„Alles hier oben ist über alle Beschreibung schön“

Hier und nicht in Ober­am­mer­gau stell­te Ri­chard Wag­ner 1865 fest: „Al­les hier oben ist über alle Be­schrei­bung schön“. Blick von der Hoch­kopf-Hüt­te auf das Wet­ter­st­ein­ge­bir­ge Foto: Karl­heinz Beer

Un­ter dem Ti­tel „Ri­chard Wag­ner und Ober­am­mer­gau“ in­for­mier­ten die Pas­si­ons­spie­le, die mit dem Flie­gen­den Hol­län­der heu­er erst­mals auch ein Werk Wag­ners auf dem Spiel­plan ha­ben, die Le­ser ih­rer Home­page und im Pro­gramm­heft wie folgt:

1871 kam Ri­chard Wag­ner – auf An­re­gung von Franz Liszt – nach Ober­am­mer­gau und an­geb­lich soll er hier zu sei­nen Bay­reu­ther Fest­spie­len in­spi­riert wor­den sein. Auf je­den Fall schrieb er da­mals in sein Ta­ge­buch, dass hier al­les „über jede Be­schrei­bung hin­aus schön“ ist. Ob ihm das Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spiel wirk­lich ge­fal­len hat, lässt sich nicht mehr her­aus­fin­den.

Wie bit­te? Wag­ner bei den Pas­si­ons­spie­len? War­um zum Ku­ckuck steht das in kei­nem der un­ge­zähl­ten Wag­ner-Bü­cher, die ich ge­le­sen habe? Ist es wahr oder han­delt es sich, wie es jetzt auf neu­deutsch heißt, um Fake News? Also raus mit Ta­fel und Krei­de, ab so­fort wird ge­beck­mes­sert – was dank Band Nr. 107 der Di­gi­ta­len Bi­blio­thek zwar mit zeit­li­chen Ein­schrän­kun­gen, aber ohne grö­ße­re Um­stän­de mög­lich ist.

Krei­de­strich 1: In Wag­ners letz­tem Ta­ge­buch von 1865 bis 1882 – Das brau­ne Buch, At­lan­tis Ver­lag 1975 –, das er zum frag­li­chen Zeit­punkt oh­ne­hin nur noch sehr sel­ten ver­wen­de­te, weil seit 1. Ja­nu­ar 1869 bis zu sei­nem Tod 1883 Co­si­ma fast al­les in ih­ren Ta­ge­bü­chern auf­zeich­ne­te, steht nichts über Ober­am­mer­gau.

Krei­de­strich 2: Fehl­an­zei­ge zu ei­nem Ober­am­mer­gau-Auf­ent­halt auch in Co­si­ma Wag­ners Ta­ge­bü­chern (Die Ta­ge­bü­cher 1 und 2, Pi­per Ver­lag, 1976 und 1977).

Krei­de­strich 3: Zwi­schen Liszt und Wag­ner war es spä­tes­tens seit 1865 zu ei­ner Ent­frem­dung ge­kom­men: we­gen Wag­ners Ver­hält­nis mit Liszts Toch­ter Co­si­ma, die reich­lich spät von ih­rem ers­ten Mann, dem Liszt-Schü­ler und Wag­ner-Di­ri­gen­ten Hans von Bü­low, ge­schie­den wur­de und Wag­ner erst am 25. Au­gust 1870 (dem 25. Ge­burts­tag von Kö­nig Lud­wig II.) hei­ra­ten konn­te. Auch der Brief­wech­sel zwi­schen Liszt und Wag­ner kam des­halb meh­re­re Jah­re zum Er­lie­gen. Die Funk­stil­le en­de­te erst am 18. Mai 1872, als Wag­ner Liszt brief­lich nach Bay­reuth ein­lud. Eine wie auch im­mer ge­ar­te­te An­re­gung Liszts an Wag­ner, Ober­am­mer­gau zu be­su­chen, ist dem­nach aus­zu­schlie­ßen – auch wenn Liszt nach­weis­lich 1870 noch vor der Kriegs­un­ter­bre­chung die Pas­si­ons­spie­le dort ge­se­hen hat­te, die 1871 nach dem Sieg über Frank­reich und der Reichs­grün­dung aus­nahms­wei­se wie­der auf­ge­nom­men wur­den.

