Eine kleine Richtigstellung: Das gern zitierte „Kinder, schafft Neues!“ liest sich im Original anders. Hier der komplette Brief Richard Wagners an seinen Komponistenkollegen Franz Liszt vom 8. September 1852 zum Nachlesen.

Wagner-Experten, Musiker, Kritiker, Journalisten und Wagner-Verbände (der RWV Bamberg mit seinem Referenten Jochen Neurath bis vor kurzem inbegriffen): Sie alle glaubten beziehungsweise glauben immer noch, mit dem griffigen Satz „Kinder, schafft Neues!“ Richard Wagner zu zitieren. Nur leider stimmt das Zitat so nicht ganz, was spätestens mit dem Erscheinen von Band 4 der Briefgesamtausgabe im Jahr 1979 (!) für die daran interessierte Leserschaft schwarz auf weiß vorlag und neuerdings im digitalen Wagnermuseum sogar aus dem Original herauszulesen ist.
Korrekt lautet die aus guten Gründen gern ins sehr weite Feld geführte Stelle aus dem Brief Wagners vom 8. September 1852 aus Zürich an Franz Liszt, seinen Freund, Kollegen und seit 1848 Hofkapellmeister in Weimar: „Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch an’s Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!“ Hier folgt der komplette Brief, mit den damals von Wagner favorisierten Unterstreichungen und ein paar Fußnoten zur besseren Orientierung.
Tausend Dank, du liebster Freund! für deinen letzten Brief[1]! Leider kann ich dir ihn nicht so erwidern, wie ich möchte: meine Gehirnnerven sind einmal wieder so leidend, dass ich für einige Zeit alles Schreiben und Lesen – ich möchte sagen: alle geistige Existenz aufgeben sollte! Jeder – auch der kürzeste Brief greift mich furchtbar an, und nur größte Ruhe (wo und wie die? –) kann – oder könnte mich wirklich herstellen. – Doch will ich hiermit nicht klagen, sondern eben nur dir erklären, wie und woher es kommt, wenn ich mich heute in meinen Mittheilungen kurz und bündig nur an das Nöthigste halte. Sei mir also ja nicht bös darum, wenn ich dir nicht mit jener freudigen Umständlichkeit schreibe, die sonst die Unmöglichkeit des persönlichen Verkehres zu ersetzen sich bemüht! –
Mit Berlin bin ich noch nicht vollständig im Reinen: Hülsen[2] hat meine Forderung als ein Misstrauensvotum gegen seine persönliche Gesinnung angesehen; aus diesem Irrtum musste ich ihn reißen dadurch, dass ich ihm mein rückhaltslosestes Vertrauen als Last für sein Gewissen zuwarf. Ich begehre jetzt nichts weiter von ihm, als daß er mir durch wenige Worte bezeuge, daß er meine schwierige Lage mit dem Tannhäuser in Berlin vollkommen einsehe, und die Aufführung mit dem Willen unternehme, diese schwierige Lage zu überwinden. Das ganze Honorarkapitel überlasse ich dann ihm.[3] – Etwas diente mir nun in neuerer Zeit zur Beruhigung: ich setzte eine ziemlich ausführliche Anleitung zur Aufführung des Tannhäuser[4] auf, ließ sie drucken, und versandte die Broschüre in hinreichenden Exemplaren an die Theater, die die Partitur bezogen haben. Hoffentlich soll diess von Nutzen sein. Dir übersende ich hiermit auch ein halbes Dutzend Exemplare. Viel Neues wird die Schrift für dich nicht enthalten, da ich über das Meiste schon brieflich mir dir verkehrt habe: dennoch dürfte sie dir nützlich sein, weil sie dich bei deinem Vorhaben, den Tannhäuser neu einzustudiren,[5] gründlich unterstützen wird, wenn du sie dem Regisseur und den Sängern mittheilst. Darum wollte ich Dich daher gebeten haben. (Wie martervoll war mir übrigens wieder diese Arbeit! dieser ewige schriftliche und Buchdruckerverkehr ist schrecklich, zumal wenn es sich immer um Gegenstände handelt, die in ihrer Bedeutung für mich längst schon so gänzlich hinter mir liegen! Wahrlich, wenn ich mich um meine bisherigen Opern noch bemühe, so geschieht dies ganz nur aus dem Zwang der Verhältnisse, keinesweges aus Neigung zu diesem Nachholen.)
