Wenn Götter zur Sache kommen

In der Ca­val­li-Oper „La Ca­lis­to“ wird eine jun­ge Frau zum Spiel­ball der Göt­ter. Jens-Da­ni­el Her­zog in­sze­niert die Ver­klei­dungs­ko­mö­die am Staats­thea­ter Nürn­berg mit Gre­ta Thun­berg und Me­Too im Hin­ter­kopf.

Im Di­rek­to­rin­nen­zim­mer geht es hoch her, wenn Gi­uno­ne (Emi­ly Brad­ley) ih­ren Gat­ten Gio­ve (Jo­chen Kup­fer) stellt, der sich als Dia­na ver­klei­det hat, um in der Oper „La Ca­lis­to“ die gleich­na­mi­ge Nym­phe rum­zu­krie­gen. – Alle Sze­nen­fo­tos: Lud­wig Olah

Wenn ein In­ten­dant Fran­ces­co Ca­val­lis „La Ca­lis­to“ an­setzt, soll­te er wis­sen, war­um. Im­mer­hin hat Jens-Da­ni­el Her­zog So­lis­ten an sei­nem Haus und Ba­rock­spe­zia­lis­ten zur Hand, für die die über 350 Jah­re alte Oper gleich­zei­tig eine schö­ne Her­aus­for­de­rung und ko­mö­di­an­ti­sche Spiel­wie­se ist. Sze­nisch blei­ben al­ler­dings ein paar Fra­ge­zei­chen. Na­tür­lich emp­fiehlt es sich heut­zu­ta­ge, Ju­pi­ter, den obers­ten Gott im rö­mi­schen My­then­him­mel,  or­dent­lich zu de­mon­tie­ren. Denn Gio­ve, wie er auf Ita­lie­nisch heißt, läuft zum Kum­mer sei­ner Gat­tin Gi­uno­ne nicht nur fast je­dem Rock hin­ter­her, son­dern wen­det mie­se Tricks an, um zum Ziel zu kom­men.

Klas­si­sche Ma­cho-At­ti­tü­den von Gio­ve (Jo­chen Kup­fer) las­sen Ca­lis­to (Ju­lia Grü­ter) und die an­de­ren Nym­phen kalt. – Alle Sze­nen­fo­tos: Lud­wig Olah

Auf der reich­lich ram­po­nier­ten Erde macht er die jung­fräu­li­che Nym­phe Ca­lis­to an, die Män­ner ver­ach­tet und nur Dia­na liebt, die Göt­tin der Jagd, des Mon­des und Be­schüt­ze­rin der Frau­en und Mäd­chen. Erst als Gio­ve sich in Dia­na ver­wan­delt hat, gibt die so ge­täusch­te Ca­lis­to sich ihm hin. Am Ende – auch die wei­te­ren Fi­gu­ren ste­cken teils in heik­len Be­zie­hun­gen und be­set­zungs­tech­nisch teils in um­ge­kehr­ten Ge­schlechts­iden­ti­tä­ten – nimmt Ca­lis­to die Ge­stalt ei­ner Bä­rin an, um der­einst, wie schon der Pro­log ver­heißt, als gro­ßes Stern­bild am Fir­ma­ment zu pran­gen, ne­ben ih­rem zu er­war­ten­den klei­nen Sproß.

Gio­ve (Jo­chen Kup­fer) be­grüßt Dia­na (Al­meri­ja De­lic), Mer­cu­rio (John Car­pen­ter) schaut zu und die Nym­phen pro­tes­tie­ren.

Auf die Fra­ge, was eine Nym­phe ist, ge­ben Re­gis­seur Jens-Da­ni­el Her­zog und sei­ne Aus­stat­ter (Büh­ne: Ma­this Neid­hardt, Kos­tü­me: Si­byl­le Gä­de­cke) die er­wart­bar heu­ti­ge Ant­wort: ein Mäd­chen à la Gre­ta Thun­berg, das sich in ei­nem Schu­lungs­zen­trum für ita­lie­ni­sche Um­welt­ak­ti­vis­tin­nen in die Di­rek­to­rin Dia­na ver­guckt. Letz­te­re ge­riert sich als Sit­ten­wäch­te­rin, liebt aber heim­lich Haus­meis­ter En­di­mio­ne. Um das (Liebeswirren-)Kraut fett zu ma­chen, gibt es mit Dia­nas Se­kre­tä­rin Lin­fea noch eine ält­li­che Jung­fer, die „end­lich rich­tig ge­knallt“ wer­den will – aber nicht von Sa­ti­ri­no, dem Jung­spund un­ter ih­ren Bei­schlaf-Aspi­ran­ten, wel­che wie­der­um kei­ne schrä­gen Wald­geis­ter sind, son­dern Mo­ped fah­ren­de Pro­le­ten.

