Aus Cosimas Tagebuch ist zu erfahren, wie die Wagners die Kar- und Osterwoche vor 150 Jahren verbracht haben: vor allem mit großen Sorgen um die ersten Festspiele in Bayreuth.

Anders aus als in den Jahren zuvor und danach berichtete Cosima Wagner 1876 in ihren Tagebuchkladden nur wenig über die Pflege österlichen Brauchtums in der Familie. Der Fokus lag eindeutig auf den kommenden ersten Festspielen: Es gab viel unerwartete und unendlich viele Problemen und Schwierigkeiten in allen Bereichen – beim immer noch nicht fertigen Festspielhaus, bei der Finanzierung sowieso, bei der Besetzung von Chor, Orchester und Solisten und bei der praktischen Realisierung der „Ring“-Uraufführung. Cosima Wagners Einträge spiegeln die „Mühen der Ebenen“, womit auch gleich auf unsere nächste Vortragsveranstaltung mit Frank Piontek hingewiesen sei, der am 7. Mai um 19.30 Uhr im Kufa-Saal darüber sprechen wird, wie die ersten Festspiele gemacht wurden. Doch jetzt hat Cosima Wagner das Wort.
Dienstag 11ten [April 1876] Herr Brandt[1] kommt, ein eigentlicher Trost, da er einzig hilft; seine Berichte vom Theater sind unerquicklich; der Bauführer erweist sich als durchaus untätig. R. setzt Circulare[2] auf, um die Sänger zu verbinden.
Mittwoch 12ten [April 1876] Viel mit den Kindern; R. erhält einen Brief von Dr. Standhartner[3], Direktor Jauner[4] stellt als Bedingung der Beurlaubung von Frau Materna[5]: Tristan und Walküre für Wien nächsten Winter. So ist schon, bevor das Werk hier zu Stande gebracht, der Keim seiner Auflösung da! R. klagt, daß er von der Schmach seiner Kunst leben muß, und hat sich jetzt schon zu sagen, daß selbst die hiesigen Aufführungen an dem elenden Zustand der Kunst nichts verändern werden. Keine Erhabenheit kann in unserer Welt Dauer haben, flüchtige Erscheinung, und welche Mühsal, um diese hervorzubringen! R. mit den Kindern in der Menagerie, kehrt mit einem wüsten Eindruck davon zurück!
Donnerstag 13ten [April 1876] Hausnöte, Gouvernante Ferien wünschend, Stubenmädchen fort etc. Dazu Siegfried[6] heiser. R. erhält einen rührenden Brief von einem Seminaristen, welcher um Eintritt zu den Spielen bittet, aber hinzufügt, daß, wenn dies nicht möglich, er die Hälfte seines Gehaltes (600 Gulden jährlich) dafür bestimmen würde! – – – Abends Konferenz, Freund Feustel[7] hat allerlei zu berichten.
Freitag 14ten [April 1876] Karfreitag! Gute Stimmung, gute Gedanken! Nachmittags in der Kirche, nicht viel Erbauung.
Sonnabend 15ten [April 1876] Unterricht den Kindern. R. sehr mit juristischen Fragen beschäftigt, behauptet, an den Reichstag gehen zu wollen, um bis in das einzelne das Gesetz durchführen und deuten zu lassen.
Sonntag 16ten [April 1876] Besuch von Pr. Bernays[8] aus München, dem größten jetzt lebenden Kenner Goethe’s; sehr angenehme Bekanntschaft. Nachmittags ein wenig erschreckend [überraschend] Dr. Schönaich[9]; wir nehmen ihn im Hause auf. Wie ich im Zimmer allein bin, drängt es mich zum Klavier, und leicht ergießt sich meine Stimmung in Tönen. Die Sonnenstrahlen grüßen mich scheidend, ich entbiete Gedanken der Ferne, welche die Ferne nicht empfangen wird! Weinend begrüße ich R. heimkehrend. Abends Pr. Bernays – viele „geistvolle“ Gespräche.