Krei­de­strich 4: Im Jahr 1871 – er leb­te seit fünf Jah­ren in Trib­schen bei Lu­zern – un­ter­nahm Wag­ner zwei Deutsch­land­rei­sen, um sein Bay­reu­ther „Un­ter­neh­men“, wie er sich aus­zu­drü­cken pfleg­te, vor­an­zu­brin­gen, und zwar im April/​Mai so­wie im De­zem­ber. Die ers­te Rei­se ging nach Augs­burg, Nürn­berg, Bay­reuth, Leip­zig, Dres­den, Ber­lin, Leip­zig, Darm­stadt, Hei­del­berg und Ba­sel. Ne­ben Ber­lin war Bay­reuth ein Haupt­ziel der Rei­se, um dort das für die Ring-Ur­auf­füh­rung ins Auge ge­fass­te Mark­gräf­li­che Opern­hau­ses zu be­sich­ti­gen. Da das Haus sich für die von ihm kon­zi­pier­ten Fest­spie­le als un­taug­lich er­wies, be­schloss er den Bau ei­nes ei­ge­nen Thea­ters. Am sel­ben Tag such­ten sich die Wag­ners auch schon ein Grund­stück für ihr künf­ti­ges Wohn­haus in Bay­reuth aus. Der al­ler­ers­te Fest­spiel­ge­dan­ke lag da be­reits über zwan­zig Jah­re zu­rück (was un­schwer den Satz wi­der­legt, dass Wag­ner in Ober­am­mer­gau zu sei­nen Bay­reu­ther Fest­spie­len in­spi­riert wor­den sei). Die De­zem­ber-Rei­se ging nach Mün­chen, Bay­reuth, Mann­heim und Ba­sel. Die kriegs­be­dingt ver­leg­te Pas­si­on 1871 fand zu ei­nem Zeit­punkt statt (ab 24. Juni bis Ende Sep­tem­ber), als Wag­ner nicht auf Rei­sen war, son­dern sich in Trib­schen der Kom­po­si­ti­on der Göt­ter­däm­me­rung wid­me­te. (Quel­le u.a.: Ri­chard Wag­ner, Sämt­li­che Brie­fe, Band 23, Breit­kopf & Här­tel, 2015)

Krei­de­strich 5: Kein ein­zi­ger aus der Le­gi­on der un­ge­zähl­ten Wag­ner-Bio­gra­fen und zähl­ba­ren Bio­gra­fin­nen, an­ge­fan­gen bei Carl Fried­rich Gla­sen­app (der sei­ne di­gi­ta­li­siert vor­lie­gen­de Bio­gra­fie noch zu Leb­zei­ten Wag­ners be­gann) und der­zeit en­dend bei Ul­rich Drü­ner (Ri­chard Wag­ner. Die In­sze­nie­rung ei­nes Le­bens. Bles­sing Ver­lag 2016), er­wähnt ei­nen Ober­am­mer­gau-Be­such.

Krei­de­strich 6: In Otto Stro­bels Zeit­ta­fel Ri­chard Wag­ner. Le­ben und Schaf­fen, Ver­lag der Fest­spiel­lei­tung 1952, die u.a. alle Rei­sen und Auf­ent­hal­te akri­bisch auf­lis­tet, kommt Ober­am­mer­gau eben­falls nicht vor.

Krei­de­strich 7: Wag­ner-und Fest­spiel­ex­per­te Os­wald Ge­org Bau­er, Au­tor u.a. des lei­der re­gis­ter­lo­sen Be­gleit­buchs zur gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung Ri­chard Wag­ner geht ins Thea­ter, Bay­reu­ther Fest­spie­le GmbH 1996, weiß nach per­sön­li­cher Rück­fra­ge nichts von ei­nem Ober­am­mer­gau-Be­such Wag­ners.

Krei­de­strich 8: Mar­tin Dür­rer, Lei­ter der vor­aus­sicht­lich 35 Bän­de um­fas­sen­den Brief-Ge­samt­aus­ga­be Wag­ners aus dem Ver­lag Breit­kopf & Här­tel, von der in­zwi­schen 25 Bän­de er­schie­nen sind, die bis ins Jahr 1873 rei­chen, schließt das eben­falls aus.

Krei­de­strich 9: Ri­chard Wag­ner hät­te sich, wenn er dort ge­we­sen wäre, ga­ran­tiert münd­lich und schrift­lich über Ober­am­mer­gau ge­äu­ßert, schon um sein ei­ge­nes ehr­gei­zi­ges Pro­jekt ent­spre­chend ab­zu­gren­zen.

