Ein Riesenerfolg für die Prinzessin

„Geil!“ Über Gi­a­co­mo Puc­ci­nis „Tu­ran­dot“ am Staats­thea­ter Nürn­berg war das eine durch­aus gän­gi­ge Mei­nung , die sich be­reits wäh­rend des ers­ten Akts Bahn brach, um am Ende in ei­nen stür­mi­schen Bei­fall für Alle zu mün­den. Frank Piontek berichtet.

Sze­ne aus der Nürn­ber­ger „Turandot“-Neuinszenierung – Alle Fo­tos: © Pe­dro Malinowski/​Staatstheater Nürnberg

Man kann die Oper als Mär­chen er­zäh­len, kei­ne Fra­ge. Man kann je­doch auch die Fi­gur der Tu­ran­dot durch die Zei­ten und Kul­tu­ren wan­dern las­sen. Be­vor von den Sän­ge­rin­nen und Sän­gern der neu­en, um­ju­bel­ten Pro­duk­ti­on die Rede ist, muss von der Re­gie der Ka­tery­na So­ko­lo­va und von ei­ner zwei­ten Tu­ran­dot ge­spro­chen wer­den, die uns über wei­te Stre­cken des Abends be­glei­tet. Denn Tu­ran­dot, die Sän­ge­rin, hat eine Zwil­lings­schwes­ter be­kom­men, der in ei­ni­ge der Rol­len schlüpft, in die sich die Frau hin­ei­ni­ma­gi­niert, die am Be­ginn des Dram­ma li­ri­co ver­hei­ra­tet wer­den soll.

Die in­ge­niö­se Kos­tü­mer­fin­de­rin Con­stan­za Meza-Lo­pe­han­dia und der Büh­nen­bild­ner Ni­ko­laus We­bern ha­ben der Re­gis­seu­rin und ih­ren Prot­ago­nis­ten ei­nen Raum und ei­nen kul­tu­rel­len Ort ge­schaf­fen, den man Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ver­or­ten kann: ir­gend­wo zwi­schen Lu­cia di Lam­mer­moor und Vio­let­ta Va­lery, als die Kri­no­li­ne voll in Mode war. Zu den schöns­ten Sze­nen des Abends ge­hört der Auf­tritt des Da­men- und Her­ren­chors im letz­ten Akt, kurz vor dem Fi­na­le: mit wun­der­sam schwin­gen­den Röcken.

Zwi­schen den bei­den Sze­nen, die die Hand­lung von der Ver­kün­di­gung des To­des­ur­teils für den per­si­schen Prin­zen über Cal­afs zwi­schen­zeit­li­chem Sieg und der psy­chi­schen Ent­ei­sung der „Prin­zes­sin“ liegt ein Par­force­ritt durch die Kul­tur­ge­schich­te der star­ken wie ver­damm­ten Frau. Tu­ran­dots Dou­ble, die phä­no­me­na­le Ste­pha­nie Ro­ser, die­se fan­tas­ti­sche Be­we­gungs­künst­le­rin tanzt sich durch die Ge­schich­te der Frau, um Tu­ran­dots Skep­sis ge­gen­über dem Mann an sich, der sie laut bür­ger­li­cher Ge­setz­ge­bung über­neh­men soll, bild­reich auszutanzen.

