Vor seinem Probenbeginn bei den Bayreuther Festspielen machte Star-Tenor Klaus Florian Vogt einen Abstecher nach Bamberg zu einem Künstlergespräch mit dem Münchner Kritiker Markus Thiel. Hier eine leicht gekürzte Version der Matinee vom 12. Juli 2026 im Kufasaal Bamberg.

Markus Thiel Sie haben einen Tenor-Marathon vor sich: Das sind heuer sechs Siegfriede, drei Siegmunde und – wenn dieser Plural stimmt – drei Loges. Ist es das heftigste Bayreuther Jahr Ihrer Karriere?
Klaus Florian Vogt Wahrscheinlich schon. Zwölf Vorstellungen sind relativ viel – und die sind ja auch sehr komprimiert. Von daher wird es vielleicht der anstrengendste Sommer werden.
Thiel Wer ist auf die Idee gekommen? Sie, Katharina Wagner oder Christian Thielemann?
Vogt Christian Thielemann.
Thiel Was haben Sie zuerst dazu gesagt?
Vogt Ja, super!
Thiel Warum? Weil man sich stimmlich so verschieden maskieren kann? Der „KI-Ring“ wird ja keine, wie soll ich sagen, vollwertige oder herkömmliche Inszenierung werden. Ist das ein besonderer Reiz, auch mal so ein etwas ätzender Loge-Typ sein zu dürfen, neben den vielen Helden?
Vogt Natürlich ist das eine ganz anders gelagerte Partie, eine andere Figur. Wobei ich denke, in der gegebenen Konstellation, mit den KI-Bildern, wird dieser Charakter gar nicht so stark zu sehen sein. Es wird mehr aufs Musikalische hinauslaufen – und darstellerisch werde ich gar nicht viel machen können.
Thiel Würden Sie diese vier Partien auch in einem „normalen“ Ring, in einer vollwertigen Inszenierung mit intensivem Spiel wagen?
Vogt Klar würde ich das gerne machen.
Thiel Welche von diesen drei Figuren ist Ihnen am nächsten?
Vogt „Siegfried“-Siegfried ist mir am nächsten, dicht gefolgt von Siegmund.
Thiel Warum „Siegfried“-Siegfried, weil der noch so jung ist?
Vogt Ja, denn da muss ich viel an meine Söhne in einem gewissen Alter denken! Ich habe mir auch extra etwas abgeguckt bei ihnen.
Thiel Wissen die das auch?
Vogt Ich glaube, ja. Ich habe mir einige Sachen vormachen lassen. Zu meinem 17-Jährigen habe ich zum Beispiel gesagt, lass mal sehen, wie du dich auf die Erde hinsetzt und wieder aufstehst und so weiter. Und von meinem anderen Sohn habe ich mir zeigen lassen, wie ich am besten mit dem Schwert umgehen kann.
Thiel Ihr Sohn hat ein Schwert?
Vogt Ja, er macht – LARP nennt sich das – Ritter-Rollenspiele mit Gummiwaffen. Er kennt sich sehr gut mit dem Schwertkampf aus und hat mir beigebracht, dass ich zum Beispiel ein Schwert drehen kann, ohne mir dabei die Hand zu brechen.
Thiel Okay, dann kommt Siegmund. Und warum „Götterdämmerung“-Siegfried an Platz 3?
Vogt Ich glaube, nach diesem Sommer kommt er sogar an Platz 4. Das ist schon eine herausfordernde Partie, aber Teile des „Götterdämmerung“-Siegfrieds sind mir doch sehr nahe, wenn das zurückgeht auf diese Vöglein-Erzählung im dritten Akt. Das sind Stellen, die mag ich unheimlich gerne, denn da ist er eigentlich wieder der junge Siegfried.
Thiel Die Vöglein-Erzählungen sind für viele Tenöre – ohne Namen zu nennen – Angststellen, wo man am Schluss noch mal eben nicht auspacken, sondern das bewältigen muss. Wovor haben Sie einen Heidenrespekt?
Vogt Natürlich vor dem ganzen „Ring“. Das sind große Herausforderungen und hohe Ansprüche, die ich auch selber an mich habe. Aber Angst habe ich nicht, nein.
Thiel Gab es für Sie mal einen Sommer ohne Bayreuth seit Ihrem Debüt dort?
