Stück für Stück kommt die Vergangenheit zurück

Die Neu­pro­duk­ti­on der Oper „In­no­cence“ von Kai­ja Saa­ria­ho am Opern­haus Nürn­berg soll­ten Opern­freun­de aus der Re­gi­on sich nicht ent­ge­hen las­sen. Hier die Kri­tik von Frank Piontek.

Zwei Ebe­nen, die sich all­mäh­lich ver­mi­schen: Sze­ne aus „In­no­cence“ mit So­lis­ten und Chor im Büh­nen­bild von Ma­this Neid­hardt – Alle Fo­tos: Bet­ti­na Stöß/​Staatstheater Nürnberg

Kann man ein Mas­sa­ker auf die Büh­ne brin­gen? Man kann. Im Fall von „In­no­cence“ ha­ben die Au­toren, die Kom­po­nis­tin Kai­ja Saa­ria­ho und die Li­bret­tis­ten Sofi Oksa­nen und Al­ek­si Bar­riè­re, ver­trag­lich ver­fügt, dass der Amok­läu­fer, also auch der Amok­lauf, der im Hin­ter­grund der Hand­lung steht, nicht ge­zeigt wer­den dür­fen. Die Oper re­kon­stru­iert also nicht den an sich fik­ti­ven Fall ei­nes Amok­laufs an ei­ner in­ter­na­tio­na­len fin­ni­schen Schu­le zu Be­ginn der 2000er Jah­re, son­dern rich­tet ih­ren Blick auf die Zeit da­nach. Zehn Jah­re nach dem Er­eig­nis, dem zehn Schü­ler und ein Leh­rer zum Op­fer fie­len, fei­ert der Bru­der des Tä­ters, der ge­ra­de, er­fährt man, aus der Psych­ia­trie ent­las­sen wor­den ist, sei­ne Hoch­zeit, wäh­rend die Über­le­ben­den ihre Trau­ma­ta noch im­mer mit sich führen.

Saa­ria­ho und Oksa­nen ent­war­fen eine dop­pel­te Dra­ma­tur­gie: Hier der Raum der klei­nen, auf sich selbst zu­rück­ge­wor­fe­nen Fa­mi­lie, dort die Grup­pe der ehe­ma­li­gen Schü­ler, doch was be­deu­tet „In­no­cence“? Un­schul­dig ist al­lein die neu­ge­ba­cke­ne, von Au­ßen kom­men­de Frau des Man­nes, wäh­rend die Fa­mi­li­en­mit­glie­der auf je ver­schie­de­ne Art eine schwer mess­ba­re Teil­schuld an der un­fass­ba­ren Tat des At­ten­tä­ters ha­ben. Der ein­zi­ge, der nach dem Amok­lauf zu Va­ter, Mut­ter, Sohn hielt, ist der Pries­ter, doch auch er fühlt sich ohn­mäch­tig ge­gen­über der in der Ver­gan­gen­heit auf­ge­la­de­nen Schuld, auf sehr kon­kre­te Sa­dis­men des geist­lich Schutz­be­foh­le­nen nicht auf­merk­sam ge­macht zu haben.

Die auf­fal­lend klei­ne Hoch­zeits­ge­sell­schaft mit (von links) Jo­chen Kup­fer als Schwie­ger­va­ter, Ta­ras Ko­no­sh­chen­ko als Pries­ter, Ju­lia Grü­ter und Mar­tin Platz als Braut­paar so­wie Chloë Mor­gan als Schwiegermutter

Die neue Frau soll Ruhe ins Ge­flecht brin­gen, ein neu­er An­fang soll see­li­schen Frie­den stif­ten, doch Te­re­za, die wäh­rend der Hoch­zeit zu­fäl­lig kell­nert, er­kennt im Ehe­mann den Bru­der je­nes Jun­gen wie­der, der vor zehn Jah­ren ihre Toch­ter tö­te­te. Sie ist es, die Be­we­gung in die To­ten­stil­le bringt, mit der die Fa­mi­lie end­lich mit der Ver­gan­gen­heit ab­schlie­ßen will, wäh­rend sie nach wie vor so lei­det wie all die An­de­ren, die sei­ner­zeit ihre Liebs­ten und Nächs­ten ver­lo­ren. So kommt Stück für Stück die Wahr­heit ans Licht – am Ende bleibt frag­lich, ob Ste­la (der „Stern“) in der Fa­mi­lie blei­ben wird, de­ren Ge­heim­nis of­fen­bar wur­de: ein Ge­heim­nis, das die po­ten­ti­el­le Mit­tä­ter­schaft des Man­nes wie die Ver­säum­nis­se der El­tern ein­schließt. Und auch auf der Sei­te der Schü­ler herrscht mo­ra­li­sche In­dif­fe­renz: der na­men­lo­se Amok­läu­fer schoss ja nicht aus hei­te­rem Him­mel in die Men­ge. Er wur­de, ge­mobbt, ver­ach­tet und ver­spot­tet, so­mit re­gel­recht zu ei­ner Ra­che­ma­schi­ne ge­züch­tet, der am Ende auch ei­ni­ge Je­ner zum Op­fer fie­len, die ihn mobb­ten, ver­ach­te­ten, ver­spot­te­ten. Den Be­zug auf die Ge­gen­wart darf je­der Zu­schau­er selbst ziehen.

