Probebühne für Deutschland

Un­ser Mit­glied Bernd Buch­ner prä­sen­tier­te sein über­ar­bei­te­tes und ak­tua­li­sier­tes Buch „Welt­thea­ter Bay­reuth“ im Kufa-Saal. Als si­gni­fi­kan­tes Bei­spiel aus die­ser po­li­ti­schen Fest­spiel­ge­schich­te sprach er über Wag­ners „Weib der Zu­kunft“ und das Frauenthema.

Bernd Buch­ner und RWV-Vor­sit­zen­de Ant­je Fah­rig auf der Büh­ne des Kufa-Saals – Alle Fo­tos: Ro­land Gröber

Al­len Un­ken­ru­fen zum Trotz sind die Ju­bi­lä­ums­fest­spie­le 2026 mo­men­tan kom­plett aus­ver­kauft. Dass Bay­reuth im­mer für Über­ra­schun­gen gut ist – zum Zeit­punkt des Vor­trags stand der On­line-So­fort­kauf noch aus – wur­de auch in den Aus­füh­run­gen von Bernd Buch­ner klar. „Was heu­te in der Ge­sell­schaft vor sich geht, im Gu­ten wie im Bö­sen“, re­sü­mier­te der pro­mo­vier­te His­to­ri­ker und Jour­na­list, „fin­det sich auch bei den Fest­spie­len. Des­halb sind sie ein Spie­gel der Wirk­lich­keit, ein Spie­gel der Ge­gen­wart. Und des­halb lohnt sich die Be­schäf­ti­gung mit den Festspielen.“

Na­tür­lich lohnt sich das, selbst wenn es hier um künst­le­ri­sche Be­lan­ge nur dann geht, so­weit sie po­li­tisch re­le­vant sind. Das jüngs­te Fest­spiel­buch hat im Ver­gleich zu den bis­he­ri­gen Stan­dard­wer­ken nicht nur den Vor­teil, eben auch die Zeit nach dem Jahr­tau­send­wech­sel bis heu­te zu be­leuch­ten. Buch­ner konn­te auf Ma­te­ri­al zu­rück­grei­fen, das we­der Wal­ter Bron­nen­mey­er („Vom Tem­pel zur Werk­statt“, 1970), Fre­de­ric Spotts („Bay­reuth“, 1994) noch Os­wald Ge­org Bau­er („Die Ge­schich­te der Bay­reu­ther Fest­spie­le, 2016) of­fen­stand. Für „Wag­ners Welt­thea­ter“ spricht au­ßer­dem, dass 503 Pa­per­back­sei­ten (Ver­lag Kö­nigs­hau­sen & Neu­mann, 58 €) zwar viel Le­se­stoff, aber schon vom Ge­wicht her leich­ter zu be­wäl­ti­gen sind als die bei­den groß­for­ma­ti­gen Bau­er-Bän­de mit fast 1300 Seiten.

An­ders als bei Bau­ers „un­ver­zicht­ba­rer“ Fest­spiel­ge­schich­te, in der aus na­he­lie­gen­den Grün­den stets die spe­zi­fi­sche Sicht von Wolf­gang Wag­ner auf­scheint, sucht Bernd Buch­ner eine ge­wis­se Di­stanz zu sei­nem Stoff und lässt sehr vie­le Be­tei­lig­te, Zeit­zeu­gen, For­scher, Ex­per­ten, Au­toren und Jour­na­lis­ten zu Wort kom­men. In sie­ben aus­führ­li­chen Ka­pi­teln mit ana­ly­ti­schen und bio­gra­fi­schen Quer­schnit­ten und „Sei­ten­hie­ben“ folgt er dem Ge­sche­hen im We­sent­li­chen chronologisch.