Vogt Nein.
Thiel Was wäre denn ein Sommer ohne Bayreuth für Sie?
Vogt Das wäre ein Sommer mit viel Freizeit.
Thiel Ist Bayreuth für Sie so etwas wie ein Arbeitsurlaub?
Vogt Das ist schwer zu sagen! Klar ist das Arbeit, aber ich würde es gar nicht so nennen. Also ich empfinde es als großes Geschenk, bei den Festspielen in Bayreuth seit so vielen Jahren in diesen tollen Partien mitmachen zu dürfen – und insofern ist es ein Highlight. Es ist natürlich auch anstrengend, eine Arbeit mit hohem Anspruch, aber es ist eine tolle Mischung zwischen großer Anspannung und Erholung zwischendurch.

Thiel Was findet ein Nordlicht im besten Sinne an Oberfranken so toll?
Vogt Das Wetter – und dann das Essen.
Thiel Es gibt aber keinen Fisch.
Vogt Ich esse auch gerne mal etwas anderes als Fisch. Und dann diese Atmosphäre, dieser Geruch von gemähten Wiesen! Das verbinde ich sehr mit Bayreuth, es ist einfach eine wunderschöne Gegend. Erst gestern sind meine Frau und ich hier wieder ein bisschen über Land gefahren.
Thiel Sie sind schon sehr lange mit den Festspielen „vorbelastet“: Ihr Schwiegervater spielte dort im Orchester, Ihre Schwiegermutter sang im Festspielchor. Das heißt, es gehörte schon sehr früh einfach zu Ihren sommerlichen Aktivitäten mit dazu.
Vogt Absolut.
Thiel Was macht Bayreuth – abgesehen von der Akustik im Festspielhaus – so besonders, wenn man da auf der Bühne steht?
Vogt Bayreuth sehe ich eher als ein Gesamtpaket. Alle, die bei den Festspielen mitmachen, kommen ja freiwillig, geben ihren Urlaub dafür her, um dabei zu sein. Insofern hat man immer stark das Gefühl, dass hier alle an einem Strang ziehen und da sind, weil sie dieses Werk großartig finden. Aus der Verbindung von hochprofessioneller und konzentrierter Arbeit mit Freizeit hier in Oberfranken entsteht eine sehr besondere Atmosphäre von Gemeinsamkeit. Die Hornisten zum Beispiel spielen viel Tennis. Oder man trifft sich an einem See wieder oder abends mal im Biergarten. Sowas findet im normalen Opernalltag so nicht statt.
Thiel Ich war vorletzte Woche erst dort und außerhalb der Festspielzeit ist Bayreuth ja noch verschlafener! Es ist, glaube ich, wie ein Cut, wenn das Publikum zu den Generalprobenwochen kommt. Dann verändern die Stadt und vor allem der Hügel vollkommen ihren Charakter. Das heißt auch, die Proben vorher laufen in Ruhe und sind irgendwie enthoben von allem.
Vogt Ja, das ist schon so. Aber in der Stadt, bei der Eisdiele oder woanders, trifft man immer auf Kollegen. Gerade der Kontakt auch zu den Orchestermusikern und den Choristen ist in anderen Häusern eben nicht so gegeben. Es sind eben alle zur gleichen Zeit da und dadurch gibt es auch eine größere Verbindung. Wenn mit den Generalproben noch das Publikum dazukommt, entsteht eine einzigartige Atmosphäre.

Thiel Sie haben 2007 als Stolzing debütiert in Bayreuth. Empfanden Sie das zu diesem Zeitpunkt Ihrer Karriere als etwas Logisches, nach dem Motto, als jugendlicher Heldentenor gehöre ich da hin? Oder war es noch eine Utopie für Sie?
Vogt Ach, ein Traum war das sicherlich. Als der schneller als gedacht in Erfüllung ging, weil ich eigentlich erst 2008 einsteigen sollte und plötzlich doch schon 2007 innerhalb von zwei Tagen auf der Probebühne stand, war das sehr überraschend – und ja, damit ist ein Traum in Erfüllung gegangen.
Thiel Warum haben Sie nicht als Lohengrin debütiert, also mit Ihrer Signet-Partie?
Vogt. Es hat sich so nicht ergeben, denn Katharina hat 2007 „Meistersinger“ inszeniert.
