Hier gilt’s stets auch der Politik!

Un­ser Mit­glied Bernd Buch­ner hat sei­ne Fest­spiel­ge­schich­te von 2013  um­fas­send ak­tua­li­siert, er­wei­tert und ver­bes­sert: „Wag­ners Welt­thea­ter“ ist jetzt ein gut les­ba­res und des­il­lu­sio­nie­rend in­for­ma­ti­ves Standardwerk.

Bernd Buch­ner mit sei­nem neu­en Buch „Wag­ners Welt­thea­ter“, das er am 27. No­vem­ber 2025 mit Vor­trag und Le­sung of­fi­zi­ell erst­mals bei uns vor­ge­stellt hat. – Foto: Buchner

Es fängt ganz harm­los an. „Am An­fang war Wag­ner“, schreibt Bernd Buch­ner in der stark über­ar­bei­te­ten Ver­si­on sei­ner im Wag­ner-Ju­bi­lä­ums­jahr 2013 erst­mals er­schie­ne­nen Fest­spiel­ge­schich­te „Wag­ners Welt­thea­ter“, in der er un­ter an­de­rem so ziem­lich alle, die in Be­zug auf Ri­chard Wag­ner und Bay­reuth Rang und Na­men ha­ben, zi­tie­ren wird. Aber schon die ers­te Be­leg­stel­le – „ein Nest macht Welt­ge­schich­te, wie Wahn­fried-Haus­häl­te­rin Lie­se­lot­te Schmidt 1934 äu­ßer­te“ – of­fen­bart, dass es hier we­ni­ger um das üb­li­che Who-is-Who? geht. Son­dern eher ans Ein­ge­mach­te. Denn Lie­se­lot­te Schmidt, von 1931 bis zu ih­rem frü­hen Tod 1938 Haus­häl­te­rin und Gou­ver­nan­te der Kin­der von Sieg­fried und Wi­nif­red Wag­ner, war pas­sio­nier­te Na­zis­se und zeit­wei­se li­iert mit dem spä­te­ren „Po­len­schläch­ter“ Hans Frank. Will sa­gen: Das ein­gangs zi­tier­te, un­ter­halt­sam und grif­fig wir­ken­de, Welt­ge­schich­te ma­chen­de Nest ist bei ge­naue­rem Hin­se­hen kei­nes, in das man sich set­zen woll­te. In der Fest­spiel­ge­schich­te, wie Bernd Buch­ner sie mit ent­schie­de­nem Fo­kus aufs Po­li­ti­sche auf­rollt und dies­mal – auch auf­grund der ver­bes­ser­ten Quel­len­la­ge – fast bis zur Ge­gen­wart fort­schreibt, gab und gibt es kei­ne hei­le Kunst- und Kulturwelt.

Wer ohne ei­nen von Ver­klä­rung ge­trüb­ten Blick wis­sen will, war­um und wie bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len Kunst und Po­li­tik zu­sam­men­ge­hen, für den ist das gut les­bar ge­schrie­be­ne und des­il­lu­sio­nie­rend in­for­ma­ti­ve Buch ein idea­ler Ein­stieg. Aus­gangs­punkt für den Au­tor ist, dass alle po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen in Deutsch­land – vom Kai­ser­reich über das „Drit­te Reich“ und den bei­den deutsch-deut­schen Staa­ten bis hin zur wie­der­ver­ei­nig­ten Re­pu­blik und den heu­ti­gen Gen­der­fra­gen – sich auch im Ge­sche­hen am Grü­nen Hü­gel und in Wahn­fried spie­geln. Die Fest­spie­le sind, wie Buch­ner fest­stellt, ge­wis­ser­ma­ßen eine die Ge­schich­te mit­prä­gen­de „Pro­be­büh­ne für Deutsch­land“. Vom Auf­bau her ent­spricht das Buch im We­sent­li­chen der zeit­li­chen Ab­fol­ge, die sich  an den je­wei­li­gen fest­spiel­lei­ten­den Per­sön­lich­kei­ten fest­macht. Die chro­no­lo­gi­schen Ka­pi­tel wer­den er­gänzt durch Ein­schü­be, Rück­bli­cke, so­ge­nann­te „Sei­ten­hie­be“ so­wie bio­gra­fi­sche Es­says über die Haupt­ak­teu­rin­nen und Haupt­ak­teu­re – mit Aus­nah­me Ri­chard Wag­ners, „über den ge­nug ge­sagt ist“, was den Au­tor aber selbst­re­dend nicht da­von ab­hält, auch sei­ne Sicht über ihn abzubilden.

