Der folgende Text von Dr. Frank Piontek (Bayreuth) geht auf einen von ihm am 29. November 2025 im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München gehaltenen Vortrag zurück und ermöglicht es uns, auch nachträglich an dessen Inhalten teilzuhaben. Thema ist eine bislang wenig beachtete Inspirationsquelle von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“: die von Johann Gustav Droysen rekonstruierte Prometheus-Trilogie des Aischylos.

„Sehr rühmend“, schreibt die Gattin am 27. Juni 1880 in ihr Tagebuch, „gedenkt er Droysens und des Eindruckes, den er ihm gemacht, als er, Autodidakt, sich nun eine Bibliothek anschaffte und nun in Übersetzungen sich diese Dinge aneignen musste“. Diese Dinge: das waren die Texte der griechischen Tragiker, insbesondere aber die Tragödien des Aischylos, die Wagner so begeisterten, dass noch im übernächsten Jahrhundert von den möglichen tiefen Bezügen zwischen seinem und des antiken Dichters Werk die Rede ist. Näher dran an den späten Erinnerungen war Wagner, als er Mein Leben schrieb: es seien „namentlich die beredten Didaskalien Droysens“ gewesen, die ihm dabei halfen, „das berauschende Bild der athenischen Tragödienaufführungen so deutlich meiner Einbildungskraft vorzuführen, dass ich die Oresteia vorzüglich unter der Form einer solchen Aufführung mit einer bisher unerhört eindringlichen Gewalt auf mich wirken fühlen konnte“. Noch früher, 1849, hat Wagner in seiner Revolutionsschrift Die Kunst und die Revolution den Aischylos als den ersten unter den drei Tragikern genannt, die jene Werke schrieben, die ihm, dem modernen Autor, zum Vorbild einer neuen Theaterkonzeption dienen konnten. Denn Aischylos schrieb, so Wagner, mit dem Prometheus die „tiefsinnigste aller Tragödien“.
Wagner kannte sie aus Des Aischylos Werke, herausgegeben von Johann Gustav Droysen, die 1832 in zwei Bänden erschienen (sie sind in der Dresdner Bibliothek enthalten), doch handelt es sich nur um ein wenn auch bedeutendes Fragment. Der gefesselte Prometheus (Προμηθεὺς Δεσμώτης, also Promētheús desmṓtēs) ist nur ein Teil einer einstmals drei Tragödien und ein Satyrspiel umfassenden Prometheia. Ob jedoch der überlieferte Gefesselte Prometheus in der Mitte stand, wie es Droysen behauptete, oder, was wahrscheinlicher ist, die Trilogie mit einem Prometheus Lyomenos, einem Gelösten Prometheus fortgesetzt und einem Prometheus Pyrphoros, einem Feuertragenden Prometheus, endete, ist unwesentlich. Droysen, Hegelschüler und von 1827 bis 1829 Hauslehrer Felix Mendelssohn Bartholdys, dann Professor in Berlin und Kiel, Historiker der alten und neueren Geschichte, Verfasser einer Geschichte Alexanders des Großen (die auch von den Wagners gelesen wurde), versuchte 1832 die verlorengegangenen Promethie-Teile von 474 oder 475 v. Chr. aus dem von ihm übersetzten Gefesselten Prometheus und den Fragmenten wie den überlieferten antiken Mythen wenigstens erzählerisch zu rekonstruieren. Im Feuerbringenden Prometheus, so der Philologe, wird die Vorgeschichte erzählt, die zur Fesselung führte: Beim Urzeitkampf engagiert sich Prometheus für die Götter gegen die Titanen, die Uranos-Söhne, die mit dem Kronossohn Zeus um die Herrschaft kämpfen. Prometheus, der „Vorbedächtige“, möchte schlichten, doch er weiß, dass seine prophetisch begabte Mutter das Richtige sieht, wenn sie den Untergang der Titanen voraussagt. Auf seinen Rat hin werden die Kyklopen aus den Klüften der Unterwelt entlassen, um auf Seiten der neuen Götter gegen die alten zu kämpfen. Zeus, der