Unendlich feine Facetten

Pa­tri­ce Ché­reau, Re­gis­seur des le­gen­dä­ren „Jahr­hun­dert-Rings“ in Bay­reuth, wäre heu­te 75 Jah­re alt ge­wor­den. Er wur­de am 2. No­vem­ber 1944 im fran­zö­si­schen Lé­zi­g­né ge­bo­ren.

Pa­tri­ce Ché­reau 2006 bei der Prä­sen­ta­ti­on sei­nes Films „Ga­bri­el­le“ in Ma­drid – Foto: dpa/​Emilio Naran­jo

Von all den wich­ti­gen Sät­zen, die der Film-, Opern- und Thea­ter­re­gis­seur Pa­tri­ce Ché­reau ge­sagt hat, sei ein­gangs ei­ner zi­tiert, des­sen Be­deu­tung vie­len wo­mög­lich erst nach dem Krebs­tod des gro­ßen und ge­nia­len Künst­lers am 7. Ok­to­ber 2013 auf­ge­gan­gen sein dürf­te. Im In­ter­view mit Ste­phan Mösch in der Fach­zeit­schrift Opern­welt be­kann­te Ché­reau im Jahr 2005: „Was ich grund­sätz­lich ab­leh­ne, ist al­ler­dings, fil­mi­sche Bil­der auf der Opern­büh­ne zu zei­gen. Das bringt nichts. In­ti­mi­tät in der Oper ent­steht auf völ­lig an­de­re Wei­se als im Kino.“

Das stell­te wohl­ge­merkt ein Sze­ni­ker fest, der für sei­ne Fil­me – dar­un­ter Die Bar­to­lo­mä­us­nacht (1994) und In­ti­ma­cy (2001) – auf den Fes­ti­vals von Can­nes und Ber­lin Haupt­prei­se ab­räum­te und im­mer wie­der und mehr­fach mit dem Cé­sar aus­ge­zeich­net wur­de. Auch als Schau­spie­ler und Schau­spiel-Re­gis­seur war Ché­reau über­aus er­folg­reich: Als 22-Jäh­ri­ger war er be­reits Chef ei­nes Pa­ri­ser Thea­ters, wei­te­re Lei­tungs­funk­tio­nen und sein ers­ter Spiel­film folg­ten.

Mit ei­nem Schlag welt­be­rühmt wur­de er als Re­gis­seur der Ring-Te­tra­lo­gie von Ri­chard Wag­ner zum Zen­ten­a­ri­um der Bay­reu­ther Fest­spie­le 1976. Di­ri­gent Pierre Bou­lez hat­te ihn vor­ge­schla­gen, nach­dem Pe­ter Stein von der Ber­li­ner Schau­büh­ne ab­ge­sagt hat­te. Zu­vor hat­te Ché­reau mit L’Italiana in Al­ge­ri beim Fes­ti­val in Spo­le­to (1969) und mit Les con­tes d’Hoffmann in Pa­ris (1974) nur zwei Opern in­sze­niert. Bei den Ring-Pre­mie­ren, die mit Si­cher­heit der größ­te Opern­skan­dal in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts wa­ren, zähl­te er noch kei­ne 32 Jah­re.

Pa­tri­ce Ché­reau nach der „Göt­ter­däm­me­rung“ 1976 auf der Büh­ne mit Rhein­toch­ter Adel­heid Krauss und Gutru­ne Irja Au­roo­ra (rechts) – Foto: Klaus Trit­schel

Mit die­ser In­sze­nie­rung schrieb er Thea­ter­ge­schich­te. Ché­reau und sein Team (Büh­ne: Ri­chard Pe­duz­zi, Kos­tü­me: Jac­ques Schmidt) wur­den, wie er selbst es sah, zwar erst im zwei­ten Auf­füh­rungs­jahr rich­tig fer­tig. Aber in­dem er die Hand­lung eben nicht im da­mals üb­li­chen „zeit­lo­sen My­thos“, son­dern mit sehr rea­len Fi­gu­ren in der Ent­ste­hungs­zeit des Werks an­sie­del­te, wirk­te sie plötz­lich hoch po­li­tisch. Das brach­te das kon­ser­va­ti­ve Wag­ner-Pu­bli­kum aus dem Häus­chen. Fein ge­klei­de­te Bil­dungs­bür­ger brüll­ten und schrien plötz­lich wie auf dem Fuß­ball­platz, ver­teil­ten nicht nur Pam­phle­te, son­dern ar­ti­ku­lier­ten ihre Ab­leh­nung im Zu­schau­er­raum mit Tril­ler­pfei­fen. Die mä­ze­na­ti­sche „Ge­sell­schaft der Freun­de“ woll­te Fest­spiel­lei­ter Wolf­gang Wag­ner mit ei­ner Mil­lio­nen­spen­de zur Ab­set­zung der Pro­duk­ti­on be­we­gen, 1977 gab es so­gar eine kon­kre­te Mord­dro­hung ge­gen Ché­reau.