Diess bringt mich auf Berlioz[6] und Raff[7]. Aufrichtig gesagt, es betrübt mich, daß Berlioz noch an die Bearbeitung seines Cellini[8] gehen will oder soll! Wenn ich nicht irre, ist dieses Werk über 12 Jahre alt: hat sich denn Berlioz seit dem nicht weiter entwickelt, um nun etwas ganz anderes zu machen? Welch ärmliches Zutrauen zu sich selbst, auf eine so frühere Arbeit wieder zurückzukommen[9] zu müssen. Bülow[10] hat ganz richtig auseinandergesetzt, worin das Verfehlte des Cellini liegt: in der Dichtung und in der unnatürlichen Stellung, in welche der Musiker dadurch gedrängt wurde, daß er durch rein musikalische Intentionen einen Mangel decken sollte, den eben nur der Dichter ausfüllen kann. Diesem Cellini wird Berlioz nun und nimmermehr aufhelfen: aber, wer gilt denn mehr, Cellini – oder Berlioz? Laßt doch den ersteren fahren, und helft dem zweiten auf! Für mich hat es etwas Grauenhaftes, diese galvanischen Wiedererweckungsversuche mit anzusehen! Berlioz soll doch nur um des Himmels willen eine neue Oper schreiben; es ist sein größtes Unglück, wenn er diess nicht tut, denn nur Eines kann ihn retten: das Drama, und nur eines muß ihn immer tiefer verderben, sein eigensinniges Umgehen dieses einzigen richtigen Ausweges, – und diess wird nur bestärkt durch neues Befassen mit einem alten Versuche, bei dem ihn eben der Dichter im Stiche liess, den er nur immer wieder durch seine Musik ersetzen will. Glaub’ mir – ich liebe Berlioz, mag er sich auch misstrauisch und eigensinnig von mir entfernt halten: er kennt mich nicht, – aber ich kenne ihn. Wenn ich mir von Einem etwas erwarte, so ist diess von Berlioz: nicht aber auf dem Wege, auf dem er bis zu den Geschmacklosigkeiten seiner Faustsymphonie[11] gelangte, – denn geht er dort weiter, so kann er nur noch vollständig lächerlich werden. Gebraucht ein Musiker den Dichter, so ist diess Berlioz, und sein Unglück ist, dass er sich diesen Dichter immer nach seiner musikalischen Laune zurechtlegt, bald Shakespeare[12], bald Göthe[13] sich nach seinem Belieben zurichtet. Er braucht den Dichter, der ihn durch und durch erfüllt, der ihn vor Entzücken zwingt, der ihm das ist, was der Mann dem Weibe ist. Ich sehe es mit Jammer, dass dieser über alle Maßen begabte Künstler an dieser egoistischen Einsamkeit zugrunde geht. Kann ich ihm helfen?? – Du willst den Wiland[14] nicht: ich halte dies Gedicht für schön, kann es aber für mich nicht mehr ausführen. Willst du es Berlioz anbieten? Vielleicht wäre Henri Blaze[15] der Mann, es französisch zu bearbeiten?
Wie ist’s nun mit Raff? Ich denke, er arbeitet an einem neuen Werk? Nein, er richtet ein altes her! Haben die Menschen denn gar kein L e b e n ? Aus was kann der Künstler schaffen, wenn er nicht aus dem Leben schafft, und ist diess Leben denn nicht nur dann von künstlerisch produktivem Gehalte, wenn es immer zu neuen, dem Leben entsprechenden Gestaltungen treibt? Ist denn dieses Kunstarbeiten an alten Lebensmomenten herum künstlerisches Schaffen? Wie steht es mit dem Quelle aller Kunst, wenn nicht das neue so unwiderstehlich aus ihm hervorquillt, daß das alte spurlos vor ihm verschwindet, oder eben in neuen Schöpfungen ganz und gar aufgeht? O ihr Menschen Gottes, haltet nur dieses Machen nicht für Kunstwirken! Welche Selbstgefälligkeit bei wie viel Armuth verräth es nicht, wenn man älteren Versuchen so nachhelfen will! Hat Raffs Oper[16] so gefallen, wie du mir sagst, so soll ihm das recht sein, und jedenfalls wurde er mehr belohnt als ich für meine „Feen“[17], die ich gar nicht zur Aufführung brachte, oder für mein „Liebesverbot“[18], das eine scheussliche Aufführung erlebte, oder für meinen „Rienzi“[19], an dessen Wiederaufführung ich so wenig mehr denke, dass ich sie sogar nicht einmal gestatten würde, wenn sie irgendwo projektiert werden sollte.[20] Um den Holländer[21], Tannhäuser[22] und Lohengrin[23] bekümmere ich mich nur mit Widerwillen, und zwar deswegen, weil ich weiß, daß sie – wegen noch unvollkommener Vorstellungen – nicht vollkommen verstanden worden sind: wäre ihnen diess Recht irgend wo schon wiederfahren, so würde ich den Teufel mehr nach diesem Überlebten fragen. – Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues! – hängt Ihr Euch an’s Alte, so hat euch der Teufel der Inproduktivität, und Ihr seid die traurigsten Künstler!
