Unser Mitglied Bernd Buchner hat seine Festspielgeschichte von 2013 umfassend aktualisiert, erweitert und verbessert: „Wagners Welttheater“ ist jetzt ein gut lesbares und desillusionierend informatives Standardwerk.

Es fängt ganz harmlos an. „Am Anfang war Wagner“, schreibt Bernd Buchner in der stark überarbeiteten Version seiner im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 erstmals erschienenen Festspielgeschichte „Wagners Welttheater“, in der er unter anderem so ziemlich alle, die in Bezug auf Richard Wagner und Bayreuth Rang und Namen haben, zitieren wird. Aber schon die erste Belegstelle – „ein Nest macht Weltgeschichte, wie Wahnfried-Haushälterin Lieselotte Schmidt 1934 äußerte“ – offenbart, dass es hier weniger um das übliche Who-is-Who? geht. Sondern eher ans Eingemachte. Denn Lieselotte Schmidt, von 1931 bis zu ihrem frühen Tod 1938 Haushälterin und Gouvernante der Kinder von Siegfried und Winifred Wagner, war passionierte Nazisse und zeitweise liiert mit dem späteren „Polenschlächter“ Hans Frank. Will sagen: Das eingangs zitierte, unterhaltsam und griffig wirkende, Weltgeschichte machende Nest ist bei genauerem Hinsehen keines, in das man sich setzen wollte. In der Festspielgeschichte, wie Bernd Buchner sie mit entschiedenem Fokus aufs Politische aufrollt und diesmal – auch aufgrund der verbesserten Quellenlage – fast bis zur Gegenwart fortschreibt, gab und gibt es keine heile Kunst- und Kulturwelt.
Wer ohne einen von Verklärung getrübten Blick wissen will, warum und wie bei den Bayreuther Festspielen Kunst und Politik zusammengehen, für den ist das gut lesbar geschriebene und desillusionierend informative Buch ein idealer Einstieg. Ausgangspunkt für den Autor ist, dass alle politischen Entwicklungen in Deutschland – vom Kaiserreich über das „Dritte Reich“ und den beiden deutsch-deutschen Staaten bis hin zur wiedervereinigten Republik und den heutigen Genderfragen – sich auch im Geschehen am Grünen Hügel und in Wahnfried spiegeln. Die Festspiele sind, wie Buchner feststellt, gewissermaßen eine die Geschichte mitprägende „Probebühne für Deutschland“. Vom Aufbau her entspricht das Buch im Wesentlichen der zeitlichen Abfolge, die sich an den jeweiligen festspielleitenden Persönlichkeiten festmacht. Die chronologischen Kapitel werden ergänzt durch Einschübe, Rückblicke, sogenannte „Seitenhiebe“ sowie biografische Essays über die Hauptakteurinnen und Hauptakteure – mit Ausnahme Richard Wagners, „über den genug gesagt ist“, was den Autor aber selbstredend nicht davon abhält, auch seine Sicht über ihn abzubilden.
Auf das Kapitel über die Ära des Festspielgründers (1870–1883), der sich durch seine Wendung vom linken Revolutionär zum antimodernen Konservativen selbst anschlussfähig für verschiedenste Ideologien gemacht habe, folgt als zweites das zu seiner Witwe Cosima Wagner (1883–1906). Ihr geling es zwar, das bankrotte Familienunternehmen zu etablieren und konsolidieren, zugleich aber setzt sie den bereits eingeschlagenen Weg der ideologischen Radikalisierung fort. Siegfried Wagners Zeit als Festspielleiter wird in Kapitel 3 „Zwischen Wilhelminismus und Weimar (1906–1924)“ und teils in Kapitel 4 „Hitlers Hoftheater (1924–1945)“ mit der 1930 beginnenden Ägide Winifred Wagners abgebildet, um deutlich zu machen, dass die braune Vergangenheit Bayreuths schon weit vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten beginnt. Das ist auch insofern ein Statement, als üblicherweise die Festspiele im „Dritten Reich“ nur mit Winifred Wagners Zeit als Leiterin gleichgesetzt werden. Schon mit dem Titel „Neues Bayreuth mit alten Kameraden (1945–1966)“ schildert Buchner treffsicher auch die Nachkriegszeit der Festspiele unter der gemeinsamen Leitung der Wagnerbrüder Wieland und Wolfgang mit der überall gegebenen Verdrängungskultur. Die schier endlose Alleinherrschaft Wolfgang Wagners teilt er wiederum auf: Das Kapitel 6 „Demokratie und Regietheater (1966–1990)“ würdigt aus guten Gründen den „fränkischen Prinzipal“. In Kapitel 7 „Deutschland einig Wagnerland (1990–2026)“ spiegelt sich der politisch-historisch vorgegebene Schnitt mit der Wiedervereinigung, dem der „Winter des Patriarchen“ folgt. Und schließlich sind Wolfgangs Töchter Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner an der Reige – letztere jetzt im Alleingang schon als diejenige, mit der womöglich letztmalig ein Familienmitglied am Grünen Hügel das längst nicht mehr alleinige Sagen hat.