Pa­tri­ce Ché­reau als Sieg­fried – Foto: Bay­reu­ther Festspiele/​Wilhelm Rauh

Beim drit­ten Ring-Zy­klus 1977 er­gab sich für die er­bit­ter­ten Geg­ner auch noch die ein­ma­li­ge Ge­le­gen­heit, Ché­reau selbst di­rekt auf der Büh­ne zu stel­len: Sieg­fried-Ti­tel­prot­ago­nist René Kol­lo hat­te sich ein Bein ge­bro­chen, konn­te aber sin­gen, der Re­gis­seur sprang als Sieg­fried-Dar­stel­ler ein. Ich wer­de nie den lang an­hal­ten­den, oh­ren­be­täu­ben­den Lärm ver­ges­sen, den ein Teil des an­geb­lich ge­sit­te­ten Bay­reuth-Pu­bli­kums mach­te, als am 20. Au­gust 1977 Ché­reau als Sieg­fried samt Bär sei­nen ers­ten Auf­tritt hat­te. Ein Di­ri­gent mit we­ni­ger gu­ten Ner­ven hät­te ab­ge­bro­chen, aber Pierre Bou­lez di­ri­gier­te ein­fach wei­ter, bis sich die Brül­ler im Au­di­to­ri­um wie­der be­ru­higt hat­ten. Der Es­say­ist, Kri­ti­ker und Schrift­stel­ler Fried­rich Dieck­mann be­schrieb die le­gen­dä­re Vor­stel­lung un­ter an­de­rem wie folgt:

Kol­lo, von al­lem Sze­ni­schen ent­las­tet, sang strah­lend schön, und der Re­gis­seur, sich mit Tap­fer­keit ins ei­ge­ne Werk wer­fend, be­stand die Grat­wan­de­rung mit Bra­vour – nicht so­wohl als Schau­spie­ler, der er von Haus aus ist, denn als Dar­stel­ler ei­nes Opern­sän­gers. Ob­wohl nur ge­le­gent­lich Mund­be­we­gun­gen mar­kie­rend, ge­riet sein Spiel nicht ins Pan­to­mi­misch-Cho­reo­gra­phi­sche, son­dern eine zu­neh­mend dich­te Syn­chro­ni­sa­ti­on be­gab sich zwi­schen der tö­nen­den Stim­me und der spie­len­den Fi­gur; sie leg­te die wag­hal­si­ge Auf­spal­tung ge­ra­de­zu als Mo­dell nahe, das heißt zur Nach­ah­mung un­ter we­ni­ger im­pro­vi­sier­ten Be­din­gun­gen. Wo­bei man an­neh­men kann, dass Kol­lo auch für sich al­lein her­aus­ge­bracht hät­te, was Ché­reau mit der Fi­gur im Sinn hat­te.

Aber nun er­fuhr man das eben aus ers­ter Hand, von ei­nem mit Charme und Feu­er be­gab­ten Thea­ter­ge­ni­us, den die Ver­ket­tung der Um­stän­de in den Fall ge­bracht hat­te zu spie­len, was er ist: ein ge­bo­re­ner Dra­chen­tö­ter, den Wo­ta­nen al­ler Schat­tie­run­gen hei­ter auf die lan­gen Män­tel tre­tend und, wenn der Alte denn gar nicht aus dem Weg geht, die ein­ge­gra­be­nen Ru­nen not­falls zer­schla­gend, die die­ser ihm un­ter die Nase hält: sie stim­men nicht mehr, so hal­ten sie auch nicht stand. Ché­re­aus Sieg­fried – und wer hät­te das die­sem Na­tur­kind aus der Re­tor­te, Ho­mun­cu­lo teils aus Rous­se­aus, teils aus Ba­kunins Kü­che, an­ge­se­hen – ist eine Iden­ti­fi­ka­ti­ons­ge­stalt; sie ist, wenn man so will (das ist das Schö­ne an die­sem In­sze­na­tor: man muss nichts an­neh­men, man kann; er drängt nicht auf, son­dern stellt an­heim, leiht ei­ner Fi­gur Züge der Wirk­lich­keit, aber legt sie nicht dar­auf fest; der Zu­schau­er muss ar­bei­ten, er muss die Din­ge bei sich selbst fer­tig­ma­chen) – sie ist Ju­gend von heu­te, mit ih­ren er­quick­li­chen und ih­ren un­er­quick­li­chen Sei­ten, mit ih­rer Un­be­fan­gen­heit und ih­rer Kraft­meie­rei, ih­rer Ge­schichts­lo­sig­keit und ih­rer Au­to­ri­täts­ver­ach­tung (ih­rem feh­len­den Sinn für Au­to­ri­tät, Tra­di­ti­on, Weis­heit der Al­ten), mit der lär­men­den Gut­mü­tig­keit und ei­nem Hang zur Ge­walt­tä­tig­keit. […]

