„Aua, aua – Schme-e-erzen!“

In der Oper „Der gol­de­ne Dra­che“ von Pe­ter Eöt­vös wird ei­nem jun­gen Chi­ne­sen per Rohr­zan­ge ein ka­riö­ser Zahn ge­zo­gen, was na­tür­lich nicht gut aus­geht. Die Neu­in­sze­nie­rung am  Main­fran­ken Thea­ter Würz­burg ist trotz­dem sehr emp­feh­lens­wert.

„Aua, aua – Schme-e-er­zen!“: Ge­nau das hat Pe­ter Eöt­vös in Töne ge­setzt. En­sem­ble­sze­ne aus dem „Gol­de­nen Dra­chen“  – Alle Sze­nen­fo­tos: © Nik Schölzel/​Mainfranken Thea­ter

„Nein, dan­ke“ lau­tet die re­flex­ar­ti­ge Ant­wort vie­ler Opern­freun­de, wenn es um Zeit­ge­nös­si­sches geht. Dass das ein schreck­li­cher Irr­tum sein kann, stellt ak­tu­ell das Main­fran­ken Thea­ter un­ter Be­weis – mit dem per se ge­lun­ge­nen und wun­der­bar um­ge­setz­ten Mu­sik­thea­ter „Der gol­de­ne Dra­che“ von Pe­ter Eöt­vös. Be­geis­ter­ter Bei­fall, auch für den 76-jäh­ri­gen Kom­po­nis­ten, nach der lei­der nicht aus­ver­kauf­ten Pre­mie­re am Sams­tag.

Pe­ter Eöt­vös ist in Bam­berg kein Un­be­kann­ter. Bei den Sym­pho­ni­kern wird er zwar nur sel­ten ge­spielt, aber 2010 stand er im Mit­tel­punkt ei­nes Werk­statt­ge­sprächs im Do­mi­ni­ka­ner­bau, im Vor­feld der Münch­ner Ur­auf­füh­rung sei­ner „Tra­gö­die des Teu­fels“. Wäh­rend die auf­wän­di­ge Auf­trags­oper seit­her nicht mehr in­sze­niert wur­de, ist sein jüngs­tes Büh­nen­werk ein Ren­ner.

Schon bei der Pre­mie­re 2014 in Frank­furt, die der un­ga­ri­sche Kom­po­nist selbst di­ri­gier­te, wa­ren sich Kri­tik und Pu­bli­kum ei­nig, dass „Der gol­de­ne Dra­che“ das Zeug hat, je­dem Be­su­cher, der sich vor neu­er Mu­sik in etwa so fürch­tet wie vor dem Zahn­arzt, die­sen Zahn zu zie­hen. Und zwar im Wort­sinn, ja so­gar ge­nuss­voll und fast schmerz­frei.

Grund­la­ge da­für ist das gleich­na­mi­ge Er­folgs­stück von Ro­land Schim­mel­pfen­nig. Kom­po­nist und Li­bret­tist ha­ben mehr als die Hälf­te der fast fünf­zig Mi­nia­tur­sze­nen ge­stri­chen. Dank der klug kon­zi­pier­ten Mu­sik  rei­chen 21 Sze­nen aus, um dem Pu­bli­kum dras­tisch, aber­wit­zig und mit der not­wen­di­gen Tie­fe al­ler­hand  un­ter die Nase zu rei­ben: Es geht um un­se­ren Um­gang mit Frem­dem und Frem­den – und im Sub­text auch um den Um­gang mit Frau­en.

Im „Gol­den­den Dra­chen“, ei­nem Asia-Schnell­im­biss, ist der Frem­de ein jun­ger Chi­ne­se. Auf der Su­che nach sei­ner ver­schol­le­nen Schwes­ter ver­dingt er sich als Kü­chen­hil­fe – il­le­gal na­tür­lich, wes­halb er mit sei­nem Zahn­weh auch nicht zum Arzt kann. Sei­ne Kol­le­gen ho­len die Rohr­zan­ge, der Zahn lan­det in der Sup­pe ei­ner Ste­war­dess, der Klei­ne ver­blu­tet und wird in den Fluss ent­sorgt, der ihn zu­rück in die Hei­mat tra­gen soll.