Auf das Ka­pi­tel über die Ära des Fest­spiel­grün­ders (1870–1883), der sich durch sei­ne Wen­dung vom lin­ken Re­vo­lu­tio­när zum an­ti­mo­der­nen Kon­ser­va­ti­ven selbst an­schluss­fä­hig für ver­schie­dens­te Ideo­lo­gien ge­macht habe, folgt als zwei­tes das zu sei­ner Wit­we Co­si­ma Wag­ner (1883–1906). Ihr ge­ling es zwar, das bank­rot­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men zu eta­blie­ren und kon­so­li­die­ren, zu­gleich aber setzt sie den be­reits ein­ge­schla­ge­nen Weg der ideo­lo­gi­schen Ra­di­ka­li­sie­rung fort. Sieg­fried Wag­ners Zeit als Fest­spiel­lei­ter wird in Ka­pi­tel 3 „Zwi­schen Wil­hel­mi­nis­mus und Wei­mar (1906–1924)“ und teils in Ka­pi­tel 4 „Hit­lers Hof­thea­ter (1924–1945)“ mit der 1930 be­gin­nen­den Ägi­de Wi­nif­red Wag­ners ab­ge­bil­det, um deut­lich zu ma­chen, dass die brau­ne Ver­gan­gen­heit Bay­reuths schon weit vor der Macht­er­grei­fung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­ginnt. Das ist auch in­so­fern ein State­ment, als üb­li­cher­wei­se die Fest­spie­le im „Drit­ten Reich“ nur mit Wi­nif­red Wag­ners Zeit als Lei­te­rin gleich­ge­setzt wer­den. Schon mit dem Ti­tel „Neu­es Bay­reuth mit al­ten Ka­me­ra­den (1945–1966)“ schil­dert Buch­ner treff­si­cher auch die Nach­kriegs­zeit der Fest­spie­le un­ter der ge­mein­sa­men Lei­tung der Wag­ner­brü­der Wie­land und Wolf­gang mit der über­all ge­ge­be­nen Ver­drän­gungs­kul­tur. Die schier end­lo­se Al­lein­herr­schaft Wolf­gang Wag­ners teilt er wie­der­um auf: Das Ka­pi­tel 6 „De­mo­kra­tie und Re­gie­thea­ter (1966–1990)“ wür­digt aus gu­ten Grün­den den „frän­ki­schen Prin­zi­pal“. In Ka­pi­tel 7 „Deutsch­land ei­nig Wag­ner­land (1990–2026)“ spie­gelt sich der po­li­tisch-his­to­risch vor­ge­ge­be­ne Schnitt mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung, dem der „Win­ter des Pa­tri­ar­chen“ folgt. Und schließ­lich sind Wolf­gangs Töch­ter Eva Wag­ner-Pas­quier und Ka­tha­ri­na Wag­ner an der Rei­ge – letz­te­re jetzt im Al­lein­gang schon als die­je­ni­ge, mit der wo­mög­lich letzt­ma­lig ein Fa­mi­li­en­mit­glied am Grü­nen Hü­gel das längst nicht mehr al­lei­ni­ge Sa­gen hat.

