„Fressend, verdauend, fernsehend“

Eine sen­sa­tio­nel­le Wie­der­ent­de­ckung in Wei­mar: In Paul Des­saus „Lan­ze­lot“ aus dem Jahr 1969 wird sub­ver­siv vor­ge­führt, wie gut sich das Volk in der Dik­ta­tur ein­ge­rich­tet hat und wie schwer es Hel­den ha­ben, die es be­frei­en wol­len.

Und die Mo­ral von der Ge­schicht? Trau kei­nem selbst­er­nann­ten Dra­chen­tö­ter nicht! En­sem­ble­sze­ne mit in­te­grier­ten Schlag­wer­ken aus der Oper „Lan­ze­lot“ in der groß­ar­ti­gen In­sze­nie­rung von Pe­ter Kon­wit­sch­ny. – Foto: Can­dy Welz

Wie­der­ent­de­ckun­gen im Opern­re­per­toire sind bei Ba­rock­mu­sik fast schon an der Ta­ges­ord­nung. Dass sich das Aus­gra­ben auch bei Wer­ken des 20. Jahr­hun­derts loh­nen kann, ist der­zeit in Wei­mar und da­nach in Er­furt zu be­stau­nen. „Lan­ze­lot“ von Paul Des­sau im Li­bret­to von Hei­ner Mül­ler heißt der Sen­sa­ti­ons­fund. Erst­mals vor fünf­zig Jah­ren zum 75. Ge­burts­tag des Kom­po­nis­ten und SED-Mit­glieds Des­sau in Ber­lin auf­ge­führt und da­nach nur noch in Mün­chen und in Dres­den ge­spielt, zählt die­se Oper so vie­le Mit­wir­ken­de, dass sie mit Ri­chard Wag­ners „Meis­ter­sin­gern“ kon­kur­rie­ren kann: 30 So­lis­ten, gro­ßer Chor und Kin­der­chor, dazu Sta­tis­ten und ein Rie­sen­or­ches­ter mit drei­zehn (!) Schlag­zeu­gern, ins­ge­samt rund 250 Mit­wir­ken­de in 340 Kos­tü­men.

Der Ver­gleich liegt auch auf der Hand, weil das Deut­sche Na­tio­nal­thea­ter Wei­mar (DNT) die Mo­nu­men­tal­oper in Ko­ope­ra­ti­on mit dem Thea­ter Er­furt stemmt. Die ers­te Zu­sam­men­ar­beit der bei­den Büh­nen fand vor drei Jah­ren statt, just zu den „Meis­ter­sin­gern“, in Er­furt glän­zend di­ri­giert von der spä­ter nach Nürn­berg ge­wech­sel­ten Jo­ana Mall­witz, da­mals die jüngs­te  Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­to­rin in Eu­ro­pa. Jetzt 29 Jah­re jung ist Do­mi­nik Bey­kirch, 1. Ko­or­di­nier­ter Ka­pell­meis­ter in Wei­mar, der vor­ab erst ein­mal das Auf­füh­rungs­ma­te­ri­al auf Vor­der­mann zu brin­gen hat­te. Er di­ri­giert die auf Zwölf­ton­mu­sik ba­sie­ren­de Oper mit Band­ein­spie­lun­gen und ei­nem über­bor­den­den Schlag­ap­pa­rat mit so viel Auf­merk­sam­keit, De­tail­kennt­nis, Kon­zen­tra­ti­on, Mut und Über­sicht, dass schon al­lein sei­ne Leis­tung Stau­nen macht.

Wohn­zim­mer­sze­ne mit Juri Ba­tu­kov (Charles­ma­gne), Uwe Sti­ckert (Hein­rich), Olek­san­dr Push­ni­ak (Dra­che), Emi­ly Hind­richs (Elsa) und Máté Solyom-Nagy (Lan­ze­lot) – Foto: Can­dy Welz

Schon was die So­lis­ten – al­len vor­an Emi­ly Hind­richs als Elsa, Máté Só­ly­ohm-Nagy in der Ti­tel­rol­le, Olek­san­dr Push­ni­ak als Dra­che, Wolf­gang Schwa­nin­ger als Bür­ger­meis­ter und Uwe Sti­ckert als Hein­rich – an In­ter­vall­sprün­gen zu be­wäl­ti­gen ha­ben, nö­tigt ei­nem min­des­tens ge­nau­so viel Re­spekt ab. Um kei­ne Miss­ver­ständ­nis­se auf­kom­men zu las­sen: Das ist ex­trem schwie­rig, hört sich aber span­nend an. Die Kom­po­si­ti­on setzt auf star­ke Kon­tras­te. Der Dra­che kann in­fer­na­li­schen Lärm ma­chen. Da­ne­ben gibt es zen­tra­le ly­ri­sche und vie­le ka­ri­ka­tu­ris­ti­sche Mo­men­te, eine Ba­rock­mu­sik­par­odie, Beat-Klän­ge, Cho­pin-, Ros­si­ni-, Wag­ner- und Ei­gen­zi­ta­te von Des­sau, dar­un­ter sein be­rühm­tes Lied des Thäl­mann-Ba­tail­lons.