Einerseits beschreibt der Autor von Beginn an unmissverständlich genau die völkische, nationalistische und antisemitische Ausrichtung der Festspiele seit ihrem Bestehen, was unter anderem vielfach bei Houston Stewart Chamberlain, dem Ehemann von Wagner-Tochter Eva von Bülow, und in den von Hans von Wolzogen redigierten „Bayreuther Blättern“ nachzulesen ist. „Chauvinismus, Fremden- und Demokratiefeindlichkeit waren im Umkreis der Festspiele schon zu Lebzeiten ihres Gründers virulent, selbst die nach der Jahrhundertwende in der Zeitschrift vollzogene biologistische Verengung des Rassebegriffs hatte der Komponist vorgedacht.“ Andererseits sucht Buchner eine gewisse Distanz zu diesem komplexen und komplizierten Stoff, lässt also unterschiedlichste Beteiligte, Zeitzeugen, Forscher, Experten, Buchautoren und Journalisten zu Wort kommen und zeigt damit auf, dass jedes Thema, jedes Ereignis dieser Festspielgeschichte mehr als zwei Seiten hat. Wobei er alle verantwortlichen Wagners auf dieser mehr als 150 Jahre alten Probebühne in allererster Linie als Mitläufer klassifiziert: „Mag der Grüne Hügel auch zuweilen quer zum Zeitgeist gestanden haben, der beständige Opportunismus hat sich bezahlt gemacht. Auch in diesem Mitläufertum mit all seinen Motiven und Ausdrucksformen ist Bayreuth ein Spiegel der deutschen Geschichte.“
Was natürlich keine Wagnerin und keinen Wagner, die Buchner alle in seinem politischen Psychogramm der Wagnerfamilie vorzüglich charakterisiert, davon abgehalten hat, andere Familienmitglieder nach allen Regeln der Kunst auszubooten. „Wo es um das Unternehmen geht“, schreibt er, „herrscht reine Machtpolitik, treten familiäre Belange zurück. Es beginnt der Ausschluss unliebsamer Konkurrenten. Dabei wenden die Akteure längst überholte Rechtsprinzipien aus der Zeit des Feudalismus wie die Agnation oder den Fideikommiss an.“ Mal ehrlich, wer weiß schon auf Anhieb, was das heißt? Ich jedenfalls bin sehr dankbar, verstanden zu haben, dass zum Beispiel der Vorrang der männlichen Abstammungslinie schon bei der auffallend verspäteten Taufe Siegfried Wagners greift: Sie findet erst fünfzehn Monate nach der Geburt und kurz nach der Heirat der Eltern statt, was für die meisten weiblichen Nachkommen nachteilige Folgen zeitigen sollte. Kaum zu glauben, dass darüber hinaus Restbestände des feudalen Rechts, die eigentlich ohne Bedeutung in der modernen Rechtsprechung sein sollten – wie der Vorrang eines einzelnen Familienzweigs, um die Vermögensmasse geschlossen und unveräußerlich in einer Hand zu behalten –, auch bei der Gründung der Richard-Wagner-Stiftung 1973 relevant waren.