Fi­gu­ren der An­ti­ke (Me­du­sa), des Al­ten Tes­ta­ments (Eva und Ju­dith) fol­gen auf die Prin­zes­sin Tu­ran­dot des ori­en­ta­li­schen Mär­chens; tritt die Sän­ge­rin in akus­ti­sche Er­schei­nung, be­fin­den wir uns plötz­lich in den letz­ten Jah­ren des 16. Jahr­hun­derts. Da ist es plötz­lich Queen Eliza­beth I. die vir­gin queen, die „jung­fräu­li­che Kö­ni­gin“, die (of­fi­zi­ell) nie ei­nem Man­ne bei­lag und, bei Puc­ci­ni, die wah­re, my­thi­sche oder schlicht und ein­fach er­fun­de­ne Ge­schich­te der ge­schän­de­ten Ur­ahnin zur Le­gi­ti­ma­ti­on der mör­de­ri­schen Rät­sel er­zählt – und der Mond ver­bin­det die un­ter dem Ge­stirn grau­sams­te Din­ge be­feh­len­de Tu­ran­dot mit der eng­li­schen Mon­ar­chin, die „Shake­speare“, also Ed­ward de Vere, der 17. Earl of Ox­ford, in sei­nem „Mid­sum­mer Night’s Dream“ wie vie­le Zeit­ge­nos­sen mit der Mond­göt­tin in Ver­bin­dung ge­bracht hat. Der Mond ist tat­säch­lich in schöns­ter leuch­tends­ter Ge­stalt am Him­mel die­ser In­sze­nie­rung zu sehen.

So er­zählt die­se „Tu­ran­dot“ kein Mär­chen, son­dern mit Hil­fe von My­then eine durch­aus psy­cho­lo­gisch grun­dier­te Ge­schich­te, die die Fra­ge nach der Stel­lung der Frau in der Ge­schich­te auf fan­ta­sie­vol­le Wei­se be­bil­dert, ohne die Ge­schich­te, die wir zu ken­nen mei­nen, nicht zu er­zäh­len. Kein Wun­der, dass das Nürn­ber­ger Pu­bli­kum schon nach dem ers­ten Akt gleich­sam auf den Stüh­len stand. Aber ver­wirrt der ra­sche Wech­sel der weib­li­chen Fi­gu­ren nicht eher als dass er zur Klä­rung der Fra­ge, wer denn ei­gent­lich die­se „mär­chen­haf­te“ (wie ex­trem mo­der­ne) Prin­zes­sin von 1924 sein könn­te, Fun­da­men­ta­les bei­tra­gen könnte?

Die Dra­ma­tur­gin Wieb­ke Het­ma­nek hat je­doch Recht, wenn sie die Vir­tuo­si­tät und Selbst­ver­ständ­lich­keit des je­wei­li­gen Rol­len­tauschs be­tont. Be­le­bend, ja: be­we­gend ist er eh, scha­blo­nen­haft nichts, denn we­der tö­tet Ju­dith, wie im bi­bli­schen My­thos, den Ho­lo­fer­nes, der hier, na­tür­lich, in Ge­stalt des sei­ner­seits ge­stalt­tau­schen­den und bi­bel­film­mä­ßig kos­tü­mier­ten Cal­af da­her­kommt, noch er­mor­det Per­seus die Me­du­sa. Hoff­nung also scheint im­mer, auch wenn der My­thos die Au­to­no­mie der Frau zu Guns­ten des männ­li­chen Ver­nich­tungs­prin­zips betont.

Dem­zu­fol­ge war Me­du­sa einst eine schö­ne Frau, die nach der Ver­ge­wal­ti­gung durch Po­sei­don von Pal­las Athe­ne in das be­kann­te Mons­trum ver­wan­delt und so­dann vom „Hel­den“ be­sei­tigt wur­de. Wer mehr über die schil­lern­de Ge­schich­te und an­de­re Les­ar­ten des Me­du­sa-My­thos er­fah­ren will, sei auf die gute Me­du­sa-Bio­gra­phie von Da­vid Lee­ming ver­wie­sen. Hoff­nung ist schließ­lich auch am Schluss der neu­en Nürn­ber­ger In­ter­pre­ta­ti­on des ar­che­ty­pi­schen Tu­ran­dot-Ab- und Zerr­bilds. Im fi­na­len Ju­bel fin­den sich die Frau und der Mann und es scheint, als wür­den sie, auch wenn „die Ge­sell­schaft“ der Kri­no­li­nen­trä­ge­rin­nen und signo­ri sie fast ge­walt­sam ein­rahmt, ei­ner nicht ganz so dunk­len Zu­kunft entgegeneilen.