vom Vater verflucht wurde, siegt, er beschließt, auch „das alte Geschlecht der Sterblichen“ zu „vertilgen“, um ein neues zu schaffen, das allein ihn anbeten solle. Nur Prometheus setzt sich für die Menschen ein. Er weissagt dem Gott, dass ein bogentragender Held – es ist Herakles – die Herrschaft des Gottes vor dem Fluch des Vaters Kronos retten werde. Zeus aber hasst den übermächtigen Freund und klugen Berater; „er sucht Ursach an ihm, aber wagt nicht ihn ohne Schuld zu strafen“. Für Prometheus sind die Menschen, die er liebt, wichtiger als der neue Herrscher, ihnen gilt seine Sorge. „Er nimmt es (..) über sich, unbekümmert um der Götter Zorn, der Menschheit Vertreter zu werden.“ So bringt er ihnen das Feuer, „er lehrt sie alle Kunst und Wissenschaft, durch die das Dasein erst zum Leben wird (…) Er sagt, gern habe er gefrevelt, gern zum Heil der Menschheit sich dieses Leid erzeugt.“ Damit schloss, so Droysen, vermutlich der erste Teil der Prometheia, in der vermutlich bereits, so der Rekonstrukteur, Hermes und Okeanos, auch Kronos aufgetreten sind.
Es folgt das erhaltene Stück: Der gefesselte Prometheus. Kratos und Bia, „Kraft“ (oder „Zwang“) und „Gewalt“, schleppen Prometheus an den Felsen im Kaukasus, an den ihn der Hephaistos im Auftrag des Zeus festschmieden soll. Er zeigt Mitleid, fesselt ihn jedoch an den Fels. Prometheus beklagt sein Schicksal, der Chor der Okeaniden, der Töchter des Okeanos, fliegt an den Fels und beklagt ihn. Prometheus erzählt seine Geschichte und schließt, dass Tyrannen kein Vertrauen zu Freunden hätten. Doch wisse er, dass Zeus irgendwann einmal stürzen werde – dies ist seines, des Angeschmiedeten, Trumpf. Die Okeaniden bleiben bei Prometheus und werden am Ende mit ihm in den Abgrund versinken. Prometheus erläutert der Chorführerin die zivilisierende Kulturtat, die die Menschen ihm verdanken. Okeanos kommt, er will Prometheus davon überzeugen, seine „Schuld“ einzusehen oder sich zumindest opportunistisch auf die Seite der Macht zu stellen. Prometheus weigert sich standhaft; bis zuletzt wird er in seinem Trotz gegen den Tyrannen verharren. Die Okeaniden bleiben zwar, mitleidend, bei Prometheus, geben aber auch ihrer Frömmigkeit gegenüber den Herrschergott Ausdruck: Nie möge der Chor die Allmacht Gottes zum Gegner haben. Dann stürmt die in eine Kuh verwandelte Io auf die Szene. In Heras Auftrag schrecklich verfolgt und malträtiert von einer Bremse, flieht sie vor dem göttlichen Zorn, der sich Zeus’ sexueller Leidenschaft verdankt. Prometheus verheißt ihr jahrelange Irrfahrten bis an die Enden der Welt, dann wird sie am Nil – auf sanfte Art: durch Armberührung – von Zeus befruchtet werden und einen Sohn, Epaphos, zur Welt bringen. In 13. Generation wird dann jener Held erscheinen, der Prometheus vom Fels befreien wird. Dann erscheint Hermes, der Prometheus davon zu überzeugen versucht, dass es besser sei, alle Schuld zu bekennen. Prometheus bleibt stark und beschimpft, so wie er schon den Karrieristen Okeanos beschimpfte, den Gott als Laufburschen und Befehlsempfänger des Zeus. Hermes droht ihm: Würde er nicht nachgeben, würde Zeus seinen Donnerkeil senden und den Titan für sehr lange Zeit in den Abgrund stürzen. Wäre er dort wieder hinaus, würde ein Adler täglich seine Leber fressen. Zwar versucht der Chor, Prometheus nun, angesichts der zu erwartenden Qualen, zur Aufgabe zu bewegen, doch bleiben sie solidarisch bei ihm, als er unter Donner und Blitz in der Unterwelt verschwindet. Soweit das überlieferte Stück.
