Doppeltes Heimspiel für Jakub Hrůša

Un­ser Mit­glied Jo­chen Neu­r­a­th, Bam­ber­ger Kom­po­nist und Bergan­za-Preis­trä­ger, hat am Sams­tag die Auf­füh­rung der Oper „Jenů­fa“ bei den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern be­sucht. Hier sei­ne Kritik.

Ein gro­ßer Opern­abend in der Kon­zert­hal­le: „Jenů­fa“ un­ter der Lei­tung von Ja­kub Hrůša bei den Bam­ber­ger Sym­pho­ni­kern. – Foto: Ma­ri­an Lenhard

Es ist im­mer wie­der ein Rät­sel, wie man in der Oper stun­den­lang Men­schen beim Lei­den zu­hö­ren und zu­se­hen kann, und trotz­dem am Ende er­ho­ben, im bes­ten Fall so­gar be­glückt, das Thea­ter ver­lässt. Es liegt si­cher nicht nur dar­an, dass man sich gut an­ge­zo­gen und auf be­que­mem Ge­stühl in si­che­rer Ent­fer­nung zu den dar­ge­stell­ten Grau­sam­kei­ten be­fin­det. Es ist viel­mehr ge­ra­de die Kraft der Mu­sik, die­sen Ab­stand zu über­win­den, und die Emo­tio­nen der Fi­gu­ren so von in­nen her­aus zu ge­stal­ten, dass wir sie in un­se­rem ei­ge­nen In­ne­ren wie­der­fin­den kön­nen. So man­che in der Oper ver­gos­se­ne Trä­ne mag das bezeugen.

Leoš Janá­ček war dar­in ein Meis­ter, den Per­so­nen sei­ner Stü­cke so tief in die See­le zu hor­chen, dass selbst die frag­wür­di­gen Cha­rak­te­re ihre Wür­de be­hal­ten, und die Sym­pa­thie­trä­ger uns in all ih­rer Kom­ple­xi­tät nahe ge­bracht wer­den. Janá­ček fin­det die­sen Zu­gang zum Mensch­li­chen über die Spra­che, ih­ren Rhyth­mus, ihre Me­lo­die. Der tsche­chi­schen Spra­che – im Fal­le der „Jenů­fa“ dem mäh­ri­schen Dia­lekt sei­ner Hei­mat – hört er so ge­nau zu, dass er jede kleins­te See­len­re­gung in den ent­spre­chen­den Ton­fall zu über­set­zen vermag.

Ne­ben­bei re­vo­lu­tio­niert er da­mit die Gram­ma­tik der Oper. Er kommt ohne die gro­ßen Me­lo­die­bö­gen der Ita­lie­ner aus, und ohne die wuch­ti­ge Dra­ma­tik des deut­schen Mu­sik­thea­ters sei­ner Zeit. Sei­ne Fi­gu­ren ste­hen ganz un­mit­tel­bar vor uns, wie sie spre­chen, wie sie in ih­rer Land­schaft ver­haf­tet sind und in den Wert­vor­stel­lun­gen ih­rer dörf­li­chen Ge­mein­schaft, an de­nen sie zu zer­bre­chen drohen.

Für Ja­kub Hrůša ist die­se Auf­füh­rung der „Jenů­fa“ im wört­li­chen Sin­ne ein Heim­spiel. Selbst im mäh­ri­schen Brno (Brünn) ge­bo­ren, ist sei­ne tie­fe Ver­bun­den­heit mit der Mu­sik Janá­čeks in je­dem Mo­ment spür­bar. Und „sein“ Or­ches­ter, die Bam­ber­ger Sym­pho­ni­ker mit ih­rem Ur­sprung in Prag, führt er hier zu ei­nem Tri­umph, der den Saal mit ste­hen­dem Ap­plaus er­be­ben ließ.

Ein bis in die Ne­ben­rol­len groß­ar­tig be­setz­tes Sän­ger­ensem­ble und der be­stechend prä­zi­se Tsche­chi­sche Phil­har­mo­ni­sche Chor Brno er­wei­tern das Kon­zert­po­di­um zu ei­ner ima­gi­nä­ren Büh­ne, und die bei kon­zer­tan­ten Auf­füh­run­gen von Opern auf­tre­ten­den Fra­gen – die feh­len­de Sze­ne und die schwie­ri­ge Ba­lan­ce zwi­schen Or­ches­ter und Sän­gern – sind schnell vergessen.