Ei­ner­seits be­schreibt der Au­tor von Be­ginn an un­miss­ver­ständ­lich ge­nau die völ­ki­sche, na­tio­na­lis­ti­sche und an­ti­se­mi­ti­sche Aus­rich­tung der Fest­spie­le seit ih­rem Be­stehen, was un­ter an­de­rem viel­fach bei Hous­ton Ste­wart Cham­ber­lain, dem Ehe­mann von Wag­ner-Toch­ter Eva von Bülow, und in den von Hans von Wolz­o­gen re­di­gier­ten „Bay­reu­ther Blät­tern“ nach­zu­le­sen ist. „Chau­vi­nis­mus, Frem­den- und De­mo­kra­tie­feind­lich­keit wa­ren im Um­kreis der Fest­spie­le schon zu Leb­zei­ten ih­res Grün­ders vi­ru­lent, selbst die nach der Jahr­hun­dert­wen­de in der Zeit­schrift voll­zo­ge­ne bio­lo­gis­ti­sche Ver­en­gung des Ras­se­be­griffs hat­te der Kom­po­nist vor­ge­dacht.“ An­de­rer­seits sucht Buch­ner eine ge­wis­se Di­stanz zu die­sem kom­ple­xen und kom­pli­zier­ten Stoff, lässt also un­ter­schied­lichs­te Be­tei­lig­te, Zeit­zeu­gen, For­scher, Ex­per­ten, Buch­au­to­ren und Jour­na­lis­ten zu Wort kom­men und zeigt da­mit auf, dass je­des The­ma, je­des Er­eig­nis die­ser Fest­spiel­ge­schich­te mehr als zwei Sei­ten hat. Wo­bei er alle ver­ant­wort­li­chen Wag­ners auf die­ser mehr als 150 Jah­re al­ten Pro­be­büh­ne in al­ler­ers­ter Li­nie als Mit­läu­fer klas­si­fi­ziert: „Mag der Grü­ne Hü­gel auch zu­wei­len quer zum Zeit­geist ge­stan­den ha­ben, der be­stän­di­ge Op­por­tu­nis­mus hat sich be­zahlt ge­macht. Auch in die­sem Mit­läu­fer­tum mit all sei­nen Mo­ti­ven und Aus­drucks­for­men ist Bay­reuth ein Spie­gel der deut­schen Geschichte.“

Was na­tür­lich kei­ne Wag­ne­rin und kei­nen Wag­ner, die Buch­ner alle in sei­nem po­li­ti­schen Psy­cho­gramm der Wag­ner­fa­mi­lie vor­züg­lich cha­rak­te­ri­siert, da­von ab­ge­hal­ten hat, an­de­re Fa­mi­li­en­mit­glie­der nach al­len Re­geln der Kunst aus­zu­boo­ten. „Wo es um das Un­ter­neh­men geht“, schreibt er, „herrscht rei­ne Macht­po­li­tik, tre­ten fa­mi­liä­re Be­lan­ge zu­rück. Es be­ginnt der Aus­schluss un­lieb­sa­mer Kon­kur­ren­ten. Da­bei wen­den die Ak­teu­re längst über­hol­te Rechts­prin­zi­pi­en aus der Zeit des Feu­da­lis­mus wie die Agna­ti­on oder den Fi­dei­kom­miss an.“ Mal ehr­lich, wer weiß schon auf An­hieb, was das heißt? Ich je­den­falls bin sehr dank­bar, ver­stan­den zu ha­ben, dass zum Bei­spiel der Vor­rang der männ­li­chen Ab­stam­mungs­li­nie schon bei der auf­fal­lend ver­spä­te­ten Tau­fe Sieg­fried Wag­ners greift: Sie fin­det erst fünf­zehn Mo­na­te nach der Ge­burt und kurz nach der Hei­rat der El­tern statt, was für die meis­ten weib­li­chen Nach­kom­men nach­tei­li­ge Fol­gen zei­ti­gen soll­te. Kaum zu glau­ben, dass dar­über hin­aus Rest­be­stän­de des feu­da­len Rechts, die ei­gent­lich ohne Be­deu­tung in der mo­der­nen Recht­spre­chung sein soll­ten – wie der Vor­rang ei­nes ein­zel­nen Fa­mi­li­en­zweigs, um die Ver­mö­gens­mas­se ge­schlos­sen und un­ver­äu­ßer­lich in ei­ner Hand zu be­hal­ten –, auch bei der Grün­dung der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung 1973 re­le­vant waren.

