„Man soll die Regie pfeifen und nicht meine Hosen“

Noch ein Rück­blick: Re­gis­seur Pa­tri­ce Ché­reau sprach vor fünf­zig Jah­ren beim Ju­gend­fest­spiel­tref­fen und im In­ter­view über sei­ne zu­nächst höchst um­strit­te­ne In­sze­nie­rung der Te­tra­lo­gie, die bald zum le­gen­dä­ren „Jahr­hun­dert-Ring“ wer­den soll­te. Hier mei­ne Ar­ti­kel vom 18. so­wie vom 21./22. Au­gust 1976 aus der Bay­reu­ther Ta­ges­zei­tung „Nord­baye­ri­scher Kurier“.

Pa­tri­ce Ché­reau bei ei­ner Pro­be mit den Ni­be­lun­gen 1976 – Foto: Foto: Fest­spiel­lei­tung Bayreuth/​Wilhelm Rauh

„Vielleicht wird der Schock noch größer“

Die Ein­fäl­le wer­den ihm si­cher nicht aus­ge­hen: Pa­tri­ce Ché­reau wird in den kom­men­den Jah­ren an sei­ne „Ring“-Inszenierung wei­ter­ar­bei­ten. „Ich be­gin­ne schon jetzt, neue Ideen zu ha­ben“, sag­te er bei der fast zwei­stün­di­gen Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung des Ju­gend­fest­spiel­tref­fens ges­tern nach­mit­tag in der über­füll­ten Aula des Wirt­schafts­gym­na­si­ums. „Vie­le Fest­spiel­gäs­te ha­ben mir ge­schrie­ben, was sie an mei­ner Re­gie vul­gär, or­di­när oder ein­fach un­mög­lich fin­den. Dar­auf kann ich ant­wor­ten, daß ich be­stimmt ge­wis­se Din­ge – wie zum Bei­spiel das Auf­tau­chen der Krö­te im ‚Rhein­gold‘ – än­dern wer­de. Das wird die Leu­te aber viel­leicht noch mehr schockieren.“

Die Ver­an­stal­tung war als Vor­trag an­ge­kün­digt, der 31jährige Re­gis­seur zog es vor, sich so­fort den Fra­gen des Pu­bli­kums zu stel­len. „Die Ge­samt­kon­zep­ti­on mei­ner Re­gie zu er­klä­ren, wür­de viel zu lan­ge dau­ern“, ver­si­cher­te er. „Was in­ner­halb von fünf­zehn Stun­den auf der Büh­ne ge­schieht, kann man nicht in zwei, drei Sät­zen ausdrücken.“

Bei der Be­schäf­ti­gung mit dem Werk Wag­ners habe er eine wich­ti­ge Ent­de­ckung ge­macht: „Wag­ner hat nicht nur ein­fach Opern ge­schrie­ben, son­dern ech­tes Thea­ter.“ Bei den Opern an­de­rer Kom­po­nis­ten kön­ne man das Li­bret­to ei­gent­lich ganz ver­ges­sen, denn es sei nicht ge­schrie­ben, um wirk­lich in­sze­niert zu wer­den. An­ders bei Wag­ner. „Der Text ist aus­sa­ge­kräf­tig. Ri­chard Wag­ner ist in je­der Mi­nu­te, in je­der Se­kun­de thea­tra­lisch.“ Er habe des­halb nicht nur die Mu­sik ge­hört, daß er sie über­haupt ge­hört habe, wird oft an­ge­zwei­felt, son­dern habe den Text ge­nau ge­le­sen und ver­sucht, ihn so nahe wie mög­lich – an man­chen Stel­len auch be­wußt nicht so nahe – zu in­sze­nie­ren. Die Lö­sun­gen sei­en bei Wag­ner im Text zu su­chen und nicht nur in der Musik.

