Seine letzte Fahrt führte von den Lagunenwassern Venedigs über die Alpen nach Bayreuth. „Ihm ist wohl. Er hat ausgelitten!“, schrieb König Ludwig II. in seinem Kondolenzbrief an Cosima Wagner.

Am Freitag, den 16. Februar 1883 ging der in seinem Leben viel und weit gereiste Richard Wagner zum letzten Mal auf große Fahrt. Die Sonne schien, der Himmel war wie leer gefegt, im Palazzo Vendramin herrschte ein aufgeregtes Treiben: „Die Dienerschaft in tiefer Trauer eilte hin und her“, schreibt Henriette Perl, die seit 1878 in Venedig lebte, in der Stadt gut vernetzt und mit Wagners venezianischem Hausarzt Dr. Friedrich Keppler befreundet war. „Die Vertreter der Presse Italiens sowie des Auslandes beobachteten aufmerksam jeden Vorgang und suchten vergebens sich den Eintritt in das Sterbegemach zu erwirken.“ Auch Perl, die frühe Klatschreporterin, schaffte es trotz ihrer guten Verbindungen auch zum Hauspersonal erstmal nicht.
Vertreter der Stadt Venedig und die italienische Regierung hatten nochmals vorgesprochen, um dem berühmten Toten und seinen Hinterbliebenen eine Trauerfeier und ein würdiges Geleit anzubieten. Und wie schon beim ersten Mal ließ die Familie diese Ehrenbezeugungen dankend ablehnen und bat vielmehr darum, öffentliche Kundgebungen zu unterlassen. Die persönliche Habe, das Sterbesofa, Wagners Bett und Teile des Arbeitszimmers wurden verpackt. Der Palazzo-Haushalt wurde aufgelöst, die letzten Rechnungen bezahlt.
Natürlich ist auch Carl Friedrich Glasenapp, Wagners erster Biograph, eine Quelle, aus der nicht nur reinstes Wasser sprudelt, aber er hatte einen direkten Draht zur Familie, was man seinen Schilderungen immer wieder anmerkt:
In der Frühe des 16. Februar (Freitag) war der schwere, prächtige, oben mit einem Kruzifix, an der Seite mit vier Löwenköpfen geschmückte Bronze-Sarkophag, im Innern mit einem hermetischen Metalleinsatz samt Glasausschnitt versehen, in Vendramin eingetroffen; die Einsargung erfolgte um die Mittagszeit, und nun berief Dr. Keppler seinem Versprechen gemäß die tief gebeugte Leidtragende in den Raum. Der innere Glasverschluß war bereits über die irdische Hülle des Toten gelegt und wurde in ihrer Gegenwart angelötet; sie selbst half dann beim Verschluß des äußeren Sarges mit, dessen Schlüssel sie an ihrem Halse befestigte. Noch glaubte niemand an die Möglichkeit, heute von Venedig fortzukommen, aber es war durch die Umsicht der Freunde doch alles soweit vorbereitet.
„Gegen die zwölfte Stunde“, so in ihrem Buch „Richard Wagner in Venedig“ wiederum Henriette Perl, „begann man mit der Absendung von Kisten und Koffern, welche auf speziellen Gondeln nach dem Bahnhofe gebracht wurden, da die Familie beschlossen hatte, ihr gesammtes mit sich geführtes Eigenthum sofort nach Bayreuth zu bringen.“
Verschiedene Möbelstücke, welche dem besonderen Gebrauch des todten Meisters gedient hatten und jetzt als theuere Reliquien behandelt wurden, brachte man nunmehr herunter; es waren dies: ein rothes Damasstsopha, worauf jener Pelz lag, welcher Richard Wagner während der letzten Stunde seines Lebens bedeckt hatte; ferner der Lehnstuhl auf dem der Sterbende die Füße gestützt und endlich der Papierkorb aus seinem Arbeitskabinete. – Diese Gegenstände nahmen eine Gondel für sich allein in Anspruch und sollten in einem Personenwagen mitgeführt werden, um gleichzeitig mit der Familie den Weg nach dem Norden zurückzulegen.
Wenige Minuten später wurde auch noch das Bett heruntergebracht, in welchem der Meister während dieser letzten Monate seines Lebens geruht hatte und das fortan die Lagerstätte seiner Wittwe bleiben wird. – Nebst dem Bette konnte man aber auch ein großes, hölzernes, ebenso breites als langes Gerüste sehen – es war dies das Gerippe jener kostbaren Riesenottomane, die den Mittelpunkt von Richard Wagner’s Arbeitszimmer gebildet hatte. Dazwischen sah man jeden Augenblick Telegraphendiener mit Depeschen einlangen, denn aus der ganzen Welt kamen während dieser drei Tage Beileidsbezeugungen, und zwar belief sich deren Zahl schon am zweiten Tage nach Wagner’s Tode auf dreihundertachtzehn Telegramme.
Um 13 Uhr wurde der Sarg nach unten gebracht, als Träger fungierten „Ring“-Dirigent Hans Richter, „Parsifal“-Bühnenbildner Paul von Joukowsky, Hausarzt Dr. Friedrich Keppler, die Maler Ludwig Johann Passini und Franz Leo Ruben sowie vom Konservatorium Giuseppe Graf Contin di Castelsepio und der Geiger Prof. Raffaele Frontali. Glasenapp schreibt:
In ehrfurchtsvollem Schweigen trugen sie ihn die breite Treppe hinab zur Gondel. Inzwischen war die hohe Frau angekleidet und in die vorderen Räume begleitet worden, wo sie von allen Abschied nahm; dann stieg sie, von Frau Marie Groß und Siegfried geführt, die Stufen zur Gondel hinab. Ihre tiefverschleierte, hochgewachsene, sonst so aufrechte Gestalt schien völlig gebrochen. Ihr folgte Passini mit Daniela, die Herren Joukowsky und Ruben führten die beiden jüngeren Töchter, Isolde und Eva. In tiefster Stille durchschritten die Leidtragenden die ehrerbietig Platz machende, vom Schmerze der Trauernden sichtlich ergriffene Menge. Lautlos betraten sie die schwarzgedeckten Gondeln, lautlos glitten die Fahrzeuge die ausgedehnte Wasserfläche des Canal Grande entlang, vor ihnen das Schifflein mit dem – reich mit Lorbeer und Palmen geschmückten Sarkophag. Die strahlendste Sonne schien ihrem Fortgang, sich in der blaugrünen durchwärmten Wasserflut spiegelnd; schwermütig neigten die Bäume vom Garten des Vendraminpalastes ihre vom Winde sanft bewegten Zweige, als wollten auch sie, an deren Anblick er so oft sich erfreut, ihm ihren Scheidegruß nachwehen.