Teil III: Der befreite Prometheus. Droysen entwirft mit Hilfe der überlieferten Versfragmente und der Mythen, die in der Antike, von Hesiod zu Platon, überliefert worden sind, eine Inhaltsangabe. Die Welt hat sich inzwischen beruhigt, Zeus hat seine Herrschaft konsolidiert. Die „greise Mutter Erde“, also Prometheus’ Mutter Themis bzw. Gaia, kommt, um den Sohn zu beklagen, doch schon naht ein Helde, den Titanen zu befreien. Prometheus hat prophezeit, dass er nicht eher sagen werde, wie Zeus’ Untergang aufzuhalten sei, bis nicht seine Fesseln gelöst seien. Herakles befreit nach langen Wanderungen den Titanen, indem er den Adler erschießt, vielleicht löst dann Hephaistos die Fesseln, und an Prometheus’ Statt nimmt der lebensmüde, weil tödlich verletzte, aber unsterbliche Cheiron seinen Platz ein. Prometheus rät dem Zeus, sich nicht mit der Meergöttin Thetis zu vermählen, da ein Sohn der Zwei den Untergang des Vaters hervorrufen würde. So wird schließlich Thetis mit Peleus vermählt, die zusammen den Achilleus zeugen werden. Großes Hochzeitsfest mit Göttern, Titanen und Prometheus – und Schluss. Soweit die spekulative „Restauration“ Droysens, dem noch ein von Droysen nicht erzähltes Satyrspiel zu folgen hat, das das Prometheus-Drama ins Komische zieht; auch so etwas gab es ja in der Antike.
Was verbindet nun die Prometheia mit dem Ring des Nibelungen? Was spricht für einen direkten Einfluss der einen auf die andere Tetralogie? Ulrich Müller hat ihn auf inhaltlicher Ebene prägnant herausgearbeitet:
- Die Handlungskette Raub, Bestrafung und Erlösung, wie sie im Rheingold (ursprünglich sollte der „Vorabend“ Der Raub des Rheingoldes heißen!), der Walküre und der Götterdämmerung offensichtlich ist. Das Satyrspiel würde in dieser dramaturgischen Konstellation allerdings mit dem Siegfried und seinem lustigen Helden an die dritte Stelle rücken.
- Die „Dämmerung des Werdens“ am Anfang.
- Die Prophezeiungen des bestraften Prometheus gegenüber Io und den Okeaniden bzw. der zu bestrafenden Brünnhilde gegenüber Sieglinde und den Okeaniden im 3. Walküre-Akt, wobei die Okeaniden auch die Position der den Verlust der Natur beklagenden Rheintöchter einnehmen.
- Die Weissagungen von Prometheus’ Mutter, der Erdgöttin Themis-Gaia, über den Untergang der Götter – Erdas Prophezeiung der Götterdämmerung.
- Der gefährliche Fluch des Besiegten: Hier Kronos, dort Alberich.
- Die drohende Entmachtung des Gottes durch einen Nachkommen: Hier Zeus, dort Wotan, hier der Thetis-Sohn, dort ein Wälsung.
- Der rettungbringende Held, ein Nachkomme des Gottes: Hier Achill / Herakles, dort Siegfried.
- Die schließliche Erlösung des Gottes und des Titanen – Wotans und Brünnhildes durch einen Helden bzw. Siegfried.