Nun, diess hätt’ ich vom Herzen! Wer mich der Unaufrichtigkeit zeiht, der hat’s bei Gott zu verantworten; wer mich aber des Hochmuthes zeiht, der ist albern! – Jetzt kann ich auch nicht mehr schreiben! Sei mir nicht bös! mein Kopf will mir zerspringen! – Schnell sage ich Dir noch das wärmste Lebewohl, das ich in meinem Herzen habe: bleib mir gut, und lass bald wieder hören
Deinem
Richard W.
Zürich, 8. Sept. 52.
[1] Liszt bedankte sich in seinem Brief vom 23. August 1852 für die Übersendung der ihm gewidmeten „Lohengrin“-Partitur durch Breitkopf & Härtel und schrieb u.a.: „… sei überzeugt, dass es für mich Lebensaufgabe ist, Deiner Freundschaft werth zu sein.“
[2] Hülsen, Botho von(1815 –1886), preußischer Offizier, ab 1851 Generalintendant des Berliner Hoftheaters, ab 1866 auch der Hoftheater in Hannover, Kassel und Wiesbaden.
[3] Die erste Aufführung des „Tannhäuser“ in der Hofoper Berlin fand nach langwierigen, mehrfach unterbrochenen Verhandlungen am 7. Januar 1856 statt.
[4] „Über die Aufführung des ‚Tannhäuser‘- Eine Mitteilung an die Dirigenten und Darsteller dieser Oper“. Die am 23. August 1852 abgeschlossene, rund 45 Druckseiten umfassende Broschüre erschien im August 1852 als Sonderdruck in Zürich. Weitere Veröffentlichungen in Ausschnitten sowie komplett in den Gesammelten Schriften folgten.
[5] „Tannhäuser“ wurde in Weimar 1853 am 27. Februar, 18. Und 26. Dezember in der Inszenierung von 1849 aufgeführt.
[6] Berlioz, Hector (1803–1869), französischer Komponist
[7] Raff, Joachim (1822–1882), deutscher Komponist, 1849 bis 53 Assistent von Franz Liszt in Weimar
[8] „Benvenuto Cellini“, Oper von Berlioz. Die deutsche Erstaufführung war für den 16. Februar 1852 geplant, konnte aber wegen der Erkrankung des Hauptdarstellers erst am 20. März 1852 stattfinden. Sie wurde von Hans von Bülow in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ ausführlich, aber nicht unkritisch besprochen.
[9] Richtig: zurückkommen
[10] Bülow, Hans von (1830–1894), deutscher Pianist, Komponist und Dirigent, Schüler und Freund Wagners und ab 1857 erster Ehemann von Cosima Liszt
[11] „La Damnation de Faust“ („Fausts Verdammung“), dramatische Legende, 1846 entstanden
[12] Shakespeare, William (1564–1616), englischer Dramatiker
[13] Goethe, Johann Wolfgang von (1749–1832), deutscher Dichter, Naturwissenschaftler, Philosoph und Staatsmann
[14] „Wieland der Schmied“, nicht vertontes Wagnerwerk in zwei Prosaentwürfen. Ihm lag viel an dem Stoff, so dass er ihn zuallererst Liszt zur Komposition anbot.
[15] Blaze, François Henri Joseph, genannt Castil-Blaze (1784–1857), französischer Komponist, Musikschriftsteller und sehr frei vorgehender Übersetzer von deutschen und italienischen Opern ins Französische
[16] „König Alfred“, Oper von Raff, uraufgeführt am 9. März 1851 in Weimar
[17] „Die Feen“, große romantische Oper in drei Akten; erste vollendete Wagner-Oper, deren Uraufführung erst posthum am 29. Juni 1888 in München stattfand
[18] „Das Liebesverbot oder Die Novize von Palermo“, große komische Oper in zwei Akten; zweite vollendete Wagner-Oper, deren Uraufführung am 29. März 1836 am Stadttheater Magdeburg reichlich schief ging
[19] „Rienzi, der Letzte der Tribunen“, große tragische Oper in fünf Akten; drittes vollendetes Frühwerk Wagners, uraufgeführt am 20. Oktober 1842 in Dresden
[20] Diese Erlaubnis gab Wagner später doch. Die nächste „Rienzi“-Aufführung fand 1857 in Breslau statt.
[21] „Der fliegende Holländer“, romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner, uraufgeführt am 2. Januar 1843 in Dresden
[22] „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg“, große romantische Oper in drei Akten bzw. Handlung in drei Aufzügen von Richard Wagner, uraufgeführt am 19. Oktober 1845 in Dresden
[23] „Lohengrin“, romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner, uraufgeführt am 28. August 1850 in Weimar
Quelle: Richard Wagner, Sämtliche Briefe, herausgegeben im Auftrage der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth von Gertrud Strobel und Werner Wolf, Band IV, Briefe der Jahre 1851–1852, VEB Deutscher Verlag für Musik Leipzig 1979