Krei­de­strich 10: Wag­ner schrieb den Satz, der kor­rekt zi­tiert lau­tet: „Al­les hier oben ist über alle Be­schrei­bung schön“ am 10. Au­gust 1865 und mit­nich­ten über Ober­am­mer­gau, son­dern wäh­rend sei­nes län­ge­ren Auf­ent­halts in Kö­nig Lud­wigs II. Jagd­hüt­te auf dem Hoch­kopf am Wal­chen­see in sein Brau­nes Buch ge­nann­tes Ta­ge­buch, das ur­sprüng­lich nur für Co­si­mas Au­gen ge­dacht war. Es han­del­te sich näm­lich um die ers­te län­ge­re Tren­nung der bei­den, weil Co­si­ma mit ih­rem Noch-Ehe­mann Hans von Bü­low nach Bu­da­pest zur Ur­auf­füh­rung des Ora­to­ri­ums Die Le­gen­de von der hei­li­gen Eli­sa­beth ih­res Va­ters Franz Liszt fuhr. Der zu die­sem Zeit­punkt bei Wag­ners Ta­ge­buch-Ein­tra­gun­gen häu­fi­ger er­wähn­te Franz ist in der Re­gel nicht Liszt, son­dern Wag­ners Die­ner Franz Mra­zeck. (Quel­le: Das brau­ne Buch, S. 30)

So­mit wäre der oben zi­tier­te Ab­satz „Ri­chard Wag­ner und Ober­am­mer­gau“ in al­len Tei­len wi­der­legt. Gleich­wohl möch­te ich nicht un­er­wähnt las­sen, dass so­wohl von Ri­chard wie Co­si­ma Wag­ner Äu­ße­run­gen über Ober­am­mer­gau vor­lie­gen. Na­mens­nen­nun­gen der Ort­schaft sind ers­tens mehr­fach durch die Orts­an­ga­ben im Te­le­gramm­wech­sel zwi­schen Kö­nig Lud­wig II. und Ri­chard Wag­ner ge­ge­ben. In der di­gi­ta­li­sier­ten Ver­si­on von Wag­ners Wer­ken, Schrif­ten und Brie­fen sind letz­te­re nur bis ins Jahr 1862 er­fasst. Ge­fun­den habe ich ei­nen Wag­ner-Brief und drei Ta­ge­buch­ein­trä­ge Co­si­mas, die Ober­am­mer­gau be­tref­fen.

Aus­zug aus ei­nem Brief Ri­chard Wag­ners vom 9. Sep­tem­ber 1852 an Edu­ard De­vri­ent, der 1851 eine klei­ne Schrift über Das Pas­si­ons­spiel in Ober­am­mer­gau ver­öf­fent­licht hat­te und noch 1852 In­ten­dant in Karls­ru­he wer­den soll­te:

Nir­gends in der Welt möch­te ich Sie lie­ber se­hen, als an der Spit­ze ei­nes thea­ters, und kei­nem thea­ter in der Welt wüß­te ich ei­nen tüch­ti­ge­ren, ja ein­zig be­fä­hig­ten, Di­ri­gen­ten, als Sie! Wahr­lich, durch die Lei­tung ei­nes thea­ters nüt­zen Sie mehr, als durch alle Ver­su­che, das Alte wie­der le­ben­dig zu ma­chen, oder doch ihm zu ei­ner un­na­tür­li­chen Fort­ent­wi­cke­lung so zu ver­hel­fen, wie Sie dieß vor ei­ni­ger Zeit dem Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spie­le zu thun ver­such­ten! (Ver­zei­hen Sie, lie­ber freund, die vor­ge­schla­ge­nen Wie­der­auf­fri­schungs­ver­su­che des evan­ge­lisch-re­li­giö­sen geis­tes er­in­ner­ten mich et­was an die ehr­ba­ren Pfle­ger des Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spie­les, die Her­ren Pa­tres Je­sui­ten!) Las­sen Sie mich ja von Ih­rer An­nah­me des Karls­ru­her An­tra­ges hö­ren!
[Sämt­li­che Brie­fe: Bd. 4: Brie­fe Mai 1851 bis Sep­tem­ber 1852, S. 801. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek, Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 10531 (vgl. Wag­ner-SB Bd. 4, S. 464)]