Thiel Bleiben wir bei Ihrer Signet-Partie. Sie haben in einem Interview gesagt, dass es mal eine Lohengrin-Pause gab und das sei schmerzhaft gewesen, weil Sie die Partie unheimlich mögen. Können Sie gar nicht mehr ohne Lohengrin?
Vogt Nein.
Thiel Warum? Wenn man eine bestimmte Partie so häufig gesungen hat, entdeckt man immer noch verborgene Ecken oder ist es eher die Wiederholung, dass man sich wohlfühlt in der Situation?
Vogt Es ist beides. Wagners Musik bietet eben die Möglichkeit, immer neue Farben, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken. Ich glaube, mit Lohengrin habe ich singen gelernt. Wenn man eine Partie sehr, sehr gut kennt, kann man auch für sich selber viel ausprobieren: Kann ich diese Stelle ein bisschen dramatischer singen? Kann ich an dem Schluss vielleicht probieren, noch leiser zu klingen? Bei Wagner ist das so in allen Partien und dadurch kann man sich besonders gut weiterentwickeln. Ich habe gerade bei Lohengrin nie das Gefühl gehabt, so, jetzt habe ich das richtig drauf und das ist jetzt fertig. Sondern es ist jeden Abend wieder eine Herausforderung. Man weiß stimmlich nie, wenn man am ersten Akt anfängt, wo man im dritten Akt ankommt.
Thiel Obwohl Sie es so häufig gesungen haben?
Vogt Inzwischen weiß ich es einigermaßen, aber während diesen Stunden einer Aufführung kann viel passieren. Das ist einfach so. Und es sind viele Töne, es sind viele Worte. Diesen Berg immer wieder zu bewältigen, ist eine große Herausforderung – und auch eine große Genugtuung, wenn man das geschafft hat.
Thiel In Klammern für die Nerds, aber wir sind ja alle Nerds hier: Wie häufig haben Sie die zweite Strophe der Gralserzählung live gesungen?
Vogt Überhaupt noch nicht.
Thiel Würden Sie es wollen oder sagen Sie, das ist too much?
Vogt Ich finde diesen Sprung, der normalerweise gemacht wird, dramaturgisch total logisch, denn dadurch entsteht ein starker Bruch und die Fallhöhe ist dann viel größer. Das ganze Stück steuert auf diese Gralserzählung zu. Wenn man das zu sehr ausdehnt, geht dieser Effekt, verloren. Es ist wichtig, dass man diesen Absturz spürt.
Thiel Welche dunklen Seiten hat Lohengrin?
Vogt Dunkle Seiten? Naja, die hat er schon auch. Wenn er bedroht wird von Telramund, ist er ja durchaus fast gewalttätig.
Thiel Den dunkelsten Lohengrin haben Sie in Barcelona in gesungen, wo Lohengrin in Katharina Wagners Inszenierung auch zum Mörder wurde. Sie müssen jetzt aber nicht über die Regie urteilen, denn das könnte schwierig werden.
Vogt Nein, damit habe ich kein Problem. Ich finde, diese Sichtweise von Lohengrin geht schon deshalb nicht richtig auf, weil die Musik etwas ganz anderes erzählt. Lohengrin ist eben ein sehr ehrlicher und sehr gerader Typ. Er verlangt Vertrauen und gibt auch Vertrauen. Das dann so zu deuten, dass er eigentlich die ganze Zeit irgendwie ein schlechtes Gewissen hat, das funktioniert nicht richtig.
Thiel Waltraut Meier hat mir mal gesagt: „Also ich hätte als Elsa sofort gefragt. Der ist doch verrückt, dass er das von mir verlangt.“ Schon ein bisschen vermessen, oder?
Vogt Ja, sie singt ja nicht Elsa.
Thiel Aber Sie wissen, was ich meine: Dieses Vertrauen zu verlangen, ein Jahr lang die Klappe zu halten und dann: Wie? Du willst wissen, woher ich komme?
Vogt Das ist natürlich viel verlangt, ja klar. Aber darum geht es. Wie weit kann man vertrauen, wie weit muss Vertrauen gehen oder sollte es gehen?
Thiel Haben es Regisseure gerade bei Partien wie Lohengrin schwer mit Ihnen, weil Sie schon so viel mitbringen?