Montag 17ten [April 1876] Hausbesorgungen, Diner für Pr. B., den Bürgermeister, bei welchem er wohnt, den Kirchenrat. Sehr gute Stimmung; der Pr. weiß und kennt sehr viel und, was vielleicht noch mehr heißt und seltener ist, erkennt R. – Abends wiederum zusammen.
Dienstag 18ten [April 1876] Abschied von Dr. Schönaich! Freund Richter[10] dafür eingezogen, keine schönen Nachrichten von Wien mitbringend. Diner mit ihm und Pr. Bernays; auch den Abend zusammen. Gestern wurde schön musiziert, Tristan und die Meistersinger, heute Unsinn Othello[11].
Mittwoch 19ten [April 1876] Richter einzig noch bei uns; gemeinschaftlicher Besuch des Theaters; traurigster Eindruck, kein Vorwärtsgehen! … Heimgekommen, Brief von Herrn Direktor Jauner, sich freuend, die Walküre für Wien zu bekommen (Bedingung für die Materna!!!), will schon jetzt mit Dekorationen beginnen – – –. R. außer sich; dabei werden immer [noch] nicht die Kontrakte der benötigten Choristen abgeschickt; alles dort morsch, treulos. Und so roh, noch nicht ist R. hier mit unsäglicher Mühe zu Stande gekommen, und er soll für Wien im voraus sein Werk schänden! Depesche von Herrn Unger[12], möchte erst Sonnabend kommen! … Ist in Kassel bei seiner Braut! R. weiß nun noch gar nichts von seinen Fortschritten. Und 3 Uhr Depesche von Frau Voggenhuber[13], daß sie sich nicht hat von ihren Verpflichtungen befreien können, also die Sieglinde nicht wird singen können! … Dies alles an einem Nachmittag. R. meint, das Leichteste sei das, was das Schicksal zufügt, aber die Treulosigkeit der Menschen! … Ihr roher Enthusiasmus.
[1] Brandt, Carl (1828–1881): Bühnentechniker, von 1849–1881 am Großherzoglichen Hoftheater in Darmstadt sowie bei den ersten Bayreuther Festspielen
[2] Wagner verfasste im Frühjahr diverse Rundschreiben an die Mitwirkenden und entwarf für die Patrone der Bühnenfestspiele eine Ankündigung der Festspielaufführungen, deren Reinschrift er am 18. April an Friedrich Feustel zur adressierte.
[3] Standthartner, Josef (1818–1892): Wagners Arzt und Freund in Wien
[4] Jauner, Franz (1832–1900): Schauspieler und Theaterleiter, 1875–1880 Direktor des K. K. Hofoperntheaters in Wien
[5] Materna, Amalie (1844–1918): Sängerin (Sopran), von 1869–1894 am K. K. Hofoperntheaters in Wien, Brünnhilde der „Ring“-Uraufführung 1876
[6] Wagner, Siegfried (1869–1930): einziger Sohn von Richard und Cosima Wagner
[7] Feustel, Friedrich (1824–1891): Bankier, Politiker, Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung von Bayreuth, Mitglied im Verwaltungsrat des Festspielunternehmens
[8] Bernays, Michael (1834–1897): Literaturhistoriker und Goetheforscher, 1873–1890 Professor in München
[9] Schöneich, Gustav (1840–1906): Jurist, Journalist, Musikkritiker, Stiefsohn von Josef Standhartner
[10] Richter, Hans (184–1916): Violonist, Hornist, Wagner-Assistent ab 1866, seit Mai 1875 Kapellmeister am K. K. Hofoperntheater in Wien, Dirigent der „Ring“-Uraufführung 1876
[11] Wortlaut unzweifelhaft, gemeint ist die Oper „Otello“ von Gioacchino Rossini (1792–1868)
[12] Unger, Georg (1837–1887): Sänger (Tenor), Siegfried der „Ring“-Uraufführung 1876
[13] Voggenhuber, Vilma von (1841 –1888): Sängerin (Sopran) an der Königlichen Hofoper Berlin
Quellen: Cosima Wagner: Die Tagebücher: Band I, S. 979 bis 980; Richard Wagner: Sämtliche Briefe, Band 27, herausgegeben von Martin Dürrer
