Heilsbringer oder Humperdinck-Epigone?

150 Jah­re Sieg­fried Wag­ner: In der Fest­spiel­stadt wird in Auf­füh­run­gen, Aus­stel­lun­gen, Kon­zer­ten und ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on Wag­ners Sohn und „Erb­prinz“ Sieg­fried ge­dacht.

Achim Bahr und Pe­ter P. Pachl ge­ben ein Buch zum 150. Ge­burts­tag von Sieg­fried Wag­ner her­aus, das „… min­des­tens ein hal­ber Esel …“ heißt. Es soll Ende Au­gust er­schei­nen. Vor­la­ge: ©Achim Bahr/​ISWG

Dass es heu­er gleich zwei Wag­ner-Ju­bi­lä­en gibt, war und ist in Bay­reuth nicht zu über­se­hen. Vor Fest­spiel­be­ginn wur­de mit ei­nem Fest­akt der 100. Ge­burts­tag von Wolf­gang Wag­ner* im Vor­aus ge­fei­ert und die Son­der­schau im Wag­ner-Mu­se­um er­öff­net, am Ran­de des Hü­gels steht auch des­sen Va­ter im Fo­kus.

Sieg­fried Hel­fe­rich Ri­chard Wag­ner, der am 6. Juni 1869 in Trib­schen ge­bo­re­ne ein­zi­ge Sohn von Ri­chard und Co­si­ma Wag­ner, war wie sein Va­ter Di­ri­gent, Fest­spiel­lei­ter und Dich­ter­kom­po­nist. Al­ler­dings mit un­ter­schied­li­chem Er­folg. Denn er stand stets im über­mäch­ti­gen Schat­ten des ge­nia­len Va­ters.

Zwar schaff­te er es als Di­ri­gent an­ders als Ri­chard Wag­ner so­gar bis nach Ame­ri­ka. Zwar war er we­sent­lich län­ger Fest­spiel­lei­ter – näm­lich für vom Ers­ten Welt­krieg un­ter­bro­che­ne zehn Spiel­zei­ten von 1908 bis zu sei­nem Tod 1930. Und er schuf mehr Opern als sein Va­ter – näm­lich vier­zehn. Wo­bei er den ei­nen als un­ter­schätz­ter Heils­brin­ger gilt, den an­de­ren als blo­ßer Epi­go­ne sei­nes heu­te noch  auf­ge­führ­ten Kom­po­si­ti­ons­leh­rers En­gel­bert Hum­per­dinck.

Zu­mal er eine Per­sön­lich­keit war, die auch heu­te noch nicht leicht zu fas­sen ist. So streck­te er über zwan­zig Jah­re vor Al­bert Ein­stein, rund vier­zig Jah­re vor Mick Jag­ger und rund acht­zig  Jah­re vor Mi­ley Cy­rus ei­nem Fo­to­gra­fen die Zun­ge raus – ein Bild, das auf­ge­peppt à la Andy War­hol die In­ter­na­tio­na­le Sieg­fried Wag­ner Ge­sell­schaft (ISWG) ak­tu­ell auch auf Fah­nen, Pla­ka­ten und Pro­spek­ten in Bay­reuth nutzt.

Selbst Ex­per­ten sind im­mer noch un­eins, ob Sieg­fried Wag­ner, der sei­nen Un­ter­leib auf­fal­lend durch Gür­tel ab­schnür­te, bi- oder ho­mo­se­xu­ell war. Für Ers­te­res könn­ten mit Wal­ter Aign als un­ehe­li­chem Sohn und den vier Kin­der Wie­land, Frie­de­lind, Wolf­gang und Ve­re­na aus sei­ner spät und nur aus dy­nas­ti­schen Grün­den ein­ge­gan­ge­nen Ehe mit Wi­ni­f­red Wil­liams spre­chen. Auf Letz­te­res darf man aber eben­so schlie­ßen. So er­in­ner­te der Thea­ter­wis­sen­schaft­ler und Dra­ma­turg Alex­an­der Mei­er-Dör­zen­bach bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on in Wahn­fried auch dar­an, dass in Sieg­fried Wag­ners Me­moi­ren die Schil­de­run­gen der halb­jäh­ri­gen Ori­ent- und Asi­en­rei­se 1892 mit sei­nem schwu­len Freund Cle­ment Har­ris mehr als die Hälf­te aus­ma­chen.

