„Es hängt an uns allen“

Heu­te vor fünf­zig Jah­ren er­schien un­ter dem Ti­tel „Der neue ‚Ring‘ bleibt im Spiel­plan“ im Nord­baye­ri­schen Ku­rier mein Be­richt von der In­ter­na­tio­na­len Fest­spiel-Pres­se­kon­fe­renz 1976 im Fest­spiel­re­stau­rant. Hier der in vie­lem über­ra­schend ak­tu­ell klin­gen­de Wortlaut.

Pro­test­pla­ka­te zur Fest­spiel-Pres­se­kon­fe­renz 1976 vor dem Fest­spiel­re­stau­rant – Vor­la­ge: O.G.Bauer „Die Ge­schich­te der Bay­reu­ther Festspiele“/Nationalarchiv der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung Bay­reuth, Zu­stif­tung Wolf­gang Wagner

Vie­le se­hen dar­in den Wei­he­tem­pel des Wag­ner­schen Werks: Die­sem „Wei­he­tem­pel“ na­mens Fest­spiel­haus hat der fran­zö­si­sche Jung-Re­gis­seur Pa­tri­ce Ché­reau den Marsch ge­bla­sen – das er­lauch­te Pu­bli­kum hat kräf­tig mit­ge­tönt. Wolf­gang Wag­ner stell­te sich ges­tern bei der Pres­se­kon­fe­renz im Fest­spiel­lei­tung vor „sei­nen Freund“ Pa­tri­ce Ché­reau. Daß der um­strit­te­ne „Ring“ selbst­ver­ständ­lich auch im nächs­ten Jahr wie­der auf dem Spiel­plan ste­he, war die ers­te Ant­wort auf die Fra­gen der rund 300 Fach­jour­na­lis­ten aus dem In- und Aus­land. „Werk­statt Bay­reuth“, sag­te der Fest­spiel­lei­ter, „be­deu­tet, daß hier echt ge­ar­bei­tet wird. Wir wol­len kein ku­li­na­ri­sches Thea­ter für ein Pu­bli­kum ma­chen, das ‚auch in Bay­reuth‘ vor­bei­kommt.“ Der Fest­spiel­ge­dan­ke er­for­de­re eine stän­di­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Werk Wag­ners. Daß die­se Aus­ein­an­der­set­zung im Pu­bli­kum hef­ti­ge Dis­kus­sio­nen aus­ge­löst habe, sei nur er­freu­lich: „Das be­weist die Le­ben­dig­keit des Unternehmens“.

Das Un­ter­neh­men „Ring“ und sei­ne Deu­tung hat der 31jährige Re­gis­seur be­wußt nicht vor­her im Pro­gramm­heft er­läu­tert. „Die In­sze­nie­rung, das un­mit­tel­ba­re Ge­sche­hen auf der Büh­ne soll­te für sich spre­chen.“ Die­se Spra­che der In­sze­nie­rung – so zeig­te es sich bei den Fra­gen in der Pres­se­kon­fe­renz – wur­de vor al­lem in Büh­nen­bild und Kos­tü­men nicht im­mer ver­stan­den. „Ich habe viel von den Ge­gen­stim­men zu Ri­chard Pe­duz­zis Büh­nen­bild ge­hört“, sag­te Ché­reau, der gut deutsch spricht. „Da­her muß ich ein­mal grund­sätz­lich fest­stel­len, daß ich als Re­gis­seur nicht das harm­lo­se Op­fer der Will­kür ei­nes Büh­nen­bild­ners bin. Al­les, was auf der Büh­ne er­scheint, ist un­ser ge­mein­sa­mer Wille.“

Man dür­fe Büh­nen­bild, Kos­tüm und Per­so­nen­füh­rung oh­ne­hin nicht ge­trennt be­ur­tei­len. „Wir ha­ben eine Mi­schung die­ser Ele­men­te an­ge­strebt. Da ich nicht an Büh­nen­bil­der und Kos­tü­me glau­be, die zeit­los sind, sind ver­schie­de­ne Stil­rich­tun­gen ver­mischt. Die­se Mi­schung er­gibt dann die Al­le­go­rien in der ge­sam­ten ‚Ring‘-Struktur.“