Bernd Buch­ner, His­to­ri­ker, Jour­na­list und Au­tor der jüngs­ten Bay­reu­ther Fest­spiel­ge­schich­te bei sei­nem Vor­trag in Bamberg

Sei­ne grund­le­gen­de The­se ist, dass „alle Ent­wick­lun­gen des Lan­des, vom Kai­ser­reich bis zur wie­der­ver­ei­nig­ten Re­pu­blik sich in ir­gend­ei­ner Wei­se auch am Grü­nen Hü­gel spie­geln. Die Fest­spie­le sind eine Pro­be­büh­ne für Deutsch­land.“ Und die zwei­te The­se: „Die Wag­ners als fest­spiel­lei­ten­de Per­sön­lich­kei­ten ha­ben sich im­mer an­ge­passt, sind mit dem­Zeit­geist ge­schwom­men. Sie wa­ren ‚Mit­läu­fer‘ – ich ver­wen­de be­wusst die­sen Be­griff, denn er stellt die Fa­mi­lie und die In­sti­tu­ti­on in ei­nen his­to­ri­schen Zu­sam­men­hang, aus dem die Bay­reu­ther Fest­spiel­ge­schich­te nicht zu ent­las­sen ist.“

Die Zeit, als Bay­reuth zu ‚Hit­lers Hof­thea­ter‘ wur­de, sei ein Dreh- und An­gel­punkt. Wo­bei Buch­ner be­ton­te, dass die Ar­chiv­si­tua­ti­on in Hin­blick auf die Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus gar nicht mehr so span­nend und das The­ma re­la­tiv gut und aus­führ­lich be­ar­bei­tet sei. „Da wird es auch nicht mehr all­zu viel Neu­es ge­ben. Auch nicht aus dem be­rühmt-be­rüch­tig­ten Ak­ten­kon­vo­lut von Wi­nif­red Wag­ner an Adolf Hit­ler und zurück.“

Aus dem letz­ten Ka­pi­tel, das in die Ge­gen­wart führt, „mit­ten hin­ein in die er­bit­ter­ten Nach­fol­ge­kämp­fe und die staat­li­che Macht­über­nah­me am Grü­nen Hü­gel“, stell­te der Au­tor sei­ne Ge­dan­ken und Re­cher­chen zum The­ma Wag­ner und die Frau­en vor. Ein schwie­ri­ges wei­tes Feld, denn schon zu Wag­ners „Weib der Zu­kunft“ be­durf­te es ei­ner Be­griffs­klä­rung. Als Wag­ner leb­te, sei das Wort Weib, das heu­te eher als ab­wer­tend emp­fun­den wird, noch all­täg­lich ge­we­sen. „Es ist“, so Buch­ner, „im­mer eine Sa­che der ge­sell­schaft­li­chen Ver­ein­ba­rung, wie man et­was ver­steht und auf­fasst, wie sich Din­ge und Sicht­wei­sen verändern.“

Wag­ners Ver­hält­nis zum weib­li­chen Ge­schlecht  sei kom­plex und schil­lernd, ganz aus  der Zeit her­aus ge­bo­ren, ge­prägt durch das pa­tri­ar­cha­le Frau­en­bild im 19. Jahr­hun­dert. No­to­risch die Op­fer­rol­le sei­ner weib­li­chen Büh­nen­fi­gu­ren: „In den Mu­sik­dra­men wim­melt es von ver­kauf­ten Bräu­ten. Mit den mu­si­ka­li­schen Gen­der­kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit setzt er zu­dem das ge­zähmt-ly­ri­sche Weib­li­che kli­schee­haft ge­gen das kraft­voll-mar­tia­li­sche Männliche.“

Wag­ner habe zu­dem sei­nen ma­ni­fes­ten Ras­sis­mus und An­ti­se­mi­tis­mus mit Frau­en­feind­lich­keit ver­knüpft – ein pre­kä­rer ideo­lo­gi­scher Brü­cken­schlag. 1881 no­tier­te der Kom­po­nist in Bay­reuth: „Bei der Ver­mi­schung der Ra­cen ver­dirbt das Blut der ed­le­ren Männ­lich­keit durch das un­ed­le Weib­li­che: Das Männ­li­che lei­det, Cha­rak­ter geht un­ter, wäh­rend die Wei­ber so viel ge­win­nen, um an die Stel­le der Män­ner zu treten.“