Dia­nas Se­kre­tä­rin Lin­fea (Mar­tin Platz) ver­weist Ca­lis­to (Ju­lia Grü­ter) aus dem Di­rek­to­rin­nen­zim­mer.

Wie die Spra­che in den in Nürn­berg seit­lich po­si­tio­nier­ten Über­ti­teln ist auch die Per­so­nen­re­gie sehr di­rekt – und für mei­nen Ge­schmack oft eine Num­mer zu grob. So gut  die Idee auch sein mag, den ers­ten Ver­füh­rungs­ver­such in ei­ner Sam­mel­du­sche zu ver­or­ten, die Um­set­zung mit den wohl­ge­merkt an­sehn­li­chen Sän­gern in ent­spre­chen­den Nackt­kos­tü­men bleibt un­be­frie­di­gend. Hier und in den spä­te­ren, ein­fach nur pein­li­chen Sex­gym­nas­tik­sze­nen zei­gen sich eben die Gren­zen von Thea­ter­rea­lis­mus und -ak­tio­nis­mus. Dass schon die al­ten Göt­ter es kun­ter­bunt ge­trie­ben ha­ben, muss nicht so  di­rekt auf die Bret­ter ge­knallt wer­den!

Ist nicht ge­ra­de lus­tig, was Pane (John Pum­phrey) und Sil­va­no (Won­yong Kang) mit dem som­nam­bu­len En­di­mio­ne (Da­vid DQ Lee) trei­ben.

Um­ge­kehrt fehlt es manch­mal an Ge­nau­ig­keit: Die Frau, die wie Gi­uno­ne ei­nen Spie­gel in der Ta­sche hat und ihn nicht raus­holt, wenn sie Lip­pen­stift nach­zieht, muss erst ge­bo­ren wer­den! Zu­dem leuch­tet die tie­fer ge­mein­te Bot­schaft nicht so recht ein. Ja, es stimmt, dass bes­se­re Herr­schaf­ten ge­nau­so ein­fäl­tig, ge­mein und wol­lüs­tig sein kön­nen wie we­ni­ger Pri­vi­le­gier­te. Und Frau­en ge­nau­so bös­ar­tig, hin­ter­fot­zig und ver­lo­gen wie Män­ner. Aber bleibt im Kampf zwi­schen Idea­lis­mus und Zy­nis­mus, wie der Re­gis­seur be­haup­tet, nur Ca­lis­to als Be­tro­ge­ne zu­rück? Was ist mit En­di­mio­ne?

Mu­si­ka­lisch ist die Auf­füh­rung un­ter der Lei­tung von Wolf­gang Katsch­ner, der mal ge­kürzt, mal an­de­re Ba­rock­mu­sik hin­zu­ge­fügt hat, auf der si­che­ren Sei­te. Sech­zehn Mu­si­ker – das sind zehn mehr als bei der Ur­auf­füh­rung in Ve­ne­dig – spie­len auf al­ten In­stru­men­ten in heu­ti­ger Stim­mung, aber his­to­risch in­for­miert. Der gro­ßen Band­brei­te an Klang­far­ben im Gra­ben ent­spre­chen auch die So­lis­ten­stim­men.

Sän­ger­dar­stel­le­risch ra­gen die So­pra­nis­tin Ju­lia Grü­ter als Ca­lis­to und Coun­ter­te­nor Da­vid  DQ Lee als En­di­mio­ne her­aus, die bei­de vor al­lem ih­rer Sehn­sucht be­red­ten Aus­druck ge­ben. Bra­vou­rös schlägt sich auch der Te­nor Mar­tin Platz, des­sen Lin­fea die Grat­wan­de­rung zwi­schen glaub­haf­ter Tra­ves­tie und Kla­mot­te noch über­zeu­gen­der ge­lingt als Gio­ve, für den Ba­ri­ton Jo­chen Kup­fer zu­wei­len so­gar in die Kopf­stim­me wech­selt. Dass Emi­ly Brad­leys Gi­uno­ne bei der Pre­mie­re als in­dis­po­niert an­ge­sagt wur­de, hör­te man ihr nicht an. Auch Al­meri­ja De­lic als Dia­na und die wei­te­ren So­lis­ten mach­ten ihre Sa­che gut. Nicht zu ver­ges­sen die kämp­fe­ri­sche Nym­phen­schar (Cho­reo­gra­phie: Ingo Schwei­ger), die der Ver­klei­dungs­ko­mö­die zu­sätz­li­chen Dri­ve gibt. Viel Bei­fall.

Be­such­te Pre­mie­re am 23. No­vem­ber 2019, Erst­druck der Kri­tik am 27.11. im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 30.11., am 5., 8., 14., 18., 27. und 29.12. so­wie am 12. und 25. Ja­nu­ar 2020. Ti­ckets un­ter Te­le­fon 0180-1344276

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