Daß die Te­tra­lo­gie im Vor­abend des „Rhein­gol­des“ nicht mit der un­be­rühr­ten Na­tur, son­dern mit ei­nem Stau­damm be­gin­ne, habe sei­nen gu­ten Grund: „1976 kön­nen wir nicht mehr an eine un­zer­stör­te Na­tur glau­ben. Der Schlaf der Na­tur kann nicht der An­fang von al­lem ge­we­sen sein“, er­läu­ter­te Ché­reau. „Ich ver­ste­he das ers­te Bild nicht als den Be­ginn der Welt und der Hu­ma­ni­tät. Al­les hat­te schon vor­her eine Ge­schich­te.“ Im ‚Rhein­gold‘ sei kei­ne Idyl­le, son­dern Ge­walt ge­gen die han­deln­den Per­so­nen; im Büh­nen­bild sei Ge­walt ge­gen die Na­tur gesetzt.

Der Tod Sieg­frieds und der recht be­leb­te in­sze­nier­te Trau­er­marsch wa­ren ein wei­te­rer Punkt der Dis­kus­si­on. Die Mu­sik, so äu­ßer­te ein Mu­sik­kri­ti­ker, sei durch den An­marsch der Pro­le­ta­ri­er prak­tisch er­le­digt. „Das sind kei­ne Pro­le­ta­ri­er“, kon­ter­te Ché­reau. „Das ist der Chor“. Er habe ver­sucht, kein lee­res fei­er­li­ches Ri­tu­al zu zei­gen. „In die­sem Mo­ment sieht die Mensch­heit erst­mals rich­tig zu und fragt sich, wie man über­le­ben kann. Des­halb emp­fin­de ich ge­ra­de den Trau­er­marsch nicht nur fei­er­lich, son­dern auch dro­hend.“ Wolf­gang Wag­ner er­gänz­te, daß „Trau­er­marsch“ oh­ne­hin die fal­sche Be­zeich­nung die­ser Mu­sik sei. Ché­reau be­dau­er­te au­ßer­dem, daß Sieg­mund kei­nen sol­chen Trau­er­marsch habe. Sieg­munds Tod sei eher be­kla­gens­wert als der des Siegfried.

Über­haupt lie­ge sein Haupt­in­ter­es­se dar­in, mensch­li­che Dra­men auf­zu­zei­gen. „Mir sagt nur die Ge­schich­te des ‚Rings‘ et­was“, an Fei­er­lich­keit, Gött­lich­keit und Kos­mos habe er bei der In­sze­nie­rung nicht gedacht.„Ich zei­ge das Mensch­li­che, die Ver­zweif­lun­gen, Hoff­nun­gen, die Schwie­rig­kei­ten zu le­ben und sich zu re­vol­tie­ren. Viel­leicht ist das eine klei­ne Sa­che, es ist aber die ein­zi­ge, die mich be­wegt.“ Das Mensch­li­che ver­klei­ne­re Wag­ners Werk nicht.

Pa­tri­ce Ché­reau bei ei­ner Pro­be zur „Göt­ter­däm­me­rung“ 1976 mit Gwy­neth Jo­nes und Franz Ma­zu­ra – Foto: Fest­spiel­lei­tung Bayreuth/​Wilhelm Rauh

Auf die Wi­der­sprüch­lich­kei­ten der In­sze­nie­rung an­ge­spro­chen, er­läu­ter­te Ché­reau sei­nen Ar­beits­stil. „Als Re­gis­seur kann ich prak­tisch nur mit Wi­der­sprü­chen ar­bei­ten. Im ‚Ring‘ gibt es kei­ne voll­kom­men­de Ein­heit. Ich in­sze­nie­re aus ei­ner ge­wis­sen Di­stanz die Wi­der­sprüch­lich­keit die­ses Wer­kes, aber auch die Wi­der­sprü­che in Wag­ner selbst, sei­nen Ideen und Per­so­nen.“ Er habe ver­sucht, die­se Ge­schich­te des „Rings“ ak­tu­ell zu er­zäh­len, denn sie habe uns auch heu­te noch et­was zu sa­gen und zu bedeuten.

