„Meine Stimme ist meine Stimme“

Vor sei­nem Pro­ben­be­ginn bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len mach­te Star-Te­nor Klaus Flo­ri­an Vogt ei­nen Ab­ste­cher nach Bam­berg zu ei­nem Künst­ler­ge­spräch mit dem Münch­ner Kri­ti­ker Mar­kus Thiel. Hier eine leicht ge­kürz­te Ver­si­on der Ma­ti­nee vom 12. Juli 2026 im Ku­fa­saal Bamberg.

Beim Ge­spräch im Ku­fa­saal von links Mar­kus Thiel und Klaus Flo­ri­an Vogt – Alle Fo­tos: © Ant­je Fahrig/​Monika Beer

Mar­kus Thiel Sie ha­ben ei­nen Te­nor-Ma­ra­thon vor sich: Das sind heu­er sechs Sieg­frie­de, drei Sieg­mun­de und – wenn die­ser Plu­ral stimmt – drei Lo­ges. Ist es das hef­tigs­te Bay­reu­ther Jahr Ih­rer Karriere?
Klaus Flo­ri­an Vogt Wahr­schein­lich schon. Zwölf Vor­stel­lun­gen sind re­la­tiv viel – und die sind ja auch sehr kom­pri­miert. Von da­her wird es viel­leicht der an­stren­gends­te Som­mer werden.

Thiel Wer ist auf die Idee ge­kom­men? Sie, Ka­tha­ri­na Wag­ner oder Chris­ti­an Thielemann?
Vogt Chris­ti­an Thielemann.
Thiel Was ha­ben Sie zu­erst dazu gesagt?
Vogt Ja, super!
Thiel War­um? Weil man sich stimm­lich so ver­schie­den mas­kie­ren kann? Der „KI-Ring“ wird ja kei­ne, wie soll ich sa­gen, voll­wer­ti­ge oder her­kömm­li­che In­sze­nie­rung wer­den. Ist das ein be­son­de­rer Reiz, auch mal so ein et­was ät­zen­der Loge-Typ sein zu dür­fen, ne­ben den vie­len Helden?
Vogt Na­tür­lich ist das eine ganz an­ders ge­la­ger­te Par­tie, eine an­de­re Fi­gur. Wo­bei ich den­ke, in der ge­ge­be­nen Kon­stel­la­ti­on, mit den KI-Bil­dern, wird die­ser Cha­rak­ter gar nicht so stark zu se­hen sein. Es wird mehr aufs Mu­si­ka­li­sche hin­aus­lau­fen – und dar­stel­le­risch wer­de ich gar nicht viel ma­chen können.

Thiel Wür­den Sie die­se vier Par­tien auch in ei­nem „nor­ma­len“ Ring, in ei­ner voll­wer­ti­gen In­sze­nie­rung mit in­ten­si­vem Spiel wagen?
Vogt Klar wür­de ich das ger­ne machen.
Thiel Wel­che von die­sen drei Fi­gu­ren ist Ih­nen am nächsten?
Vogt „Siegfried“-Siegfried ist mir am nächs­ten, dicht ge­folgt von Siegmund.
Thiel War­um „Siegfried“-Siegfried, weil der noch so jung ist?
Vogt Ja, denn da muss ich viel an mei­ne Söh­ne in ei­nem ge­wis­sen Al­ter den­ken! Ich habe mir auch ex­tra et­was ab­ge­guckt bei ihnen.
Thiel Wis­sen die das auch?
Vogt Ich glau­be, ja. Ich habe mir ei­ni­ge Sa­chen vor­ma­chen las­sen. Zu mei­nem 17-Jäh­ri­gen habe ich zum Bei­spiel ge­sagt, lass mal se­hen, wie du dich auf die Erde hin­setzt und wie­der auf­stehst und so wei­ter. Und von mei­nem an­de­ren Sohn habe ich mir zei­gen las­sen, wie ich am bes­ten mit dem Schwert um­ge­hen kann.
Thiel Ihr Sohn hat ein Schwert?
Vogt Ja, er macht – LARP nennt sich das – Rit­ter-Rol­len­spie­le mit Gum­mi­waf­fen. Er kennt sich sehr gut mit dem Schwert­kampf aus und hat mir bei­gebracht, dass ich zum Bei­spiel ein Schwert dre­hen kann, ohne mir da­bei die Hand zu brechen.
Thiel Okay, dann kommt Sieg­mund. Und war­um „Götterdämmerung“-Siegfried an Platz 3?
Vogt Ich glau­be, nach die­sem Som­mer kommt er so­gar an Platz 4. Das ist schon eine her­aus­for­dern­de Par­tie, aber Tei­le des „Götterdämmerung“-Siegfrieds sind mir doch sehr nahe, wenn das zu­rück­geht auf die­se Vög­lein-Er­zäh­lung im drit­ten Akt. Das sind Stel­len, die mag ich un­heim­lich ger­ne, denn da ist er ei­gent­lich wie­der der jun­ge Siegfried.
Thiel Die Vög­lein-Er­zäh­lun­gen sind für vie­le Te­nö­re – ohne Na­men zu nen­nen – Angst­stel­len, wo man am Schluss noch mal eben nicht aus­pa­cken, son­dern das be­wäl­ti­gen muss. Wo­vor ha­ben Sie ei­nen Heidenrespekt?
Vogt Na­tür­lich vor dem gan­zen „Ring“. Das sind gro­ße Her­aus­for­de­run­gen und hohe An­sprü­che, die ich auch sel­ber an mich habe. Aber Angst habe ich nicht, nein.

Thiel Gab es für Sie mal ei­nen Som­mer ohne Bay­reuth seit Ih­rem De­büt dort?
Vogt Nein.
Thiel Was wäre denn ein Som­mer ohne Bay­reuth für Sie?
Vogt Das wäre ein Som­mer mit viel Freizeit.
Thiel Ist Bay­reuth für Sie so et­was wie ein Arbeitsurlaub?
Vogt Das ist schwer zu sa­gen! Klar ist das Ar­beit, aber ich wür­de es gar nicht so nen­nen. Also ich emp­fin­de es als gro­ßes Ge­schenk, bei den Fest­spie­len in Bay­reuth seit so vie­len Jah­ren in die­sen tol­len Par­tien mit­ma­chen zu dür­fen – und in­so­fern ist es ein High­light. Es ist na­tür­lich auch an­stren­gend, eine Ar­beit mit ho­hem An­spruch, aber es ist eine tol­le Mi­schung zwi­schen gro­ßer An­span­nung und Er­ho­lung zwischendurch.

Thiel Was fin­det ein Nord­licht im bes­ten Sin­ne an Ober­fran­ken so toll?
Vogt Das Wet­ter – und dann das Essen.
Thiel Es gibt aber kei­nen Fisch.
Vogt Ich esse auch ger­ne mal et­was an­de­res als Fisch. Und dann die­se At­mo­sphä­re, die­ser Ge­ruch von ge­mäh­ten Wie­sen! Das ver­bin­de ich sehr mit Bay­reuth, es ist ein­fach eine wun­der­schö­ne Ge­gend. Erst ges­tern sind mei­ne Frau und ich hier wie­der ein biss­chen über Land gefahren.
Thiel Sie sind schon sehr lan­ge mit den Fest­spie­len „vor­be­las­tet“: Ihr Schwie­ger­va­ter spiel­te dort im Or­ches­ter, Ihre Schwie­ger­mut­ter sang im Fest­spiel­chor. Das heißt, es ge­hör­te schon sehr früh ein­fach zu Ih­ren som­mer­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten mit dazu.
Vogt Absolut.