Aus­zug aus dem Ein­trag zum 15. Juli 1870 in Co­si­ma Wag­ners Ta­ge­bü­chern:
K. Kl. hat die Wal­kü­re in Mün­chen ge­se­hen, und der Ein­druck soll über­wäl­ti­gend ge­we­sen sein; durch ihn er­fah­re ich auch, daß der Va­ter mit ei­nem Troß von Be­kann­ten zu der Auf­füh­rung der Wal­kü­re reist und dann nach dem Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spiel. Wie ver­schie­den die­ses Le­ben von dem uns­ri­gen, wie nach au­ßen ge­kehrt, zer­streu­ungs­be­dürf­tig, wie groß die Kluft zwi­schen uns! [Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band I, S. 841. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 34002 (vgl. Co­si­ma-Ta­ge­bü­cher 1, S. 257)]

Ein­trag zum 1. De­zem­ber 1873 in Co­si­ma Wag­ners Ta­ge­bü­chern:
Mon­tag 1ten R. ar­bei­tet. Zum Mit­tag der Ma­ler Hoff­mann, dem ich ei­ni­ge freund­li­che Wor­te ge­schrie­ben und der nun we­ni­ger ei­gen­sin­nig auf al­lem be­steht. Kei­ne No­ti­zen von ir­gend­ei­nem Punkt der Welt über un­se­re An­ge­le­gen­heit und viel Är­ger mit dem Hau­se. Abends wie­der­um der Ma­ler Hoff­mann, der uns da­durch in­ter­es­siert, daß er das Am­mer­gau­er Pas­si­ons­spiel in sei­ner lä­cher­li­chen Af­fekta­ti­on schil­dert. Wir schei­den sehr freund­lich, und er zieht nach Co­burg, um sich mit den dor­ti­gen De­ko­ra­ti­ons­ma­lern zu be­spre­chen. Er hin­ter­läßt uns den Ein­druck ei­nes sehr an­stän­di­gen, Bil­dung su­chen­den Men­schen.
[Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band I, S. 2585. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 35746 (vgl. Co­si­ma-Ta­ge­bü­cher 1, S.758-759)]

Aus­zug aus dem Ein­trag zum 17. Juni 1879 in Co­si­ma Wag­ner Ta­ge­bü­chern:
Dar­auf spielt er mir zu­lie­be das „Lie­bes­mahl der Apos­tel“; ich habe ihn dar­um ge­be­ten, weil ich das Werk nicht ken­ne, er sagt mir, ich möch­te mir nicht zu viel er­war­ten. In­dem ich mir die Ge­le­gen­heit zu­rück­ru­fe, die Frau­en­kir­che vor­stel­le, fin­de ich, daß das Werk ei­nen pom­pö­sen Ein­druck muß ge­macht ha­ben mit al­lem sei­nem thea­tra­li­schen, ka­tho­li­schen Glanz. R. lacht über das Thea­tra­li­sche des Ein­trit­tes des h. Geis­tes, und wie ich ihm mei­nen Ein­druck mit­tei­le, sagt er: „Ja, eine Art Am­mer­gau­er­spiel.“
[Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band II, S. 1190. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 38881 (vgl. Co­si­ma-Ta­ge­bü­cher 2, S.
367)]

Auf mei­nen ers­ten Hin­weis, dass das mit Wag­ner und Ober­am­mer­gau nicht stim­men kön­ne, re­agier­te Fre­de­rik May­et, Pres­se­re­fe­rent der Pas­si­ons­spie­le und ein sehr über­zeu­gen­der Je­sus-Dar­stel­ler in 2010. Mit Un­ter­stüt­zung aus dem Ar­chiv der Ge­mein­de schick­te er am 24. Juni per E-Mail Aus­zü­ge aus dem Buch von Otto Günz­ler und Al­fred Zwink Ober­am­mer­gau. Be­rühm­tes Dorf, be­rühm­te Gäs­te. Drei Jahr­hun­der­te Pas­si­ons­spiel im Spie­gel sei­ner Be­su­cher aus dem Jahr 1950 (Mün­che­ner Dom-Ver­lag), in dem sich auf Sei­te 61 der fol­gen­de Ab­satz be­fin­det:
Auch Ri­chard Wag­ner be­such­te 1871 Ober­am­mer­gau und wohn­te im Gast­hof zum „Wei­ßen Lamm“ (heu­te Et­ta­ler Stra­ße 8). Wir müs­sen es sehr be­dau­ern, daß über ihn nicht mehr über­lie­fert ist. Ge­ra­de sein Ur­teil, der als Mu­si­ker und Aus­stat­ter der Büh­ne gleich ge­ni­al war, wäre von ho­hem In­ter­es­se.*
In der An­mer­kung dazu steht im sel­ben Buch:
*Wag­ner wur­de durch Franz Liszt zum Be­such Ober­am­merg­aus an­ge­regt und hat da­mals, wie Fel­digl (Denk­mä­ler der Pas­si­ons­li­te­ra­tur) be­rich­tet, auch Et­tal be­sucht. Wenn die­ser aber den Schluß zieht, daß der Be­such Ober­am­merg­aus Wag­ner maß­geb­lich zum „Par­si­fal“ in­spi­riert habe, so ist das eine küh­ne Be­haup­tung.

