Liebesschmachten und Aufdieneigegehen

Wie Ri­chard Wag­ner 1836 und 1875 sei­nen 23. be­zie­hungs­wei­se 62. Ge­burts­tag fei­er­te, kann man hier an­hand von Brie­fen nach­voll­zie­hen, die er je­weils da­nach an un­ter­schied­li­che Adres­sa­ten schrieb.

Ri­chard Wag­ner bei sei­ner feucht­fröh­li­chen Sil­ves­ter­pre­digt 1840/41 mit sei­ner Frau Min­na und im Freun­des­kreis in Pa­ris, ge­zeich­net von Ernst Be­ne­dikt Kietz – Vor­la­ge: © Na­tio­nal­ar­chiv der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung, Bayreuth

Ri­chard Wag­ner ist heu­te vor 213 Jah­ren ge­bo­ren. Sein – falls ich mich nicht ver­tan habe – ers­ter er­hal­te­ner Brief, in dem er sei­nen Ge­burts­tag er­wähnt, ging an sei­ne bal­di­ge ers­te Frau Min­na Pla­ner, die in Kö­nigs­berg ein En­ga­ge­ment hat­te, wäh­rend er in Ber­lin ver­such­te, sei­ne Oper „Das Lie­bes­ver­bot“ am Kö­nigs­städ­ter Thea­ter un­ter­zu­brin­gen. Vor al­lem aber, Brief für Brief, woll­te er die noch zö­gern­de Min­na zur Hoch­zeit über­re­den. Am 23. Mai 1836, also ei­nen Tag nach sei­nem 23. Ge­burts­tag, schrieb er:

Ges­tern war mein Ge­burts­tag, – das war ein üb­ler gars­ti­ger Tag. Kei­nen, kei­nen theil­neh­men­den Men­schen! Ach Min­na, es ist doch recht elend, – ich wüß­te nicht, was aus mir wer­den soll­te[1], wenn mir der Him­mel mei­ne Ver­ei­ni­gung mit Dir noch lan­ge vor­ent­hal­ten soll­te. Ich bin stumpf für Al­les, mein In­ne­res ver­zehrt sich, u. ich sehe mehr als je­mals ein, – nur ein glück­li­ches Le­ben mit Dir kann mir mei­ne Kraft wie­der­ge­ben; – dann auch erst, füh­le ich, wer­de ich kräf­tig u. glück­lich als Mann han­deln u. wir­ken kön­nen. Jede Hoff­nung, die mir ein­zeln winkt, existirt für mich gar nicht. – Mein Kind, – ich las eben Dei­ne sämmt­li­chen Brie­fe der Rei­he nach durch, u. freue mich wie ein See­li­ger über uns­re Lie­be; – wie hat sie sich ent­fal­tet, u. im­mer in­ni­ger, fes­ter ge­schlos­sen! Es rührt mich bis in das in­ners­te Mark. Sieh, mei­ne Min­na, ich kann jetzt wie­der schmach­ten, so ju­gend­lich u. sehn­süch­tig, wie vor ei­nem Jah­re; – so heiß, so jung ist noch mei­ne Lie­be. Und welch’ eine Lie­be! Welch’ ein Paar hat sich mehr be­währt als wir? Mit­ten un­ter den nie­der­drü­ckends­ten Drangsa­len des Leben’s, fast er­lie­gend der Last der nied­rigs­ten Be­küm­mer­nis­se, schmach­ten wir u. lie­ben wir uns, als ob uns das Le­ben gar nichts an­gin­ge. Mei­ne Lie­be zu Dir ist so kräf­tig u. kräf­ti­ger als sie je ge­we­sen. Ist das nicht schön? – Und was ha­ben wir er­lebt? Sind wir denn blos ein Lie­bes­paar; sind wir denn nicht ge­prüf­ter u. in­ni­ger ver­schmol­zen als man­ches Ehe­paar? Nun denn, wir wol­len es durch­kämp­fen, wir wol­len ein Bei­spiel ge­ben, was wah­re Lie­be ist u. ver­mag! – – Letzt­hin sah ich im Opern­haus Fi­de­lio[2 ]; – Schwa­be[3] saß ne­ben mir. Bei der Stel­le, als Leo­no­re ih­ren Flo­re­stan ge­ret­tet hat u. ihn um­armt,[4] stürz­ten mir die hei­ßen Thrä­nen aus den Au­gen. – Schw: glaub­te, daß mich das Spiel so er­grif­fen hät­te; oh, aber was war Al­les in mir vor­ge­gan­gen! Wie die­se Leo­no­re, dach­te ich, lie­ße wol auch dei­ne Min­na für dich ihr Le­ben, oder es wür­de ihr ge­wiß kein Lei­den, kein Drang­sal groß ge­nug sein, um dich, wüß­te sie dich im Ver­der­ben, zu ret­ten, – u. die­se Min­na soll­test du ver­las­sen, wie ei­ni­ge kal­te Men­schen es wün­schen? – Ein Weib, das mir über­all hin stand­haft u. lie­bend fol­gen wür­de? Und nicht wahr, mei­ne Min­na, das wür­dest Du? Ich weiß es, Du wür­dest es, – Du hast es mir be­wie­sen, – u. ich? – Was will ich denn, – sind wir denn nur noch zu tren­nen, – sind wir denn nicht schon ver­ei­nigt, welch ein Band ist denn fes­ter als Un­se­res? Gie­bt es ein fes­te­res als das, wel­ches Lei­den u. Theil­nah­me knüpft? Es hat uns ver­eint, Du bist mein Weib!