Thiel Was macht Bay­reuth – ab­ge­se­hen von der Akus­tik im Fest­spiel­haus – so be­son­ders, wenn man da auf der Büh­ne steht?
Vogt Bay­reuth sehe ich eher als ein Ge­samt­pa­ket. Alle, die bei den Fest­spie­len mit­ma­chen, kom­men ja frei­wil­lig, ge­ben ih­ren Ur­laub da­für her, um da­bei zu sein. In­so­fern hat man im­mer stark das Ge­fühl, dass hier alle an ei­nem Strang zie­hen und da sind, weil sie die­ses Werk groß­ar­tig fin­den. Aus der Ver­bin­dung von hoch­pro­fes­sio­nel­ler und kon­zen­trier­ter Ar­beit mit Frei­zeit hier in Ober­fran­ken ent­steht eine sehr be­son­de­re At­mo­sphä­re von Ge­mein­sam­keit. Die Hor­nis­ten zum Bei­spiel spie­len viel Ten­nis. Oder man trifft sich an ei­nem See wie­der oder abends mal im Bier­gar­ten. So­was fin­det im nor­ma­len Opern­all­tag so nicht statt.
Thiel Ich war vor­letz­te Wo­che erst dort und au­ßer­halb der Fest­spiel­zeit ist Bay­reuth ja noch ver­schla­fe­ner! Es ist, glau­be ich, wie ein Cut, wenn das Pu­bli­kum zu den Ge­ne­ral­pro­ben­wo­chen kommt. Dann ver­än­dern die Stadt und vor al­lem der Hü­gel voll­kom­men ih­ren Cha­rak­ter. Das heißt auch, die Pro­ben vor­her lau­fen in Ruhe und sind ir­gend­wie ent­ho­ben von allem.
Vogt Ja, das ist schon so. Aber in der Stadt, bei der Eis­die­le oder wo­an­ders, trifft man im­mer auf Kol­le­gen. Ge­ra­de der Kon­takt auch zu den Or­ches­ter­mu­si­kern und den Cho­ris­ten ist in an­de­ren Häu­sern eben nicht so ge­ge­ben. Es sind eben alle zur glei­chen Zeit da und da­durch gibt es auch eine grö­ße­re Ver­bin­dung. Wenn mit den Ge­ne­ral­pro­ben noch das Pu­bli­kum da­zu­kommt, ent­steht eine ein­zig­ar­ti­ge Atmosphäre.

Thiel Sie ha­ben 2007 als Stolz­ing de­bü­tiert in Bay­reuth. Emp­fan­den Sie das zu die­sem Zeit­punkt Ih­rer Kar­rie­re als et­was Lo­gi­sches, nach dem Mot­to, als ju­gend­li­cher Hel­den­te­nor ge­hö­re ich da hin? Oder war es noch eine Uto­pie für Sie?
Vogt Ach, ein Traum war das si­cher­lich. Als der schnel­ler als ge­dacht in Er­fül­lung ging, weil ich ei­gent­lich erst 2008 ein­stei­gen soll­te und plötz­lich doch schon 2007 in­ner­halb von zwei Ta­gen auf der Pro­be­büh­ne stand, war das sehr über­ra­schend – und ja, da­mit ist ein Traum in Er­fül­lung gegangen.
Thiel War­um ha­ben Sie nicht als Lo­hen­grin de­bü­tiert, also mit Ih­rer Signet-Partie?
Vogt. Es hat sich so nicht er­ge­ben, denn Ka­tha­ri­na hat 2007 „Meis­ter­sin­ger“ inszeniert.

Thiel Blei­ben wir bei Ih­rer Si­gnet-Par­tie. Sie ha­ben in ei­nem In­ter­view ge­sagt, dass es mal eine Lo­hen­grin-Pau­se gab und das sei schmerz­haft ge­we­sen, weil Sie die Par­tie un­heim­lich mö­gen. Kön­nen Sie gar nicht mehr ohne Lohengrin?
Vogt Nein.
Thiel War­um? Wenn man eine be­stimm­te Par­tie so häu­fig ge­sun­gen hat, ent­deckt man im­mer noch ver­bor­ge­ne Ecken oder ist es eher die Wie­der­ho­lung, dass man sich wohl­fühlt in der Situation?
Vogt Es ist bei­des. Wag­ners Mu­sik bie­tet eben die Mög­lich­keit, im­mer neue Far­ben, neue Aus­drucks­mög­lich­kei­ten zu ent­de­cken. Ich glau­be, mit Lo­hen­grin habe ich sin­gen ge­lernt. Wenn man eine Par­tie sehr, sehr gut kennt, kann man auch für sich sel­ber viel aus­pro­bie­ren: Kann ich die­se Stel­le ein biss­chen dra­ma­ti­scher sin­gen? Kann ich an dem Schluss viel­leicht pro­bie­ren, noch lei­ser zu klin­gen? Bei Wag­ner ist das so in al­len Par­tien und da­durch kann man sich be­son­ders gut wei­ter­ent­wi­ckeln. Ich habe ge­ra­de bei Lo­hen­grin nie das Ge­fühl ge­habt, so, jetzt habe ich das rich­tig drauf und das ist jetzt fer­tig. Son­dern es ist je­den Abend wie­der eine Her­aus­for­de­rung. Man weiß stimm­lich nie, wenn man am ers­ten Akt an­fängt, wo man im drit­ten Akt ankommt.
Thiel Ob­wohl Sie es so häu­fig ge­sun­gen haben?
Vogt In­zwi­schen weiß ich es ei­ni­ger­ma­ßen, aber wäh­rend die­sen Stun­den ei­ner Auf­füh­rung kann viel pas­sie­ren. Das ist ein­fach so. Und es sind vie­le Töne, es sind vie­le Wor­te. Die­sen Berg im­mer wie­der zu be­wäl­ti­gen, ist eine gro­ße Her­aus­for­de­rung – und auch eine gro­ße Ge­nug­tu­ung, wenn man das ge­schafft hat.

Thiel In Klam­mern für die Nerds, aber wir sind ja alle Nerds hier: Wie häu­fig ha­ben Sie die zwei­te Stro­phe der Grals­er­zäh­lung live gesungen?
Vogt Über­haupt noch nicht.
Thiel Wür­den Sie es wol­len oder sa­gen Sie, das ist too much?
Vogt Ich fin­de die­sen Sprung, der nor­ma­ler­wei­se ge­macht wird, dra­ma­tur­gisch to­tal lo­gisch, denn da­durch ent­steht ein star­ker Bruch und die Fall­hö­he ist dann viel grö­ßer. Das gan­ze Stück steu­ert auf die­se Grals­er­zäh­lung zu. Wenn man das zu sehr aus­dehnt, geht die­ser Ef­fekt, ver­lo­ren. Es ist wich­tig, dass man die­sen Ab­sturz spürt.

Thiel Wel­che dunk­len Sei­ten hat Lohengrin?
Vogt Dunk­le Sei­ten? Naja, die hat er schon auch. Wenn er be­droht wird von Tel­ra­mund, ist er ja durch­aus fast gewalttätig.
Thiel Den dun­kels­ten Lo­hen­grin ha­ben Sie in Bar­ce­lo­na in ge­sun­gen, wo Lo­hen­grin in Ka­tha­ri­na Wag­ners In­sze­nie­rung auch zum Mör­der wur­de. Sie müs­sen jetzt aber nicht über die Re­gie ur­tei­len, denn das könn­te schwie­rig werden.
Vogt Nein, da­mit habe ich kein Pro­blem. Ich fin­de, die­se Sicht­wei­se von Lo­hen­grin geht schon des­halb nicht rich­tig auf, weil die Mu­sik et­was ganz an­de­res er­zählt. Lo­hen­grin ist eben ein sehr ehr­li­cher und sehr ge­ra­der Typ. Er ver­langt Ver­trau­en und gibt auch Ver­trau­en. Das dann so zu deu­ten, dass er ei­gent­lich die gan­ze Zeit ir­gend­wie ein schlech­tes Ge­wis­sen hat, das funk­tio­niert nicht richtig.
Thiel Wal­traut Mei­er hat mir mal ge­sagt: „Also ich hät­te als Elsa so­fort ge­fragt. Der ist doch ver­rückt, dass er das von mir ver­langt.“ Schon ein biss­chen ver­mes­sen, oder?
Vogt Ja, sie singt ja nicht Elsa.
Thiel Aber Sie wis­sen, was ich mei­ne: Die­ses Ver­trau­en zu ver­lan­gen, ein Jahr lang die Klap­pe zu hal­ten und dann: Wie? Du willst wis­sen, wo­her ich komme?
Vogt Das ist na­tür­lich viel ver­langt, ja klar. Aber dar­um geht es. Wie weit kann man ver­trau­en, wie weit muss Ver­trau­en ge­hen oder soll­te es gehen?

