Unser Mitglied Jochen Neurath, Bamberger Komponist und Berganza-Preisträger, hat am Samstag die Aufführung der Oper „Jenůfa“ bei den Bamberger Symphonikern besucht. Hier seine Kritik.

Es ist immer wieder ein Rätsel, wie man in der Oper stundenlang Menschen beim Leiden zuhören und zusehen kann, und trotzdem am Ende erhoben, im besten Fall sogar beglückt, das Theater verlässt. Es liegt sicher nicht nur daran, dass man sich gut angezogen und auf bequemem Gestühl in sicherer Entfernung zu den dargestellten Grausamkeiten befindet. Es ist vielmehr gerade die Kraft der Musik, diesen Abstand zu überwinden, und die Emotionen der Figuren so von innen heraus zu gestalten, dass wir sie in unserem eigenen Inneren wiederfinden können. So manche in der Oper vergossene Träne mag das bezeugen.
Leoš Janáček war darin ein Meister, den Personen seiner Stücke so tief in die Seele zu horchen, dass selbst die fragwürdigen Charaktere ihre Würde behalten, und die Sympathieträger uns in all ihrer Komplexität nahe gebracht werden. Janáček findet diesen Zugang zum Menschlichen über die Sprache, ihren Rhythmus, ihre Melodie. Der tschechischen Sprache – im Falle der „Jenůfa“ dem mährischen Dialekt seiner Heimat – hört er so genau zu, dass er jede kleinste Seelenregung in den entsprechenden Tonfall zu übersetzen vermag.
Nebenbei revolutioniert er damit die Grammatik der Oper. Er kommt ohne die großen Melodiebögen der Italiener aus, und ohne die wuchtige Dramatik des deutschen Musiktheaters seiner Zeit. Seine Figuren stehen ganz unmittelbar vor uns, wie sie sprechen, wie sie in ihrer Landschaft verhaftet sind und in den Wertvorstellungen ihrer dörflichen Gemeinschaft, an denen sie zu zerbrechen drohen.
Für Jakub Hrůša ist diese Aufführung der „Jenůfa“ im wörtlichen Sinne ein Heimspiel. Selbst im mährischen Brno (Brünn) geboren, ist seine tiefe Verbundenheit mit der Musik Janáčeks in jedem Moment spürbar. Und „sein“ Orchester, die Bamberger Symphoniker mit ihrem Ursprung in Prag, führt er hier zu einem Triumph, der den Saal mit stehendem Applaus erbeben ließ.
Ein bis in die Nebenrollen großartig besetztes Sängerensemble und der bestechend präzise Tschechische Philharmonische Chor Brno erweitern das Konzertpodium zu einer imaginären Bühne, und die bei konzertanten Aufführungen von Opern auftretenden Fragen – die fehlende Szene und die schwierige Balance zwischen Orchester und Sängern – sind schnell vergessen.
Sofort wird man in das düstere Geschehen hineingezogen. Die zwischen Vorfreude auf ihre Verlobung und den Warnungen vor ihrem trinkfreudigen Števa hin- und her gerissene Jenůfa, der abgewiesene Liebende Laca, die hilflose Großmutter, und schließlich die Küsterin, die in ihren verzweifelten Versuchen, das Unglück abzuwenden, später zur Kindsmörderin wird – sie alle stehen auch ohne Kostüm und Bühnenbild von Beginn an greifbar vor uns.
Diese zentralen Rollen kann man sich kaum überzeugender gestaltet vorstellen, auch weil es allen Darstellern gelingt, schon im rein Gesanglichen die Widersprüche ihrer Figuren spürbar zu machen. Der Števa von Thomas Atkins vereint auftrumpfende Eitelkeit mit tatsächlichem Charme, dem Laca von Nicky Spence nimmt man sowohl seine Aggressivität als auch die aufrichtige Liebe ab. Eliška Weissová als Küsterin zeichnet mit der Urgewalt ihrer Stimme das Bild einer Frau, die alles dafür tut, ihr Bild von Familie zu retten, und gerade dadurch sich und andere unrettbar in die Katastrophe führt.
Und natürlich Corinne Winters. Ihre Jenůfa berührt mit der Intensität ihres Leidens genauso wie mit der fast übermenschlichen Stärke, die sie diesem Leid abtrotzen kann. Vom zarten innigen Piano bis hin zum großen Ausbruch stehen ihrer Stimme alle Möglichkeiten technisch mühelos zur Verfügung. So nimmt sie uns in jedem Moment mit in das Wechselbad der Gefühle, das ihrer Rolle zugemutet wird.

Blieben Wünsche offen? Wenn man es sehr streng nimmt, dann hätten im Orchester vielleicht die kurzgliedrigen sprechenden Motive, die so charakteristisch für Janáček sind, noch aktiver und rauher aus dem Gesamtklang herausstechen können. Aber die Kraft der Musik in ihrer abgedunkelten Farbigkeit, vor allem im grausigen Notturno des Zweiten Aktes, sprach uns, von Jakub Hrůša und seinem Orchester getragen, tief in die Seele.
© Jochen Neurath

Nachtrag der Redaktion: Am 5. und 11. November treten alle beteiligten Künstler in einer szenischen Aufführung der „Jenůfa“ im Rahmen des Janáček-Festivals im Janáček-Theater Brünn auf. Seine nächsten Wagner-Aufführungen dirigiert Jakub Hrůša als neuer musikalischer Direktor des Royal Opera House Covent Garden Anfang 2027 in London: ab 21. Januar läuft dort Barrie Koskys Neuinszenierung der „Götterdämmerung“, die am 3. Februar auch im Kino zu erleben ist, vier komplette „Ring“-Zyklen folgen im Oktober/November 2027.