Die Hoff­nung auf eine ge­glück­te Paar­be­zie­hung auf Au­gen­hö­he wird zu­min­dest durch die Mu­sik be­stä­tigt. Man spielt in Nürn­berg we­der den lan­gen „Al­fa­no I-Schluss“ noch den von Tos­ca­ni­ni um sechs Mi­nu­ten ge­kürz­ten „Al­fa­no 2“-Schluss. Man spielt den ein we­nig ge­kürz­ten 19 Mi­nu­ten lan­gen Ori­gi­nal-Schluss Fran­co Al­fa­nos, so dass sich die kalt­her­zi­ge oder zu­min­dest von Eis um­gür­te­te Frau nicht in zwei, son­dern in ein paar wei­te­ren Mi­nu­ten so zu wan­deln ver­mag, dass der Schluss we­nigs­tens ei­ni­ger­ma­ßen nach­voll­zieh­bar ist. In Nürn­berg klappt’s schon des­halb gut, weil man ja schon am Ende des zwei­ten Akts be­merkt, wie Tu­ran­dot gleich­sam auf­taut, weil sich ihre Mu­sik im­mer mehr ver­flüs­sigt, und sie im drit­ten Akt als Eva – ih­rem Adam den Ap­fel rei­chend – dem Mann be­reits als Ver­füh­ren­de entgegentritt.

Wit­zig ist auch der Kai­ser, der, da sei­ne Toch­ter kei­ne an­de­re ist als Queen Eliza­beth, na­tür­lich als Hen­ry VIII. er­scheint – gicht­krank und wü­tend mit dem Fuß stamp­fend. Nb: Dass Eliza­beth nicht die ge­rings­te Lust hat­te, sich zu ver­hei­ra­ten, um sich in die Ver­fü­gungs­ge­walt ei­nes Ty­ran­nen von Ehe­mann zu be­ge­ben, war an­ge­sichts des Va­ters und Gat­ten­mör­ders nichts als ver­ständ­lich. Dass Cal­af in die­ser Les­art wie Ro­bert De­vereux ali­as Es­sex da­her­kommt, macht durch­aus Sinn, denn auch Es­sex wur­de, auf ih­ren Be­fehl, nach ei­nem miss­glück­ten Auf­stand ge­gen die Re­gen­tin, hin­ge­rich­tet. All das schwingt mit, wenn man sich das mu­sik­dra­ma­ti­sche Bil­der­buch an­schaut und -hört. Zen­tral aber bleibt die Fi­gur der (zu­künf­ti­gen Ehe-)Frau an sich, die von Re­gie und Kos­tüm denk­bar ver­schie­den ein­ge­klei­det wur­de, um doch im­mer die­sel­be zu sein.

Liù hin­ge­gen bleibt die ty­pi­sche Puc­ci­ni-Frau, die sich op­fert, um dem heim­lich Ge­lieb­ten sein Glück nicht zu ver­bau­en, ja: Sie ver­schwis­tert sich ge­ra­de­zu mit der ih­rer­seits lei­den­den Tu­ran­dot, wenn sie ihr, ster­bend, den Braut­kranz reicht, den sie ei­ni­ge hoff­nungs­los-glück­li­che Mi­nu­ten lang sel­ber trug. Und aus dem To­ten­schä­del, der zu­nächst für all die ge­tö­te­ten wie glück­lo­sen Kan­di­da­ten steht, wird plötz­lich der Schä­del der ver­ge­wal­tig­ten Ur­ahnin. Es ist nur kon­se­quent, das sich die (dou­blier­te) Tu­ran­dot zu­sam­men mit den drei „Mi­nis­tern des Hen­kers“, also Ping, Pang und Pong, eine Idyl­le her­bei­sehnt, die weit ent­fernt von den Pro­ble­men ist, die die kri­ti­sche Sicht auf die zu be­fürch­ten­de Auf­ga­be der Un­ab­hän­gig­keit der Frau eben so mit­bringt – kon­se­quent und be­we­gend, auch hin­ein­leuch­tend in die Tie­fen­schich­ten der so ein­fa­chen wie kom­pli­zier­ten Frau.