- Prometheus als Helfer des Zeus und Feuergott: Loge, Wotans Chefberater.[1]
- Die Meerestöchter – die Rheintöchter, die zwei Riesen Fasolt und Fafner bzw. Kratos und Bias, die Erdmutter Themis-Gaia und Erda.
- Dramatische Wetterszenen: Gewitter, Donner und Blitz in „wilden Felsengebirgen“.
Strukturell:
- Der betont epische Stil der Dramen-Handlung und die entscheidende Bedeutung von Dialog-Szenen.
- Die Verbindung von Götter-, Heroen- und Menschenhandlung zu einer wahrhaften „Geschichte der Welt“.
Und vor Allem:
Das Schicksal, die moira, als handlungsleitendes Prinzip.
Mindestens zwei Stellen des Ring verweisen darauf, dass Wagner auch die Prometheia vor Augen hatte, als er zunächst das Schlussstück Siegfrieds Tod konzipierte. Brünnhilde erzählt da ihrer Halbschwester Waltraute ihr Schicksal: „Denn verschloss er [der Herrschergott] mich gleich in Schlaf, / fesselt‘ er mich auf den Fels“. Fesselt‘ er mich auf den Fels: die Stelle ist zu auffällig, um zufällig zu sein. Wenig später ruft sie, als der falsche Gunther den Felsen betritt, panisch aus: „Ein Unhold schwang sich auf jenen Stein! / Ein Aar kam geflogen / mich zu zerfleischen!“ Ein Aar ist ein Adler, er wird Brünnhildes Seele gleichsam zerhacken. „Es wird dir dann / Zeus’ flügelwilder, mächt’ger Aar in heißer Gier / Zerfleischen deines Leibes großes Trümmerfeld“, heißt es an analoger Stelle in Droysens Übersetzung. Um es mit Wolfgang Schadewaldt, der 1963 im Meistersinger-Programmheft der Bayreuther Festspiele über die strukturellen Beziehungen zwischen der Prometheia und dem Ring Auskunft gab, zusammenfassend zu sagen:
Beide, Prometheus und Brünnhilde, sind Kinder der wissenden und warnenden Erdgöttin, Themis und Wala-Erda. Beide sind selbst tief Wissende. Beide, Prometheus wie Brünnhilde, werden bestraft für ihre zu große Menschenliebe. Beide werden in menschenferner Gegend an einen Felsen „gefesselt“: Prometheus im eigentlichen Sinn des Wortes, Brünnhilde dadurch, dass sie von Wotan in Schlaf versenkt und mit der Waberlohe umgeben wird. (…) Ausführendes Organ ist bei beiden der Feuergott, dort Hephaistos, hier Loge. Beide, Prometheus wie Brünnhilde, werden nach Jahren – oder Jahrhunderten – gelöst von einem Helden, der göttlicher Abstammung und zugleich der Sohn einer sterblichen Frau ist, mit der beide in ihrem Leben zu tun bekamen. Der erlösende Held ist für Prometheus Herakles, für Brünnhilde Siegfried. Die Frau ist bei Prometheus Io, der der Titan seinen Rat auf ihren schweren Weg über die Erde mitgibt, die Ahnfrau des Geschlechts, dem Herakles entstammen wird. Für Brünnhilde ist die Frau Sieglinde, die bereits Siegfried unter ihrem Herzen trägt und ähnlich wie Io von Prometheus, so von Brünnhilde Hilfe und Rat auf ihren Weg empfängt. Siegfried (…) ist auch wieder deutlich ein junger Herakles, und wie dieser Reiniger der Erde und Bekämpfer von Ungeheuern. Und er wird wie dieser an der Eifersucht einer Frau zugrunde gehen.