„In Ober­am­mer­gau“, schreibt May­et wei­ter, „gibt es fol­gen­de Ge­schich­te zum Be­such Wag­ners“, die er mit den ge­ge­be­nen Setz- bzw. Ko­pier­feh­lern zi­tiert und ver­linkt:
Pro­fes­sor Dr. Kurt Hom­mel, un­ter an­de­rem Au­tor des Bu­ches „Die Se­pa­rat­vor- Stel­lun­gen vor Kö­nig Lud­wig II. von Bay­ern“, er­zähl­te mir, daß er am 17. Au­gust 1950 an­läss­lich sei­nes Be­su­ches der Pas­si­ons­spie­le den in Ober­am­mer­gau da­mals noch le­ben­den Alt­bür­ger­meis­ter und Bä­cker­meis­ter Wil­helm Rutz be­sucht hät­te. Kurt Hom­mel woll­te näm­lich für sein Buch noch Ein­zel­hei­ten über die Se­pa­rat-auf­füh­rung des Ober­am­mer­gau­er Pas­si­ons­spie­les am 25. Sep­tem­ber 1871 er­fah­ren. Rutz er­zähl­te Hom­mel, daß im Jah­re 1871 auch Ri­chard Wag­ner in Ober­am­mer­gau er­schien – und zwar auf An­re­gung Franz Liszts, der je­doch Mit­te Juli 1870 „zu der größ­ten thea­tra­li­schen Leis­tung des baieri­schen Stam­mes, zum Spiel von Ober­am­mer- gau“ ge­kom­men war, das aber we­gen des deutsch-fran­zö­si­schen Krie­ges 1870 abge- bro­chen wer­den muß­te. Nach Wag­ners Be­such ließ sich bei Kö­nig Lud­wig II. eine Ab­ord­nung der Ge­mein­de, in der er als thea­ter­be­ses­se­ner, from­mer und brot­ge­ben­der Lan­des­herr au­ßer­or­dent­lich ver­ehrt wur­de, an­mel­den, um ihn zu ih­rem Spiel ein­zu­la­den. Der Kö­nig be­wies auch da­für gro­ßes In­ter­es­se, wünsch­te aber nach der letz­ten öf­fent­li­chen Auf­füh­rung eine Se­pa­rat­vor­stel­lung für sich und vier Be­glei­ter. Das gab ver­ständ­li­cher­wei­se An­laß zu auf­re­gen­der Freu­de und sel­te­nem Ju­bel bei al­len Ein­woh­nern und Mit­spie­lern.

Der mit­ge­lie­fer­te Link zur Quel­le weist Pe­ter Glo­wasz als Au­to­ren die­ser Zei­len aus, ein Klein­ver­le­ger und selbst­er­nann­ter Kö­nig Lud­wig II.-Experte, des­sen Ela­bo­ra­te we­nig ge­eig­net schei­nen, Licht ins noch vor­han­de­ne Dun­kel der ein­schlä­gi­gen For­schung zu brin­gen. Sei­ne Haupt­the­se ist, dass Lud­wig II. hin­ter­rücks er­schos­sen wur­de, was seit­her ver­tuscht wor­den sei.