Thiel Ha­ben es Re­gis­seu­re ge­ra­de bei Par­tien wie Lo­hen­grin schwer mit Ih­nen, weil Sie schon so viel mitbringen?
Vogt Ei­gent­lich nicht, weil ich ver­su­che im­mer, mir mei­ne Of­fen­heit ge­gen­über neu­en Ideen und auch ei­ner an­de­ren Sicht­wei­se zu be­wah­ren. Ich will ja sel­ber neue Sa­chen ent­de­cken! Wenn mir ein Re­gis­seur lo­gi­sche Sa­chen an­bie­tet, bin ich durch­aus be­reit, das auch da­hin zu verändern.
Thiel Ein wei­ßes Blatt gibt es dann nicht mehr.
Vogt Nein, das stimmt schon. Aber ich kann mich ziem­lich gut frei ma­chen von an­de­ren Inszenierungen.

Thiel Wie weit ge­hen Sie mit? Gab es Mo­men­te, wo Sie ge­sagt ha­ben, nee, nicht mit mir?
Vogt Ja, es gab schon Sa­chen, wo ich ge­sagt habe, nein, das ist Quatsch, lass uns das mal an­ders ma­chen. Ei­gent­lich kann ich mich mit Re­gis­seu­ren im­mer aus­tau­schen und ei­ni­gen auf et­was, das ich auch für mich sel­ber ver­tre­ten kann. Ich sehe das so­wie­so als eine Ar­beit auf Au­gen­hö­he, denn ich bin ja der­je­ni­ge, der sei­nen Kopf hin­hal­ten muss für das, was an­de­re sich aus­ge­dacht haben.
Thiel Das In­ter­es­san­te ist ja, dass vie­le Sän­ge­rin­nen und Sän­ger sa­gen, dass sie sich eher un­ter­for­dert füh­len, weil gar kein In­put kommt.
Vogt Das gibt es lei­der auch. Und dann ist es ein gro­ßer Vor­teil, wenn man eine Par­tie sehr gut kennt und prak­tisch aus sei­nem Re­per­toire­kas­ten was her­aus­neh­men und an­bie­ten kann.
Thiel Um noch mal beim Quatsch zu blei­ben: Ha­ben Sie das Ge­fühl, dass die­se gro­ßen Kämp­fe lang­sam vor­bei sind und das Pen­del ge­ra­de wie­der zu­rück­geht zu Re­gis­seu­rin­nen und Re­gis­seu­ren, die sich eher um Sän­ger küm­mern und ver­su­chen, im ge­gen­sei­ti­gen Aus­tausch et­was zu entwickeln?
Vogt Das kann man nicht ver­all­ge­mei­nern. Das eine ist noch da und das an­de­re ist viel­leicht wie­der da. Es kommt im­mer ganz auf die Per­son an und ihre Her­an­ge­hens­wei­se. Wenn man zum Bei­spiel den Bay­reu­ther „Tann­häu­ser“ nimmt, mit die­ser un­ge­wöhn­li­chen Ver­bin­dung zwi­schen Vi­deo und Büh­ne, mit der Zu­satz­ge­schich­te von die­sen drei Fi­gu­ren: Das ist wirk­lich gut aus­ge­dacht und für mich völ­lig lo­gisch, da gehe ich ger­ne mit. Auf der an­de­ren Sei­te, wenn ich beim Schwarz-„Ring“ zum Bei­spiel sehe, dass ich als Sieg­fried zwan­zig Mi­nu­ten dar­über sin­gen soll, wie ich mein Schwert schmie­de, und dann eins in die Hand krie­ge, das schon fer­tig ist, den­ke ich, was soll das? Da habe ich schon ver­sucht, we­nigs­tens noch ir­gend­wie dran zu ar­bei­ten. Wenn es dra­ma­tur­gisch nicht mehr stimmt, wird es ein­fach schwierig.

Thiel War­um ma­chen Sän­ger ei­gent­lich so we­nig Ra­batz? Ich habe das Ge­fühl, man könn­te viel häu­fi­ger mal auf Kon­fron­ta­ti­on ge­hen, da­mit be­stimm­te Sa­chen gar nicht erst auf die Büh­ne kommen.
Vogt Es gibt Kol­le­gen, de­nen ist das egal. Sie ma­chen es ein­fach und den­ken nicht wei­ter drü­ber nach. Auf der an­de­ren Sei­te ist es aber auch so: Wenn es wirk­lich Stress gibt, dann geht nicht der Re­gis­seur nach Hause.
Thiel Ist es im­mer noch so?
Vogt Ja, ich glau­be, schon.
Thiel Aber Sie sind doch schon längst in ei­ner Po­si­ti­on Nein zu sa­gen oder jetzt mal halblang.
Vogt Das ma­che ich auch. Aber ich bin kein Typ, der auf Kon­fron­ta­ti­on geht, son­dern ich ver­su­che, mich mit den Leu­ten zu einigen.
Thiel Mir hat ein Sän­ger er­zählt, dass er bei so ei­ner Quatsch­re­gie für eine Co-Pro­duk­ti­on auch bei der Wie­der­auf­nah­me an an­de­rem Ort noch mal mit­ge­macht hat. Als ich ge­fragt habe war­um, sag­te er: „Naja, Schmer­zens­geld. Ich neh­me noch mal die Gage mit.“
Vogt Das ist mir ehr­lich ge­sagt zu we­nig. Ich will kein Schmer­zens­geld. Son­dern ich möch­te auf der Büh­ne ste­hen und et­was dar­stel­len und mich sel­ber da­mit iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Es kommt durch­aus vor, dass ich zu Wie­der­auf­nah­men kom­me und das dann erst für mich so hin­baue, dass ich es vor mir sel­ber auch ver­tre­ten kann.

Thiel Was ist für Sie ein Held?
Vogt Ein Held ist ei­ner, der Mut hat und trotz­dem auch emp­find­sam ist. Ein rich­ti­ger Held ist man ei­gent­lich erst, wenn man Din­ge tut, von de­nen man weiß, dass sie auch schief ge­hen kön­nen, auch für ei­nen sel­ber. Wenn man es trotz­dem macht, aus ei­ner hö­he­ren Mo­ti­va­ti­on her­aus, dann fin­de ich, dass das ein hel­di­sches Ver­hal­ten ist.
Thiel Was wa­ren die Hel­den Ih­rer Jugend?
Vogt Die Hel­den mei­ner Ju­gend wa­ren Ber­ti Vogts und Gün­ther Net­zer. Ber­ti Vogts hat geta­ckelt, ob­wohl es weh­ge­tan hat.
Thiel Und Hel­den­fi­gu­ren im Film?
Vogt Ty­pen wie Ara­gorn in „Herr der Rin­ge“ fin­de ich su­per, auch Han Solo in „Star Wars“.
Thiel Ein Fach­kol­le­ge von Ih­nen hat mal als Face­book-Nick­na­me Fro­do gehabt.
Vogt Mit Fro­do wür­de ich mich nicht identifizieren.