Übrigens: Am Ende seines im Jahr 1900 erschienenen Romans „Il Fuoco“ („Das Feuer“) schildert Gabriele d’Annunzio den Beginn von Wagners allerletzter Fahrt mit noch größerer dichterischer Freiheit. Tatsächlich lenkte Luigi Trevisan, Wagners bevorzugter Gondoliere, die schwarz verhängte Gondel mit dem Sarg zum Bahnhof Santa Lucia. Dort stand laut Perl schon „der prächtige, schwarz dekorirte Todtenwagen“ bereit, der nach einem Entwurf von Franz Leo Ruben mit schwarzem, silberverbrämten Samt ausgelegt wurde; 22 Kränze, allen voran der größte von König Ludwig II., rahmten den aufgebahrten Sarg. An diesen Wagen, für den eigens eine Sondergenehmigung erteilt werden musste, schloss sich der Salonwagen an, in dem die Familie samt Begleitung Platz nahm. Beide Wagen wurden an den normalerweise um 14 Uhr abgehenden Schnellzug angehängt, der sich mit zehn Minuten Verspätung auf den Weg machte. Von Vicenza aus fuhr der Trauerkondukt über Verona, Ala, Kufstein und München, wo aus ein vorausbestellter Extrazug für die Weiterfahrt nach Bayreuth bereitstand.
An etlichen Haltestellen erwarteten Journalisten und Delegationen mit Kränzen und Blumengebinden den Trauer-Zug. In Innsbruck stiegen Heinrich Porges und Hermann Levi zu, in Kufstein, an der Grenze zu Bayern, schließlich der Abgesandte des Königs, Ministerialrat Ludwig von Bürkel. Zu ihm hatte König Ludwig II. gesagt: „Den Künstler, um welchen jetzt die ganze Welt trauert, habe ich zuerst erkannt, habe ich der Welt gerettet.“ Tags zuvor hatte König Ludwig in großen, heftigen Lettern seinen Kondolenzbrief an Cosima geschrieben:
Hochverehrte Frau! Theuere Freundin!
Unmöglich ist es mir, Ihnen den tiefen Schmerz zu schildern, der meine Seele erfüllt über den furchtbaren, unersetzlichen Verlust, den Wir erlitten haben. Welch entsetzlicher Schicksalsschlag, der Sie und die armen Kinder, der uns Alle, die Freunde und zahlreichen Bewunderer des großen, unvergesslichen Freundes und Meisters, des erhabensten Geistes getroffen hat! Ach, dass er Uns so frühe entrissen würde, wer hätte es denken können! Seien Sie versichert, theure, hochverehrte Freundin, dass ich den herben Schmerz über den ach so schrecklich frühen Heimgang des geliebten Verklärten mit Ihnen in tiefster Seele mitempfinde, ihn mit Ihnen u. den lieben Kindern theile, als unwandelbar treuer Freund. –
O möge der Allmächtige Ihnen Kraft verleihen, die entsetzliche Prüfung zu ertragen u. Sie erhalten für Ihre Kinder, die so nöthig der Mutter bedürfen. Der arme Siegfried! Ach, wie hatte sein Vater sich gefreut, ihn heran zu bilden, seine Ausbildung (Erziehung) zu überwachen, um ihm getrost dereinst Sein erhabenes, geistiges Erbe, die Pflege Seiner unsterblichen Werke übertragen zu können!
O sagen Sie ihnen Allen, wie ihr Leid mir zu Herzen geht und ich mit ihnen trauere.
Wie tief beklage ich auch Liszt, Ihren großen Vater, der so felsenfest treu an dem Verklärten gehangen ist, so treu Ihm beistand in Leid und Freud‘.
Gott sei mit Ihnen! Ihm ist wohl, Er hat ausgelitten!
Wie liebe ich Sie um der starken Liebe willen, die Sie so unerschütterlich treu Ihm, dem Unvergesslichen, geweiht und Ihm das Leben dadurch verschönt und zu einem glücklichen gestaltet haben!
In herzlicher Anhänglichkeit immerdar Ihr u. der theuren Ihrigen
unwandelbar treuer Freund
Ludwig.

Henry Perl, Richard Wagner in Venedig. Mosaikbilder aus seinen letzten Lebenstagen, Augsburg 1883.
Erstveröffentlichung einer kürzeren Version im Blog „Mein Wagner-Jahr“ auf infranken.de