„Ich schät­ze Ri­chard Wag­ner als Thea­ter­mann“, sag­te Ché­reau wei­ter. „Ich schät­ze ihn in der Be­zie­hung zwi­schen Text und Mu­sik als gro­ßes dra­ma­tur­gi­sches Ta­lent. Noch vor ei­nem hal­ben Jahr hat es mich er­staunt, daß sich die Men­schen bei ihm sin­gend aus­drü­cken, jetzt bin ich nicht mehr er­staunt. Von Wag­ner habe ich viel ge­lernt. Bei an­de­ren Kom­po­nis­ten wird das wohl kaum eintreffen.“

Wie in al­len Dis­kus­sio­nen wur­de Pa­tri­ce Ché­reau auf den Stau­damm (zu Be­ginn des ‚Rhein­gold‘ und im 3. Akt der ‚Göt­ter­däm­me­rung‘) hin an­ge­spro­chen. „Zu­nächst ist klar­zu­stel­len“, er­wi­der­te er, „daß es im ‚Rhein­gold‘ trotz des ers­ten Ak­kor­des, der als Schlaf der Na­tur, als Un­be­rührt­heit und In­be­griff der Mo­ral emp­fun­den wird, mit der Welt­esche und dem Speer schon eine Vor­ge­schich­te gibt.“ Der Stau­damm sei für ihn au­ßer­dem ein kon­kre­tes thea­tra­li­sches Mit­tel, ei­nen Fluß auf der Büh­ne zu zei­gen. Man dür­fe ihn je­doch  nicht für sich al­lein se­hen, son­dern müs­se die agie­ren­den Per­so­nen mit ein­be­zie­hen. Die bis­he­ri­gen Lö­sun­gen die­ser Sze­ne mit Pro­jek­tio­nen und tän­ze­ri­schen Be­we­gun­gen der Dar­stel­le­rin­nen sei­en für ihn nicht ak­zep­ta­bel gewesen.

Der Stau­damm sei, auch wenn er stark dis­ku­tiert wer­de, in­des nur Ne­ben­sa­che. „Für mich war die Fra­ge we­sent­lich, ob der ‚Ring‘ uns auch heu­te noch et­was zu sa­gen hat. Ich glau­be durch­aus an My­thos und My­tho­lo­gie, muß aber als Re­gis­seur eine Be­zie­hung zur Jetzt­zeit her­stel­len. Als Thea­ter­mann emp­fin­de ich ein Büh­nen­bild oder Kos­tü­me ohne fes­te Zeit­fi­xie­rung un­mög­lich.“ Der „Ring“ sei im Zei­chen der Ideo­lo­gie des 19. Jahr­hun­derts ent­stan­den; der viel ver­miß­te My­thos sei der My­thos eben die­ser Epo­che. Daß er die Te­tra­lo­gie als Al­le­go­rie des 19. Jahr­hun­derts zei­ge, sei eine lo­gi­sche Konsequenz.

Er­staunt habe ihn die Tat­sa­che, daß man Per­so­nen­füh­rung, Büh­nen­bild und Kos­tü­me ge­trennt be­ur­tei­le. „Ich sehe die­se Ele­men­te als Gan­zes. Der ‚Ring‘ ist aber von An­fang an wi­der­sprüch­lich, des­halb kann man auch die Sti­le mi­schen. Ich glau­be, wenn man die Be­zie­hun­gen und die Zu­sam­men­hän­ge zum Bei­spiel von Gun­ther zum Smo­king und zum Schwert über­denkt, kommt da­bei mehr Wahr­heit her­aus als bei ei­ner in sich ein­heit­li­chen Dar­stel­lung mit Kos­tüm und Requisit.“

Eine kla­re po­li­ti­sche Aus­sa­ge, eine kla­re Ab­tren­nung ge­sell­schaft­li­cher Grup­pen habe er be­wußt nicht auf­ge­zeigt. „Es bleibt nur eine klei­ne, be­grenz­te Welt üb­rig, wenn man ge­nau de­fi­niert: das ist In­dus­trie­ge­sell­schaft, das sind die fei­nen Leu­te und so wei­ter. Der ‚Ring‘ hat doch ge­ra­de den Vor­teil, eine Mi­schung aus Po­li­ti­schem, Ideo­lo­gi­schem und My­thi­schem zu sein.“