So­fort wird man in das düs­te­re Ge­sche­hen hin­ein­ge­zo­gen. Die zwi­schen Vor­freu­de auf ihre Ver­lo­bung und den War­nun­gen vor ih­rem trink­freu­di­gen Šte­va hin- und her ge­ris­se­ne Jenů­fa, der ab­ge­wie­se­ne Lie­ben­de Laca, die hilf­lo­se Groß­mutter, und schließ­lich die Küs­te­rin, die in ih­ren ver­zwei­fel­ten Ver­su­chen, das Un­glück ab­zu­wen­den, spä­ter zur Kinds­mör­de­rin wird – sie alle ste­hen auch ohne Kos­tüm und Büh­nen­bild von Be­ginn an greif­bar vor uns.

Die­se zen­tra­len Rol­len kann man sich kaum über­zeu­gen­der ge­stal­tet vor­stel­len, auch weil es al­len Dar­stel­lern ge­lingt, schon im rein Ge­sang­li­chen die Wi­der­sprü­che ih­rer Fi­gu­ren spür­bar zu ma­chen. Der Šte­va von Tho­mas At­kins ver­eint auf­trump­fen­de Ei­tel­keit mit tat­säch­li­chem Charme, dem Laca von Ni­cky Spence nimmt man so­wohl sei­ne Ag­gres­si­vi­tät als auch die auf­rich­ti­ge Lie­be ab. Eliš­ka Weis­so­vá als Küs­te­rin zeich­net mit der Ur­ge­walt ih­rer Stim­me das Bild ei­ner Frau, die al­les da­für tut, ihr Bild von Fa­mi­lie zu ret­ten, und ge­ra­de da­durch sich und an­de­re un­rett­bar in die Ka­ta­stro­phe führt.

Und na­tür­lich Co­rin­ne Win­ters. Ihre Jenů­fa be­rührt mit der In­ten­si­tät ih­res Lei­dens ge­nau­so wie mit der fast über­mensch­li­chen Stär­ke, die sie die­sem Leid ab­trot­zen kann. Vom zar­ten in­ni­gen Pia­no bis hin zum gro­ßen Aus­bruch ste­hen ih­rer Stim­me alle Mög­lich­kei­ten tech­nisch mü­he­los zur Ver­fü­gung. So nimmt sie uns in je­dem Mo­ment mit in das Wech­sel­bad der Ge­füh­le, das ih­rer Rol­le zu­ge­mu­tet wird.

Über­zeu­gend in der Ti­tel­rol­le: Co­rin­ne Win­ters (rechts) als Jenů­fa – Foto: Ma­ri­an Lenhard

Blie­ben Wün­sche of­fen? Wenn man es sehr streng nimmt, dann hät­ten im Or­ches­ter viel­leicht die kurz­glied­ri­gen spre­chen­den Mo­ti­ve, die so cha­rak­te­ris­tisch für Janá­ček sind, noch ak­ti­ver und rau­her aus dem Ge­samt­klang her­aus­ste­chen kön­nen. Aber die Kraft der Mu­sik in ih­rer ab­ge­dun­kel­ten Far­big­keit, vor al­lem im grau­si­gen Not­tur­no des Zwei­ten Ak­tes, sprach uns, von Ja­kub Hrůša und sei­nem Or­ches­ter ge­tra­gen, tief in die Seele.

© Jo­chen Neurath

Ova­tio­nen für die So­lis­ten, die Sym­pho­ni­ker und ih­ren Chef­di­ri­gen­ten und für den Chor aus Brünn – Foto: Ma­ri­an Lenhard

Nach­trag der Re­dak­ti­on: Am 5. und 11. No­vem­ber tre­ten alle be­tei­lig­ten Künst­ler in ei­ner sze­ni­schen Auf­füh­rung der „Jenů­fa“ im Rah­men des Janá­ček-Fes­ti­vals im Janá­ček-Thea­ter Brünn auf. Sei­ne nächs­ten Wag­ner-Auf­füh­run­gen di­ri­giert Ja­kub Hrůša als neu­er mu­si­ka­li­scher Di­rek­tor des Roy­al Ope­ra House Co­vent Gar­den An­fang 2027 in Lon­don: ab 21. Ja­nu­ar läuft dort Bar­rie Kos­kys Neu­in­sze­nie­rung der „Göt­ter­däm­me­rung“, die am 3. Fe­bru­ar auch im Kino zu er­le­ben ist, vier kom­plet­te „Ring“-Zyklen fol­gen im Oktober/​November 2027.