Nach wie vor ist die Sieg­fried-Fa­mi­lie mit den Wag­ne­ren­keln Wie­land und Wolf­gang so­wie den Töch­tern aus zwei Ehen des letz­te­ren do­mi­nant ge­blie­ben. Isol­de, die zwei­te au­ßer­ehe­li­che Toch­ter von Co­si­ma und Ri­chard Wag­ner und Mut­ter des ers­ten Wag­ner-En­kels, wur­de schon 1914 die An­er­ken­nung als Wag­ner­ab­kömm­ling ge­richt­lich ver­wehrt, wor­an sie wohl zer­brach. Ihr Sohn Franz Wil­helm Beid­ler, nach 1945 als Wag­ner ohne Nazi-Ver­gan­gen­heit für die Fest­spiel­lei­tung vor­ge­schla­gen, wur­de von den in sol­chen Fäl­len ei­sern zu­sam­men­hal­ten­den Ge­brü­dern eben­so weg­in­tri­giert wie de­ren Schwes­ter Frie­de­lind Wag­ner. Auch in der drit­ten Ge­ne­ra­ti­on setz­te sich – al­ler­dings nicht ganz so feu­rig – fort, wie Groß­mutter und Tan­ten mit Brie­fen um­gin­gen, die nicht an die Öf­fent­lich­keit ge­lan­gen soll­ten. „Der ei­gen­wil­li­ge Um­gang mit In­for­ma­tio­nen, Ak­ten und an­de­rem Ma­te­ri­al“, so Buch­ner, „be­ruht auf der Angst, bri­san­te Tat­sa­chen oder Vor­gän­ge rund um den Grü­nen Hü­gel öf­fent­lich dis­ku­tie­ren zu müs­sen und da­durch Un­ter­neh­men wie Fa­mi­lie bloß­ge­stellt zu se­hen.“ Und wei­ter: „Der omi­nö­se Brief­wech­sel von Wi­nif­red Wag­ner und Adolf Hit­ler, ei­nes der letz­ten Rät­sel der For­schung zu den Fest­spie­len in der NS-Zeit, ist wei­ter­hin un­ter Ver­schluss, mut­maß­lich in ei­nem Münch­ner Bank­safe. Ob das Kon­vo­lut über­haupt ei­nen nen­nens­wer­ten Um­fang hat und noch we­sent­li­che wis­sen­schaft­li­che Er­trä­ge lie­fern könn­te, ist zweifelhaft.“

Was für eine Hit­ler­freun­din Wi­nif­red Wag­ner war, ist spä­tes­tens seit Hans-Jür­gen Sy­ber­bergs Do­ku­men­tar­film „Wi­nif­red Wag­ner und die Ge­schich­te des Hau­ses Wahn­fried 1914–1975“ und der Bio­gra­fie „Wi­nif­red Wag­ner – oder Hit­lers Bay­reuth“ von Bri­git­te Ha­mann zwar hin­rei­chend be­kannt. Aber viel­leicht dreht es sich ja bei den Un­ter­la­gen, die Wolf­gang Wag­ner sei­ner­zeit zu Amé­lie Hoh­mann, ei­ner Toch­ter sei­ner Schwes­ter Ve­re­na Laf­fer­entz, nach Mün­chen brach­te, auch um Bri­san­tes von Sieg­fried Wag­ner? Bernd Buch­ner be­legt un­ter an­de­rem an­hand Sieg­frieds Brief­wech­sel mit dem Bay­reu­ther Rab­bi­ner Fe­lix Sa­lo­mon, dass der stramm deutsch­na­tio­na­le Fest­spiel­lei­ter prag­ma­tisch ge­nug war, Ju­den als Be­su­cher, För­de­rer, Spon­so­ren und Mit­ar­bei­ter nicht aus­schlie­ßen zu wol­len, zi­tiert aber auf­fal­lend oft völ­ki­sche, ras­sis­ti­sche und an­ti­se­mi­ti­sche Aus­fäl­le des ein­zi­gen Sohns von Co­si­ma und Ri­chard Wag­ner. Nicht zu­letzt er­wähnt er aus der Ha­mann-Bio­gra­fie, dass Wi­nif­red Wag­ner Mit­te der 1960er Jah­re eine zum 100. Ge­burts­tag ih­res Man­nes ge­plan­te Edi­ti­on der Brie­fe Sieg­frieds an sei­ne Mut­ter Co­si­ma zu­rück­zog, weil die­se „der­ar­tig durch­setzt mit an­ti­se­mi­ti­schen Aus­las­sun­gen“ sei­en, „daß eine Ver­öf­fent­li­chung trotz des Wer­tes in Be­zug auf den Spie­gel der da­ma­li­gen kul­tu­rel­len Er­eig­nis­se lei­der nicht in Fra­ge kom­men kann“. Wie schrieb schon der Po­li­to­lo­ge, Wag­ner- und Fest­spiel­ex­per­te Udo Berm­bach 2025 in der Neu­en Zür­cher Zei­tung: „Ri­chard Wag­ner ge­hört nicht sei­nen Nach­kom­men, er ge­hört al­len, die sich für ihn in­ter­es­sie­ren.“ Wol­len wir hof­fen, dass auch die Nach­kom­men der 2019 ver­stor­be­nen Wag­ne­ren­ke­lin Ve­re­na jetzt, nach der be­we­gen­den, denk­wür­di­gen und hoch­po­li­ti­schen Rede von Mi­chel Fried­man am 26. Juli 2026 bei der Ge­denk­ver­an­stal­tung im Bay­reu­ther Fest­spiel­haus, ein Ein­se­hen ha­ben und das Ak­ten- und Brief­kon­vo­lut der For­schung zur Ver­fü­gung stel­len. Wol­len wir hof­fen, dass mög­lichst auch mit die­sem Ma­te­ri­al Wahn­fried-Di­rek­tor Sven Fried­rich dann end­lich sei­ne Wi­nif­red-Wag­ner-Aus­stel­lung rea­li­sie­ren kann, die 1997 von Wolf­gang Wag­ner noch un­ter fa­den­schei­ni­gen Be­grün­dun­gen kurz­fris­tig ab­ge­würgt wurde.