Ein Schwer­punkt der Dis­kus­si­on war die Funk­ti­on Wo­tans als Wan­de­rer und die Deu­tung des frei­en Hel­den. Pa­tri­ce Ché­reau: „Wo­tan will ei­nen frei­en Hel­den für sich ha­ben und er gibt da­für im Text fünf wi­der­sprüch­li­che Grün­de an. Der ein­zig freie Held ist mei­ner Mei­nung nach Sieg­mund, auch wenn er, wie Fri­cka es sagt, durch das be­reit­ste­hen­de Schwert nicht ganz frei ist. Sieg­mund aber weiß we­nigs­tens, war­um und wo­für er kämpft. Die­se Art Frei­heit kann Wo­tan nicht er­tra­gen, er muß Sieg­mund tö­ten. Sieg­fried da­ge­gen hat eine ‚Frei­heit‘, die Wo­tan ent­spricht: Wo­tan weiß al­les, Sieg­fried führt nur aus, ist ein In­stru­ment sei­nes Wil­lens. Wenn der Wan­de­rer sagt, zu schau­en bin ich da und nicht zu schaf­fen, ist das eine glat­te Lüge. Der Wan­de­rer lenkt al­les in sei­ne Wege.“ Sieg­fried sei kein po­si­ti­ver Held: „Ich emp­fin­de es als po­li­tisch ge­fähr­lich, an ei­nen Un­wis­sen­den zu glauben.“

Noch als un­ge­nü­gend ge­löst be­zeich­ne­te der Re­gis­seur den Schluß der „Göt­ter­däm­me­rung“. Man kön­ne das Ende der Welt nicht in­ner­halb der letz­ten fünf Mi­nu­ten auf­zei­gen. „Für mich ist das Ende im gan­zen ‚Ring‘ vor­ge­ge­ben. Die dro­hen­de Fra­ge, ‚Wie wird es wei­ter­ge­hen?‘ wird nicht erst zum Schluß ge­stellt.“ Schon bei Sieg­frieds Tod las­se er des­halb be­wußt Men­schen auf­mar­schie­ren: „Die­se Men­schen sind kei­ne Trau­ern­den. Sie sind da, um zu fra­gen, war­um die­ser Held ge­stor­ben ist, sie sol­len den Tod Sieg­frieds als Fra­ge ver­ste­hen.“ Ein eben­sol­ches Frag­zei­chen sei der Schluß der „Göt­ter­däm­me­rung“. Eine Men­schen­men­ge höre das Ora­kel aus dem Or­ches­ter­gra­ben – das Ora­kel sei das Er­lö­sungs­mo­tiv. Die Mu­sik gebe eine un­kla­re Bot­schaft. Eine kon­kre­te Ant­wort lie­ge dar­in nicht. „Auch Ri­chard Wag­ner hat kei­ne kon­kre­te Ant­wort ge­ben können.“

Pa­tri­ce Ché­reau bei ei­ner „Ring“-Probe 1976 –  Foto: Fest­spiel­lei­tung Bayreuth/​Wilhelm Rauh

„Vorwärts kommt man nur mit großen Aufgaben“

We­der in sei­ner Re­gie noch in sei­nen Wor­ten woll­te und will er be­wußt pro­vo­zie­ren: Pa­tri­ce Ché­reau glaubt viel eher, daß er auf har­te Fra­gen eben har­te Ant­wor­ten ge­ben muß. „In den Dis­kus­sio­nen ge­hen mei­ne Geg­ner nicht ge­ra­de sanft mit mir um. Ir­gend­wann kann man da­bei die Ge­duld ver­lie­ren und ver­sucht, mit den glei­chen Waf­fen zu­rück­zu­schla­gen.“ Ver­än­de­run­gen sei­ner Re­gie wer­de er si­cher nicht ma­chen, um künf­tig auch den Zu­schau­ern zu ge­fal­len, die wut­ent­brannt ge­gen sei­ne In­sze­nie­rung ge­buht ha­ben. „Bei be­stimm­ten Leu­ten ist der Haß da und er wird auch blei­ben.“ In ei­nem Ku­rier-Ge­spräch er­läu­ter­te der 31jährige „Ring“-Regisseur sei­ne Ar­beits­wei­se, sei­ne Re­ak­tio­nen auf Ar­beit und Pu­bli­kum und sei­ne Zukunftspläne.