Nach wie vor ist die Siegfried-Familie mit den Wagnerenkeln Wieland und Wolfgang sowie den Töchtern aus zwei Ehen des letzteren dominant geblieben. Isolde, die zweite außereheliche Tochter von Cosima und Richard Wagner und Mutter des ersten Wagner-Enkels, wurde schon 1914 die Anerkennung als Wagnerabkömmling gerichtlich verwehrt, woran sie wohl zerbrach. Ihr Sohn Franz Wilhelm Beidler, nach 1945 als Wagner ohne Nazi-Vergangenheit für die Festspielleitung vorgeschlagen, wurde von den in solchen Fällen eisern zusammenhaltenden Gebrüdern ebenso wegintrigiert wie deren Schwester Friedelind Wagner. Auch in der dritten Generation setzte sich – allerdings nicht ganz so feurig – fort, wie Großmutter und Tanten mit Briefen umgingen, die nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten. „Der eigenwillige Umgang mit Informationen, Akten und anderem Material“, so Buchner, „beruht auf der Angst, brisante Tatsachen oder Vorgänge rund um den Grünen Hügel öffentlich diskutieren zu müssen und dadurch Unternehmen wie Familie bloßgestellt zu sehen.“ Und weiter: „Der ominöse Briefwechsel von Winifred Wagner und Adolf Hitler, eines der letzten Rätsel der Forschung zu den Festspielen in der NS-Zeit, ist weiterhin unter Verschluss, mutmaßlich in einem Münchner Banksafe. Ob das Konvolut überhaupt einen nennenswerten Umfang hat und noch wesentliche wissenschaftliche Erträge liefern könnte, ist zweifelhaft.“
Was für eine Hitlerfreundin Winifred Wagner war, ist spätestens seit Hans-Jürgen Syberbergs Dokumentarfilm „Winifred Wagner und die Geschichte des Hauses Wahnfried 1914–1975“ und der Biografie „Winifred Wagner – oder Hitlers Bayreuth“ von Brigitte Hamann zwar hinreichend bekannt. Aber vielleicht dreht es sich ja bei den Unterlagen, die Wolfgang Wagner seinerzeit zu Amélie Hohmann, einer Tochter seiner Schwester Verena Lafferentz, nach München brachte, auch um Brisantes von Siegfried Wagner? Bernd Buchner belegt unter anderem anhand Siegfrieds Briefwechsel mit dem Bayreuther Rabbiner Felix Salomon, dass der stramm deutschnationale Festspielleiter pragmatisch genug war, Juden als Besucher, Förderer, Sponsoren und Mitarbeiter nicht ausschließen zu wollen, zitiert aber auffallend oft völkische, rassistische und antisemitische Ausfälle des einzigen Sohns von Cosima und Richard Wagner. Nicht zuletzt erwähnt er aus der Hamann-Biografie, dass Winifred Wagner Mitte der 1960er Jahre eine zum 100. Geburtstag ihres Mannes geplante Edition der Briefe Siegfrieds an seine Mutter Cosima zurückzog, weil diese „derartig durchsetzt mit antisemitischen Auslassungen“ seien, „daß eine Veröffentlichung trotz des Wertes in Bezug auf den Spiegel der damaligen kulturellen Ereignisse leider nicht in Frage kommen kann“. Wie schrieb schon der Politologe, Wagner- und Festspielexperte Udo Bermbach 2025 in der Neuen Zürcher Zeitung: „Richard Wagner gehört nicht seinen Nachkommen, er gehört allen, die sich für ihn interessieren.“ Wollen wir hoffen, dass auch die Nachkommen der 2019 verstorbenen Wagnerenkelin Verena jetzt, nach der bewegenden, denkwürdigen und hochpolitischen Rede von Michel Friedman am 26. Juli 2026 bei der Gedenkveranstaltung im Bayreuther Festspielhaus, ein Einsehen haben und das Akten- und Briefkonvolut der Forschung zur Verfügung stellen. Wollen wir hoffen, dass möglichst auch mit diesem Material Wahnfried-Direktor Sven Friedrich dann endlich seine Winifred-Wagner-Ausstellung realisieren kann, die 1997 von Wolfgang Wagner noch unter fadenscheinigen Begründungen kurzfristig abgewürgt wurde.
Zurück zu „Wagners Welttheater“: Nicht nur der um rund 250 Seiten gestiegene Umfang spiegelt, dass das Buch im Vergleich zur Erstversion deutlich erweitert und verbessert wurde. Tatsächlich haben Verlag und Autor unter anderem auch die Möglichkeit genutzt, einen unverständlichen Fehler der Erstveröffentlichung durch die Wissenschaftliche Buchgesellschaft im Jahr 2013 aus der Welt zu räumen: Das Literatur- und Personenverzeichnis stand seinerzeit nur online zur Verfügung, bei Königshausen & Neumann hat man jetzt nicht an der falschen Stelle gespart. Die zahlreichen Fußnoten und Anhänge sind eine Fundgrube für jeden Leser, der es noch genauer wissen will. Auch der Untertitel des Buchs verweist auf einen Unterschied, denn es handelt sich hier um die „Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion“.