Zu­rück zu „Wag­ners Welt­thea­ter“: Nicht nur der um rund 250 Sei­ten ge­stie­ge­ne Um­fang spie­gelt, dass das Buch im Ver­gleich zur Erst­ver­si­on deut­lich er­wei­tert und ver­bes­sert wur­de. Tat­säch­lich ha­ben Ver­lag und Au­tor un­ter an­de­rem auch die Mög­lich­keit ge­nutzt, ei­nen un­ver­ständ­li­chen Feh­ler der Erst­ver­öf­fent­li­chung durch die Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sell­schaft im Jahr 2013 aus der Welt zu räu­men: Das Li­te­ra­tur- und Per­so­nen­ver­zeich­nis stand sei­ner­zeit nur on­line zur Ver­fü­gung, bei Kö­nigs­hau­sen & Neu­mann hat man jetzt nicht an der fal­schen Stel­le ge­spart. Die zahl­rei­chen Fuß­no­ten und An­hän­ge sind eine Fund­gru­be für je­den Le­ser, der es noch ge­nau­er wis­sen will. Auch der Un­ter­ti­tel des Buchs ver­weist auf ei­nen Un­ter­schied, denn es han­delt sich hier um die „Ge­schich­te der Bay­reu­ther Fest­spie­le zwi­schen Kunst, Po­li­tik und Religion“.

Letz­te­re spielt laut Buch­ner in der For­schung im­mer noch eine un­ter­be­lich­te­te, weil schwie­ri­ge Rol­le: „Dort, wo Wag­ner re­li­gi­ös zu sein scheint, gilt wie­der­um das, was auch für den po­li­ti­schen gilt: Werk und Welt­an­schau­ung sind schwer zu­sam­men­zu­brin­gen und zu­gleich fast un­mög­lich aus­ein­an­der­zu­hal­ten.“ Be­son­ders schwie­rig wird es bei „Par­si­fal“: „Fast im glei­chen Mo­ment, da er die Je­sui­ten aus­rot­ten will, bringt Wag­ner in ‚Par­si­fal‘ die er­ha­bens­ten Mys­te­ri­en des christ­li­chen Glau­bens auf die Büh­ne. Wel­ches Re­li­gi­ons­ver­ständ­nis liegt dem ‚Büh­nen­weih­fest­spiel‘ zu­grun­de? Aus theo­lo­gi­scher Sicht lässt sich nur von Re­li­gi­ons­ver­ach­tung oder Blas­phe­mie spre­chen. Eine gan­ze Rei­he christ­li­cher Mo­ti­ve wird in der Oper ins glat­te Ge­gen­teil ver­kehrt.“ Das ist eine streit­ba­re Aus­sa­ge. Wie auch im­mer: Das „omi­nö­se Ap­plaus­ver­bot“ nach dem 1. Akt „Par­si­fal“, das Buch­ner zu­fol­ge an­geb­lich bis heu­te im Fest­spiel­haus gilt, war und ist nichts als ein Miss­ver­ständ­nis, das dar­auf fu­ßen­de Schwei­gen wird nach mei­ner Er­fah­rung nicht mehr prak­ti­ziert. Jene Grals­hü­ter, die noch vor zehn, fünf­zehn Jah­ren an­he­ben­den Bei­fall für die So­lis­ten nie­der­ge­zischt ha­ben, sind er­freu­li­cher­wei­se ein Auslaufmodell.