Was war Ihre ers­te Re­ak­ti­on, als Ih­nen an­ge­bo­ten wur­de, den „Jahr­hun­dert-Ring“ in Bay­reuth zu inszenieren?
Ché­reau: Ich war sehr er­staunt. Pierre Bou­lez frag­te mich, ob ich In­ter­es­se dar­an hät­te – und das, ob­wohl we­der er noch Wof­gang Wag­ner je eine In­sze­nie­rung von mir ge­se­hen hat­ten. Ich kann­te da­mals we­nig von Wag­ners Werk, wuß­te aber sehr wohl um den Ruf und den Ruhm Bay­reuths. Ich bin zwar als Re­gis­seur nicht un­be­kannt, aber daß man ge­ra­de an mich ge­dacht hat, über­rasch­te mich. Ei­gent­lich er­staunt mich es im­mer noch und ich bin froh dar­über, er­staunt zu bleiben.

Wie sah Ihre Vor­be­rei­tungs­zeit aus, wie oft ha­ben Sie den „Ring“ gesehen?
Ché­reau: Ich habe den „Ring“ nur ein­mal ge­se­hen, 1975 in der In­sze­nie­rung Wolf­gang Wag­ners. Man macht mir das oft zum Vor­wurf, doch den „Ring“ ge­se­hen zu ha­ben, be­deu­tet mei­ner Mei­nung nach kei­ner­lei Qua­li­fi­ka­ti­on für die Re­gie­ar­beit. Man könn­te den „Ring“ auch in­sze­nie­ren, ohne ihn je­mals im Thea­ter er­lebt zu ha­ben. Was wirk­lich zählt, ist die in­ten­si­ve Ar­beit mit den Par­ti­tu­ren und mit dem Text. Ich habe mich zwei Jah­re lang für die Auf­ga­be in Bay­reuth vor­be­rei­tet, habe al­les ge­hört und ge­le­sen, was ich hö­ren und le­sen konn­te. Da­bei hat mir die Tat­sa­che sehr ge­hol­fen, daß ich an der Schu­le und an der Uni­ver­si­tät prak­tisch nur in deut­scher Kul­tur auf­ge­wach­sen bin. Ich ste­he der deut­schen Vor-Ro­man­tik sehr nahe – sie ist seit vie­len Jah­ren mei­ne Welt. Des­halb habe ich mich bei Wag­ner nie­mals fremd ge­fühlt. Die Er­in­ne­run­gen aus der Schul­zeit, mei­ne Kind­heits­er­in­ne­run­gen sind un­ge­heu­er wich­tig. Viel­leicht kann man nur aus die­ser Er­in­ne­run­gen her­aus Re­gie machen.

Ha­ben Sie von vorn­her­ein ge­wußt, wel­che Mam­mut­auf­ga­be Sie in Bay­reuth erwartet?
Ché­reau: Wenn man den Um­fang des Werks sieht, weiß man so­fort, daß es nicht so leicht zu schaf­fen ist. Ein gro­ßes Pro­blem für mich war, daß Bay­reuth zu­nächst zwi­schen Pe­ter Stein und mir ge­zö­gert hat. Ein­mal soll­te ich, dann wie­der nicht – durch die­ses Hin und Her ging prak­tisch ein Jahr für die in­ten­si­ve Vor­be­rei­tung ver­lo­ren. Als dann die Wahl auf mich fiel, war ich durch­aus ge­neigt ab­zu­leh­nen: Die Zeit für die prak­ti­sche Ar­beit er­schien mir zu kurz, mein Ter­min­ka­len­der für 1976 war mit an­de­ren Auf­ga­ben schon aus­ge­bucht. Der „Ring“ kam zwi­schen­drin und es war ei­gent­lich ver­rückt, daß ich ihn den­noch ge­macht habe.  Man lebt aber nur ein­mal und vor­wärts­kom­men kann man nur mit gro­ßen Auf­ga­ben. Es wäre eben­so ver­rückt ge­we­sen, wenn ich Bay­reuth ab­ge­lehnt hätte.

