„Rienzi“ in Bayreuth – eine Frage, die bleibt

Fried­man und „Ri­en­zi“ im Fest­spiel­haus, der Vor­trag von Mi­cha­el Wolff­sohn im Fried­richs­fo­rum und das Kon­zert mit DJ Alle Far­ben am Fest­spiel­haus: ein per­sön­li­cher Rückblick.

Er­ho­be­ne Smart­phones im 1. Akt der Bay­reu­ther „Rienzi“-Inszenierung von Alex­an­dra Sze­me­ré­dy und Mag­dol­na Par­dit­ka … – Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

Manch­mal er­schließt sich die Be­deu­tung ein­zel­ner Er­leb­nis­se erst im Rück­blick. So er­ging es mir in den ver­gan­ge­nen zehn Ta­gen in Bay­reuth. Vier sehr un­ter­schied­li­che Ver­an­stal­tun­gen führ­ten mich – jede auf ihre ei­ge­ne Wei­se – zu der­sel­ben Fra­ge: Wie be­wah­ren wir als Ein­zel­ne un­se­re Ur­teils­kraft, wenn wir Teil ei­ner be­geis­ter­ten Ge­mein­schaft werden?

Am 26. Juli hör­te ich zu­nächst die Fest­re­de von Mi­chel Fried­man bei der Ge­denk­ver­an­stal­tung „Ver­stumm­te Stim­men“. Sie war en­ga­giert, poin­tiert und rhe­to­risch ein­drucks­voll. Man­che Pas­sa­gen emp­fand ich je­doch im Mo­ment als zu sehr be­wusst zu­ge­spitzt. Ge­ra­de bei ei­nem so sen­si­blen The­ma frag­te ich mich, ob Zu­spit­zung im­mer der bes­te Weg ist, Men­schen zum Nach­den­ken zu bewegen.

Mi­chel Fried­man nach sei­ner Rede auf der Büh­ne des Fest­spiel­hau­ses – Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath 

Am Nach­mit­tag des­sel­ben Ta­ges be­such­te ich die „Rienzi“-Premiere. Da­bei muss­te ich an ei­nen Satz von Mar­kus Kie­sel den­ken, den er bei un­se­rer Ver­bands­ver­an­stal­tung im März die­ses Jah­res in der Jo­han­nis­ka­pel­le for­mu­lier­te: „Ri­en­zi ist ei­ner, der ei­gent­lich im­mer al­les gut ma­chen woll­te – und da­bei suk­zes­si­ve al­les im­mer schlech­ter machte.“

Ich fin­de, die­se knap­pe Cha­rak­te­ri­sie­rung trifft den Kern der Oper in be­mer­kens­wer­ter Wei­se. Ri­en­zi ist kei­ne ein­di­men­sio­na­le Fi­gur. Sein Schei­tern ent­wi­ckelt sich aus idea­lis­ti­schen Ab­sich­ten, wach­sen­der Macht, zu­neh­men­der Selbst­über­schät­zung und ei­ner im­mer stär­ke­ren Ei­gen­dy­na­mik der Mas­se. Ge­ra­de des­halb er­scheint mir die­se Oper heu­te er­staun­lich aktuell.

Sze­ne aus dem 3. Akt „Ri­en­zi“ mit Jen­ni­fer Hol­lo­way (Adria­no), Ga­brie­la Sche­rer (Ire­ne) und An­dre­as Schager (Ri­en­zi) – Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath 

Am 2. Au­gust hör­te ich dann den Vor­trag von Prof. Dr. Mi­cha­el Wolff­sohn über An­ti­se­mi­tis­mus im künst­le­ri­schen Kon­text auf der Grund­la­ge sei­nes Bu­ches „Ge­nie und Ge­wis­sen“ beim Bay­reu­ther RWV. Sei­ne ru­hi­ge, wis­sen­schaft­lich fun­dier­te und in­te­gre Ar­gu­men­ta­ti­on hat mich tief be­ein­druckt. Ohne Po­le­mik, aber mit gro­ßer his­to­ri­scher Kom­pe­tenz ge­lang es ihm, schwie­ri­ge Zu­sam­men­hän­ge dif­fe­ren­ziert dar­zu­stel­len und den Zu­hö­rern Raum für ei­ge­ne Schluss­fol­ge­run­gen zu las­sen. Für mich war dies ein Bei­spiel da­für, wie ge­ra­de bei kon­tro­ver­sen The­men Sach­lich­keit und wis­sen­schaft­li­che Red­lich­keit oft mehr über­zeu­gen als rhe­to­ri­sche Zuspitzung.

Am sel­ben Abend führ­te mich die Neu­gier erst­mals zum „Alle Farben“-Spektakel – mu­si­ka­lisch ab­so­lu­tes Neu­land für mich. Mich fas­zi­nier­te die enor­me En­er­gie die­ser Ver­an­stal­tung: Tau­sen­de Men­schen im glei­chen Rhyth­mus, ein Lich­ter­meer aus Smart­phones über den Köp­fen, ge­mein­sa­mes Mit­sin­gen und Mit­ru­fen, ge­tra­gen von kraft­vol­len Beats.