Die ein­ge­sprun­ge­ne Kell­ne­rin Te­re­za bringt die Ver­gan­gen­heit zurück.

In Nürn­berg in­sze­niert Jens-Da­ni­el Her­zog das Werk als rea­lis­ti­sches Mu­sik­thea­ter in ei­nem abs­tra­hier­ten, von Ma­this Neid­hardt ent­wor­fe­nen Raum: Hier die Fa­mi­lie am Tisch, dort der au­ßen tief­schwar­ze, in­nen wei­ße und sich im­mer wie­der dre­hen­de Ku­bus, in dem die Schü­le­rin­nen und Schü­ler und eine Leh­re­rin ih­ren Lei­den und Er­in­ne­run­gen im Sprech­ge­sang Aus­druck ge­ben, Fre­de­ri­ka Bril­lem­bourg als Leh­re­rin bis­wei­len in be­son­ders an­ge­spann­ter, mit ir­ren Glis­san­di an­ge­rei­cher­ter Wei­se. Zwei Schü­le­rin­nen ra­gen her­aus: Iris, die da­mals am Mord­kom­plott be­tei­ligt war und im­mer noch auf die Bour­geoi­sie spuckt – Lou Denès spielt das mit ver­ach­tungs­vol­ler In­brunst – und Te­re­z­as tote Toch­ter Mar­ké­ta, ein Mäd­chen in Rot, von der die Mut­ter nicht Ab­schied neh­men kann.

Ju­lia Grü­ter als Braut Ste­la und Al­me­ri­ja De­lic als Kell­ne­rin Tereza

Eri­ka Hamm­ar­berg, die schon des­halb im Vo­kal­ensem­ble auf­fällt, weil sie im Folk­s­til, auch mit ei­gen­tüm­lich „jo­deln­den“ Tö­nen singt (Son­der­bei­fall!), ist un­ter den Ak­teu­rin­nen und Ak­teu­ren die ein­zi­ge Fin­nin in die­ser fin­ni­schen Oper, in der nicht we­ni­ger als neu­en Spra­chen zu hö­ren sind. Te­re­za singt meist Tsche­chisch, Al­me­ri­ja De­lic holt sich nach 105 Mi­nu­ten ne­ben Eri­ka Hamm­ar­berg viel­leicht den stärks­ten So­lo­bei­fall. Als in­ten­siv Lei­den­de wie als an­ti­kisch zür­nen­de schwar­ze Wit­we wäre sie die pri­ma in­ter pa­res, wäre das nicht auch Ju­lia Grü­ter. Als Ste­la bringt sie ih­ren ex­pres­si­ven So­pran ins böse Ent­de­ckungs­spiel, wäh­rend Mar­tin Platz als Bräu­ti­gam Tuo­mas auf an­de­re Wei­se der Ver­zweif­lung Aus­druck gibt, das Un­glück be­för­dert zu haben.

Eri­ka Hamm­ar­berg (links) als Mar­ké­ta und Ca­ro­li­ne Ot­to­can als Schü­le­rin 2

Jo­chen Kup­fer ist, so­nor wie im­mer, der Schwie­ger­va­ter; der Dra­ma­turg Ge­org Hol­zer macht dar­auf auf­merk­sam, dass Tuo­mas als Bräu­ti­gam und Va­ter und Mut­ter im Per­so­nen­ver­zeich­nis aus­drück­lich als Schwie­ger­va­ter und -mut­ter be­zeich­net wer­den: in Be­zug auf Ste­la, die da­mit zum Zen­trum des Per­so­nals wird, an dem sich die schul­dig ge­wor­de­nen Mit­spie­ler ab­ar­bei­ten müs­sen. Chloë Mor­gan ist die ab­wie­geln­de und ängst­li­che Schwie­ger­mut­ter, Ta­ras Ko­no­sh­chen­ko der zer­knirsch­te Pries­ter, sie ver­voll­stän­di­gen das Per­so­nal der sechs Haupt­rol­len, de­nen als re­zi­tie­ren­de Rol­len die Schü­ler und die Leh­re­rin als Par­al­le­len bei­gesellt sind, be­vor sie sich schließ­lich in ei­nem gro­ßen En­sem­ble samt Chor vereinigen.