Bei dem von den Bay­reu­ther Fest­spie­len im Dis­kurs-Pro­gramm ver­an­stal­te­ten Ge­spräch wür­dig­te der Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Mar­kus Kie­sel Sieg­fried vor al­lem als In­ten­dan­ten, der in der Be­wah­rung des vä­ter­li­chen Er­bes al­les rich­tig ge­macht habe. Als Kom­po­nist von mär­chen­haf­ten Opern hin­ge­gen sei ihm nicht ge­lun­gen, die in­halt­li­che Bri­sanz und Kom­ple­xi­tät der ei­ge­nen Text­bü­cher in eine zeit­ge­nös­sisch-mo­der­ne, emo­tio­nal wer­ti­ge mu­si­ka­li­sche Spra­che um­zu­set­zen. An­ge­sichts der Tat­sa­che, dass rund 95 Pro­zent al­ler Opern des 20. Jahr­hun­derts es nicht ins Re­per­toire ge­schafft ha­ben, sei es aber mü­ßig zu fra­gen, ob er als Kom­po­nist, der für den Markt – und nicht wie sein Va­ter für die Ewig­keit – ge­schrie­ben habe, ver­kannt oder ge­schei­tert sei. Viel­leicht, so Kie­sel, könn­ten rich­tig gute In­sze­nie­run­gen hel­fen.

Ob die im­mer noch in Fa­mi­li­en­be­sitz „faf­ne­ri­sier­te“ Pri­vat­kor­re­spon­denz von Sieg­fried und Wi­ni­f­red Wag­ner wo­mög­lich mehr Auf­schluss ge­ben könn­te, sei da­hin­ge­stellt. Einst­wei­len ver­su­chen Fe­r­idun Zai­mo­g­lu und Gün­ter Sen­kel in ei­nem Auf­trags­werk der Bay­reu­ther Fest­spie­le, Sieg­fried Wag­ners Per­sön­lich­keit auf an­de­re Wei­se nä­her zu kom­men.

Die Au­toren, das In­sze­nie­rungs­team und zwei Schau­spie­ler – dar­un­ter mit Fe­lix Axel Preiss­ler ein ehe­ma­li­ges En­sem­ble­mit­glied des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bam­berg – stell­ten im Saal der Vil­la Wahn­fried das Stück „Sieg­fried“ vor, das am 13. Au­gust im Reichs­hof-Kino ur­auf­ge­führt wird. Könn­te rich­tig span­nend wer­den!

Termine zu Siegfried Wagner in der Übersicht

Mark­gräf­li­ches Opern­haus Oper „An al­lem ist Hüt­chen schuld“ am 9. und 10.8.; Sieg­fried Wag­ner-Kon­zert­abend 17.8.; Be­ginn je­weils 19 Uhr, Kar­ten un­ter www​.ti​cket​mas​ter​.de
Kul­tur­büh­ne Reichs­hof Ur­auf­füh­rung „Sieg­fried“ am 13., 15., 19. und 21.8, je­weils 20 Uhr; Ti­ckets un­ter 01806 999 0000.
Al­tes Schloss Aus­stel­lung zu Le­ben und Werk, bis 28.8. täg­lich 10–15 Uhr, Ein­tritt frei.
Kla­vier­ma­nu­fak­tur Stein­gra­eber Son­der­schau „Hüt­chen RE:reloaded!“, bis 28.8. täg­lich 10–18 Uhr, Ein­tritt frei.

*Ak­tu­el­le Bil­der vom Fest­akt für Wag­ner-En­kel Wolf­gang Wag­ner fin­den Sie in dem Ar­ti­kel „Der Prin­zi­pal“; Erst­druck des Ar­ti­kels im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags.

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