Thiel Sie ha­ben in ei­nem In­ter­view ge­sagt, dass Sie Leu­te, die sich stän­dig pro­du­zie­ren, sich qua­si gern ins Ram­pen­licht stel­len, nicht son­der­lich mö­gen. Aber dann sind sie ei­gent­lich in ei­ner fal­schen Sze­ne un­ter­wegs. Wie ge­hen Sie mit Di­vos oder Di­ven um?
Vogt Die mei­de ich.
Thiel Manch­mal ste­hen sie ne­ben ei­nem und singen.
Vogt Man kann sie trotz­dem meiden.
Thiel Also dann trifft man sich zum Ar­bei­ten und dann? Ist es noch so, gibt es noch Diven?
Vogt Ja na­tür­lich gibt es sie noch.
Thiel Aber nicht mehr so wie frü­her mit den fest­geta­cker­ten klei­nen Hun­den auf dem Arm.
Vogt Doch. Das gibt es auch noch.
Thiel Also hat sich das auch ge­ne­ra­tio­nen­tech­nisch nicht verschliffen?
Vogt Dass es we­ni­ger ge­wor­den ist, glau­be ich schon. Aber das ist über­haupt nicht mein Ding und des­halb be­schäf­ti­ge ich mich da­mit nicht. Für mich ist viel wich­ti­ger – wie soll ich das sa­gen? – die ehr­li­che Ar­beit und die ehr­li­che Dar­stel­lung ei­ner Fi­gur und da­durch die Leu­te zu be­rüh­ren und mit mög­lichst gu­tem Sin­gen – und nicht mit äu­ße­rem Schein.

Thiel Wie zu­frie­den sind Sie mit sich sel­ber? Ge­hen Sie oft am Schluss von der Büh­ne ab und sa­gen, ja, das war’s? Oder sind Sie ei­ner der denkt, ach nee, hät­te ich da mal besser …
Vogt Ich bin eher kri­ti­sche. Man muss trotz­dem auf­pas­sen, dass man sich nicht sel­ber auf­frisst. Mit der Zeit ge­lingt es mir bes­ser, auch zu­frie­den zu sein.
Thiel Wer darf Ih­nen was sagen?
Vogt Mei­ne Frau. Di­ri­gen­ten na­tür­lich – und selbst­ver­ständ­lich auch mu­si­ka­li­sche As­sis­ten­ten, da­für sind sie da. Man hört sich sel­ber ja ganz an­ders als je­der Au­ßen­ste­hen­de. Umso wich­ti­ger ist es, dass man eine Kon­trol­le hat. Wenn man mit gu­ten Di­ri­gen­ten zu­sam­men­ar­bei­tet, die schö­ne Vor­schlä­ge zu ma­chen ha­ben, ist es eine gro­ße Freu­de, das auch umzusetzen.
Thiel Wie sehr kor­rum­piert in so ei­ner Si­tua­ti­on der Ap­plaus, die Ova­ti­on? Wie ist das, wenn man erst viel­leicht kri­tisch ist mit sich und dann geht man raus und hat auf ein­mal die­sen Tsu­na­mi vor sich? Denkt man dann, viel­leicht war ich doch gut? Oder um­ge­kehrt, dass man sich beim Buh sagt, ich fand mich ganz gut?
Vogt Wenn man sel­ber nicht mit sich zu­frie­den ist, nützt ei­nem der Ap­plaus auch nicht viel. Am schöns­ten ist, wenn man sel­ber denkt, ja, das war so, wie ich es woll­te. Wenn man dann ei­nen gro­ßen Ap­plaus kriegt, ist es dop­pelt schön.
Thiel Was mir noch auf­ge­fal­len ist: Es gibt ge­nug Sän­ge­rin­nen und Sän­ger, die pro Tag zehn zwan­zig In­sta­gram-Posts ab­son­dern und bei Face­book ak­tiv sind. Da sind Sie ja eher das Ge­gen­teil. War­um? Liegt Ih­nen das ganz fern?
Vogt Ich glau­be, da­für muss man der Typ sein. Ich habe ein­fach kei­nen Spaß dran und auch kei­ne Zeit da­für. Ich fin­de, es gibt wich­ti­ge­re Sa­chen, als mich mit Face­book zu be­schäf­ti­gen. Au­ßer­dem sind wir heut­zu­ta­ge schon glä­sern ge­nug. Das muss ich nicht auch noch wei­ter be­för­dern. Wenn ich sehe, wie sehr sich jun­ge Leu­te da­mit be­schäf­ti­gen, fin­de ich es auch schäd­lich. Es wäre gut, wenn es da eine Al­ters­be­gren­zung gäbe.

Thiel Zu­rück zum Be­ginn Ih­rer Kar­rie­re: Sie ha­ben Ihre Di­plom­prü­fung in Lü­beck als Ta­mi­no ab­ge­legt. Ver­mis­sen Sie die Mozart-Zeit?
Vogt Nein. Ich bin mit den gro­ßen Par­tien, die ich ma­chen darf, voll­kom­men zu­frie­den. Na­tür­lich wür­de ich ger­ne noch mal ei­nen Ta­mi­no sin­gen und auch an­de­re Mo­zart-Par­tien. Wenn sich das er­ge­ben wür­de, wür­de ich zu­sa­gen, ein­fach auch um zu zei­gen, dass es geht. Man ist ja als Wag­ner-Te­nor sehr schnell in ei­ner Schub­la­de und kann an­geb­lich nichts an­de­res mehr sin­gen. Das ist aber völ­li­ger Un­sinn. Ich glau­be, ich könn­te noch ei­nen ganz gu­ten Ta­mi­no singen.
Thiel Ge­ra­de weil Sie mit Ih­rer Stim­me nicht un­be­dingt in der Schub­la­de drin sind, könn­ten Sie sa­gen, Ta­mi­no funk­tio­niert und die­ses Si­gnal an Ihre Agen­tur ge­ben. Aber dann kommt wie­der ein Opern­haus und fragt, wür­den Sie bei uns Tann­häu­ser oder Sieg­fried ma­chen? Sa­gen Sie dann, ich ma­che doch lie­ber das, was mehr zu mir passt?
Vogt Klar. Na­tür­lich wür­de ich im­mer Wag­ner vor­zie­hen. Tann­häu­ser so­wie­so. Und Sieg­fried auch. Wenn ich die Wahl hät­te, wäre es im­mer Wagner.

Thiel Was ist denn bei Wag­ner das Hef­tigs­te für Sie? Der ers­te „Tannhäuser“-Akt? Oder ist es der drit­te Akt „Tris­tan“? Was ist das Schlimmste?
Vogt Das Schlimms­te? Schlimm ist das al­les nicht. Ich fin­de, der ers­te Akt „Sieg­fried“ ist von der An­stren­gung her sehr stark, nicht nur stimm­lich. Bei ei­ner gu­ten Re­gie, die be­dient, was da steht – das heißt schmie­den, das Schwert for­men und häm­mern, die Schmie­de an­feu­ern und so wei­ter – und am An­fang die gan­ze Strei­te­rei mit Mime, wenn man das al­les rich­tig dar­stellt, ist es kör­per­lich sehr an­stren­gend und man ist nach dem ers­ten Akt erst­mal ganz schön platt. Und der drit­te Akt „Tris­tan“ ist auch sehr an­stren­gend, weil man den fast kom­plett al­lei­ne be­strei­tet. Beim „Tann­häu­ser“ ist für mich nur der Ve­nus­berg mit die­sen Stro­phen­lie­dern eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, aber der rest­li­che ers­te Akt macht ein­fach nur Spaß, ge­mein­sam mit den an­de­ren Kollegen.