[1] Hier er­le­ben wir ge­ra­de Wil­helm Ri­chard ERIK Wagner.
[2] Oper von Lud­wig van Beethoven.
[3] Schwa­be, ver­mut­lich Lou­is, ein Mag­de­bur­ger Kauf­mann und Ver­eh­rer Min­nas, wohn­te Brei­ter Weg 38 und war ein Nach­bar Wag­ners, der sich 1835/36 drei Trep­pen hoch im Haus Brei­ter Weg 34 ein­ge­mie­tet hat­te. Im Mai 1836 war Schwa­be in Ber­lin und lo­gier­te im glei­chen Gast­haus, in dem Mit­te des Mo­nats auch Wag­ner abstieg.
[4] Haupt­rol­len in „Fi­de­lio“.

Den glü­hen­den Lie­bes­brief vom 23. Mai 1836 hat Wag­ner noch vier Tage fort­ge­setzt und erst am 27. Mai nach Kö­nigs­berg ab­ge­schickt (die täg­li­chen Up­dates sind auf un­se­rer Home­page im Min­na-Brie­fe-Ka­len­der nach­zu­le­sen). Kom­plett er­schie­nen sind in Band 1 der zu­nächst deutsch-deut­schen Brie­fe­ge­samt­aus­ga­be, die ab 1967 beim VEB Deut­scher Ver­lag für Mu­sik Leip­zig herauskam.
Seit Band 10 er­schei­nen sämt­li­che Brie­fe, die im Auf­trag der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung Bay­reuth her­aus­ge­ge­ben wer­den, bei Breit­kopf & Här­tel in Wies­ba­den. Die Ge­samt­aus­ga­be  wird nach Voll­endung vor­aus­sicht­lich 35 Bän­de plus Sup­ple­men­te um­fas­sen und ist ak­tu­ell bis Band 27 lie­fer­bar; in Vor­be­rei­tung sind die Brie­fe des Jah­res 1876 (hrsg. von Mar­tin Dür­rer), von 1877 (hrsg. von So­phia Krebs) so­wie von 1880/81 (hrsg. von Mei­hui Yu).
Im ak­tu­ell jüngs­ten greif­ba­ren Band mit Brie­fen aus dem Jahr 1875 klingt das, was Wag­ner im Um­kreis sei­nes 62. Ge­burts­tags schreibt, na­tür­lich ganz an­ders als in Band 1. Nach not­wen­di­ger Ge­schäfts­kor­re­spon­denz in Hin­blick auf die kom­men­den ers­ten Fest­spie­le und we­gen der Ver­öf­fent­li­chung ei­ner über­ar­bei­te­ten „Tannhäuser“-Partitur rich­tet er nach dem Ge­burts­tag sei­ne ers­ten Schrei­ben wo­mög­lich nicht ganz zu­fäl­lig an ei­nen Cham­pa­gner- und ei­nen Weinlieferanten.