Noch eins wird, wie eine Pro­be aufs Ex­em­pel, an dem Dop­pe­lungs­ex­pe­ri­ment deut­lich: dass jene Fun­da­men­tal­ein­sicht künst­le­risch re­le­van­ter Opern­dar­stel­lung, die Fi­gu­ren als sin­gen­de Men­schen, nicht als kos­tü­mier­te Stimm­cha­rak­te­re auf­zu­fas­sen, da­von ent­fernt ist, den sin­gen­den Schau­spie­ler zu prä­ten­die­ren. Der nicht­sin­gen­de Sieg­fried-Dar­stel­ler Ché­reau war wie dazu ge­schaf­fen, die­sen Ver­dacht aus der Welt zu räu­men; was er dem ab­ge­son­der­ten Ge­sang zu­ord­ne­te, war we­der Schau­spiel noch Pan­to­mi­me noch Aus­drucks­tanz, son­dern das zwi­schen al­le­dem, was Opern­dar­stel­lung ih­rer Na­tur nach ist.

1980, nach fünf Fest­spiel­som­mern, in de­nen Pa­tri­ce Ché­reau bei fast al­len Ring-Auf­füh­run­gen hin­ter den Ku­lis­sen prä­sent war, wei­ter mit den Sän­ger­dar­stel­lern an De­tails feil­te und sich selbst um die Ne­bel­ma­schi­ne küm­mer­te, wur­de der „Jahr­hun­dert-Ring“ mit le­gen­dä­ren 101 Vor­hän­gen ver­ab­schie­det. Der Schluss­bei­fall nach der Göt­ter­däm­me­rung dau­er­te ein­ein­halb Stun­den.

Auch das nächs­te Opern­pro­jekt war au­ßer­ge­wöhn­lich: Mit Pierre Bou­lez am Pult hob Ché­reau 1979 in Pa­ris Al­ban Bergs Lulu in der drei­ak­ti­gen Ver­si­on von Fried­rich Cerha aus der Tau­fe. Wäh­rend er im Schau­spiel­fach und teils auch selbst als Dar­stel­ler zum zen­tra­len In­ter­pre­ten der Wer­ke des Dra­ma­ti­kers Ber­nard-Ma­rie Kol­tès wird und wei­ter Fil­me dreht, wid­met er sich dem Mu­sik­thea­ter nur spar­sam. Die meis­ten sei­ner Opern­ar­bei­ten sind Ko­ope­ra­tio­nen und wer­den – je­weils von ihm per­sön­lich be­treut – an meh­re­ren in­ter­na­tio­na­len gro­ßen Häu­sern und Fes­ti­vals ge­zeigt: Mo­zarts Lu­cio Sil­la, Don Gio­vanni und Così fan tut­te, Bergs Woz­zeck, Leoš Janáčeks Aus ei­nem To­ten­haus und Wag­ners Tris­tan und Isol­de. Mit der Sän­ge­rin Wal­traud Mei­er in­sze­niert er 2010 im Lou­vre au­ßer­dem Wag­ners We­sen­donck-Lie­der, sei­ne letz­te Pre­mie­re er­lebt er mit Elek­tra von Ri­chard Strauss in Aix en Pro­vence 2013.

Wer Ché­reau-In­sze­nie­run­gen kennt, wird un­ter­schrei­ben, was er selbst als Kon­stan­te in sei­nen Ar­bei­ten be­zeich­ne­te: „Was mich in­ter­es­siert, sind Din­ge wie Be­geh­ren, Lie­be, Kör­per, Sehn­sucht und die un­end­lich fei­nen Fa­cet­ten, die sich da­mit ver­bin­den.“ Ob sein Ring der Aus­lö­ser für das so­ge­nann­te Re­gie­thea­ter war, sei da­hin­ge­stellt. „Wenn ich höre“, sag­te er Chris­ti­ne Lem­ke-Mat­wey vom Ber­li­ner Ta­ges­spie­gel, „dass man­che jun­ge Leu­te heu­te in Li­bret­ti ein­grei­fen und in Par­ti­tu­ren Din­ge ver­än­dern, wenn ich höre, dass al­les nur noch De­kon­struk­ti­on sein soll, dann kann ich per­sön­lich da­mit nichts an­fan­gen, par­don.“ Denn: „Es gibt vie­le Aus­re­den für schlech­tes Thea­ter. Es geht hier nicht um Werk­treue, es geht dar­um, ob ich als Re­gis­seur, als In­ter­pret, weiß, was ich mit ei­ner Ge­schich­te, ei­nem Text sa­gen will – und wie ich es sa­gen muss, da­mit es mein Pu­bli­kum er­reicht.“

Brünn­hil­de Gwy­neth Jo­nes und Sieg­fried Pa­tri­ce Ché­reau am 20. Au­gust 1977 – Foto: Ul­rich Schram

 

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