Thiel Es gibt Sän­ger, die sa­gen, ich sin­ge bes­ser, wenn ich mich be­we­gen kann und darf auf der Büh­ne. Ist bei Ih­nen auch so?
Vogt Ja, das ist bei mir auch so.
Thiel We­gen der Lockerheit?
Vogt Rich­tig gut zu sin­gen, hat viel mit kör­per­li­cher Lo­cker­heit zu tun. Wenn man sich be­we­gen darf, kommt man in kei­ne Starrheit.
Thiel Heißt das, dass Sie Kon­zer­te eher ein biss­chen durchleiden?
Vogt Nein, das nicht. Kon­zer­te sin­ge ich auch un­heim­lich ger­ne, weil man da für sich sel­ber steht und nicht für ir­gend­ei­ne Fi­gur. Wenn ich beim Kon­zert­ge­sang mer­ke, dass das ir­gend­wie ver­kramp­fen könn­te, ma­che ich ger­ne mal ei­nen Schritt, um so Be­we­gung in den Kör­per zu bringen.
Thiel Sitzt da den gan­zen Abend im­mer so ein klei­ner Mann oder eine klei­ne Frau auf der Schul­ter oder ver­ges­sen Sie sich auch manchmal?
Vogt Ach ja, eine ge­wis­se Kon­troll­in­stanz ist ei­gent­lich im­mer da.
Thiel An­ders wird es wahr­schein­lich auch nicht funktionieren.
Vogt Das weiß ich nicht.

Thiel Was ma­chen Sie zum Bei­spiel nach dem ers­ten „Siegfried“-Akt? Wie er­holt man sich dann? Flach­le­gen, was trinken?
Vogt Das kommt drauf an. In Bay­reuth ha­ben wir ja eine gan­ze Stun­de Pau­se. Und da kommt es durch­aus vor, dass ich mich mal kurz schla­fen lege.
Thiel Sie schla­fen zwi­schen den Akten?
Vogt Ja. Kur­ze zehn Mi­nu­ten, um ein­mal wirk­lich kom­plett zu ent­span­nen. Es geht ja nicht nur um die lan­ge Pau­se, son­dern meis­tens um mehr als eine Stun­de, bis man wie­der auf­tritt – im „Lo­hen­grin“ sind es fast zwei Stun­den, bis man im zwei­ten Akt wie­der dran ist. Da kann man nicht die gan­ze Zeit die Span­nung hal­ten, die muss man noch­mal neu aufbauen.

Thiel Ihre Stim­me, die so sehr cha­rak­te­ris­tisch ist mit ih­ren Kopf­stim­men-Re­so­nan­zen: War das bei Ih­nen von An­fang an da? Oder ha­ben Sie frü­her an­ders ge­sun­gen? Wie sind Sie zu die­sem Klang gekommen?
Vogt Mei­ne Stim­me ist mei­ne Stim­me. Und ich hat­te das gro­ße Glück, eine Leh­re­rin zu ha­ben, die es ge­schafft hat, mich be­hut­sam ge­nau da hin­zu­füh­ren. Es dau­ert wirk­lich lan­ge, bis man sei­ne ei­ge­ne Stim­me nicht ver­stellt oder ir­gend­was nach­zu­ma­chen ver­sucht, son­dern sie für sich sel­ber ent­deckt, ak­zep­tiert und benutzt.
Thiel In ei­nem un­se­rer Ge­sprä­che ha­ben Sie ge­sagt, dass Sie in­zwi­schen to­tal zu Ih­rem Stimm­klang ste­hen. War das am An­fang nicht so?
Vogt Ich hat­te frü­her gro­ße Schwie­rig­kei­ten, mich sel­ber auf Auf­nah­men zu hö­ren, weil es so an­ders klang, als ich dach­te. Ja, das muss man erst mal ler­nen. Das geht aber je­dem so, der sich sel­ber auf ei­ner Auf­nah­me hört: Man denkt nur, wer ist das? Die Stim­me, die man hat, kann na­tür­lich ein gro­ßes Ge­schenk sein…
Thiel Eine un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me, denn ein Ton von Ih­nen und die Welt er­kennt Sie so­fort, im Ge­gen­satz zu den vie­len an­de­ren Stim­men von der Stan­ge. Ich habe in­zwi­schen das Ge­fühl, dass an den Hoch­schu­len vor al­lem Kon­fek­ti­ons­stim­men her­an­ge­züch­tet werden.
Vogt Mir fällt auch auf, dass man manch­mal gar nicht mehr un­ter­schei­den kann, wer das jetzt ist. Um­ge­kehrt ist es ist bes­ser. Das sehe ich üb­ri­gens auch bei Pop-Sän­gern so. Es gibt Stim­men, die er­kennt man so­fort, wie zum Bei­spiel Phil Coll­ins. Der ist so cha­rak­te­ris­tisch, da weiß man so­fort: Er ist das und kein anderer.

Thiel Wun­dern Sie sich im Nach­hin­ein, dass Sie jetzt das ganz schwe­re Hel­den­fach sin­gen? Hät­ten Sie es sich am An­fang vor­stel­len kön­nen, jetzt mal ab­ge­se­hen vom Wünschen?
Vogt Ja, ich habe aber sehr lan­ge ge­war­tet da­mit. Ich woll­te nicht ei­ner der­je­ni­gen sein, bei de­nen man im drit­ten Akt ban­gen muss, ob sie das noch schaf­fen. Son­dern ich woll­te ger­ne im­mer da drü­ber­ste­hen, im­mer noch eine Re­ser­ve ha­ben. Des­halb habe ich so lan­ge ge­war­tet. Und ich glau­be, dass man tech­nisch mit sei­ner Stim­me ein­fach sehr gut um­ge­hen kön­nen muss, wenn man die­se Par­tien angeht.
Thiel Und wann weiß man, dass es so weit ist?
Vogt Bei mir war es ein­fach so, dass ich ir­gend­wann ge­spürt habe, also jetzt, okay, jetzt kann ich das pro­bie­ren. Und dann hat es sich auch ein­fach er­ge­ben. Sieg­fried war schon ein gro­ßer An­gang. Drei Jah­re, be­vor ich es ge­macht habe, hat mich An­dre­as Ho­mo­ki an­ge­ru­fen und ge­fragt, ob ich Lust habe, es in Zü­rich zu ma­chen. Da war ich so weit, habe ge­sagt, ja, das pro­bie­re ich.
Thiel Ein Ri­si­ko bleibt ja im­mer. Ich kann mich er­in­nern, wie ich Sie vor Ih­rem ers­ten Tann­häu­ser in Mün­chen ge­fragt habe, was an die­ser Par­tie so schwer ist. Da ha­ben Sie ge­sagt, dass Sie das noch nicht wis­sen, denn sie müss­ten ihn ja erst mal singen.
Vogt Ge­nau. Das ers­te Mal ist na­tür­lich im­mer ris­kant, aber das macht auch den Reiz an die­sen gro­ßen Par­tien aus. Man weiß nie, wo man am Ende an­kommt. Das ist ein­fach so. Man kann es nur mög­lichst gut versuchen.
Thiel Wel­che Rol­le spielt Angst an so ei­nem Abend?
Vogt Angst? Angst darf man nicht ha­ben. Man muss sol­che Sa­chen mit Köpf­chen sin­gen, also im­mer mit die­ser Kon­troll­in­stanz. Ich gehe die gro­ßen Par­tien an, in­dem ich von An­fang an ver­su­che, alle Töne in der Vor­be­rei­tung tech­nisch rich­tig zu sin­gen. Da­mit fah­re ich bis jetzt ganz gut.
Thiel Edi­ta Gru­bero­va hat mir er­zählt, dass sie es in der Gar­de­ro­be öf­ter er­lebt hat, dass der Te­nor ne­ben­an schon vor­ab die gan­zen Spit­zen­tö­ne ab­ge­feu­ert hat. Singt man die be­son­de­ren Stel­len da­vor noch­mal für sich durch? Oder sa­gen Sie, das ist die Sa­che des Abends, der Vorstellung?
Vogt Ja, auch ich mag es über­haupt nicht, wenn ne­ben mir Kol­le­gen sind, die die Par­tie schon vor­ab zwei­mal durch­sin­gen, denn meis­tens klingt es dann am Abend auch so. Ich wär­me mich ei­gent­lich nur auf, sin­ge für Sieg­fried nur die­se Hoi­hos, um zu gu­cken, okay, es ist da – und dann geht’s los. Die Ar­beit muss vor­her statt­ge­fun­den haben.