Schadewaldt wies, soweit es das Sprachliche der beiden Dramen betrifft, auf den Anapäst hin, wie er bei den Okeaniden und den Walküren im Wechselgespräch mit Prometheus und Brünnhilde auftritt, ja: Der Okeaniden-Auftritt ähnele in auffallender Weise dem der Walküren: Beide Gruppen fliegen durch die Luft, bevor sie den Boden betreten, einige der Walküren würden, wie bei Aischylos die Okeanostöchter, „in einem blitzerglänzenden Wolkenzuge“ erscheinen. Bei allen Unterschieden der szenischen Gestaltung handele es sich hier dort um einen Parodos, einen Auftritt in Form eines chorischen Einzugslieds. Für Schadewaldt wiederholte sich in den Auftritten der verfolgten Io und des gotteshörigen Hermes die Struktur des weiteren Fortgangs des 3. Aufzugs: mit der tödlichen Verzweiflung der verfolgten Frau, dem durch eine Prophezeiung akzentuierten Abgang von Io (die wesentlich verzweifelter in die Gasse entlassen wird als ihre neugermanische Schwester) und Sieglinde, schließlich der Auftritt des die Strafe des Gottes ankündende Götterbote.
All diese unleugbaren Ähnlichkeiten machen, so der Gräcist, allerdings nicht die ebenso unübersehbaren Unterschiede zwischen dem Gefesselten Prometheus und der Walküre unsichtbar. Herrschen und feiern am Ende der rekonstruierten Prometheia nach wie vor die Götter unter dem Tyrannen Zeus, so gehen Wagners Götter am Ende in Walhall coram publico unter. Und auch die Versöhnung, die nach Droysen und den neueren Prometheia-Interpreten erst am Ende realisiert wird, klingt bereits am Schluss der Walküre an, indem die Bestrafung Brünnhildes schon die Möglichkeit der Befreiung und Erlösung des Gottes von sich selbst enthält. Die Aktionen aber werden von jenen hochdramatischen Stürmen umwettert, die hier wie dort das Geschehen lautstark begleiten: hier ausgelöst vom Sturmgott Wotan, dort vom Blitzeschleuderer und Donnerer Zeus: Der alte Gott ist auch eine Naturgewalt.

Arthur Rackham - Die Walküre
Wagner hat nicht nur die Inhaltsangabe Droysens genau studiert, sondern auch die Didaskalien, die Erläuterungen, die die „Bedeutung der Sage“ erläutern. Liest man Droysen, vermeint man Wagner zu lesen:
Prometheus ist der Urtypus des Menschengeschlechts, der Erde liebster Sohn, der Erhabenste unter den Titanen, den ringenden Gewalten der chaotischen Urnacht. Und als das Reich des Kronos, der zeitlosen Zeit und des vergeblichen Werdens, endet, als die neue ethische Weltordnung des Kroniden Zeus beginnen sollte, und die elementarischen Mächte in blinder Wildheit sich zu behaupten hofften, da wandte er, der Wissende, mit seiner Mutter Erde sich von ihnen hinweg, und lehrte sie unterwerfen und bändigen; durch Prometheus, durch den Menschengeist, ward die Welt den neuen ethischen Mächten gewonnen und verteilt, durch ihn die neue Ordnung begründet, der er selbst fortan angehören sollte.
Bedenkt man, dass Brünnhildes ethische Tat darin besteht, gegen die Staatsräson des Vatergotts bewusst zu verstoßen, um eine neue, dem Menschen verpflichtete Ethik zu installieren, ist sie eine Nachfolgerin bzw. ein Antitypos zum Titan, der die neue Ordnung begründet, der er selbst fortan angehören sollte. Folgende Absätze können problemlos auf Brünnhilde und Siegfried bezogen werden:
Aber der Menschengeist, ewig und göttlich in seinen allgemeinen Gestaltungen, ist eben so dem Einzelleben, der Endlichkeit des kreatürlichen Daseins verfallen. Dieser Widerspruch beginnt zu wirken, wenn sich die Gattung zu Individuen auflöset, wenn die Unschuld im Willen, wenn die blinde Selbstlosigkeit des Naturlebens in der heftigen Zentralisation der Selbstsucht und des Bewusstseins zu Grunde geht; und diesem atomen Ich der Freiheit steht die Welt in ihrer ethischen Ordnung, so wie in ihrer toten Massenheit feindlich gegenüber. – Darum weiß Zeus, sobald sein Reich geordnet ist, das Geschlecht der Menschen in ihrem kreatürlichen Dasein vernichten; Prometheus rettet es, und gibt ihm die Kraft des Widerstandes, gibt ihnen die Hoffnung, den lächelnden Widerschein ihrer Wünsche; gibt ihnen den heiligen Hephaistosfunken mit dem ganzen System von Künsten und Kräften, die er erweckt, die freudige Entfaltung des engen, in sich unendlichen Einzellebens. Durch eigne Kraft soll der Menschengeist die ihm verlorene Welt wieder erringen.
