Adventskalender 1871 (2)

Heu­te steht in Co­si­mas Ta­ge­buch­ein­trag ein­deu­tig Wag­ners An­ti­po­de Giu­sep­pe Ver­di im Vor­der­grund, eben weil er de­zent im Hin­ter­grund ge­blie­ben ist.

Giu­sep­pe Ver­di in ei­ner Auf­nah­me des Pa­ri­ser  Fo­to­gra­fen Fer­di­nand Mul­nier um 1870 – Vor­la­ge: Wiki­me­dia Commons

Sonn­abend 2ten [De­zem­ber 1871] Mit den Kin­dern ge­spro­chen, viel Kum­mer. Dazu al­ler­lei Brie­fe (Gerson[1], Roth­schild[2], Frau Tau­sig[3], Gräf. B.[4], Ma­rie Schl.[5]). R. ar­bei­tet an sei­nem Ex­po­sé[6]. Be­richt aus Ita­li­en, Ver­di[7] der Auf­füh­rung von Lo­hen­grin bei­gewohnt, vom Pu­bli­kum des­halb be­ju­belt, je­doch nicht von dem Hin­ter­grun­de der Loge her­vor­ge­gan­gen, um nicht [von] dem Ernst der Auf­füh­rung ab­zu­len­ken. Wir le­sen im­mer in Scho­pen­hau­er[8]. Er­he­bung über das Dasein.

[1] Wo­jciech Gerson (1831–1901), pol­ni­scher Ma­ler und Zeichner.

[2] Roth­schild (Mes­sieurs de Roth­schild Frè­res) = Bank­haus in Pa­ris, 1817 ge­grün­det von Ja­kob de Roth­schild, ab 1855 ge­lei­tet von Alp­hon­se de Roth­schild (1827–1905).

[3] Mut­ter des im Juli 1871 früh ver­stor­be­nen Pia­nis­ten, Kom­po­nis­ten, Kla­vier­aus­züg­ler und Pa­tro­nats­ver­ein-Er­fin­der Karl Tau­sig, dem Wag­ner den 2. und 3. Akt der „Tristan“-Originalpartitur ge­schenkt hat­te. Bei der Su­che nach dem wert­vol­len Ori­gi­nal wa­ren die Wag­ners ge­ra­de schließ­lich bei Mu­sik­di­rek­tor Al­bert Brat­fisch in Ros­tock fün­dig geworden.

[4] Gräf. B. = Ca­ro­li­ne Grä­fin Wald­bott von Bas­sen­heim (1824–1889), Nach­ba­rin in Trib­schen, war eine pro­mi­nen­te Per­sön­lich­keit, denn ein Bild­nis der da­ma­li­gen 19-jäh­ri­gen Prin­zes­sin zu Oettin­gen-Wal­ler­stein von Hof­ma­ler Jo­seph Karl Stie­ler wur­de 1843 Be­stand­teil der Schön­hei­ten­ga­le­rie Kö­nig Lud­wigs I. von Bayern.

[5] Ma­rie von Schlei­nitz, geb. von Buch, ge­nannt Mimi (1842–1912) war le­bens­lang eine wich­ti­ge Freun­din und Mä­ze­nin – und eben­falls ein­ge­bun­den in die Su­che nach dem „Tristan“-Original.

[6] Der am 1. De­zem­ber schon er­wähn­te „Epi­lo­gi­sche Be­richt“ wird Ende des Mo­nats un­ter dem end­gül­ti­gen Ti­tel „Be­richt an den Deut­schen Wag­ner-Ver­ein über die Um­stän­de und Schick­sa­le, wel­che die Aus­füh­rung des Büh­nen­fest­spie­les ‚Der Ring des Ni­be­lun­gen‘ be­glei­te­ten“ als Bro­schü­re veröffentlicht.

[7] Giu­sep­pe Ver­di (1813–1901), ita­lie­ni­scher Kom­po­nist, be­such­te am 19. No­vem­ber 1871 eine „Lohengrin“-Vorstellung am Tea­tro Co­mu­na­le in Bo­lo­gna. Die­se ers­te Wag­ner-Pro­duk­ti­on in Ita­li­en hat­te am 1. No­vem­ber Pre­mie­re, nach­dem Büh­nen­meis­ter und Aus­stat­ter des Thea­ters eine In­for­ma­ti­ons­rei­se nach Mün­chen ge­macht hat­ten und mit Ernst Frank ein deut­scher Spiel­lei­ter en­ga­giert wor­den war. An­ge­lo Ma­ria­ni di­ri­gier­te, Ita­lo Cam­pa­ni­ni (Lo­hen­grin), Bi­an­ca Blu­me (Elsa) und Ma­ria De­s­tin-Löwe (Or­trud) san­gen die Haupt­rol­len, von der Ga­le­rie schall­ten „Viva Ver­di“- und „Viva Rossini“-Rufe. Als Ver­di dann leib­haf­tig da war, blieb er trotz der Her­vor­ru­fe im Hin­ter­grund sei­ner Loge Nr. 23 und mach­te wäh­rend der Auf­füh­rung in sei­nen Kla­vier­aus­zug 114 kri­ti­sche No­ti­zen zu dem, was er hör­te und sah: „Ge­samt­ein­druck mit­tel­mä­ßig. Mu­sik schön, wo sie klar ist und Ge­dan­ken ver­mit­telt. Hand­lung zieht sich hin, ge­nau wie der Text. Folg­lich: Lan­ge­wei­le. Schö­ne In­stru­men­tal­ef­fek­te. Zu vie­le lan­ge No­ten, schlep­pen­de Wir­kung. Durch­schnitt­li­che Vor­stel­lung. Viel Schwung, aber ohne Poe­sie und Fein­heit.“ Ins­ge­samt ver­lief das Ita­li­en­de­büt aber po­si­tiv, im Jahr dar­auf er­hielt Wag­ner so­gar das Eh­ren­bür­ger­recht der Stadt Bo­lo­gna. Wer mehr über Ver­di und Wag­ner wis­sen will, wird hier in Kurz­form fün­dig und aus­führ­lich in Hol­ger Nolt­zes span­nen­dem Buch Lie­bes­tod. Wag­ner, Ver­di, Wir.

[8] Sie­he Fuß­no­te vom 1.12.1871.

Quel­len: Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher: Band I, S. 1559. Di­gi­ta­le Bi­blio­thek Band 107: Ri­chard Wag­ner: Wer­ke, Schrif­ten und Brie­fe, S. 34720 (vgl. Co­si­ma-Ta­ge­bü­cher 1, S. 465); Ri­chard Wag­ner: Sämt­li­che Brie­fe, Band 23 (hg. v. An­dre­as Miel­ke); Os­wald Ge­org Bau­er: Ri­chard Wag­ner. Die Büh­nen­wer­ke von der Ur­auf­füh­rung bis heu­te; BR Klas­sik, Was heu­te ge­schah – 19. No­vem­ber 1871