Thiel Noch­mal zu­rück zu Ih­rer Vor­kar­rie­re als Hor­nist: Wie sehr muss­ten Sie sich da auch von den Ge­sichts­mus­keln her umstellen?
Vogt Die Ton­erzeu­gung beim Sin­gen fin­det wo­an­ders statt. Als Blä­ser hat man die­ses In­stru­ment vor sich, bei dem man erst­mal durch­pus­ten muss, da­mit hin­ten was raus­kommt. Beim Ge­sang ist das eben ganz an­ders. Die größ­te Um­stel­lung war ei­gent­lich die, nicht im­mer mit der Luft hin­ter­her zu schie­ben. Trotz­dem hat mir das Horn sehr ge­hol­fen, weil die Töne sehr dicht ne­ben­ein­an­der lie­gen und man sie ge­nau an­spie­len muss. Auf dem Horn und über­haupt auf Blech­blas­in­stru­men­ten muss man vor­her eine sehr gute Ton­vor­stel­lung ha­ben. Und das ist beim Ge­sang ähnlich.
Thiel Spie­len Sie noch? Und wie häufig?
Vogt Min­des­tens ein­mal im Jahr zu Weihnachten.
Thiel Und wie emp­fin­det das Ihre Familie?
Vogt Mei­ne äl­tes­ten Söh­ne ha­ben noch er­lebt, wie ich Horn ge­übt habe, der drit­te aber schon nicht mehr. Als ich ir­gend­wann den Horn­kof­fer auf­pack­te, stand er da und frag­te, was ist denn das?
Thiel Also gut: zu Weihnachten …
Vogt Ja, da ma­chen wir Hausmusik.
Thiel Oder als Sieg­fried? Sie ha­ben den Horn­ruf ja auch schon auf der Büh­ne ge­macht – als ein­ma­li­ges Gim­mick? Oder könn­ten Sie sich das wie­der vorstellen?
Vogt Ja, aber nicht auf dem Na­tur­horn wie in Zü­rich. Herr Ho­mo­ki woll­te lei­der kein aus­ge­bau­tes Ven­til­horn auf der Büh­ne ha­ben, son­dern es wur­de in Ba­sel für mich ex­tra ein Na­tur­horn ge­baut. Und weil das eine ge­wis­se Stim­mung ha­ben muss – ein Horn in F ist lei­der re­la­tiv lang, und je län­ger die­se Röh­re ist, des­to schwie­ri­ger ist das zu spie­len –, konn­te ich nicht den gan­zen Ruf dar­auf spie­len, son­dern nur Teile.
Thiel Und was sag­te der Hor­nist dazu?
Vogt Wir hat­ten das beim „Ring“ in Mai­land auch an­ge­dacht. Aber dann kam der So­lo­hor­nist und sag­te, nein, das geht nicht, das könnt ihr nicht ma­chen, sonst bin ich in mei­ne Stel­le im Or­ches­ter los, we­gen der ei­nen Vor­stel­lung. Er hat es auch fan­tas­tisch gespielt.

Thiel Sie ha­ben schon von Ih­ren Kin­dern ge­spro­chen, die auch sehr mu­sisch sind. Von ei­nem ih­rer Söh­ne gibt es ein wun­der­ba­res Vi­deo aus Wun­sie­del, wo er West­side Sto­ry ge­sun­gen hat. Ha­ben Sie je­mals zu ei­nem Ih­rer Kin­der ge­sagt, mach das nicht, lass das mit der Sängerkarriere?
Vogt Nein, ganz im Ge­gen­teil. Ich bin froh, dass tat­säch­lich ei­ner die Idee hat­te. Das ist ja ein Zei­chen, dass wir ih­nen et­was vor­ge­lebt ha­ben, das nicht so schlimm ist. Wenn dann ei­ner Lust dazu hat und die­sen Drang ver­spürt – ge­ra­de bei ihm hat man ge­se­hen, dass er schon als Acht­jäh­ri­ger so eine Büh­nen­aus­strah­lung hat­te –, war das ir­gend­wie lo­gisch, dass er das jetzt tat­säch­lich macht.
Thiel Man sagt im­mer, sol­che Kin­der ha­ben eine freie Ent­schei­dung. Aber ich den­ke, es ist doch so, wie wenn die El­tern ein Kind mit in die Bi­blio­thek neh­men und sa­gen, du musst hier nichts lesen.
Vogt Na­tür­lich sind un­se­re Kin­der mit Thea­ter und Mu­sik groß ge­wor­den! Wir ha­ben sie mit in die Vor­stel­lun­gen ge­nom­men, aber wir ha­ben es nicht for­ciert. Ich kann mich er­in­nern, dass un­ser Drit­ter mal in Dres­den in eine „Zauberflöten“-Probe mit­kam. Als mei­ne Frau nach dem zwei­ten Akt wie­der mit ihm ge­hen woll­te, hör­ten wir auf der Büh­ne aus dem Foy­er her­aus: „Ich will das zu Ende gucken.“
Thiel Kön­nen Sie ent­spannt zu­hö­ren, wenn Ihr Sohn auf der Büh­ne ist?
Vogt Nein, kann ich nicht. Meis­tens heu­le ich die gan­ze Zeit.
Thiel Das liegt aber nicht am Stück.
Vogt Nein, ich sehe mich auch sel­ber ein biss­chen da­bei. Ich kann mich er­in­nern an das Mu­si­cal „Der Me­di­cus“ in Mün­chen. Als er end­lich sei­nen Auf­tritt hat­te und auf die Büh­ne kam, stand er ein­fach nur da – und das hat schon gereicht.

Thiel Die Fa­mi­lie muss­te und muss sich ja doch sehr stark an Ih­rer Kar­rie­re aus­rich­ten. Ha­ben Sie et­was ver­misst oder ver­mis­sen Sie et­was im Nachhinein?
Vogt Ja, viel. Lei­der ist die gan­ze Fa­mi­lie mit die­sem Be­ruf ver­hei­ra­tet. Das lässt sich nicht ver­mei­den. Wenn man eine in­ter­na­tio­na­le Kar­rie­re ma­chen will, muss man rei­sen, ist ein­fach viel weg und ver­passt da­durch sehr vie­le fa­mi­liä­re Er­eig­nis­se. Ich habe kei­ne ein­zi­ge Ab­itur­ent­las­sung mit­ge­macht, kei­nen Ab­tanz­ball nach dem Tanz­kurs, konn­te bei vie­len Ge­burts­ta­gen nicht da­bei sein, weil ich im­mer ir­gend­wo Vor­stel­lun­gen hat­te. Das ist die eine Sei­te. Auf der an­de­ren Sei­te kom­men die Kin­der auch mit Sa­chen in Be­rüh­rung, die sie im Nor­mal­fall nicht ha­ben kön­nen. Wir ha­ben zum Bei­spiel un­se­ren Kleins­ten ein Jahr aus der Schu­le ge­nom­men und sind mit ihm durch die Welt ge­reist, wa­ren zwei­mal in Ja­pan, in Ame­ri­ka, in Eng­land und so wei­ter. Er hat da­bei nicht nur Au­ßer­ge­wöhn­li­ches er­lebt, son­dern auch noch schön Eng­lisch ge­lernt. Aber ins­ge­samt hat der Va­ter viel zu Hau­se gefehlt.

