„Verstummte Stimmen“ online

Die seit 2015 am Grü­nen Hü­gel ein­ge­rich­te­te Dau­er­aus­stel­lung von „Ver­stumm­te Stim­men“, die an das Schick­sal jü­di­scher Mit­wir­ken­der bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len er­in­nert, wird jetzt er­gänzt durch eine di­gi­ta­le Plattform.

Aus­stel­lungs­ta­fel zu Bay­reuth-Sän­ge­rin Ot­ti­lie Metz­ger-Lat­ter­mann, die in Ausch­witz er­mor­det wur­de – Foto: Mo­ni­ka Beer

Zwi­schen 2006 und 2012 war die Aus­stel­lung „Ver­stumm­te Stim­men. Die Ver­trei­bung der Ju­den aus der Oper 1933–1945“ in sechs deut­schen Städ­ten zu se­hen, wo sie die Pro­zes­se von Aus­gren­zung und Ver­fol­gung jü­di­scher und po­li­tisch miss­lie­bi­ger Opern­künst­le­rin­nen und -künst­lern so­wie An­ge­hö­ri­ger des tech­ni­schen und Ver­wal­tungs­per­so­nals nach­zeich­ne­te. Zwan­zig Jah­re nach dem Auf­takt des Pro­jekts an der Ham­bur­gi­schen Staats­oper wer­den alle Er­geb­nis­se der Re­cher­chen seit 2006 auf ei­ner zen­tra­len Platt­form erst­mals dau­er­haft zu­gäng­lich gemacht.

Die Stadt Bay­reuth über­nahm die Trä­ger­schaft des Pro­jekts, das eine bis­lang ein­zig­ar­ti­ge er­in­ne­rungs­kul­tu­rel­le Ko­ope­ra­ti­on ei­ni­ger der wich­tigs­ten deut­schen Büh­nen dar­stellt, na­ment­lich der Ham­bur­gi­schen Staats­oper, der Staats­oper Un­ter den Lin­den Ber­lin, der Staats­oper Stutt­gart so­wie der Sem­per­oper und des Staats­schau­spiels Dres­den. Kon­zi­piert und um­ge­setzt wur­de es von der Ham­bur­ger Pro­jektagen­tur kul­tur­ar­bei­ten GbR, ge­stal­tet vom Ham­bur­ger De­sign­stu­dio Hansen/​2.

Ent­stan­den ist eine di­gi­ta­le Platt­form, die eben­so als Re­cher­che- und Bil­dungs­por­tal über die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­trei­bun­gen aus der Hoch­kul­tur fun­giert, wie als dau­er­haft und glo­bal zu­gäng­li­cher di­gi­ta­ler Er­in­ne­rungs­ort. Sie ver­sam­melt fast 300 Bio­gra­fien von Künst­le­rin­nen und Künst­lern so­wie Büh­nen­an­ge­hö­ri­gen, die zwi­schen 1933 und 1945 aus deut­schen Opern­häu­sern ver­drängt, ver­folgt und viel­fach er­mor­det wur­den – weil sie Ju­den und Jü­din­nen wa­ren oder sich ge­gen die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber stellten.

Be­son­ders ein­dring­lich ist die Form der Ver­mitt­lung: Ge­gen­wär­ti­ge En­sem­ble­mit­glie­der der be­tei­lig­ten Häu­ser, dar­un­ter die In­ten­dan­tin der Sem­per­oper, Nora Schmid, und der In­ten­dant der Ham­bur­gi­schen Staats­oper, To­bi­as Krat­zer so­wie der Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor der Staats­oper Un­ter den Lin­den, Chris­ti­an Thie­le­mann, spre­chen die Bio­gra­fien der Ver­trie­be­nen selbst ein. In ei­ner ge­mein­sa­men Er­klä­rung be­to­nen die In­ten­dan­tin­nen und In­ten­dan­ten der be­tei­lig­ten Büh­nen – Joa­chim Kle­ment, To­bi­as Krat­zer, Nora Schmid, Vik­tor Scho­ner und Eli­sa­beth Sobotka:

