Im Kinderhort des Nibelungen

Die „Rheingold“-Premiere in Bay­reuth: Re­gis­seur Va­len­tin Schwarz prä­sen­tiert eine Fa­mi­li­en­sa­ga ohne die gän­gi­gen Re­qui­si­ten und deu­tet man­ches um, was nicht rei­bungs­los funktioniert.

Der Ni­be­lun­ge Mime (Ar­nold Be­zuy­en) hat alle Hän­de voll zu tun mit den Mäd­chen und dem Gold­jun­gen im Kin­der­hort sei­nes Bru­ders Al­be­rich. Alle Fo­tos: © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

Auch mei­ne „Tristan“-Kritik be­gann mit ei­ner Fra­ge. Es war al­ler­dings nur eine. Dies­mal sind es Dut­zen­de: Die „Rheingold“-Neuinszenierung von Va­len­tin Schwarz, die am 31. Juli Pre­mie­re fei­er­te und vom Pu­bli­kum er­wart­bar mit ei­ner Mi­schung aus Bra­vo- und Buh­ru­fen be­dacht wur­de, ist der un­ter­halt­sa­me Auf­takt ei­ner über­ra­schend, ir­ri­tie­rend und de­tail­reich um­ge­setz­ten Fa­mi­li­en­sa­ga, die ei­nem viel Stoff zum Nach­den­ken mit auf den Heim­weg gibt.

Das Vi­deo zur Mu­sik des un­ver­gleich­li­chen Vor­spiels ist ein ers­ter Hin­weis, wor­um es dem „Ring“-Regisseur und sei­nem Team (Büh­ne: An­drea Coz­zi, Kos­tü­me: Andy Be­such) geht. Man denkt an die Win­dun­gen ei­nes DNA-Strangs, er­kennt end­lich Na­bel­schnü­re und sieht zwei Fö­ten, die sich win­den und at­ta­ckie­ren. Geht es um Gen­tech­nik? Und um Gut und Böse schon im Mutterleib?

Kon­kre­te­re Hin­wei­se fin­den sich vor­erst nur in ei­nem Kurz­text des In­sze­na­tors im Pro­gramm­heft so­wie in der di­gi­ta­len Ein­füh­rung. Die wer­den­den Zwil­lin­ge aus dem Vi­deo sind dem­nach Al­be­rich und Wo­tan. Der Schwarz­al­be schlägt dem Licht­al­ben ein Auge aus, letz­te­rer bringt ers­te­ren „um sei­ne Manneskraft“.

Bei­des klingt plau­si­bel, hat Fol­gen, aber ei­nen Schön­heits­feh­ler: Wer die­se Vor­aberklä­run­gen nicht kennt, hat we­nig Chan­cen, das in der Tat un­ge­wöhn­li­che Ge­sche­hen nur an­hand des­sen, was sich an die­sem Abend auf der Büh­ne ab­spielt, für sich zu ent­schlüs­seln. Was Wag­ner mu­sik­thea­tra­lisch be­schreibt, wird zur Un­kennt­lich­keit ver­frem­det. Da ist nichts vom stets Ge­wohn­ten, son­dern et­was ent­schie­den an­de­res, neu­es auch.

Wenn der Vor­hang sich hebt, sieht man auf ein lan­ges, fla­ches Was­ser­bas­sin, an dem sich Kin­der und de­ren drei Nan­nys fröh­lich tum­meln, da­hin­ter ver­schwimmt in wech­seln­dem Licht und büh­nen­breit ein fast ro­man­tisch an­mu­ten­des Land­schafts­bild. Al­be­rich, der ein­zi­ge Mann in die­ser Sze­ne­rie, ist al­ler­dings kein Ro­man­ti­ker. Son­dern se­xu­ell in Nöten.

Er lässt sich von den Kin­der­mäd­chen auf­rei­zen und de­mü­ti­gen, bis es zum Eklat kommt. Das eben noch be­sun­ge­ne glei­ßen­de Rhein­gold ist kein Edel­me­tall. Son­dern ein klei­ner Jun­ge in gel­bem T-Shirt mit Base­ball­kap­pe und ei­ner gro­ßen Spiel­zeug-Pump­gun. Man kann nur ra­ten, wer er ist. Sieg­mund? Sieg­fried? Ha­gen? Muss aber wich­tig sein, denn er wird erst von Al­be­rich und spä­ter von Loge und Wo­tan gekidnappt.

Al­be­rich (Olafur Si­gur­dar­son) kid­nap­ped ei­nen Jun­gen, der sich spä­ter als Ha­gen herausstellt.

Die zwei­te Sze­ne führt uns in eine neu­rei­che Bau­kas­ten­woh­nung der Ge­gen­wart auf zwei Ebe­nen, ein Wohn­raum mit Bi­blio­thek und Ter­ra­ri­um, be­grenzt von ge­rif­fel­ten und ge­streif­ten ho­hen Wän­den aus mat­tem Glas. Zahl­reich das uni­for­mier­te Haus­per­so­nal mit Erda an der Spit­ze. Wo­tan ist pas­sio­nier­ter Ten­nis- und Golf­spie­ler mit Gold­me­dail­le, nimmt sich gern ei­nen Drink und baut in ge­schäft­li­chen Din­gen auf den am Han­dy hän­gen­den Win­kel­ad­vo­ka­ten Loge.