Thiel Wir wis­sen, dass Sie gern mit dem rie­sen Cam­ping­bus un­ter­wegs sind und auch sel­ber flie­gen. Emp­fin­den Sie sich als Au­ßen­sei­ter, als Li­be­ro in der Sze­ne? Sind Sie so ein Besonderling?
Vogt Das weiß ich nicht. Ich habe mir das so or­ga­ni­siert, wie es für mich gut ist. Bei Neu­pro­duk­ti­on pro­ben wir ja sechs oder sie­ben Wo­chen lang. Wenn man die gan­ze Zeit im Ho­tel oder in ei­ner frem­den Woh­nung ver­bringt, muss man ent­we­der viel Geld aus­ge­ben, da­mit es viel­leicht ei­ni­ger­ma­ßen schön ist, oder man spart und sitzt in ei­nem dunk­len Loch. Das kann ich nicht gut aus­hal­ten. Ich glau­be, ohne das Wohn­mo­bil wür­de es mich be­stimmt fünf­mal so sehr ner­ven, weg zu sein.
Thiel Mit dem sind Sie dem­nächst auch in Bar­ce­lo­na, bei der Spa­ni­en­tour­nee des Festspielorchesters?
Vogt Ja, klar.
Thiel Ganz schön wei­te Stre­cke. Gön­nen Sie sich auch was un­ter­wegs, ma­chen sie zum Bei­spiel in Frank­reich drei Tage Sta­ti­on, um auch ein biss­chen Ur­laubs­qua­li­tät mitzunehmen?
Vogt Das ist doch der Witz da­bei! Mit dem Wohn­mo­bil habe ich eher die Mög­lich­keit, wenn ich mal zwei Tage frei habe, auch dort­hin zu fah­ren, wo es schön ist oder wo ich zum Bei­spiel ei­nen Tag Ski­fah­ren kann.
Thiel Dür­fen Sie das denn? Bei Fuß­bal­lern steht es im Ver­trag drin, dass man …
Vogt So ge­nau habe ich das noch nicht gelesen.

RWV-Vor­sit­zen­de Ant­je Fah­rig (rechts) bei der Be­grü­ßung; nach dem Ge­spräch stell­te sie dem Pu­bli­kum un­se­re Sti­pen­dia­tin An­ni­ka Oer­te­rer vor und ver­ab­schie­de­te die Gäs­te mit sü­ßen Wag­ner­köp­fen aus der Tortissima-Werkstatt.

Thiel Gab es am An­fang der Kar­rie­re, als sie ge­ra­de vom Horn zum Sän­ger ge­wech­selt hat­ten, ei­nen Mo­ment, wo sie dach­ten, es ist viel­leicht doch nicht das Rich­ti­ge ge­we­sen, wäre doch schön, wie­der im Or­ches­ter zu sein? Gab es Zweifel?
Vogt Ja, am An­fang schon. Im mei­nem ers­ten Jahr in Flens­burg be­kam ich gleich vier gro­ße Par­tien, durf­te Ta­mi­no sin­gen und Nar­ra­bo­th. Und auch die Ope­ret­ten dort ha­ben rie­sen Spaß ge­macht. Als ich nach Dres­den kam, war mei­ne ers­te Rol­le der Ers­te Ge­fan­ge­ne in „Fi­de­lio“ – und das wur­de nicht bes­ser, weil der Opern­di­rek­tor mein­te, ich müss­te erst­mal ler­nen, wie es im Thea­ter so zu­geht, ob­wohl ich schon zehn Jah­re im Or­ches­ter hin­ter mir hat­te. Ich habe schnell ver­sucht, an klei­ne­ren Häu­sern gro­ße Par­tien zu fin­den. Das hat auch gut ge­klappt. Und am Ende des ers­ten Jah­res in Bay­reuth kam auch der ers­te Ta­mi­no in Dres­den. Im zwei­ten Jahr folg­ten Max und Hans und es wur­de besser.
Thiel Im­mer das deut­sche Re­per­toire! Bei ei­ner so hoch ge­la­ger­ten Stim­me stellt sich doch au­to­ma­tisch die Fra­ge, war­um nicht auch das fran­zö­si­sche Fach?
Vogt Ja, hät­te ich über­haupt nichts da­ge­gen. Aber so­lan­ge es par­al­lel die Mög­lich­keit gibt, Wag­ner zu sin­gen, ma­che ich lie­ber Wagner.
Thiel  Wie weit im Vor­hin­ein pla­nen Sie? Ge­ra­de im schwe­ren Fach sind das wahr­schein­lich vier bis fünf Jah­re, oder?
Vogt Drei bis vier Jahre.
Thiel  Ist das manch­mal eine Be­las­tung, dass Sie wis­sen, was Sie am 14. April 2031 machen?
Vogt Das ist tat­säch­lich ko­misch, aber es gibt ei­nem als Frei­be­ruf­ler vor al­lem Si­cher­heit. Je län­ger im Vor­aus ich weiß, okay, erst kommt das, dann das und dann darf ich wie­der Tann­häu­ser sin­gen, des­to mehr kann ich be­ru­higt sein.

Thiel Wie groß wa­ren die Ängs­te in der Corona-Zeit?
Vogt Groß. Da wuss­te man gar nicht, wie es wei­ter­geht. Das war eine selt­sa­me Zeit, wenn ich öf­ter mor­gens die Trep­pe run­ter­ge­kom­men bin und ge­dacht habe, na gut, heu­te ma­che ich mal nichts. Die­se Zwangs­pau­se war auf der ei­nen Sei­te ganz schön und hat mir durch­aus gut­ge­tan, denn es war für uns eine ganz tol­le Fa­mi­li­en­zeit, die wir sonst nicht ge­habt hät­ten. Trotz­dem wa­ren die Frus­tra­tio­nen na­tür­lich groß. Auch wie man­che Thea­ter und im Spe­zi­el­len man­che In­ten­dan­ten sich da ver­hal­ten ha­ben, fand ich über­haupt nicht gut.
Thiel Sind Sie eher ein Typ, der im­mer be­schäf­tigt sein muss? Im­mer Hamsterrad?
Vogt Nein, das auch nicht. Ich kann mich durch­aus gut ent­span­nen, aber ich ent­span­ne mich am liebs­ten mit Tätigkeiten.
Thiel Wenn Sie auch ein ge­sel­li­ger Mensch sind, mit wel­chen von die­sen vier Per­so­nen wür­den Sie ger­ne abends gril­len? Sieg­mund, Sieg­fried 1, Sieg­fried 2 oder Loge? Oder gril­len Sie gar nicht?
Vogt Doch. Sieg­fried 1 isst wahr­schein­lich zu viel. Ja, am in­ter­es­san­tes­ten wäre es wahr­schein­lich mit Loge.

Thiel Gibt es Par­tien, die Sie un­ab­hän­gig vom Stimm­tech­ni­schen nie an­neh­men wür­den? Wo Sie sa­gen, das bin ich nicht, ich fin­de nichts in mir, was ich ein­brin­gen kann?
Vogt Im Wag­ner-Be­reich wüss­te ich jetzt nichts. Und die an­de­ren Sa­chen ken­ne ich nicht so gut.
Thiel Ein Kol­le­ge von Ih­nen hat mir ge­sagt, er freut sich schon auf die Al­ters­kar­rie­re, wenn er den per­ver­sen He­ro­des sin­gen darf.
Vogt Das weiß ich ehr­lich ge­sagt noch nicht, ob ich das ma­chen wür­de. Es ist schon eine tol­le Par­tie, eine tol­le Mu­sik, aber ich weiß nicht, ob ich dazu wirk­lich Lust hätte.

Thiel Dann schlie­ßen wir wie­der den Kreis: Wann gibt es den nächs­ten Ring mit den vier Par­tien, den Sie sin­gen? So ei­nen Komplett-„Ring“ – Vogt total?
Vogt Im März in Pa­ris und in New York.
Thiel Wird das jetzt ein Mo­dell für Sie? Also wenn, dann ma­che ich alles?
Vogt Ja, aber das hat viel­leicht mehr da­mit zu tun, dass dann nur ein Te­nor en­ga­giert wer­den muss.
Thiel Ich will jetzt nicht nach Ga­gen fragen.
Vogt Ja, das ma­chen wir das nächs­te Mal.
Thiel Vie­len Dank. Und jetzt heißt es hier im­mer: Ring frei, Run­de frei für die Zu­hö­rer. Jetzt dür­fen Sie fragen!