Er­ho­be­ne Smart­phones beim Live-Kon­zert mit DJ Alle Far­ben – Foto: © Ant­je Fahrig

Und plötz­lich er­in­ner­te ich mich wie­der an „Ri­en­zi“.

Denn ge­nau die­ses Bild hat­te mich be­reits in der Bay­reu­ther In­sze­nie­rung be­schäf­tigt: das Lich­ter­meer er­ho­be­ner Smart­phones als mo­der­nes Sinn­bild ei­ner Mas­se, die sich ei­nem ge­mein­sa­men Mo­ment hin­gibt. Es wa­ren also nicht die Smart­phones, die mich an „Ri­en­zi“ er­in­ner­ten – sie wa­ren be­reits Teil von „Ri­en­zi“.

Na­tür­lich wäre es völ­lig ver­fehlt, ein House- oder Tech-House-Kon­zert mit den po­li­ti­schen Me­cha­nis­men ei­ner Wag­ner-Oper gleich­zu­set­zen. Ge­ra­de des­halb blieb für mich nicht die Gleich­set­zung der Er­eig­nis­se, son­dern die Ge­mein­sam­keit des Bil­des und die dar­aus er­wach­sen­de Fra­ge so ein­drück­lich: Wie ent­steht Ge­mein­schaft? Wann wird aus ge­mein­sa­mer Be­geis­te­rung eine Dy­na­mik, der sich der Ein­zel­ne kaum noch ent­zie­hen kann? Wann hö­ren wir auf, selbst zu re­flek­tie­ren, weil wir uns vom Au­gen­blick tra­gen lassen?

Viel­leicht liegt ge­ra­de dar­in eine der Fra­gen, die Wag­ner uns mit „Ri­en­zi“ bis heu­te stellt: Wie viel Ei­gen­stän­dig­keit be­wah­ren wir, wenn wir Teil ei­ner be­geis­ter­ten Ge­mein­schaft werden?

Die Oper be­schreibt nicht nur ein his­to­ri­sches Ge­sche­hen, son­dern ver­weist auf ein mensch­li­ches Grund­mus­ter. Ge­mein­schaft kann ver­bin­den, in­spi­rie­ren und be­geis­tern. Sie kann aber eben­so dazu ver­lei­ten, das ei­ge­ne Ur­teil der Dy­na­mik ei­ner Men­ge zu über­las­sen. Zwi­schen die­sen Po­len ver­läuft ein schma­ler Grat – eine Am­bi­va­lenz, die mich in die­sen Bay­reu­ther Ta­gen im­mer wie­der be­schäf­tigt hat.

Eine ein­deu­ti­ge Ant­wort gibt „Ri­en­zi“ nicht. Aber die Oper for­dert uns auf, die­se Fra­ge im­mer wie­der neu zu stellen.

Sze­ne aus dem 5. Akt „Ri­en­zi“ mit An­dre­as Schager (Ri­en­zi) und Ga­brie­le Sche­rer (Ire­ne) –Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath 

Fried­man for­der­te eine of­fe­ne Aus­ein­an­der­set­zung mit Ri­chard Wag­ners An­ti­se­mi­tis­mus und der NS-Ver­gan­gen­heit der Bay­reu­ther Fest­spie­le und ver­band dies mit ei­nem Ap­pell für De­mo­kra­tie und ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus. Wer sich ver­tie­fend mit den un­ter­schied­li­chen Sicht­wei­sen auf Mi­chel Fried­mans Fest­re­de be­schäf­ti­gen möch­te, dem emp­feh­le ich ei­ner­seits die Über­sicht bei BR Klas­sik. Die im Bei­trag ge­zeig­ten Vi­de­os zei­gen Aus­schnit­te sei­ner Rede, Ein­drü­cke der Ge­denk­ver­an­stal­tung so­wie kur­ze Re­ak­tio­nen von Gäs­ten und Po­li­tik. An­de­rer­seits emp­feh­le ich den kri­ti­schen Es­say von Dr. Frank Piontek im Opern­freund. Ge­ra­de das Zu­las­sen un­ter­schied­li­cher Per­spek­ti­ven er­scheint mir ge­eig­net, über das The­ma der Be­ein­flus­sung nach­zu­den­ken, be­wusst Am­bi­va­lenz aus­zu­hal­ten und nichts auszublenden.

Die­se Ge­dan­ken sind aus­drück­lich per­sön­li­che Ein­drü­cke. Sie sol­len kei­ne Ur­tei­le über ein­zel­ne Per­so­nen oder Ver­an­stal­tun­gen sein, son­dern eine Ein­la­dung, über die Ak­tua­li­tät von Wag­ners „Ri­en­zi“ und die Ver­ant­wor­tung des Ein­zel­nen in un­se­rer heu­ti­gen Ge­sell­schaft nachzudenken.

Sze­ne aus dem 5. Akt „Ri­en­zi“ mit So­lis­ten, Fest­spiel­chor und Son­der­chor – Foto: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath