Adeliges Lästermaul

Fe­lix Wein­gart­ner, der am 7. Mai 1942 starb, hin­ter­ließ wich­ti­ge Ein­spie­lun­gen und ein kom­po­si­to­ri­sches und schrift­stel­le­ri­sches Werk, das zu ent­de­cken sich lohnt – schon weil er in Hin­blick auf Bay­reuth wun­der­bar läs­tern kann.

Fe­lix Wein­gart­ner um 1900 Vor­la­ge: J.C. Schaarwächter/​Wikimedia Com­mons

„Jäh­zor­nig, streit­süch­tig, las­ter­haft und fünf­mal ver­hei­ra­tet, war der blei­che, schlak­si­ge Aris­to­krat un­un­ter­bro­chen in ir­gend­wel­che in­tel­lek­tu­el­le, ro­man­ti­sche oder ju­ris­ti­sche Hän­del ver­wi­ckelt. Streit­schrif­ten flos­sen ihm nur so aus der Fe­der, Kom­po­si­tio­nen eben­so. Di­ri­gen­ten­kol­le­gen be­ur­teil­te er nach ih­rer Be­reit­wil­lig­keit, sei­ne Mu­sik auf­zu­füh­ren.“ Klingt nicht ge­ra­de nach ei­nem an­ge­neh­men Zeit­ge­nos­sen, wie der eng­li­sche Mu­sik­ex­per­te Nor­man Leb­recht den ös­ter­rei­chi­schen Di­ri­gen­ten, Kom­po­nis­ten und Schrift­stel­ler Fe­lix Wein­gart­ner be­schreibt, der am 7. Mai 1942 im Al­ter von 78 Jah­ren Win­ter­thur starb. Wenn man un­ter­schied­li­che Quel­len be­fragt, spre­chen so­wohl Wein­gart­ners künst­le­ri­sche Lauf­bahn als auch sei­ne ei­ge­nen, stets sehr di­rek­ten Äu­ße­run­gen für die­se Ein­schät­zung. Denn ers­tens hielt er es sel­ten an ei­ner Po­si­ti­on län­ger als ein paar Jah­re aus. Und zwei­tens konn­te der 1863 als Ed­ler von Münz­berg in Za­dar im heu­ti­gen Kroa­ti­en ge­bo­re­ne Mu­si­ker ein aus­ge­spro­che­nes Läs­ter­maul sein.

Die Di­ri­gen­ten-Kar­rie­re des spä­ten Liszt-Schü­lers be­gann 1884 in Kö­nigs­berg; es folg­ten kur­ze Ka­pell­meis­ter-Jah­re in Dan­zig, Ham­burg und Mann­heim. Erst in Ber­lin blieb er als Lei­ter der Kö­nig­li­chen Oper und des Kö­nig­li­chen Or­ches­ters et­was län­ger, ging da­nach zu den Kaim-Kon­zer­ten nach Mün­chen, wur­de 1907 Nach­fol­ger von Gus­tav Mah­ler an der Wie­ner Hof­oper, wo er nach drei er­folg­lo­sen Jah­ren ab­ge­setzt wur­de, wäh­rend er als 1908 ge­wähl­ter Abon­ne­ment­di­ri­gent die Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker neun­zehn Jah­re lang durch die un­ter sei­ner Lei­tung be­gon­ne­ne Rei­se­tä­tig­keit prä­gen soll­te. Wei­te­re Opern-Sta­tio­nen wa­ren er­neut  Ham­burg so­wie Darm­stadt und die Wie­ner Volks­oper. 1927 wur­de er als Chef­di­ri­gent, künst­le­ri­scher Lei­ter der All­ge­mei­nen Mu­sik­ge­sell­schaft und als Kon­ser­va­to­ri­ums­di­rek­tor nach Ba­sel be­ru­fen, bis er 1935 er­neut, aber nur kurz an die Wie­ner Staats­oper wech­sel­te, weil er we­gen der „pa­zi­fis­ti­schen Ten­denz“ sei­ner Schrif­ten dem NS-Re­gime nicht ge­nehm war. Zu­dem wur­de ihm fälsch­li­cher­wei­se eine jü­di­sche Her­kunft un­ter­stellt.

„Mei­ner Mei­nung nach ist er Ori­en­ta­le“, schrieb Co­si­ma Wag­ner 1891 über Wein­gart­ner, der in der Sai­son 1886 als mu­si­ka­li­scher As­sis­tent un­ter an­de­rem die Kna­ben­chö­re in „Par­si­fal“ be­treu­te und als Fest­spiel­be­su­cher von 1876 bis 1896 dar­über auch ein Buch ver­fasst hat. Nach Liszts Tod ge­hör­te er zu den­je­ni­gen, die sich von Co­si­mas Bay­reuth ab­wand­ten. Fe­lix Mottls „Parsifal“-Dirigat 1888 be­zeich­ne­te er we­gen der ver­schlepp­ten Zeit­ma­ße als ein Zerr­bild. Und wei­ter: „Das Wi­der­lichs­te da­bei war, dass man die­se Ver­zer­rung mit ei­ner Ras­sen­fra­ge zu ver­qui­cken such­te und von ei­nem ‚christ­li­chen‘, so­gar von ei­nem ‚er­lös­ten‘ Par­si­fal sprach.“

Er wird das si­cher nicht erst in sei­nen Schrif­ten fest­ge­stellt ha­ben. Dass der fast gleich­alt­ri­ge Sieg­fried Wag­ner, „der un­glück­li­che Dau­phin von Bay­reuth“, bei ihm nicht gut weg kom­men konn­te, liegt auf der Hand. Wein­gart­ner, der selbst acht Opern, zahl­rei­che Or­ches­ter­wer­ke, Kam­mer­mu­sik und Lie­der kom­po­niert hat, be­zeich­ne­te ihn als „eine Ta­lent­mi­kro­be, die un­ter Aus­nut­zung des gro­ßen Va­ter­na­mens zu schein­ba­rer Grö­ße“ auf­ge­bläht wer­de. In seinen1896 erst­mals als Buch er­schie­ne­nen Bay­reuth-Er­in­ne­run­gen aus den Jah­ren 1876 bis 1896 nimmt er auch und ge­ra­de in punk­to Co­si­ma Wag­ner kein Blatt vor den Mund und gibt er Ein­schät­zun­gen von sich, die man mit Fug im­mer noch als zeit­los gül­tig be­zeich­nen kann:

Ich hege die größ­te Hoch­ach­tung vor Frau Wag­ners Mut und Ar­beits­kraft, ich be­wun­de­re ih­ren Geist und ihre Um­gangs­for­men. Als ein­zig be­rech­tig­te Lei­te­rin der Bay­reu­ther Fest­spie­le, als Hü­te­rin des Er­bes ih­res gro­ßen Gat­ten kann und wer­de ich sie, so­weit es das Künst­le­ri­sche be­trifft, nicht an­er­ken­nen. An ih­rer Sei­te hät­ten Män­ner ste­hen müs­sen, die mit der Of­fen­heit der Über­zeu­gung, mit der Rück­sichts­lo­sig­keit der Wahr­heits­lie­be sie auf­ge­klärt hät­ten von zahl­lo­sen Miß­grif­fen in Be­set­zung und In­sze­nie­rung, und die lie­ber ihre Be­zie­hun­gen zu Bay­reuth ab­ge­bro­chen hät­ten, als schwei­gend oder laut zu bil­li­gen, was un­ter dem Na­men Wag­ner in die Welt ge­gan­gen ist und noch geht. Aber Frau Wag­ner woll­te nicht Freun­de, sie woll­te Werk­zeu­ge. Sie hat sie ge­fun­den, auf je­dem Ge­bie­te. Mag es ihr auch schmerz­lich sein, daß ge­ra­de in den wich­tigs­ten An­ge­le­gen­hei­ten, z. B. in der Fra­ge „Par­si­fal in New-York“, eine An­zahl die­ser Werk­zeu­ge sich von merk­wür­di­ger Stumpf­heit er­wie­sen hat, so wird sie doch si­cher­lich auch wei­ter­hin ge­hor­sa­me Die­ner fin­den, die auf fol­gen­de vier Ge­bo­te schwö­ren:

  1. Was vom Hau­se Wahn­fried kommt, hat dir als un­fehl­bar zu gel­ten.
  2. Wenn du auch ge­le­gent­lich an­de­rer Mei­nung sein soll­test, so darfst du die­se Mei­nung doch nie aus­spre­chen.
  3. Sieg­fried Wag­ner ist ein gro­ßer Di­ri­gent, Re­gis­seur, Dich­ter und Kom­po­nist. Du hast ihn über­all als sol­chen zu er­klä­ren und da­hin zu wir­ken, daß auch an­de­re ihn da­für hal­ten.
  4. Wer nicht nach obi­gen Ge­bo­ten han­delt, ist un­ach­sicht­lich zu ver­fol­gen, her­un­ter­zu­rei­ßen, tot­zu­schwei­gen und darfst du kei­ne Ge­mein­schaft mit ihm ha­ben.

Zwar meh­ren sich trotz­dem die Stim­men in Be­denk­li­cher Wei­se, die be­haup­ten wol­len, daß auch recht viel Tal­mi un­ter dem in Bay­reuth ge­bo­te­nen Gol­de zu fin­den sei. Doch was tut’s! Die Fest­spie­le sind aus­ver­kauft, und Frau Wag­ner hat nichts zu fürch­ten als ein all­ge­mei­nes Um­sich­grei­fen der Er­kennt­nis, daß man Wag­ners Wer­ke jetzt an man­cher Stel­le zu Zei­ten eben­so­gut, wenn nicht bes­ser hö­ren kann, als in Bay­reuth, oder eine all­ge­mei­ne Er­schlaf­fung des In­ter­es­ses an Wag­ners Wer­ken in Fol­ge der heu­ti­gen ge­schäfts­mä­ßi­gen Aus­nut­zung. Vor bei­den schützt sie aber wohl noch ei­ni­ge Zeit teils der his­to­ri­sche Name des durch Wag­ner be­rühmt ge­wor­de­nen Or­tes, teils die Träg­heit der nun ein­mal be­stehen­den Mo­den.

Dass in der Dau­er­aus­stel­lung „Ver­stumm­te Stim­men“ im Fest­spiel­park auch Fe­lix Wein­gart­ner eine Ta­fel ge­wid­met ist, darf man durch­aus kri­tisch se­hen. Viel­leicht ha­ben die Aus­stel­lungs­ma­cher un­ter Han­nes Heer nicht um­fas­send ge­nug re­cher­chiert. Denn schon nach sei­nem ers­ten As­sis­ten­ten-Jahr 1886 di­stan­zier­te sich der Nach­wuchs­di­ri­gent von sei­nem Ju­gend-Ide­al na­mens Bay­reuth: „In dem si­che­ren Ge­füh­le, daß eine selb­stän­di­ge Ent­fal­tung mei­ner Kräf­te ‚un­ter den ob­wal­ten­den Um­stän­den‘ in Bay­reuth un­mög­lich sei, habe ich vor Schluß der Fest­spie­le 1886 um Ur­laub er­sucht und seit­dem je­den Schritt sorg­fäl­tig ver­mie­den, der mir als Ver­such ei­ner An­nä­he­rung hät­te aus­ge­deu­tet wer­den kön­nen. Ich kann ei­ner Sa­che bis zur Selbtsauf­op­fe­rung die­nen, nicht aber ei­ner Per­son, mit der ich mich in Wi­der­spruch be­fin­de, möge ihr auch die Welt zu Fü­ßen lie­gen.“ Und im Vor­wort der 2. Auf­la­ge von „Bay­reuth (1876–1896) schreibt er im Ok­to­ber 1903:

Mein Vor­ge­hen wur­de haupt­säch­lich als Werk der Ra­che ge­gen Frau Wag­ner be­zeich­net, weil ich nie­mals ein­ge­la­den wor­den war, bei den Fest­spie­len zu di­ri­gie­ren. Vie­le Künst­ler ha­ben sich  ih­ren Na­men, ra­scher als es sonst mög­lich ge­we­sen wäre, durch ihre Mit­wir­kung in Bay­reuth ge­macht. Ober­fläch­li­chen Be­ur­tei­lern kann ich es so­mit nicht ein­mal ernst­lich ver­übeln, wenn sie frü­her auch in den Tie­fen mei­ner See­le ei­nen ähn­li­chen Wunsch ver­mu­te­ten. Nun – heu­te darf ich wohl an­neh­men, kei­nem Zwei­fel zu be­geg­nen, wenn ich es für ein hö­he­res Glück er­ach­te, mein Kunst­be­wußt­sein, sei es durch in­ni­ges Gnie­ßen der Na­tur, sei es durch be­geis­ter­tes Stu­di­um gro­ßer Meis­ter­wer­ke kräf­ti­gen und durch künst­le­ri­sche Be­tä­ti­gung, wie ich sie für rich­tig hal­te, mei­nem idea­len Zie­le zu­steu­ern zu kön­nen, als wenn ich von Wahn­frieds Be­woh­nern ‚Be­leh­run­gen‘ ent­ge­gen­neh­men müß­te. Heu­te wird man mir glau­ben, daß mein ein­zi­ges per­sön­li­ches Ge­fühl Bay­reuth ge­gen­über die Dank­bar­keit ist, ihm nichts zu ver­dan­ken.

Wein­gart­ners Ta­lent als Pia­nist, Di­ri­gent und Kom­po­nist kann man üb­ri­gens nach­hö­ren: auf ei­ner sehr frü­hen Wel­te-Mi­gnon-Auf­nah­me und un­ter an­de­rem auf der ers­ten kom­mer­zi­el­len Ein­spie­lung al­ler Beet­ho­ven-Sym­pho­ni­en. Sei­ne ei­ge­nen Sym­pho­ni­en wur­den erst im letz­ten Jahr­zehnt un­ter Mar­ko Le­ton­ja und dem Ba­se­ler Sin­fo­nie­or­ches­ter suk­zes­si­ve auf CD ge­bannt, dar­un­ter auch sei­ne Sieb­te, de­ren Ur­auf­füh­rung er noch kurz vor sei­nem Tod in sei­ner neu­en schwei­ze­ri­schen Wahl­hei­mat er­le­ben durf­te.

Felix Weingartner um 1914 Vorlage: Nicola Perscheid/Wikimedia Commons
Fe­lix Wein­gart­ner um 1914 Vor­la­ge: Ni­co­la Perscheid/​Wikimedia Com­mons

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