Das sind so be­deu­ten­de Ein­zel­hei­ten ei­nes Stücks, das vie­le In­ter­pre­ta­tio­nen er­mög­licht. Wenn ein Opern­haus dann noch über ei­nen ve­ri­ta­blen Cal­af ver­fügt, ist der Abend ge­ret­tet. Ra­gaa El­din ist ein prä­gnan­ter, hö­hen­si­che­rer und spiel­freu­di­ger Te­nor, der dem Hel­den als emp­find­sa­me Fi­gur eine Kon­tur ver­leiht, die beim Pu­bli­kum hör­bar an­kommt. Nes­sun dor­ma wird nicht zur Show­num­mer, die Be­zie­hung zwi­schen Tu­ran­dot und Cal­af nicht zum Wett­kampf „gro­ßer Stim­men“. Der Rie­sen­ap­plaus ge­hört am Ende zu gro­ßen Tei­len auch ihm – wie der Liù der Chloë Mor­gan, die Puc­ci­nis letz­te ly­ri­sche Frau­en­par­tie ly­risch über­zeu­gend und stimm­lich emp­find­sam ins Heu­te bringt. Bleibt un­ter den drei Haupt­par­tien die Tu­ran­dot: Emi­ly New­ton ist im­mer dann am bes­ten, wenn sie nicht, wie noch im zwei­ten Akt, die Hoch­dra­ma­ti­sche mar­kie­ren muss. Das Pu­bli­kum be­ju­bel­te je­den­falls auch sie in vol­ler Stärke.

Ta­ras Ko­no­sh­chen­ko glänz­te, bas­s­tief und be­we­gend, als Ti­mur, wäh­rend der Kai­ser als King Hen­ry VIII. von Hans Kit­tel­mann stimm­lich dra­ma­ti­sches und ges­tisch ko­mi­sches Pro­fil er­hielt, be­vor er wie­der in die Rol­le des al­ten Ger­mont oder wie man auch im­mer den Liszt-Loo­ka­li­ke der Tra­via­ta-Epo­che be­zeich­nen soll, schlüpf­te. Ping, Pang und Pong: das sind drei Rol­len, die mit De­mi­an Ma­tus­hevs­kyi, Ser­gei Ni­ko­laev und Mar­tin Platz erst­ran­gig be­setzt wur­den: drei schwar­ze Ge­stal­ten zwi­schen Rea­li­tät und Wirk­lich­keit, drei Hand­lan­ger und Ver­bün­de­te der Tu­ran­dot, die als Spaß­ma­cher und Dä­mo­nen glei­cher­ma­ßen durch die Hand­lung huschen.

Der Chor samt Ex­tra­chor und der im Un­sicht­ba­ren ver­blei­ben­de Kin­der­chor des Staats­thea­ters Nürn­berg wur­den wie­der von Tar­mo Vaask bzw. von Phil­ipp Roosz ein­stu­diert: auf je­nem ho­hen Nürn­ber­ger Ni­veau, das auch vom Or­ches­ter ver­bürgt wor­den ist. Jan Croo­nen­broeck lei­te­te die Staats­phil­har­mo­nie Nürn­berg zum Ver­gnü­gen al­ler, um eine Par­ti­tur zu spie­len, in der die Kam­mer­mu­sik wie der Mo­nu­men­tal­sound ei­ner un­ge­wöhn­li­chen Grand Opé­ra zum Leuch­ten kam. Nicht pau­schal, son­dern in je­dem Mo­ment auf den dra­ma­ti­schen Zweck hin an­ge­passt, sen­si­bel wie auf­trump­fend, in den zar­ten Strei­chern wie im star­ken Blä­ser­chor gleich be­tö­rend. Mit ei­nem Wort: „Geil!“

Wei­te­re „Tu­ran­dot“-Vor­stel­lun­gen am 27. und 30. Ja­nu­ar, am 1., 8., 15., 23., 25. und 27. Fe­bru­ar so­wie am 5. März.