Am 25. Mai 1875 schreibt er – in fran­zö­si­scher Spra­che – an Paul Chan­don de Bri­ail­les in Épernay:
Ge­ehr­ter Herr und al­ter Freund,
seit dem Krieg habe ich kei­nen Cham­pa­gner mehr, weil ich be­fürch­te, Sie zu ver­let­zen, wenn ich Sie um ihre so lan­ge ge­wohn­te lie­bens­wür­di­ge Un­ter­stüt­zung bit­te. Jetzt fas­se ich den Mut, un­se­re frü­he­ren Be­zie­hun­gen wie­der auf­zu­neh­men, in­dem ich Sie bit­te, Ih­rem Hau­se die Or­der zu ge­ben, mir 50 gro­ße und 100 hal­be Fla­schen Ih­res aus­ge­zeich­ne­ten Ge­wäch­ses zuzuschicken.
Ich wer­de se­hen, ob Sie mir noch ein we­nig Freund­schaft be­wahrt ha­ben, was mich über vie­le Ent­beh­run­gen in der ver­gan­ge­nen Zeit hin­weg­trös­ten wird. Mit der auf­rich­tigs­ten Hoch­ach­tung ver­blei­be ich
Ihr sehr er­ge­be­ner Ri­chard Wagner.

Den Cham­pa­gner­pro­du­zen­ten Paul Chan­don de Bri­ail­les (1821–1895) kann­te Wag­ner seit 1858, auf der Rück­rei­se von ei­nem Auf­ent­halt in Pa­ris war er auf des­sen Wein­gut auch zwei Tage zu Gast. Chan­don wie­der­um be­such­te nicht nur die skan­dal­träch­ti­gen „Tannhäuser“-Aufführungen in Pa­ris, son­dern auch die ers­ten Vor­stel­lun­gen der „Meis­ter­sin­ger“ in Mün­chen und be­lie­fer­te den Kom­po­nis­ten seit­her im­mer wie­der kos­ten­los mit Cham­pa­gner. Co­si­ma Wag­ner no­tier­te zum 4. Juni 1875 in ihr Ta­ge­buch: „R. emp­fängt ei­nen hüb­schen Brief sei­nes al­ten Freun­des Chan­don; wir hat­ten uns seit dem Krieg [Deutsch-Fran­zö­si­scher Krieg 1870/71] des Cham­pa­gner ent­hal­ten, nun schrieb R. da­nach, und ent­zückt ant­wor­tet der alte Freund.“

Eben­falls am 25. Mai 1875 rich­te­te Wag­ner an den nam­haf­ten Wein­händ­ler Au­gust Wil­helmj I (1813–1910) und Va­ter der gleich­na­mi­gen Gei­gen­vir­tuo­sen und künf­ti­gen Fest­spiel­kon­zert­meis­ters Au­gust Wil­helmj II (1845–1908) in Hat­ten­heim fol­gen­den Brief:
Ge­ehr­tes­ter Herr!
Ich füh­le mich so sehr schul­dig, Ih­nen noch kei­ne Aus­kunft über den herr­li­chen Ein­druck Ih­rer vor­züg­li­chen Wein­sen­dung auf mich ge­ge­ben zu ha­ben, dass ich Sie not­hwen­dig nur auf mei­ne über­mäs­si­ge Be­schäf­ti­gung und Er­mü­dung zu mei­ner Ent­schul­di­gung ver­wei­sen kann. Die voll­ende­te Art, mit wel­cher Sie aber mei­nem Wun­sche, ei­ni­ge fei­ne Lu­xus­wei­ne von Ih­nen zu be­sit­zen, ent­spro­chen ha­ben, lässt mich nun hof­fen, dass Sie auch mei­nem wei­te­ren Wun­sche, künf­tig­hin den mir zu­träg­lichs­ten leich­ten weis­sen Tisch­wein mir be­sor­gen las­sen zu wol­len, freund­li­che Er­fül­lung an­ge­dei­hen las­sen wer­den. Den hier­mit aus­ge­spro­che­nen Wunsch stel­le ich dem­nach heu­te förm­lichst an Sie, und er­su­che Sie dem­nach, ei­nen sol­chen Wein, wel­chen ich Sie er­su­che gänz­lich nach Ih­rem Gut­dün­ken für mich und mei­ne Be­dürf­nis­se aus­wäh­len zu wol­len, da mir lei­der so­eben das Auf­dien­ei­ge­ge­hen mei­nes ge­wöhn­li­chen Vor­ra­thes ge­mel­det wird, um­ge­hend an mich ge­lan­gen zu las­sen, wo­bei ich nicht fürch­ten will, daß die Jah­res­zeit be­reits durch zu gro­ße Hit­ze be­schwer­lich fal­len möge. Sie sen­den mir ge­fäl­ligst ein Fass, da ich an Fla­schen ge­nü­gen­den Vor­rath habe. Ihre fei­nen Wei­ne, für wel­che Sie mir zu­gleich die förm­li­che Rech­nung zu­stel­len wol­len, sind noch in we­nig ver­min­der­ter An­zahl vor­räthig. Die fer­ne­re Zah­lung folgt mei­ner Seits re­gel­mäs­sig nach den Ge­wohn­hei­ten Ih­rer Geschäfte. 
Ih­ren lie­bens­wür­di­gen Herrn Sohn darf ich nun bald hier zu se­hen hof­fen: ich dan­ke ihm im vor­aus, mei­nem Wer­ke sei­nen Na­men und sei­ne so be­deu­ten­de Mit­ar­beit ge­lie­hen zu ha­ben. Am 1 Au­gust d. J. hal­ten wir die ers­te vor­be­rei­ten­de Or­ches­ter­pro­be. Ich hof­fe, er wird mit sei­nen Un­ter­ge­be­nen zu­frie­den sein; sie be­stehen aus der Eli­te der vor­züg­lichs­ten Künst­ler des Ber­li­ner, Han­no­vera­ni­schen, Darm­städ­ter, Des­sau­er u. Mei­nin­ger Hoforchesters.
So­mit emp­feh­le ich mich dies­mal von Neu­em Ih­rer Pro­tec­tion, und ver­blei­be mit gröss­ter Hochachtung
Ihr er­ge­bens­ter Ri­chard Wagner. 

