort vom Blit­ze­schleu­de­rer und Don­ne­rer Zeus: Der alte Gott ist auch eine Naturgewalt.

Ar­thur Rack­ham - Die Walküre

Wag­ner hat nicht nur die In­halts­an­ga­be Droy­sens ge­nau stu­diert, son­dern auch die Di­das­ka­li­en, die Er­läu­te­run­gen, die die „Be­deu­tung der Sage“ er­läu­tern. Liest man Droy­sen, ver­meint man Wag­ner zu lesen:

Pro­me­theus ist der Ur­ty­pus des Men­schen­ge­schlechts, der Erde liebs­ter Sohn, der Er­ha­bens­te un­ter den Ti­ta­nen, den rin­gen­den Ge­wal­ten der chao­ti­schen Ur­nacht. Und als das Reich des Kro­nos, der zeit­lo­sen Zeit und des ver­geb­li­chen Wer­dens, en­det, als die neue ethi­sche Welt­ord­nung des Kro­ni­den Zeus be­gin­nen soll­te, und die ele­men­ta­ri­schen Mäch­te in blin­der Wild­heit sich zu be­haup­ten hoff­ten, da wand­te er, der Wis­sen­de, mit sei­ner Mut­ter Erde sich von ih­nen hin­weg, und lehr­te sie un­ter­wer­fen und bän­di­gen; durch Pro­me­theus, durch den Men­schen­geist, ward die Welt den neu­en ethi­schen Mäch­ten ge­won­nen und ver­teilt, durch ihn die neue Ord­nung be­grün­det, der er selbst fort­an an­ge­hö­ren sollte.

Be­denkt man, dass Brünn­hil­des ethi­sche Tat dar­in be­steht, ge­gen die Staats­rä­son des Va­ter­gotts be­wusst zu ver­sto­ßen, um eine neue, dem Men­schen ver­pflich­te­te Ethik zu in­stal­lie­ren, ist sie eine Nach­fol­ge­rin bzw. ein An­ti­ty­pos zum Ti­tan, der die neue Ord­nung be­grün­det, der er selbst fort­an an­ge­hö­ren soll­te. Fol­gen­de Ab­sät­ze kön­nen pro­blem­los auf Brünn­hil­de und Sieg­fried be­zo­gen werden:

Aber der Men­schen­geist, ewig und gött­lich in sei­nen all­ge­mei­nen Ge­stal­tun­gen, ist eben so dem Ein­zel­le­ben, der End­lich­keit des krea­tür­li­chen Da­seins ver­fal­len. Die­ser Wi­der­spruch be­ginnt zu wir­ken, wenn sich die Gat­tung zu In­di­vi­du­en auf­lö­set, wenn die Un­schuld im Wil­len, wenn die blin­de Selbst­lo­sig­keit des Na­tur­le­bens in der hef­ti­gen Zen­tra­li­sa­ti­on der Selbst­sucht und des Be­wusst­seins zu Grun­de geht; und die­sem ato­men Ich der Frei­heit steht die Welt in ih­rer ethi­schen Ord­nung, so wie in ih­rer to­ten Mas­sen­heit feind­lich ge­gen­über. – Dar­um weiß Zeus, so­bald sein Reich ge­ord­net ist, das Ge­schlecht der Men­schen in ih­rem krea­tür­li­chen Da­sein ver­nich­ten; Pro­me­theus ret­tet es, und gibt ihm die Kraft des Wi­der­stan­des, gibt ih­nen die Hoff­nung, den lä­cheln­den Wi­der­schein ih­rer Wün­sche; gibt ih­nen den hei­li­gen He­phais­tos­fun­ken mit dem gan­zen Sys­tem von Küns­ten und Kräf­ten, die er er­weckt, die freu­di­ge Ent­fal­tung des en­gen, in sich un­end­li­chen Ein­zel­le­bens. Durch eig­ne Kraft soll der Men­schen­geist die ihm ver­lo­re­ne Welt wie­der erringen.

