Friedman und „Rienzi“ im Festspielhaus, der Vortrag von Michael Wolffsohn im Friedrichsforum und das Konzert mit DJ Alle Farben am Festspielhaus: ein persönlicher Rückblick.

Manchmal erschließt sich die Bedeutung einzelner Erlebnisse erst im Rückblick. So erging es mir in den vergangenen zehn Tagen in Bayreuth. Vier sehr unterschiedliche Veranstaltungen führten mich – jede auf ihre eigene Weise – zu derselben Frage: Wie bewahren wir als Einzelne unsere Urteilskraft, wenn wir Teil einer begeisterten Gemeinschaft werden?
Am 26. Juli hörte ich zunächst die Festrede von Michel Friedman bei der Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“. Sie war engagiert, pointiert und rhetorisch eindrucksvoll. Manche Passagen empfand ich jedoch im Moment als zu sehr bewusst zugespitzt. Gerade bei einem so sensiblen Thema fragte ich mich, ob Zuspitzung immer der beste Weg ist, Menschen zum Nachdenken zu bewegen.

Am Nachmittag desselben Tages besuchte ich die „Rienzi“-Premiere. Dabei musste ich an einen Satz von Markus Kiesel denken, den er bei unserer Verbandsveranstaltung im März dieses Jahres in der Johanniskapelle formulierte: „Rienzi ist einer, der eigentlich immer alles gut machen wollte – und dabei sukzessive alles immer schlechter machte.“
Ich finde, diese knappe Charakterisierung trifft den Kern der Oper in bemerkenswerter Weise. Rienzi ist keine eindimensionale Figur. Sein Scheitern entwickelt sich aus idealistischen Absichten, wachsender Macht, zunehmender Selbstüberschätzung und einer immer stärkeren Eigendynamik der Masse. Gerade deshalb erscheint mir diese Oper heute erstaunlich aktuell.

Am 2. August hörte ich dann den Vortrag von Prof. Dr. Michael Wolffsohn über Antisemitismus im künstlerischen Kontext auf der Grundlage seines Buches „Genie und Gewissen“ beim Bayreuther RWV. Seine ruhige, wissenschaftlich fundierte und integre Argumentation hat mich tief beeindruckt. Ohne Polemik, aber mit großer historischer Kompetenz gelang es ihm, schwierige Zusammenhänge differenziert darzustellen und den Zuhörern Raum für eigene Schlussfolgerungen zu lassen. Für mich war dies ein Beispiel dafür, wie gerade bei kontroversen Themen Sachlichkeit und wissenschaftliche Redlichkeit oft mehr überzeugen als rhetorische Zuspitzung.
Am selben Abend führte mich die Neugier erstmals zum „Alle Farben“-Spektakel – musikalisch absolutes Neuland für mich. Mich faszinierte die enorme Energie dieser Veranstaltung: Tausende Menschen im gleichen Rhythmus, ein Lichtermeer aus Smartphones über den Köpfen, gemeinsames Mitsingen und Mitrufen, getragen von kraftvollen Beats.

Und plötzlich erinnerte ich mich wieder an „Rienzi“.
Denn genau dieses Bild hatte mich bereits in der Bayreuther Inszenierung beschäftigt: das Lichtermeer erhobener Smartphones als modernes Sinnbild einer Masse, die sich einem gemeinsamen Moment hingibt. Es waren also nicht die Smartphones, die mich an „Rienzi“ erinnerten – sie waren bereits Teil von „Rienzi“.
Natürlich wäre es völlig verfehlt, ein House- oder Tech-House-Konzert mit den politischen Mechanismen einer Wagner-Oper gleichzusetzen. Gerade deshalb blieb für mich nicht die Gleichsetzung der Ereignisse, sondern die Gemeinsamkeit des Bildes und die daraus erwachsende Frage so eindrücklich: Wie entsteht Gemeinschaft? Wann wird aus gemeinsamer Begeisterung eine Dynamik, der sich der Einzelne kaum noch entziehen kann? Wann hören wir auf, selbst zu reflektieren, weil wir uns vom Augenblick tragen lassen?
Vielleicht liegt gerade darin eine der Fragen, die Wagner uns mit „Rienzi“ bis heute stellt: Wie viel Eigenständigkeit bewahren wir, wenn wir Teil einer begeisterten Gemeinschaft werden?
Die Oper beschreibt nicht nur ein historisches Geschehen, sondern verweist auf ein menschliches Grundmuster. Gemeinschaft kann verbinden, inspirieren und begeistern. Sie kann aber ebenso dazu verleiten, das eigene Urteil der Dynamik einer Menge zu überlassen. Zwischen diesen Polen verläuft ein schmaler Grat – eine Ambivalenz, die mich in diesen Bayreuther Tagen immer wieder beschäftigt hat.
Eine eindeutige Antwort gibt „Rienzi“ nicht. Aber die Oper fordert uns auf, diese Frage immer wieder neu zu stellen.

Friedman forderte eine offene Auseinandersetzung mit Richard Wagners Antisemitismus und der NS-Vergangenheit der Bayreuther Festspiele und verband dies mit einem Appell für Demokratie und gegen Antisemitismus. Wer sich vertiefend mit den unterschiedlichen Sichtweisen auf Michel Friedmans Festrede beschäftigen möchte, dem empfehle ich einerseits die Übersicht bei BR Klassik. Die im Beitrag gezeigten Videos zeigen Ausschnitte seiner Rede, Eindrücke der Gedenkveranstaltung sowie kurze Reaktionen von Gästen und Politik. Andererseits empfehle ich den kritischen Essay von Dr. Frank Piontek im Opernfreund. Gerade das Zulassen unterschiedlicher Perspektiven erscheint mir geeignet, über das Thema der Beeinflussung nachzudenken, bewusst Ambivalenz auszuhalten und nichts auszublenden.
Diese Gedanken sind ausdrücklich persönliche Eindrücke. Sie sollen keine Urteile über einzelne Personen oder Veranstaltungen sein, sondern eine Einladung, über die Aktualität von Wagners „Rienzi“ und die Verantwortung des Einzelnen in unserer heutigen Gesellschaft nachzudenken.