Wag­ner lern­te Va­ter und Sohn Wil­helmj 1862 ken­nen, wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts in Bie­brich. Wie Mar­tin Dür­rer, Her­aus­ge­ber des Brief­bands 27 in sei­nem Kom­men­tar schreibt, ver­such­te Wag­ner da­mals durch Ver­mitt­lung des Kom­po­nis­ten, Ka­pell­meis­ters und Mu­sik­schrift­stel­ler Wen­de­lin Weiß­hei­mer (1838–1910) von Au­gust Wil­helmj I ein Dar­le­hen zu be­kom­men. Viel­leicht fühl­te er sich des­halb ge­nö­tigt, ex­pli­zit auf die Be­zah­lungs­mo­da­li­tä­ten ein­zu­ge­hen, viel­leicht rühr­te da­her auch die auf­fal­lend ge­wun­de­ne Spra­che, gip­felnd im Auf-die-Nei­ge-Ge­hen der Wag­ner­schen Wein­vor­rä­te im Wahn­fried­kel­ler. Was na­tür­lich wie­der­um un­mit­tel­bar zu tun ha­ben könn­te mit dem vor­an­ge­gan­ge­nen Ge­burts­tags­fest, das Co­si­ma Wag­ner wie folgt fest­ge­hal­ten hat:
Sonn­abend 22ten Ganz in der Frü­he Gra­tu­la­ti­on der Kin­der, ve­ne­zia­ni­sches Glas (bricht das Glas, so bleibt das Glück); um elf 2 te Gra­tu­la­ti­on Glau­be, Lie­be, Hof­fen (Fidi, Lol­di, Eva), 62 Licht­bal­lons, in der Hal­le an­ge­zün­det, der Hul­di­gungs­marsch dazu. R. sagt mir, ich hät­te ihm al­les ge­ge­ben, wie eine Mut­ter hät­te ich für ihn ge­sorgt – die Kin­der sehr ernst und fei­er­lich, spre­chen ihre Ver­se hübsch; Eva sehr er­grif­fen. – Abends Il­lu­mi­na­ti­on von Wahn­fried, Feu­er­werk, dazu Strauß’sche Wal­zer, Kin­der­fa­ckel­zug; al­les glückt schön, das Wet­ter güns­tig, R. hei­ter und ge­rührt. Ich weh­mü­tig im In­ne­ren wie im­mer bei Fes­ten – der Him­mel seg­ne ihn. (Vie­le Te­le­gram­me, u.a. vom König.)

Quel­len: Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe; Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, Bd. 1, 1967; As­trid Eberlein/​Wolf Ho­bohm: Wie wird man ein Ge­nie? Ri­chard Wag­ner und Mag­de­burg, 2010. Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, Bd. 27, 2021; Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band I, 1976.

Aqua­rell (im Aus­schnitt) von Isol­de Wag­ner zur Ge­burt ih­res Va­ters Ri­chard Wag­ner aus dem Buch von Wag­ner-Ur­en­ke­lin Da­gny Beid­ler mit dem Ti­tel  „Für Ri­chard Wag­ner! Die ‚Ro­sen­stö­cke-Bil­der‘ sei­ner Toch­ter Isol­de“ Vor­la­ge: © Böhlau Verlag