Ent­set­zen bei der Braut (Ju­lia Grü­ter), denn au­ßer ihr ist nie­mand un­schul­dig, auch nicht der Bräu­ti­gam (Mar­tin Platz).

Das Fi­na­le ist denn auch der emo­tio­na­le Hö­he­punkt des Gan­zen. Kai­ja Saa­ria­hos Kunst der at­mo­sphä­ri­schen Ver­dich­tung kommt zu ei­ner letz­ten Stei­ge­rung, nach­dem die Mu­sik zu­vor mal mehr, mal we­ni­ger tem­pe­riert die Hand­lung be­glei­te­te, ohne sich, so ge­nau sie auch ge­baut wur­de, mit all­zu vie­len Ak­zen­ten ein­zu­prä­gen, was dra­ma­ti­sche Kul­mi­na­tio­nen nicht aus­schließt: etwa die per­kus­si­ven For­te-Klän­ge, mit de­nen in der 11. Sze­ne das Mas­sa­ker und der 17. Sze­ne Iris’ Hass auf die An­de­ren mit den Mit­teln ei­ner far­bi­gen Neue­ren Mu­sik akus­tisch ge­malt wird. Man hat den Ein­druck, dass die­se Sze­nen zwei der we­ni­gen sind, in de­nen mu­si­ka­li­scher und dra­ma­ti­scher Aus­druck eins wer­den, doch er­weist sich selbst an an­de­ren Stel­len, dass Saa­ria­ho, der wir mit „L’amour de loin“ eine der schöns­ten und halt­bars­ten neu­en (Liebes-)Opern ver­dan­ken, ihr Hand­werk verstand.

Nur muss man ge­le­gent­lich sehr ge­nau hin­hö­ren, um im Or­ches­ter­part mehr wahr­zu­neh­men als eine mehr oder we­ni­ger bril­lan­te Klangstre­cke: be­gin­nend mit dem im Dun­kel an­he­ben­den Vor­spiel, ei­nem ve­ri­ta­blen Kla­vier­kon­zert, en­dend im be­tö­ren­den Pia­nis­si­mo ei­nes of­fe­nen Klangs, der so et­was wie eine Hoff­nung auf Er­lö­sung aus den Er­in­ne­run­gen ver­heißt; die Schü­ler ha­ben ja schon vor­her, leicht di­dak­tisch an­mu­tend, an­ge­deu­tet, dass sie wie­der be­gin­nen, ganz nor­ma­le Men­schen zu wer­den, be­vor die Mut­ter Ab­schied von ih­rer to­ten Toch­ter nimmt. We­sent­lich wich­ti­ger aber für die mu­si­ka­li­sche Dra­ma­tur­gie ist der Ge­sang – es sind die groß­ar­ti­gen Sän­ger, die Saa­ria­hos psy­cho­lo­gi­sie­ren­de Parts höchst sou­ve­rän mit je­nem Le­ben er­fül­len, das dem Or­ches­ter bei al­ler Be­wegt­heit ge­le­gent­lich abgeht.

Eri­ka Hamm­ar­berg als Mar­ké­ta und Al­me­ri­ja De­lic als de­ren Mutter

Der in­stru­men­ta­le Sound wird von der Staats­phil­har­mo­nie Nürn­berg un­ter Ro­land Böer voll­kom­men ge­macht. We­sent­lich un­ter­stützt aber wird die schil­lern­de Stim­mung vom un­sicht­ba­ren, Vo­ka­li­sen und Na­men sin­gen­den Chor, der sich erst am Ende mit den an­de­ren Sän­gern ver­ei­nigt, um vor dem ei­gent­li­chen Fi­na­le ein be­we­gen­des Schluss­bild zu stel­len. Der Chor des Staats­thea­ters Nürn­berg singt un­ter Tar­mo Vaask wie­der so be­tö­rend, dass ei­ni­ge we­ni­ge Pas­sa­gen, vom Sum­men zum kon­trol­lier­ten Schrei, schon aus­rei­chen wür­den, um den Be­such der Auf­füh­rung völ­lig zu legitimieren.

Pre­mie­re: 2. No­vem­ber 2025, be­such­te Auf­füh­rung: 18. No­vem­ber 2025, wei­te­re Auf­füh­run­gen am 3.12. und im Ja­nu­ar 2026 am 17., 26. und 29.

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