Die Mo­ti­va­tio­nen, die Zeus und Wo­tan ge­gen das „Men­schen­ge­schlecht“ he­gen, dem der Ti­tan und Brünn­hil­de die Frei­heit ge­gen­über dem Gott ge­ben, mö­gen ver­schie­den sein. In der Ver­nich­tung des In­di­vi­du­ums – hier des Men­schen, dort Sieg­munds und Sieg­lin­des – fin­den wir ihre Ana­lo­gie. Droy­sen er­kann­te auch, dass der My­thos vom Aus­gleich der gött­li­chen und mensch­li­chen In­ter­es­sen und der ge­rech­ten Herr­schaft kei­ne Er­zäh­lung ei­ner fer­nen, sa­gen­haf­ten Ver­gan­gen­heit, son­dern eine „pro­phe­ti­sche Wahr­heit“ ist, die vom „Volk“ er­dacht wor­den und ein „in­ne­res Be­dürf­nis und Ver­lan­gen“ des Vol­kes ist. Wag­ner fand da­für den Be­griff der „Not“ – ei­ner Not, die zu stil­len ist und im Kunst­werk dar­ge­stellt wer­den kann, ja muss. „Denn das ist“, schrieb Droy­sen, „das Ei­gen­tüm­li­che des My­thos, dass er, ein be­stän­di­ges Ab­bild der Ge­gen­wart und ih­rer Ent­wi­cke­lung, die Ge­schich­te“ den lie­ben lan­gen his­to­ri­schen Tag lang be­glei­tet. Wag­ner hat in Oper und Dra­ma das Sel­be mit ei­ner be­rühm­ten For­mel ge­sagt: „Das Un­ver­gleich­li­che des My­thos ist, dass er je­der­zeit wahr, und sein In­halt, bei dich­tes­ter Ge­drängt­heit, für alle Zei­ten un­er­schöpf­lich ist. Die Auf­ga­be des Dich­ters war es nur, ihn zu deu­ten.“ Ob sich in Pro­me­theus’ Kampf ge­gen die Ty­ran­nis mehr ver­birgt, ob Pro­me­theus sich nicht auch, wie Kurt Hüb­ner mein­te, für die al­ten, chto­ni­schen, dem Un­ter­ir­di­schen ver­bun­de­nen Mäch­te ein­setzt, die am Ende an der Hoch­zeits­fei­er The­tis’ mit Peleus teil­neh­men, sei da­hin­ge­stellt. Am Ende des Ring tre­ten die al­ten Göt­ter je­den­falls nur noch als Ab­tre­ten­de auf, doch in der Erst­fas­sung der Göt­ter­däm­me­rung wur­de All­va­ter Wo­tans Macht noch von Brünn­hil­de be­stä­tigt: so wie in Droy­sens Fas­sung die Göt­ter wie­der fröh­lich zu­sam­men­kom­men. In­dem Zeus wie Wo­tanam Ende auf Kra­tos und Bia ver­zich­ten, wird erst der Weg frei zu ei­ner men­schen­mög­li­chen Lö­sung: in der Pro­me­t­heia zu Guns­ten der Göt­ter, doch nicht mehr ge­gen die Men­schen und den, der ih­nen zur Kul­tur ver­half, im voll­ende­ten Ring zu Guns­ten der über­le­ben­den Menschen.

Mag sein, dass ei­ni­ge der zu­mal von Scha­de­waldt her­bei­zi­tier­ten Be­le­ge nicht di­rekt auf die von Droy­sen re­kon­stru­ier­te und er­läu­ter­te Pro­me­t­heia ver­wei­sen. Schon die Fül­le der In­di­zi­en könn­te al­ler­dings den In­ter­pre­ten da­von über­zeu­gen, dass Wag­ners Lek­tü­re der „tief­sin­nigs­ten al­ler Tra­gö­di­en“, an die er sich im­mer wie­der nach­drück­lich er­in­ner­te, im Ring sei­ne pro­duk­ti­ve Fort­set­zung ge­fun­den hat.

[1]     In Ja­cob Grimms Deut­scher My­tho­lo­gie, ei­nem wei­te­ren wich­ti­gen Quel­len­werk für den Ring, par­al­le­li­siert Grimm Pro­me­theus mit Loki.

Aischy­los Prometheus