Vogt Eigentlich nicht, weil ich versuche immer, mir meine Offenheit gegenüber neuen Ideen und auch einer anderen Sichtweise zu bewahren. Ich will ja selber neue Sachen entdecken! Wenn mir ein Regisseur logische Sachen anbietet, bin ich durchaus bereit, das auch dahin zu verändern.
Thiel Ein weißes Blatt gibt es dann nicht mehr.
Vogt Nein, das stimmt schon. Aber ich kann mich ziemlich gut frei machen von anderen Inszenierungen.
Thiel Wie weit gehen Sie mit? Gab es Momente, wo Sie gesagt haben, nee, nicht mit mir?
Vogt Ja, es gab schon Sachen, wo ich gesagt habe, nein, das ist Quatsch, lass uns das mal anders machen. Eigentlich kann ich mich mit Regisseuren immer austauschen und einigen auf etwas, das ich auch für mich selber vertreten kann. Ich sehe das sowieso als eine Arbeit auf Augenhöhe, denn ich bin ja derjenige, der seinen Kopf hinhalten muss für das, was andere sich ausgedacht haben.
Thiel Das Interessante ist ja, dass viele Sängerinnen und Sänger sagen, dass sie sich eher unterfordert fühlen, weil gar kein Input kommt.
Vogt Das gibt es leider auch. Und dann ist es ein großer Vorteil, wenn man eine Partie sehr gut kennt und praktisch aus seinem Repertoirekasten was herausnehmen und anbieten kann.
Thiel Um noch mal beim Quatsch zu bleiben: Haben Sie das Gefühl, dass diese großen Kämpfe langsam vorbei sind und das Pendel gerade wieder zurückgeht zu Regisseurinnen und Regisseuren, die sich eher um Sänger kümmern und versuchen, im gegenseitigen Austausch etwas zu entwickeln?
Vogt Das kann man nicht verallgemeinern. Das eine ist noch da und das andere ist vielleicht wieder da. Es kommt immer ganz auf die Person an und ihre Herangehensweise. Wenn man zum Beispiel den Bayreuther „Tannhäuser“ nimmt, mit dieser ungewöhnlichen Verbindung zwischen Video und Bühne, mit der Zusatzgeschichte von diesen drei Figuren: Das ist wirklich gut ausgedacht und für mich völlig logisch, da gehe ich gerne mit. Auf der anderen Seite, wenn ich beim Schwarz-„Ring“ zum Beispiel sehe, dass ich als Siegfried zwanzig Minuten darüber singen soll, wie ich mein Schwert schmiede, und dann eins in die Hand kriege, das schon fertig ist, denke ich, was soll das? Da habe ich schon versucht, wenigstens noch irgendwie dran zu arbeiten. Wenn es dramaturgisch nicht mehr stimmt, wird es einfach schwierig.
Thiel Warum machen Sänger eigentlich so wenig Rabatz? Ich habe das Gefühl, man könnte viel häufiger mal auf Konfrontation gehen, damit bestimmte Sachen gar nicht erst auf die Bühne kommen.
Vogt Es gibt Kollegen, denen ist das egal. Sie machen es einfach und denken nicht weiter drüber nach. Auf der anderen Seite ist es aber auch so: Wenn es wirklich Stress gibt, dann geht nicht der Regisseur nach Hause.
Thiel Ist es immer noch so?
Vogt Ja, ich glaube, schon.
Thiel Aber Sie sind doch schon längst in einer Position Nein zu sagen oder jetzt mal halblang.
Vogt Das mache ich auch. Aber ich bin kein Typ, der auf Konfrontation geht, sondern ich versuche, mich mit den Leuten zu einigen.
Thiel Mir hat ein Sänger erzählt, dass er bei so einer Quatschregie für eine Co-Produktion auch bei der Wiederaufnahme an anderem Ort noch mal mitgemacht hat. Als ich gefragt habe warum, sagte er: „Naja, Schmerzensgeld. Ich nehme noch mal die Gage mit.“
Vogt Das ist mir ehrlich gesagt zu wenig. Ich will kein Schmerzensgeld. Sondern ich möchte auf der Bühne stehen und etwas darstellen und mich selber damit identifizieren können. Es kommt durchaus vor, dass ich zu Wiederaufnahmen komme und das dann erst für mich so hinbaue, dass ich es vor mir selber auch vertreten kann.