Letz­te­res mag sich man­chem Wes­si nicht er­schlie­ßen. Aber je­der ver­steht, wel­che Rie­sen­to­ma­ten sei­ner­zeit die staat­li­chen Kon­troll­orga­ne auf den Au­gen und in den Oh­ren ge­habt ha­ben muss­ten, als sie das sub­ver­si­ve Werk zur Ur­auf­füh­rung in der Staats­oper Un­ter den Lin­den durch­ge­winkt ha­ben. Und zwar nicht nur des­halb, weil der su­per­be Li­bret­tist Hei­ner Mül­ler längst in Un­gna­de ge­fal­len war. „Lan­ze­lot“ ist, weil die Hand­lung auf der in der DDR po­pu­lä­ren Mär­chen­ko­mö­die „Der Dra­che“ von Jew­ge­ni Schwarz ba­siert, na­tür­lich auch ein Stück ost­deut­scher Kul­tur­iden­ti­tät. In fünf­zehn un­ter­halt­sa­men Bil­dern wird er­zählt, dass letzt­lich kei­ner aus der Ge­schich­te lernt, denn das Volk hat sich „fres­send, ver­dau­end, fern­se­hend“ nur zu gut mit der Dik­ta­tur ar­ran­giert.

Für die Um­set­zung der Hand­lung wa­ren Pe­ter Kon­wit­sch­ny und sein Aus­stat­ter Hel­mut Bra­de, die in Nürn­berg zu­letzt Bernd Alois Zim­mer­manns „Sol­da­ten“ un­ver­gess­lich in Sze­ne ge­setzt ha­ben, ein idea­les Team. Sie schla­gen mit ein­fa­chen Mit­teln vir­tu­os den Bo­gen von der Stein­zeit in die Ge­gen­wart (Vi­deo: Igor Fürn­berg) und le­gen wit­zig und ernst alle mög­li­chen und un­mög­li­chen Macht- und Herr­schafts­me­cha­nis­men bloß. Spie­le­risch wird er­zählt, dass es Hel­den schon des­halb nicht leicht ha­ben, weil dem Mons­ter ein­fach die ab­ge­schla­ge­nen Köp­fe nach­wach­sen. Wie ak­tu­ell das ist, spie­gelt das Fake-Denk­mal für den selbst­er­nann­ten Dra­chen­tö­ter eben­so wie der mit Boots­flücht­lin­gen be­setz­te Schluss, der dem  Ju­bel­chor ei­nen bit­te­ren Ge­schmack gibt.

Schluss­sze­ne mit Jörg Rath­mann (Esel), Da­nie­la Gers­ten­mey­er (Ka­ter), Máté Só­lyom-Nagy (Lan­ze­lot), Jörn Eich­ler (Ar­bei­ter), im Hin­ter­grund: Kin­der der scho­la can­torum wei­mar, Mit­glie­der der Opern­chö­re des DNT Wei­mar und des Thea­ter Er­furt – Foto: Can­dy Welz

Apro­pos: Gran­di­os auch die Leis­tung der von Jens Pen­te­reit, An­dre­as Ketel­hut und Cor­du­la Fi­scher ein­stu­dier­ten Chö­re und der Mu­si­ker der Staats­ka­pel­le Wei­mar, von de­nen et­li­che auch so­lis­tisch her­vor­tre­ten. „Der Rest ist Freu­de. Freu­de der Rest“ heißt es am Ende und gibt ans Pu­bli­kum die Fra­ge wei­ter, ob und wie wir heu­te mit un­se­rer Frei­heit um­ge­hen. Un­ter den Pro­jek­ten zum deutsch-deut­schen Ver­hält­nis drei­ßig Jah­re nach dem Mau­er­fall, die das Wei­ma­rer Thea­ter sich in die­ser Sai­son auf die Fah­ne ge­schrie­ben hat, ist „Lan­ze­lot“ si­cher der Hö­he­punkt. Was jetzt noch fehlt sind Spon­so­ren, die sich des Spiel­zeit­mot­tos „Blü­hen­de Land­schaf­ten“ an­neh­men und es in den noch un­be­pflanz­ten Blu­men­käs­ten im Foy­er ein­lö­sen.

Be­such­te zwei­te Vor­stel­lung am 29. No­vem­ber 2019, Erst­druck der Kri­tik im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Wei­te­re Auf­füh­run­gen in Wei­mar am 13. und 28.12. so­wie am 19.1.2020, Kar­ten un­ter Te­le­fon 03643/755334. Ein Rund­funk­mit­schnitt die­ser Pro­duk­ti­on wird am Sams­tag, 14. De­zem­ber 2019 ab 20.05 Uhr im For­mat »mdr KUL­TUR in der Oper« ge­sen­det. Ter­mi­ne in Er­furt am 16. und 22.5. so­wie am 3., 13. und 21.6.2020.

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