Zwi­schen­ge­schal­tet sind Si­tua­tio­nen und Er­eig­nis­split­ter aus dem Um­feld des Lo­kals so­wie aus der Fa­bel „Die Gril­le und die  Amei­se“, die se­xu­el­le Aus­beu­tung und Un­ter­drü­ckung, Ein­sam­keit und so­zia­le Not the­ma­ti­sie­ren. Nur fünf Ge­sangs­so­lis­ten ver­kör­pern in ra­san­tem Kos­tüm­wech­sel und Ge­schlech­ter­tausch fast zwan­zig sehr un­ter­schied­li­che Fi­gu­ren, dar­un­ter auch Ho­sen- bzw. Rock­rol­len. In Würz­burg sind zu­sätz­lich Kom­par­sen mit am Werk.

Dass die Zu­schau­er da­bei die Ori­en­tie­rung nicht ver­lie­ren, ist Re­gis­seu­rin Al­do­na Far­ru­gia zu dan­ken, die mit ih­rem Team (Büh­ne: Do­ro­ta Ka­rol­c­zak, Kos­tü­me: Gisa Kuhn) für fu­rio­ses Thea­ter sorgt. Zu­tiefst dra­ma­ti­sche Mo­men­te wer­den mit skur­ri­lem Hu­mor ge­löst, auf Rea­lis­ti­sches folgt ein sur­rea­lis­ti­sches Bild, Abs­trak­ti­on paart sich mit schril­lem Out­fit und ech­tem Kü­chen­ge­rät.

Apro­pos: Selbst­re­dend die­nen Wok, Quirl, Ge­mü­se­mes­ser und Koch­löf­fel als Per­kus­si­ons­in­stru­men­te – so­wohl auf der Büh­ne wie im Or­ches­ter­gra­ben. Dort ist Ka­pell­meis­ter Gá­bor Hont­vá­ri Chef­koch und tischt mit sei­ner 16-köp­fi­gen Mann­schaft (dar­un­ter im­mer­hin zwei Asia­ten) die schlag­zeug­las­ti­ge, zu­wei­len fern­öst­lich schim­mern­de, im­mer wie­der be­tö­rend trans­pa­ren­te Mu­sik auf, die das don­nern­de  Le­ben in all sei­nen dy­na­mi­schen Schat­tie­run­gen zum Klin­gen bringt.

Be­wun­de­rung gilt den ex­trem ge­for­der­ten, sou­ve­rän sin­gen­den, sing­spre­chen­den und spie­len­den So­lis­ten. Sil­ke Evers (So­pran), Bar­ba­ra Schöl­ler (Mez­zo), Ro­ber­to Or­tiz (1. Te­nor), Ma­thew Ha­bib (2. Te­nor) und Hin­rich Horn (Ba­ri­ton) brin­gen sich auch in punk­to Wort­ver­ständ­lich­keit so ge­konnt ein, dass man das ein­zi­ge Man­ko der Pro­duk­ti­on fast ver­nach­läs­si­gen kann: Die Über­ti­tel las­sen sich nur sel­ten gut mit­le­sen.

Am Ende steht die von Sil­ke Evers groß­ar­tig ge­sun­ge­ne Ab­schiedsa­rie des un­to­ten Jun­gen in sei­ner kunst­sei­di­gen Chi­na-Kli­schee-Ar­beits­uni­form. Nach hun­dert Mi­nu­ten en­det das hin­ter­grün­di­ge Mu­sik­thea­ter, das ohne er­ho­be­nem Zei­ge­fin­ger Au­gen, Oh­ren und Her­zen öff­net – nicht nur für All­tags­sor­gen, son­dern für ganz erns­te Mensch­heits­fra­gen. Und zwar so un­ter­halt­sam, dass man fri­scher aus dem Thea­ter kommt als man hin­ein­ge­gan­gen ist. Was will man mehr?

Be­such­te Pre­mie­re am 25. Ja­nu­ar, Druck­ver­si­on im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Nächs­te Vor­stel­lun­gen am 1., 8. und 14. Fe­bru­ar, 1., 5. und 17. März, 1. und 17. April so­wie 27. Mai. Kar­ten-Te­le­fon 0931/3908-124, wei­te­re In­fos auf der Home­page des Thea­ters