Thiel Was ist für Sie ein Held?
Vogt Ein Held ist einer, der Mut hat und trotzdem auch empfindsam ist. Ein richtiger Held ist man eigentlich erst, wenn man Dinge tut, von denen man weiß, dass sie auch schief gehen können, auch für einen selber. Wenn man es trotzdem macht, aus einer höheren Motivation heraus, dann finde ich, dass das ein heldisches Verhalten ist.
Thiel Was waren die Helden Ihrer Jugend?
Vogt Die Helden meiner Jugend waren Berti Vogts und Günther Netzer. Berti Vogts hat getackelt, obwohl es wehgetan hat.
Thiel Und Heldenfiguren im Film?
Vogt Typen wie Aragorn in „Herr der Ringe“ finde ich super, auch Han Solo in „Star Wars“.
Thiel Ein Fachkollege von Ihnen hat mal als Facebook-Nickname Frodo gehabt.
Vogt Mit Frodo würde ich mich nicht identifizieren.
Thiel Sie haben in einem Interview gesagt, dass Sie Leute, die sich ständig produzieren, sich quasi gern ins Rampenlicht stellen, nicht sonderlich mögen. Aber dann sind sie eigentlich in einer falschen Szene unterwegs. Wie gehen Sie mit Divos oder Diven um?
Vogt Die meide ich.
Thiel Manchmal stehen sie neben einem und singen.
Vogt Man kann sie trotzdem meiden.
Thiel Also dann trifft man sich zum Arbeiten und dann? Ist es noch so, gibt es noch Diven?
Vogt Ja natürlich gibt es sie noch.
Thiel Aber nicht mehr so wie früher mit den festgetackerten kleinen Hunden auf dem Arm.
Vogt Doch. Das gibt es auch noch.
Thiel Also hat sich das auch generationentechnisch nicht verschliffen?
Vogt Dass es weniger geworden ist, glaube ich schon. Aber das ist überhaupt nicht mein Ding und deshalb beschäftige ich mich damit nicht. Für mich ist viel wichtiger – wie soll ich das sagen? – die ehrliche Arbeit und die ehrliche Darstellung einer Figur und dadurch die Leute zu berühren und mit möglichst gutem Singen – und nicht mit äußerem Schein.
Thiel Wie zufrieden sind Sie mit sich selber? Gehen Sie oft am Schluss von der Bühne ab und sagen, ja, das war’s? Oder sind Sie einer der denkt, ach nee, hätte ich da mal besser …
Vogt Ich bin eher kritische. Man muss trotzdem aufpassen, dass man sich nicht selber auffrisst. Mit der Zeit gelingt es mir besser, auch zufrieden zu sein.
Thiel Wer darf Ihnen was sagen?
Vogt Meine Frau. Dirigenten natürlich – und selbstverständlich auch musikalische Assistenten, dafür sind sie da. Man hört sich selber ja ganz anders als jeder Außenstehende. Umso wichtiger ist es, dass man eine Kontrolle hat. Wenn man mit guten Dirigenten zusammenarbeitet, die schöne Vorschläge zu machen haben, ist es eine große Freude, das auch umzusetzen.
Thiel Wie sehr korrumpiert in so einer Situation der Applaus, die Ovation? Wie ist das, wenn man erst vielleicht kritisch ist mit sich und dann geht man raus und hat auf einmal diesen Tsunami vor sich? Denkt man dann, vielleicht war ich doch gut? Oder umgekehrt, dass man sich beim Buh sagt, ich fand mich ganz gut?
Vogt Wenn man selber nicht mit sich zufrieden ist, nützt einem der Applaus auch nicht viel. Am schönsten ist, wenn man selber denkt, ja, das war so, wie ich es wollte. Wenn man dann einen großen Applaus kriegt, ist es doppelt schön.
Thiel Was mir noch aufgefallen ist: Es gibt genug Sängerinnen und Sänger, die pro Tag zehn zwanzig Instagram-Posts absondern und bei Facebook aktiv sind. Da sind Sie ja eher das Gegenteil. Warum? Liegt Ihnen das ganz fern?