Fra­ge aus dem Pu­bli­kum Müs­sen wir die Welt der Oper, den Geist, die Emo­tio­nen und die Nar­ra­ti­ve auf die Stra­ße brin­gen und gleich­zei­tig die Pro­ble­me mit der Stra­ße auf die Opern­büh­ne brin­gen? Ist das ein Zukunftsweg?
Vogt Für die Zu­kunft der Oper und spe­zi­ell für Wag­ner sind, wie ich glau­be, gute In­sze­nie­run­gen das A und O. Wenn eine In­sze­nie­rung wie der Bay­reu­ther „Tann­häu­ser“ es schafft, ei­nen Zehn­jäh­ri­gen eben­so zu be­geis­tern wie die Er­wach­se­nen, ist un­heim­lich viel ge­won­nen. Wo­bei ge­ra­de auch die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on un­be­wusst die gan­ze Zeit die­se Mu­sik bei Fan­ta­sy-Spie­len und Fan­ta­sy-Fil­men hört. Viel­leicht müss­te man das be­wuss­ter ma­chen, da­mit die Hemm­schwel­le, in die Oper zu ge­hen, sinkt. Wag­ners Mu­sik spricht für sich selbst, wenn man sich dar­auf ein­lässt, be­rührt sie ei­nen so­wie­so. Wenn man aber sze­nisch eher ab­ge­schreckt wird, ist das pro­ble­ma­tisch. Der Schlüs­sel liegt in wirk­lich gu­ten In­sze­nie­run­gen, die sich her­um­spre­chen, wo die Leu­te ger­ne rein­ge­hen wol­len. Der Rest er­gibt sich dann von selbst.

Fra­ge aus dem Pu­bli­kum Ich habe eine viel­leicht nicht ganz ernst ge­mein­te Fra­ge: Wie oft hat­ten Sie Text­schwie­rig­kei­ten, spe­zi­ell im „Lo­hen­grin“?
Vogt Oh ja, ich kann mich er­in­nern, ein­mal, ich weiß gar nicht, wo das war, bin ich im zwei­ten Akt in so eine fal­sche Stel­le ge­rutscht und habe dann ir­gend­was zwei­mal ge­sun­gen. Wenn man bei Wag­ner et­was zwei­mal singt, weiß man au­to­ma­tisch, dass das min­des­tens ein­mal falsch war. Es pas­siert mir aber wirk­lich sel­ten, dass ich was ver­ges­se – selbst in Spa­ni­en und auch in Ita­li­en, wo es teil­wei­se kei­ne Souf­fleu­re mehr gibt. Da muss man ein­fach sehr text­si­cher sein. Ins­ge­samt bin ich mit mir da ganz zufrieden.

Fra­ge aus dem Pu­bli­kum Ge­hen Sie noch zu ei­nem Lehrer?
Vogt Ja, zwar nicht re­gel­mä­ßig, weil ich so viel zu tun habe, aber wenn ich die Mög­lich­keit habe und ein biss­chen Zeit, gehe ich durch­aus noch zu mei­ner Leh­re­rin und las­se mich ger­ne überprüfen.

Fra­ge aus dem Pu­bli­kum Ich hät­te ger­ne ge­wusst, wie Sie das al­les so­wohl von der Stim­me als auch kör­per­lich und vom Ge­hirn her be­wäl­ti­gen. Wie kann man sich dar­auf vor­be­rei­ten? Ma­chen Sie viel Jog­ging oder ir­gend­ein Training?
Vogt Ich ver­su­che, mög­lichst ge­sund zu le­ben, ge­nug zu schla­fen und mich mög­lichst we­nig zu är­gern. An­sons­ten ver­su­che ich na­tür­lich auch, mich kör­per­lich mit Yoga fit zu hal­ten. Das hilft sehr, um auf der Büh­ne über Ti­sche und Bän­ke zu sprin­gen, rauf zu klet­tern und wie­der runter.

Thiel Dar­an an­schlie­ßend viel­leicht noch eine Fra­ge von mir, weil wir vor­hin über Re­gis­seu­re ge­spro­chen ha­ben: Mit wem muss man mehr kämp­fen? Mit den Di­ri­gen­ten oder den Regisseuren?
Vogt Kämp­fen nicht, aber aus­ein­an­der­set­zen muss man sich mit bei­den. Das Kon­flikt­po­ten­zi­al mit Re­gis­seu­ren ist na­tür­lich größer.
Thiel Es gibt die De­bat­te, dass die Or­ches­ter viel zu laut ge­wor­den sind, weil vie­le Di­ri­gen­ten aus dem sym­pho­ni­schen Be­reich in die Thea­ter kom­men und nicht die klas­si­sche Kor­re­pe­ti­to­ren- und Ka­pell­meis­ter­lauf­bahn durch­lau­fen haben.
Vogt Es ge­hört zur Auf­ga­be des Di­ri­gen­ten in der Oper, eine Ba­lan­ce her­zu­stel­len. Ein gu­ter Di­ri­gent kriegt das Or­ches­ter auch lei­se – es muss ja nicht die gan­ze Zeit lei­se sein, denn es gibt durch­aus Stel­len, die dür­fen rich­tig kra­chen. Ich mag das ger­ne, den vol­len und lau­ten und kräf­ti­gen Orchesterklang.
Thiel Singt man auch auf­grund der akus­ti­schen Ver­hält­nis­se lie­ber in Bayreuth?
Vogt In Bay­reuth ist die Akus­tik so, dass man sei­ne Stim­me wirk­lich von ganz laut bis ganz ganz lei­se be­nut­zen kann. Das liegt aber eher am Haus. Auf der Büh­ne klingt es völ­lig an­ders als im Zu­schau­er­raum, auf der Büh­ne kriegt man ei­nen re­la­tiv prä­sen­ten Or­ches­ter­klang ge­lie­fert, weil der ja durch den Wulst der Or­ches­ter­ab­de­ckung rich­tig nach hin­ten ab­strahlt. Da ist es so­gar so, dass man eher ver­lei­tet wird, ein biss­chen zu viel zu ma­chen. Man muss das eben wis­sen – und sich dann trotz­dem zurückhalten.

Fra­ge aus dem Pu­bli­kum Ich wür­de ger­ne Ih­rem Ge­heim­nis, der von Ih­nen rea­li­sier­ten und von mir er­leb­ten Text­ver­ständ­lich­keit, die für mich um­wer­fend und welt­weit ein­ma­lig ist, noch ger­ne nä­her­kom­men. Was ma­chen Sie an­ders als Ihre Kol­le­gin­nen und Kollegen?
Vogt Das weiß ich nicht so ge­nau. Ge­ra­de bei Wag­ner, bei die­sem Ge­samt­werk, wo der Text fast ge­nau­so wich­tig ist wie die Mu­sik, ist es un­er­läss­lich, dass man den Text gut ver­steht. Weil sei­ne Sät­ze sehr lang und ver­schach­telt sind, muss man sie, da­mit sie ver­ständ­lich blei­ben, auch glie­dern. Ich be­schäf­ti­ge ich mich in­ten­siv da­mit, die­se Glie­de­rung be­wusst für mich sel­ber zu emp­fin­den, um sie dann auch beim Pu­bli­kum rü­ber­zu­brin­gen. Da­bei hilft mir na­tür­lich auch mei­ne Stimm­cha­rak­te­ris­tik – und die Tech­nik, die ich ge­lernt habe. Dass es funk­tio­niert, ist für mich wich­tig und gut. Und ich freue mich sehr, dass Sie das hö­ren. Danke.

Re­dak­ti­on: Mo­ni­ka Beer, Tech­ni­scher Sup­port: Ha­rald Rink und Wolf­ram Fah­rig (sie­he Foto unten)