Nach wei­te­ren Aus­füh­run­gen zu den Fest­spiel­lei­te­rin­nen Co­si­ma Wag­ner und Wi­nif­red Wag­ner, die sich in ih­rer Funk­ti­on Po­le­mi­ken wie „Frau­en­zim­mer­po­li­tik“, „Wei­ber- und Kin­der­kram“ so­wie „Ja, wenn Frau­en re­gie­ren, dann ar­mes Bay­reuth!“ ge­fal­len las­sen muss­ten, er­in­ner­te Buch­ner dar­an, dass das zu Be­ginn der Ära Neu­bay­reuth nicht an­ders war: „Bei der Wie­der­grün­dung der Fest­spie­le schwo­ren sich die bei­den Wag­ne­ren­kel in chau­vi­nis­ti­scher Ein­tracht: ‚Nach Co­si­ma und Wi­nif­red Schluss mit der Wei­ber­dik­ta­tur!‘ und dach­ten über­haupt nicht dar­an, ihre Haus­macht, wie es im Tes­ta­ment stand, mit ih­ren Schwes­tern Frie­de­lind und Ve­re­na zu teilen.“

Wag­ner-Wein als Dan­ke­schön für Bernd Buch­ner, über­reicht von Ant­je Fahrig …

Zum Sprung in die jüngs­te Ge­gen­wart schil­der­te er ein Bild der Pre­mie­ren­auf­fahrt 2012, „das Fe­mi­nis­tin­nen ge­fal­len ha­ben dürf­te: An­ge­la Mer­kel, ers­te Kanz­le­rin in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik, be­grüß­te Bri­git­te Merk-Erbe, ers­te Ober­bür­ger­meis­te­rin in der Ge­schich­te Bay­reuths, und plau­der­te an­ge­regt mit den Fest­spiel­lei­te­rin­nen Ka­tha­ri­na und Eva – auch wenn ein ge­mein­sa­mes Foto des re­gie­ren­den Quar­tetts we­gen nach­drück­li­cher Aver­sio­nen der bei­den Da­men Wag­ner ge­gen die Stadt­che­fin nicht zu­stan­de kam.“

An­ders als bei der weib­li­chen Fir­men­spit­ze sei der Or­ches­ter­gra­ben wie in an­de­ren Thea­tern über Jahr­zehn­te hin­weg eine Män­ner­do­mä­ne ge­blie­ben. Die ers­te of­fi­zi­el­le Di­ri­gen­tin im Fest­spiel­haus nach 145 Jah­ren und 92 Män­nern war 2021 die Ukrai­ne­rin Oksa­na Ly­niv mit dem „Flie­gen­den Hol­län­der“, ge­folgt von der Fran­zö­sin Na­tha­lie Stutz­mann mit „Tann­häu­ser“ und der Aus­tra­lie­rin Si­mo­ne Young als ers­ter „Ring“-Dirigentin. 2024 gab es am Grü­nen Hü­gel erst­mals mehr Frau­en am Pult als Männer.

Dass Bay­reuth „mit­ten im Le­ben steht“, mach­te Buch­ner auch dar­an fest, dass vor den Fest­spie­len 2022 be­kannt wur­de, dass es am Grü­nen Hü­gel se­xis­ti­sche Über­grif­fe ge­ge­ben habe. Trotz des eher un­an­ge­neh­men The­mas zum Schluss ver­si­cher­te er, dass sich die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem My­thos Bay­reuth im­mer loh­ne – „selbst wenn wir nicht wis­sen kön­nen, ob es die Bay­reu­ther Fest­spie­le in die­ser Form in drei­ßig oder vier­zig Jah­ren im­mer noch ge­ben wird.“ Was auch die Fra­gen aus dem Pu­bli­kum spiegelten.

… und ein in­ter­es­sier­tes Pu­bli­kum im Kufa-Saal für „Wag­ners Welttheater“.