Vogt Ich glaube, dafür muss man der Typ sein. Ich habe einfach keinen Spaß dran und auch keine Zeit dafür. Ich finde, es gibt wichtigere Sachen, als mich mit Facebook zu beschäftigen. Außerdem sind wir heutzutage schon gläsern genug. Das muss ich nicht auch noch weiter befördern. Wenn ich sehe, wie sehr sich junge Leute damit beschäftigen, finde ich es auch schädlich. Es wäre gut, wenn es da eine Altersbegrenzung gäbe.

Thiel Zurück zum Beginn Ihrer Karriere: Sie haben Ihre Diplomprüfung in Lübeck als Tamino abgelegt. Vermissen Sie die Mozart-Zeit?
Vogt Nein. Ich bin mit den großen Partien, die ich machen darf, vollkommen zufrieden. Natürlich würde ich gerne noch mal einen Tamino singen und auch andere Mozart-Partien. Wenn sich das ergeben würde, würde ich zusagen, einfach auch um zu zeigen, dass es geht. Man ist ja als Wagner-Tenor sehr schnell in einer Schublade und kann angeblich nichts anderes mehr singen. Das ist aber völliger Unsinn. Ich glaube, ich könnte noch einen ganz guten Tamino singen.
Thiel Gerade weil Sie mit Ihrer Stimme nicht unbedingt in der Schublade drin sind, könnten Sie sagen, Tamino funktioniert und dieses Signal an Ihre Agentur geben. Aber dann kommt wieder ein Opernhaus und fragt, würden Sie bei uns Tannhäuser oder Siegfried machen? Sagen Sie dann, ich mache doch lieber das, was mehr zu mir passt?
Vogt Klar. Natürlich würde ich immer Wagner vorziehen. Tannhäuser sowieso. Und Siegfried auch. Wenn ich die Wahl hätte, wäre es immer Wagner.
Thiel Was ist denn bei Wagner das Heftigste für Sie? Der erste „Tannhäuser“-Akt? Oder ist es der dritte Akt „Tristan“? Was ist das Schlimmste?
Vogt Das Schlimmste? Schlimm ist das alles nicht. Ich finde, der erste Akt „Siegfried“ ist von der Anstrengung her sehr stark, nicht nur stimmlich. Bei einer guten Regie, die bedient, was da steht – das heißt schmieden, das Schwert formen und hämmern, die Schmiede anfeuern und so weiter – und am Anfang die ganze Streiterei mit Mime, wenn man das alles richtig darstellt, ist es körperlich sehr anstrengend und man ist nach dem ersten Akt erstmal ganz schön platt. Und der dritte Akt „Tristan“ ist auch sehr anstrengend, weil man den fast komplett alleine bestreitet. Beim „Tannhäuser“ ist für mich nur der Venusberg mit diesen Strophenliedern eine große Herausforderung, aber der restliche erste Akt macht einfach nur Spaß, gemeinsam mit den anderen Kollegen.
Thiel Es gibt Sänger, die sagen, ich singe besser, wenn ich mich bewegen kann und darf auf der Bühne. Ist bei Ihnen auch so?
Vogt Ja, das ist bei mir auch so.
Thiel Wegen der Lockerheit?
Vogt Richtig gut zu singen, hat viel mit körperlicher Lockerheit zu tun. Wenn man sich bewegen darf, kommt man in keine Starrheit.
Thiel Heißt das, dass Sie Konzerte eher ein bisschen durchleiden?
Vogt Nein, das nicht. Konzerte singe ich auch unheimlich gerne, weil man da für sich selber steht und nicht für irgendeine Figur. Wenn ich beim Konzertgesang merke, dass das irgendwie verkrampfen könnte, mache ich gerne mal einen Schritt, um so Bewegung in den Körper zu bringen.
Thiel Sitzt da den ganzen Abend immer so ein kleiner Mann oder eine kleine Frau auf der Schulter oder vergessen Sie sich auch manchmal?
Vogt Ach ja, eine gewisse Kontrollinstanz ist eigentlich immer da.
Thiel Anders wird es wahrscheinlich auch nicht funktionieren.
Vogt Das weiß ich nicht.
Thiel Was machen Sie zum Beispiel nach dem ersten „Siegfried“-Akt? Wie erholt man sich dann? Flachlegen, was trinken?