Wel­che Schwie­rig­kei­ten gab es durch tech­ni­sche Pro­ble­me und bei der Ar­beit mit den Sän­gern bei der Rea­li­sie­rung Ih­rer Vorstellungen?
Ché­reau: Mit den Sän­gern gab es kaum Schwie­rig­kei­ten und ich glau­be, daß man das auch sieht. Na­tür­lich gibt es am An­fang ei­ner Pro­duk­ti­on im­mer Pro­ble­me mit den Ak­teu­ren, aber das ist im Schau­spiel eben­so wie in der Oper. Tech­nisch ge­se­hen muß­ten vie­le Schwie­rig­kei­ten ge­löst wer­den, aber das ist bei so vie­len Bil­dern, bei so vie­len Ver­wand­lun­gen ganz nor­mal. Als Re­gis­seur kann man lei­der nicht im­mer ge­nau er­klä­ren, wel­ches Re­sul­tat man er­zie­len will. Man sucht viel eher bei der kon­kre­ten täg­li­chen Ar­beit nach den Lö­sun­gen. Lei­der habe ich für die Rea­li­sa­ti­on mei­ner Vor­stel­lun­gen nicht ge­nug Zeit ga­habt. Ich stand vor der Ent­schei­dung, ei­nen Teil mei­ner Ar­beit sehr gut zu ma­chen, ei­nen an­de­ren Teil we­ni­ger in­ten­siv. Im Zeit­druck der zwei Pro­ben­mo­na­te habe ich den Schwer­punkt auf die Ar­beit mit den Sän­gern ge­legt, da­für wer­de ich mich im nächs­ten Jahr wahr­schein­lich mehr um die Tech­nik küm­mern können.

Wie vie­le Ideen muß­ten Sie auf­ge­ben, wel­che we­sent­li­chen Punk­te Ih­rer Kon­zep­ti­on konn­ten nicht ver­wirk­licht werden?
Ché­reau: Es gibt vor­her nie eine voll­kom­me­ne Idee, eine idea­le Kon­zep­ti­on, die dann in der Rea­li­sa­ti­on ver­lo­ren ge­hen könn­te. Man ver­sucht als Re­gis­seur ein­fach zu ma­chen, was man ma­chen kann; man muß bei der Ar­beit täg­lich ent­schei­den, wel­che Idee man bei­be­hält und wel­che man auf­gibt. Ge­ra­de da­durch ent­ste­hen auch vie­le neue Ideen.

Auf die Fra­ge nach Ih­rer Re­ak­ti­on auf die Pu­bli­kums­re­ak­tio­nen ant­wor­te­ten Sie mit „amü­siert“. Wie ha­ben Sie die mas­si­ven Buhs ge­fun­den? Ha­ben Sie das erwartet?
Ché­reau: Mit die­sem „amü­siert“ habe ich auf eine har­te Fra­ge eine har­te Ant­wort ge­ge­ben. Ich fin­de es ganz nor­mal und rich­tig, daß­die Mei­nun­gen im Pu­bli­kum ge­teilt sind. Man kann nicht al­len ge­fal­len. Ich habe bei mei­nen In­sze­nie­run­gen im­mer auch Pfif­fe und Buh­ru­fe ge­habt. Eine Re­gie, und da­mit mei­ne ich ge­ra­de auch mei­ne „Ring“-Inszenierung, muß aber ihr Pu­bli­kum fin­den. Jetzt gibt es ei­nen Kampf zwi­schen ei­nem Tei­le des Pu­bli­kums und mei­ner Re­gie – man wird se­hen, wer ihn ge­win­nen wird.

Im ers­ten „Ring“ gin­gen Sie in Jeans und Hemd auf die Büh­ne. Jetzt tre­ten Sie mit Kra­wat­te, Ja­ckett, dunk­ler Hose und kür­ze­ren Haa­ren vor den Vor­hang. Für wen ma­chen Sie das?
Ché­reau: Ich woll­te bei den ers­ten drei Pre­mie­ren gar nicht vor den Vor­hang, das war erst für die „Göt­ter­däm­me­rung“ vor­ge­se­hen. Ich hat­te ge­nug zu tun, um zu se­hen, daß auf der Büh­ne al­les klappt. Da denkt man nicht an den Vor­hang. Pierre Bou­lez woll­te sich aber nur mit mir zu­sam­men dem Pu­bli­kum stel­len und ich habe es dann ge­macht, ob­wohl ich die Jeans als un­nö­ti­ge Pro­vo­ka­ti­on emp­fun­den habe. Ab­ge­se­hen da­von: Man soll die Re­gie pfei­fen und nicht mei­ne Hosen.