Dass der Au­tor auch ei­gen­stän­di­ge For­schungs­ar­beit ge­leis­tet hat, lässt sich nicht nur an sei­ner ent­schie­de­nen Grund­kon­zep­ti­on und den jüngs­ten Ka­pi­teln sei­ner Fest­spiel­ge­schich­te ab­le­sen. Man fin­det auch im De­tail über­ra­schen­de Er­kennt­nis­se – zum Bei­spiel über die Ost-Kon­tak­te in der Zeit des Kal­ten Kriegs und vor der Wie­der­ver­ei­ni­gung, zum Bei­spiel über die Wag­ner­ver­ei­ne einst und jetzt. Dass das Buch eine ak­tua­li­sier­te Ver­si­on ist, er­kennt man am ehes­ten da, wo sich ein­deu­ti­ge For­schungs­lü­cken auf­tun: Die mehr­fach zi­tier­te Un­ter­su­chung „Pil­ger­fahrt ins Ich“ von Win­fried Geb­hardt und Ar­nold Zin­ger­le stammt aus dem Jahr 1998, mag also viel über das Pu­bli­kum in der ge­ra­de noch ak­ti­ven Ära Wolf­gang Wag­ners aus­sa­gen, ist aber für das ers­te Vier­tel des 21. Jahr­hun­derts nicht mehr re­le­vant. Das Fest­spiel­pu­bli­kum hat sich – nicht nur we­gen und seit Co­ro­na – verändert.

Um noch­mals auf den wis­sen­schaft­li­chen Ap­pa­rat zu­rück­zu­kom­men: Bei ins­ge­samt fast 2500 Fuß­no­ten in sie­ben Ka­pi­teln plus Ein­lei­tung und Aus­blick ist die Feh­ler­quo­te im­po­nie­rend ge­ring. Den­noch sei ein biss­chen Erb­sen­zäh­len er­laubt: Dass „Ring“-Regisseur Pa­tri­ce Ché­reau schon vor Bay­reuth Opern­erfah­rung hat­te (S. 373), ist leicht zu goo­geln und de­tail­liert be­schrie­ben in dem 1980 auch auf Deutsch er­schie­ne­nen „Ring“-Buch, das im Ver­zeich­nis der aus­ge­wähl­ten Li­te­ra­tur steht. Und das Zi­tat, das Buch­ner Gud­run Wag­ner in den Mund legt (S. 399, Fuß­no­te 341), stand kom­plett erst­mals in ei­ner mit „Bay­reuth in­tern“ über­ti­tel­ten Kurz­mel­dung im Feuil­le­ton der Wo­chen­zei­tung „Die Zeit“ vom 3. Au­gust 2006 und da­nach in den Ta­ges­zei­tun­gen „Frän­ki­scher Tag“ und „Stutt­gar­ter Zei­tung“. Von der Be­trof­fe­nen wur­de da­ge­gen die da­für be­kann­te An­walts­pra­xis Prinz mit ei­ner Un­ter­las­sungs­kla­ge und ei­ner Streit­sum­me von 30 000 Euro be­müht. In­zwi­schen ziert sich das Zi­tat – Iro­nie darf auch sein – mit Wahn­fried-Wei­hen: Zwan­zig Jah­re spä­ter ge­hört eine Per­for­mance der Stu­dio­büh­ne Bay­reuth mit dem Ti­tel „Mein Mann, das bin hier ich“ zum Ju­bi­lä­ums­pro­gramm des Ri­chard-Wag­ner-Mu­se­ums Bay­reuth, das im gro­ßen Bay­reu­ther Ju­bi­lä­ums­jahr im­mer­hin schon auf sein 50-jäh­ri­ges Be­stehen zu­rück­bli­cken darf. Auch das ist Festspielgeschichte.

Bernd Buch­ner, Wag­ners Welt­thea­ter. Ge­schich­te der Bay­reu­ther Fest­spie­le zwi­schen Kunst, Po­li­tik und Re­li­gi­on, Würz­burg: Kö­nigs­hau­sen & Neu­mann 2025, 504 Sei­ten, 58 Euro.

P.S. Bernd Buch­ner hat ein wei­te­res Wag­ner-Buch ver­fasst, das ge­ra­de erst in der Rei­he „edi­ti­on fra­ge­zei­chen“ im Ech­ter Ver­lag er­schie­nen ist: „Ist Wag­ner Kunst oder Re­li­gi­on, Bernd Buch­ner?“ heißt die kunst­re­li­giö­se Be­stands­auf­nah­me auf 72 Sei­ten (Klap­pen­bro­schur, 10 Euro).