Die von Han­nes Heer, Pe­ter Schmidt und Jür­gen Kes­t­ing kon­zi­pier­te Wan­der­aus­stel­lung ‚Ver­stumm­te Stim­men‘ war in der Ver­gan­gen­heit ein wich­ti­ger Punkt für un­se­re Häu­ser. Sie mach­te deut­lich, dass die Orte der Hoch­kul­tur in den Jah­ren vor und nach der Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten kei­ne un­po­li­ti­schen Räu­me wa­ren, in de­nen es aus­schließ­lich ‚der Kunst galt‘. Auch hier, in un­se­ren Häu­sern, an un­se­ren Büh­nen, wur­den En­sem­ble­mit­glie­der und Mitarbeiter*innen, Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen auf Grund von Her­kunft und po­li­ti­scher Hal­tung aus­ge­grenzt, de­nun­ziert und der Ver­fol­gung preis­ge­ge­ben. Sie wur­den ent­las­sen, ins Exil oder in die De­por­ta­ti­on und den Tod ge­trie­ben, Kar­rie­ren und Le­ben wur­den zerstört.
Wir als Nachfolger*innen der da­mals Ver­ant­wort­li­chen be­ken­nen uns dazu, dass die Er­in­ne­rung an das da­mals ge­sche­he­ne Un­recht heu­te und in der Zu­kunft wach­ge­hal­ten wird. Das Ge­den­ken auch an die ne­ga­ti­ven Aspek­te der Ver­gan­gen­heit un­se­rer Häu­ser ver­ste­hen wir als zen­tra­le Auf­ga­be als de­mo­kra­ti­sche In­sti­tu­tio­nen. Wir sind froh und stolz, dass sich un­se­re Mitarbeiter*innen über alle Spar­ten und Ge­wer­ke hin­weg durch ihre Mit­wir­kung am Di­gi­tal­pro­jekt ‚Ver­stumm­te Stim­men‘ zu die­sem Ziel be­ken­nen und un­se­ren ehe­ma­li­gen Kolleg*innen ihre Stim­men lei­hen. Ih­nen gilt un­ser Dank.“

Am 20. Juli 2026 um 12 Uhr prä­sen­tier­ten die Ku­ra­to­ren des Pro­jekts, Dr. Sven Fritz und Jens Gei­ger-Ki­ran, das Por­tal www​.ver​stumm​te​-stim​men​.de erst­mals im Rat­haus Bay­reuth im Rah­men ei­ner Pres­se­kon­fe­renz, zu der die Stadt Bay­reuth ein­ge­la­den hat. Am Tag der Er­öff­nung der 150. Bay­reu­ther Fest­spie­le wird am 26. Juli 2026, um 9.30 Uhr, aus An­lass der Prä­sen­ta­ti­on der di­gi­ta­len Platt­form ein öf­fent­li­cher Ge­denk­akt in der Dau­er­in­stal­la­ti­on der Bay­reu­ther Sta­ti­on der „Ver­stumm­ten Stim­men“ statt­fin­den. Der Ju­rist, Pu­bli­zist und Phi­lo­soph Prof. Dr. Dr. Mi­chel Fried­man wird die Aus­stel­lung be­su­chen und an ei­nem To­ten­ge­den­ken teil­neh­men. Ihn be­glei­ten wer­den die Lei­te­rin der Bay­reu­ther Fest­spie­le, Prof. Ka­tha­ri­na Wag­ner, Bay­reuths Ober­bür­ger­meis­ter Dr. An­dre­as Zip­pel und die Ku­ra­to­ren der Aus­stel­lung, Dr. Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran.

Im An­schluss fin­det im Bay­reu­ther Fest­spiel­haus ein Ge­denk­kon­zert un­ter dem Ti­tel „Ver­stumm­te Stim­men“ als Ko­ope­ra­ti­ons­ver­an­stal­tung zwi­schen den Bay­reu­ther Fest­spie­len und dem Pro­jekt „Ver­stumm­te Stim­men“ statt, zu dem Mi­chel Fried­man eine Ge­denk­re­de bei­tra­gen wird.

„Ver­stumm­te Stim­men“ ist ein Pro­jekt in Trä­ger­schaft der Stadt Bay­reuth in Ko­ope­ra­ti­on mit Ham­bur­ger Staats­oper, Staats­oper Un­ter den Lin­den Ber­lin, Staats­thea­ter Stutt­gart, Sem­per­oper und Staats­schau­spiel Dres­den. Rea­li­siert mit freund­li­cher Un­ter­stüt­zung der Ober­fran­ken­stif­tung, Rai­ner-Mark­graf-Stif­tung, Fried­rich-Baur-Stif­tung, Al­fred-Toep­fer-Stif­tung, Ge­sell­schaft der Freun­de von Bay­reuth, Pe­ter-Dor­nier-Stif­tung, Spar­kas­se Bay­reuth, Baye­ri­sche Spar­kas­sen­stif­tung und e.on-Bayern-Kulturstiftung Bayreuth.

Quel­le: Pres­se­mel­dung der Stadt Bayreuth