Die Motivationen, die Zeus und Wotan gegen das „Menschengeschlecht“ hegen, dem der Titan und Brünnhilde die Freiheit gegenüber dem Gott geben, mögen verschieden sein. In der Vernichtung des Individuums – hier des Menschen, dort Siegmunds und Sieglindes – finden wir ihre Analogie. Droysen erkannte auch, dass der Mythos vom Ausgleich der göttlichen und menschlichen Interessen und der gerechten Herrschaft keine Erzählung einer fernen, sagenhaften Vergangenheit, sondern eine „prophetische Wahrheit“ ist, die vom „Volk“ erdacht worden und ein „inneres Bedürfnis und Verlangen“ des Volkes ist. Wagner fand dafür den Begriff der „Not“ – einer Not, die zu stillen ist und im Kunstwerk dargestellt werden kann, ja muss. „Denn das ist“, schrieb Droysen, „das Eigentümliche des Mythos, dass er, ein beständiges Abbild der Gegenwart und ihrer Entwickelung, die Geschichte“ den lieben langen historischen Tag lang begleitet. Wagner hat in Oper und Drama das Selbe mit einer berühmten Formel gesagt: „Das Unvergleichliche des Mythos ist, dass er jederzeit wahr, und sein Inhalt, bei dichtester Gedrängtheit, für alle Zeiten unerschöpflich ist. Die Aufgabe des Dichters war es nur, ihn zu deuten.“ Ob sich in Prometheus’ Kampf gegen die Tyrannis mehr verbirgt, ob Prometheus sich nicht auch, wie Kurt Hübner meinte, für die alten, chtonischen, dem Unterirdischen verbundenen Mächte einsetzt, die am Ende an der Hochzeitsfeier Thetis’ mit Peleus teilnehmen, sei dahingestellt. Am Ende des Ring treten die alten Götter jedenfalls nur noch als Abtretende auf, doch in der Erstfassung der Götterdämmerung wurde Allvater Wotans Macht noch von Brünnhilde bestätigt: so wie in Droysens Fassung die Götter wieder fröhlich zusammenkommen. Indem Zeus wie Wotanam Ende auf Kratos und Bia verzichten, wird erst der Weg frei zu einer menschenmöglichen Lösung: in der Prometheia zu Gunsten der Götter, doch nicht mehr gegen die Menschen und den, der ihnen zur Kultur verhalf, im vollendeten Ring zu Gunsten der überlebenden Menschen.
Mag sein, dass einige der zumal von Schadewaldt herbeizitierten Belege nicht direkt auf die von Droysen rekonstruierte und erläuterte Prometheia verweisen. Schon die Fülle der Indizien könnte allerdings den Interpreten davon überzeugen, dass Wagners Lektüre der „tiefsinnigsten aller Tragödien“, an die er sich immer wieder nachdrücklich erinnerte, im Ring seine produktive Fortsetzung gefunden hat.
[1] In Jacob Grimms Deutscher Mythologie, einem weiteren wichtigen Quellenwerk für den Ring, parallelisiert Grimm Prometheus mit Loki.

Aischylos Prometheus