Den braucht er auch, denn Fa­solt und Faf­ner ver­schlep­pen sei­ne de­pres­si­ve Schwä­ge­rin Freia, auf de­ren ver­jün­gen­de Äp­fel die gan­ze Sip­pe zählt. Freia ent­schwin­det im na­gel­neu­en SUV der Bau­rie­sen. Zwar klemmt erst noch was, auch bei den of­fe­nen Ver­wand­lun­gen hat es ge­ächzt und ge­rum­pelt, aber dann legt ei­ner die Hand an und – schwupp­di­wupp! – ist die Ga­ra­ge zu.

Mit­glie­der des Wo­tan-Clans im Atri­um des weit­läu­fi­gen Wal­hall-An­we­sens: von links Wo­tan (Egils Si­lins), Froh (At­ti­lio Gla­ser), Freia (Eli­sa­beth Tei­ge) Don­ner (Rai­mund Nol­te), Loge (Da­ni­el Kirch) und das zahl­rei­che Haus- und Security-Personal.

Die drit­te Sze­ne of­fen­bart die größ­te Text-/Bild­sche­re: Da Kin­der das Gold sein sol­len, ist Ni­bel­heim ein Kin­der­hort mit pas­tell­far­be­nen La­mel­len an den Fens­tern. Hier tref­fen Wo­tan und Loge, die nach Al­be­richs „Ring“ gie­ren, auf die bei­den Ni­be­lun­gen, den ent­führ­ten Jun­gen, der ger­ne alle und al­les trak­tiert, so­wie acht brav ge­klei­de­te Mäd­chen, die Män­ner­köp­fe mit Flü­gel­helm ma­len, also künf­ti­ge Wal­kü­ren sein könn­ten. War­um sind es nicht neun? Wur­de falsch gezählt?

Wo­tans Speer gibt es nicht. Der Tarn­helm ist eine Mi­schung aus Hoo­die und Mull­bin­de, bei Al­be­richs Ver­wand­lun­gen zu Dra­che und Krö­te ist von Zu­schau­ern, die das Stück ken­nen, Good­will ge­fragt. Bei Wag­ner-An­fän­gern, de­nen im Fest­spiel­haus nicht mal Über­ti­tel ge­gönnt wer­den, gilt oh­ne­hin: Friss Vo­gel oder stirb. Und wie in ei­nem Bou­le­vard­kri­mi lohnt es sich auf­zu­pas­sen, wer wann wel­che Pis­to­le hat.

In der vier­ten Sze­ne, die wie schon die zwei­te dar­an krankt, dass ver­mut­lich nicht alle im Au­di­to­ri­um se­hen kön­nen, was links im hö­he­ren Zim­mer und auf der Trep­pe pas­siert, ver­flucht Al­be­rich sei­nen Gold­jun­gen, kehrt die ver­mut­lich miss­brauch­te Freia zu­rück, wäh­rend Erda das Mäd­chen, das der Ni­be­lun­gen­hort sein soll, ret­tend weg­bringt. Könn­te Brünn­hil­de sein.

Eine Py­ra­mi­den­leuch­te aus Wo­tans Bü­cher­re­gal scheint das Mo­dell für den ge­plan­ten Wal­hall-An­bau zu sein, von dem man al­ler­dings nichts zu se­hen be­kommt. Da­für ist am Ende eine der Schuss­waf­fen bei Freia ge­lan­det, die ge­ra­de da­bei ist, sich um­brin­gen zu wol­len, als der Vor­hang sich schließt. Im voll be­setz­ten Fest­spiel­haus – etwa 200 Plät­ze beim rech­ten Trep­pen­turm sind we­gen Um­bau  ge­sperrt – re­agiert das Pu­bli­kum mehr po­si­tiv als ne­ga­tiv, fei­ert die So­lis­ten und Di­ri­gen­ten ausgiebig.

Der „Ein­zug der Göt­ter in Wal­hall“ ent­fällt, sie woh­nen schon dort: v.l.  Don­ner (Rai­mund Nol­te), Wo­tan (Egils Si­lins), Fri­cka (Chris­ta May­er) und Freia (Eli­sa­beth Tei­ge) mit der Leuchtpyramide.

Cor­ne­li­us Meis­ter am Pult ge­lingt es, das Kon­ver­sa­ti­ons­stück mit viel Dri­ve und ohne grö­ße­re Pan­nen auf­zu­füh­ren. Das ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, denn be­kannt­lich muss­te der Di­ri­gent sehr kurz­fris­tig ein­sprin­gen und hat­te nur we­ni­ge „Ring“-Proben mit dem Fest­spiel­or­ches­ter und den Solisten.

Der mit al­len Was­sern ge­wa­sche­ne Olafur Si­gur­dar­son als Al­be­rich sahn­te beim Ap­plaus zu Recht am meis­ten ab, nicht ganz auf die­ser Höhe, aber eben­so spiel­freu­dig Egils Si­lins als Wo­tan und Da­ni­el Kirch als Loge, wäh­rend die gro­ßen Frau­en­rol­len über­zeu­gend be­setzt wa­ren. Na­tür­lich fra­gen sich jetzt alle, wie es wohl wei­ter- und ob es auf­ge­hen wird. Und das ist gut so.

Be­such­te Pre­mie­re am 31. Juli 2022, Erst­druck im Frän­ki­schen Tag vom 2. Au­gust 2022