Die­se Wi­der­sprüch­lich­keit zei­ge sich auch in der Mu­sik. Er in­sze­nie­re eine prä­zi­se Mi­schung zwi­schen Text und Mu­sik. Der Man­gel an Far­ben auf der Büh­ne sei be­ab­sich­tigt. „Die Far­ben der Mu­sik zu wie­der­ho­len, ist un­nö­tig. Au­ßer­dem ent­spricht die Farb­lo­sig­keit der Ge­schich­te vom ‚An­fang vom Ende‘, die der ‚Ring‘ er­zählt.“ Die Sym­bo­le die­ser Ge­schich­te, wie zum Bei­spiel der Speer, sei­en be­reits Re­qui­si­ten, die zwar einst ei­nen Wert hat­ten, aber schon im „Rhein­gold“ in sich wi­der­sprüch­lich seien.

Der „of­fe­ne Schluß“ in der „Göt­ter­däm­me­rung“ sei vor­ge­ge­ben. „Bei Ri­chard Wag­ner en­det der ‚Ring‘ mit ei­nem Fra­ge­zei­chen. Ich woll­te vie­le Fra­ge­zei­chen ge­ben.“ Daß Ha­gen über­le­be, sei eine Kon­se­quenz der zeit­ge­mä­ßen Deu­tung. „1976 ist es ein­fach nicht mehr mög­lich zu glau­ben, daß das Böse leicht zu ver­nich­ten ist.“ Im Schluß der „Göt­ter­däm­me­rung“ lie­ge le­dig­lich in der Mu­sik der An­fang ei­ner Ant­wort. Die Men­schen auf der Büh­ne („Kei­ne Angst! Das sind nicht nur Ar­bei­ter, die die Macht an sich rei­ßen wol­len“) hör­ten der mu­si­ka­li­schen Pro­phe­zei­ung im Er­lö­sungs­mo­tiv zu. „Alle – die Men­schen auf der Büh­ne und im Zu­schau­er­raum – müs­sen sich dann die Fra­ge stel­len, wie es wei­ter­geht. Es hängt an uns allen.“

Wolf­gang Wag­ner un­ter­stüt­ze die In­ter­pre­ta­ti­on des Fran­zo­sen. „Wir ha­ben ein Jahr­hun­dert Fest­spie­le über­stan­den und dür­fen den An­schluß an die Zu­kunft nicht ver­lie­ren. Des­halb habe ich ei­nem be­gab­ten jun­gen Mann die Auf­ga­be ge­stellt, aus sei­ner War­te die Wer­ke Wag­ners zu interpretieren.“

Er ver­ste­he die Fest­spie­le als Werk­statt. „Ei­ner ‚Ring‘-Neuinszenierung muß man Un­voll­kom­me­nes ein­räu­men“, sag­te er wei­ter. Er habe be­wußt kei­nen ar­ri­vier­ten Re­gis­seur en­ga­giert, denn das ent­spre­che nicht dem Werk­statt-Cha­rak­ter. „Es gibt Leu­te, die für eine Dis­kus­si­on zu er­ha­ben sind. Wir sit­zen nicht auf die­sem ho­hen Roß, son­dern freu­en uns, wenn hef­tig dis­ku­tiert wird.“ Es do­ku­men­tie­re sich ge­ra­de zum Fest­spiel­jahr­hun­dert, „daß wir nicht tot sind. Das Pu­bli­kum ist sehr ak­tiv, so sehr, daß man­cher glaubt, daß sei­ne Stim­me al­lein zum Buh­ru­fen nicht mehr aus­reicht.“ Die Buh­ru­fe – Pa­tri­ce Ché­reau er­klär­te, daß sie ihn amü­sier­ten – sei­en der Grund da­für, daß sich das Or­ches­ter nicht auf der Büh­ne ge­zeigt habe. „Nicht je­der hat die Ner­ven, mit Buh­ru­fen emp­fan­gen zu werden.“

Ori­gi­nal­ar­ti­kel aus dem Nord­baye­ri­schen Ku­rier vom 31.7./1.8.1976