Letztere spielt laut Buchner in der Forschung immer noch eine unterbelichtete, weil schwierige Rolle: „Dort, wo Wagner religiös zu sein scheint, gilt wiederum das, was auch für den politischen gilt: Werk und Weltanschauung sind schwer zusammenzubringen und zugleich fast unmöglich auseinanderzuhalten.“ Besonders schwierig wird es bei „Parsifal“: „Fast im gleichen Moment, da er die Jesuiten ausrotten will, bringt Wagner in ‚Parsifal‘ die erhabensten Mysterien des christlichen Glaubens auf die Bühne. Welches Religionsverständnis liegt dem ‚Bühnenweihfestspiel‘ zugrunde? Aus theologischer Sicht lässt sich nur von Religionsverachtung oder Blasphemie sprechen. Eine ganze Reihe christlicher Motive wird in der Oper ins glatte Gegenteil verkehrt.“ Das ist eine streitbare Aussage. Wie auch immer: Das „ominöse Applausverbot“ nach dem 1. Akt „Parsifal“, das Buchner zufolge angeblich bis heute im Festspielhaus gilt, war und ist nichts als ein Missverständnis, das darauf fußende Schweigen wird nach meiner Erfahrung nicht mehr praktiziert. Jene Gralshüter, die noch vor zehn, fünfzehn Jahren anhebenden Beifall für die Solisten niedergezischt haben, sind erfreulicherweise ein Auslaufmodell.
Dass der Autor auch eigenständige Forschungsarbeit geleistet hat, lässt sich nicht nur an seiner entschiedenen Grundkonzeption und den jüngsten Kapiteln seiner Festspielgeschichte ablesen. Man findet auch im Detail überraschende Erkenntnisse – zum Beispiel über die Ost-Kontakte in der Zeit des Kalten Kriegs und vor der Wiedervereinigung, zum Beispiel über die Wagnervereine einst und jetzt. Dass das Buch eine aktualisierte Version ist, erkennt man am ehesten da, wo sich eindeutige Forschungslücken auftun: Die mehrfach zitierte Untersuchung „Pilgerfahrt ins Ich“ von Winfried Gebhardt und Arnold Zingerle stammt aus dem Jahr 1998, mag also viel über das Publikum in der gerade noch aktiven Ära Wolfgang Wagners aussagen, ist aber für das erste Viertel des 21. Jahrhunderts nicht mehr relevant. Das Festspielpublikum hat sich – nicht nur wegen und seit Corona – verändert.
Um nochmals auf den wissenschaftlichen Apparat zurückzukommen: Bei insgesamt fast 2500 Fußnoten in sieben Kapiteln plus Einleitung und Ausblick ist die Fehlerquote imponierend gering. Dennoch sei ein bisschen Erbsenzählen erlaubt: Dass „Ring“-Regisseur Patrice Chéreau schon vor Bayreuth Opernerfahrung hatte (S. 373), ist leicht zu googeln und detailliert beschrieben in dem 1980 auch auf Deutsch erschienenen „Ring“-Buch, das im Verzeichnis der ausgewählten Literatur steht. Und das Zitat, das Buchner Gudrun Wagner in den Mund legt (S. 399, Fußnote 341), stand komplett erstmals in einer mit „Bayreuth intern“ übertitelten Kurzmeldung im Feuilleton der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 3. August 2006 und danach in den Tageszeitungen „Fränkischer Tag“ und „Stuttgarter Zeitung“. Von der Betroffenen wurde dagegen die dafür bekannte Anwaltspraxis Prinz mit einer Unterlassungsklage und einer Streitsumme von 30 000 Euro bemüht. Inzwischen ziert sich das Zitat – Ironie darf auch sein – mit Wahnfried-Weihen: Zwanzig Jahre später gehört eine Performance der Studiobühne Bayreuth mit dem Titel „Mein Mann, das bin hier ich“ zum Jubiläumsprogramm des Richard-Wagner-Museums Bayreuth, das im großen Bayreuther Jubiläumsjahr immerhin schon auf sein 50-jähriges Bestehen zurückblicken darf. Auch das ist Festspielgeschichte.
Bernd Buchner, Wagners Welttheater. Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion, Würzburg: Königshausen & Neumann 2025, 504 Seiten, 58 Euro.

P.S. Bernd Buchner hat ein weiteres Wagner-Buch verfasst, das gerade erst in der Reihe „edition fragezeichen“ im Echter Verlag erschienen ist: „Ist Wagner Kunst oder Religion, Bernd Buchner?“ heißt die kunstreligiöse Bestandsaufnahme auf 72 Seiten (Klappenbroschur, 10 Euro).