Ein Teil des Pu­bli­kums ist vol­ler ech­tem Haß ge­gen Ihre In­sze­nie­rung. Fürch­ten Sie die­sen Haß?
Ché­reau: Ich habe kei­ne Angst vor die­sen Leu­ten. Die Zu­schau­er, die ge­ra­de mit wich­ti­gen Punk­ten mei­ner Re­gie nicht ein­ver­stan­den sind, wer­den die­sen „Ring“ im­mer has­sen. Wenn ich ge­sagt habe, daß mei­ne Än­de­run­gen die­se Leu­te viel­leicht noch mehr scho­ckie­ren könn­ten, was das nicht als War­nung ge­dacht. Ich wer­de nur Än­de­run­gen nicht vor­neh­men, um mei­nen Geg­nern viel­leicht doch noch zu ge­fal­len. Ich bin nicht nach Bay­reuth ge­kom­men, um das Pu­bli­kum zu scho­ckie­ren. Ganz im Ge­gen­teil: Für mich ist die „Ring“-Inszenierung mei­ne ru­higs­te und klas­sischs­te Ar­beit, die ich bis­lang ge­macht habe. Thea­ter­freun­de aus Frank­reich, die mei­ne an­de­ren In­sze­nie­run­gen ge­se­hen ha­ben, sa­gen so­gar, daß mei­ne „Ring“-Regie rich­tig müde sei.

Sie ha­ben schon jetzt neue Ideen pa­rat. Kann eine In­sze­nie­rung für Sie über­haupt je rich­rig fer­tig werden?
Ché­reau: Eine In­sze­nie­rung kann nie fer­tig wer­den. Jede Auf­füh­rung zeigt neue Män­gel, zeigt ein noch un­fer­ti­ges De­tail. Eine In­sze­nie­rung ist für mich nur das, was die Zu­schau­er se­hen und nichts an­de­res. Die Schwie­rig­kei­ten bei der Rea­li­sie­rung, der Ar­beits­ein­satz sind un­wich­tig. Nur das Re­sul­tat zählt. Nach der  Auf­füh­rung exis­tiert die Re­gie nicht mehr. Sie hin­ter­läßt kei­ne Spuren.

Sie wol­len Thea­ter­re­gis­seur blei­ben und nur sel­ten Opern in­sze­nie­ren. Wel­che kon­kre­ten Plä­ne ha­ben Sie für die nächs­ten Jah­re, ab­ge­se­hen von Ih­rer Wei­ter­ar­beit am „Ring“?
Ché­reau: Die Som­mer sind durch die Ar­beit in Bay­reuth ok­ku­piert, da­ne­ben habe ich na­tür­lich Auf­ga­ben am Thé­at­re Na­tio­nal Po­pu­lai­re. Am stärks­ten in­ter­es­siert mich mo­men­tan der Film. Ich habe zwei Strei­fen in Vor­be­rei­tung und schrei­be dazu die Skripts. In Zu­kunft wer­de ich we­ni­ger für das Schau­spiel ar­bei­ten. Das Thea­ter ist doch zu sehr von der wirk­li­chen Welt und vom wirk­li­chen Le­ben ent­fernt. Ich bin es müde, so weit weg vom Zu­schaue zu ar­bei­ten. Was die Oper be­trifft, so möch­te ich höchs­tens alle zehn Jah­re ein­mal in­sze­nie­ren: Oper muß für mich Lu­xus bleiben.

Kön­nen Sie sich vor­stel­len, auch ein­mal et­was an­de­res zu ma­chen als Regie?
Ché­reau: Nein. Das kann ich mir ab­so­lut nicht vor­stel­len. Ich bin für die Re­gie ge­bo­ren und wer­de für die Re­gie sterben.

Pa­tri­ce Ché­reau und „Ring“-Dirigent Pierre Bou­lez bei ei­ner Pro­be vor fünf­zig Jah­ren – Foto: Klaus Tritschel