Der ur­sprüng­li­che Text in Kurt Hom­mels Buch Die Se­pa­rat-Vor­stel­lun­gen vor Kö­nig Lud­wig II. von Bay­ern aus dem Jahr 1963 steht im 7. Ka­pi­tel (über Ober­am­mer­gau) und lau­tet wie folgt:
Im Jah­re 1871 er­schien Ri­chard Wag­ner in Ober­am­mer­gau auf An­re­gung Franz Liszts, der je­doch Mit­te Juli 1870 „zu der größ­ten thea­tra­li­schen Leis­tung des baieri­schen Stam­mes, zum Spiel von Ober­am­mer­gau“*, ge­kom­men war, das we­gen des deutsch-fran­zö­si­schen Krie­ges 1870 ab­ge­bro­chen wer­den muß­te. Nach Wag­ners Be­such ließ sich bei Kö­nig Lud­wig II. eine Ab­ord­nung der Ge­mein­de, in der er als thea­ter­be­ses­se­ner, from­mer und brot­ge­ben­der Lan­des­herr au­ßer­or­dent­lich ver­ehrt wur­de, an­mel­den, um ihn zu ih­rem Spiel ein­zu­la­den.** Er be­wies auch da­für In­ter­es­se, wünsch­te aber – von Men­schen­scheu und -mü­dig­keit be­reits be­fal­len – nach der letz­ten öf­fent­li­chen Auf­füh­rung eine Se­pa­rat­vor­stel­lung für sich und vier Be­glei­ter. Das gab ver­ständ­li­cher­wei­se An­laß zu auf­re­gen­der Freu­de und sel­te­nem Ju­bel bei al­len Ein­woh­nern und Mit­spie­lern.
*Hans Hein­rich Bor­cherdt, Das eu­ro­päi­sche Thea­ter im Mit­tel­al­ter und in der
Re­nais­sance, Leip­zig 1935, Sei­te 193.
**So er­zähl­te mir am 17. Au­gust 1950 an­läß­lich ei­nes Be­su­ches der Pas­si­ons­spie­le der in Ober­am­mer­gau da­mals noch le­ben­de Alt­bür­ger­meis­ter und Bä­cker­meis­ter Wil­helm Ruth (ge­bo­ren 7. No­vem­ber 1865, ge­stor­ben 21. De­zem­ber 1950 in Ober­am­mer­gau)

Ob ein Lud­wig-Au­tor wie Pe­ter Glo­wasz, der „Men­schen­scheu“ und „-mü­dig­keit“ un­ter­schlägt und es auch sonst nicht so ge­nau nimmt, als Quel­le an­ge­se­hen wer­den kann? Bei ei­nem Lud­wig-Au­tor wie Kurt Hom­mel, der ei­nen ho­no­ri­gen Zeit­zeu­gen zi­tiert, den er selbst ge­spro­chen hat, wird es schon schwie­ri­ger. Un­ab­hän­gig von al­le­dem glau­be ich na­tür­lich ger­ne, dass 1871 ein Ri­chard Wag­ner in Ober­am­mer­gau und Gast im „Wei­ßen Lamm“ war. Nur war die­ser Name da­mals ein sehr häu­fi­ger, und auch der Wirt des „Wei­ßen Lamms“ dürf­te ge­schäfts­tüch­tig ge­nug ge­we­sen sein, auf den pro­mi­nen­ten Gast hin­ge­wie­sen zu ha­ben, wenn der es denn ge­we­sen wäre. Bleibt noch die An­mer­kung, dass die­se Ge­schich­te nicht nur spie­gelt, dass Pa­pier (oder wor­auf im­mer man schreibt und druckt) ge­dul­dig ist, son­dern zwei­tens, dass nicht nur heut­zu­ta­ge im Zwei­fels­fall eher die Ver­mark­tungs­stra­te­gen sie­gen, und drit­tens, dass Jour­na­lis­ten, wie Bei­spie­le aus der Vor­be­richt­erstat­tung zum Ober­am­mer­gau­er Hol­län­der zei­gen, all­zu ger­ne nach dar­ge­reich­ten In­fo­häpp­chen grei­fen und sich ein­ver­lei­ben, ohne sie zu hin­ter­fra­gen. Ach, las­sen wir das und zi­tie­ren lie­ber Ri­chard Wag­ner, der 1860 aus Pa­ris an Hans von Bü­low schrieb: „Ver­giss nie, dass ein für al­le­mal für den gan­zen Rest mei­nes müh­se­li­gen Le­bens mir nur an der Mög­lich­keit gu­ter und ent­spre­chen­der Auf­füh­run­gen mei­ner Wer­ke liegt, und Al­les Ue­b­ri­ge, vor Al­lem Jour­na­lis­ten, mir to­tal gleich­gül­tig sind.“ Und Beck­mes­ser na­tür­lich auch.

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