Vogt Das kommt drauf an. In Bayreuth haben wir ja eine ganze Stunde Pause. Und da kommt es durchaus vor, dass ich mich mal kurz schlafen lege.
Thiel Sie schlafen zwischen den Akten?
Vogt Ja. Kurze zehn Minuten, um einmal wirklich komplett zu entspannen. Es geht ja nicht nur um die lange Pause, sondern meistens um mehr als eine Stunde, bis man wieder auftritt – im „Lohengrin“ sind es fast zwei Stunden, bis man im zweiten Akt wieder dran ist. Da kann man nicht die ganze Zeit die Spannung halten, die muss man nochmal neu aufbauen.
Thiel Ihre Stimme, die so sehr charakteristisch ist mit ihren Kopfstimmen-Resonanzen: War das bei Ihnen von Anfang an da? Oder haben Sie früher anders gesungen? Wie sind Sie zu diesem Klang gekommen?
Vogt Meine Stimme ist meine Stimme. Und ich hatte das große Glück, eine Lehrerin zu haben, die es geschafft hat, mich behutsam genau da hinzuführen. Es dauert wirklich lange, bis man seine eigene Stimme nicht verstellt oder irgendwas nachzumachen versucht, sondern sie für sich selber entdeckt, akzeptiert und benutzt.
Thiel In einem unserer Gespräche haben Sie gesagt, dass Sie inzwischen total zu Ihrem Stimmklang stehen. War das am Anfang nicht so?
Vogt Ich hatte früher große Schwierigkeiten, mich selber auf Aufnahmen zu hören, weil es so anders klang, als ich dachte. Ja, das muss man erst mal lernen. Das geht aber jedem so, der sich selber auf einer Aufnahme hört: Man denkt nur, wer ist das? Die Stimme, die man hat, kann natürlich ein großes Geschenk sein…
Thiel Eine unverwechselbare Stimme, denn ein Ton von Ihnen und die Welt erkennt Sie sofort, im Gegensatz zu den vielen anderen Stimmen von der Stange. Ich habe inzwischen das Gefühl, dass an den Hochschulen vor allem Konfektionsstimmen herangezüchtet werden.
Vogt Mir fällt auch auf, dass man manchmal gar nicht mehr unterscheiden kann, wer das jetzt ist. Umgekehrt ist es ist besser. Das sehe ich übrigens auch bei Pop-Sängern so. Es gibt Stimmen, die erkennt man sofort, wie zum Beispiel Phil Collins. Der ist so charakteristisch, da weiß man sofort: Er ist das und kein anderer.
Thiel Wundern Sie sich im Nachhinein, dass Sie jetzt das ganz schwere Heldenfach singen? Hätten Sie es sich am Anfang vorstellen können, jetzt mal abgesehen vom Wünschen?
Vogt Ja, ich habe aber sehr lange gewartet damit. Ich wollte nicht einer derjenigen sein, bei denen man im dritten Akt bangen muss, ob sie das noch schaffen. Sondern ich wollte gerne immer da drüberstehen, immer noch eine Reserve haben. Deshalb habe ich so lange gewartet. Und ich glaube, dass man technisch mit seiner Stimme einfach sehr gut umgehen können muss, wenn man diese Partien angeht.
Thiel Und wann weiß man, dass es so weit ist?
Vogt Bei mir war es einfach so, dass ich irgendwann gespürt habe, also jetzt, okay, jetzt kann ich das probieren. Und dann hat es sich auch einfach ergeben. Siegfried war schon ein großer Angang. Drei Jahre, bevor ich es gemacht habe, hat mich Andreas Homoki angerufen und gefragt, ob ich Lust habe, es in Zürich zu machen. Da war ich so weit, habe gesagt, ja, das probiere ich.
Thiel Ein Risiko bleibt ja immer. Ich kann mich erinnern, wie ich Sie vor Ihrem ersten Tannhäuser in München gefragt habe, was an dieser Partie so schwer ist. Da haben Sie gesagt, dass Sie das noch nicht wissen, denn sie müssten ihn ja erst mal singen.
Vogt Genau. Das erste Mal ist natürlich immer riskant, aber das macht auch den Reiz an diesen großen Partien aus. Man weiß nie, wo man am Ende ankommt. Das ist einfach so. Man kann es nur möglichst gut versuchen.
Thiel Welche Rolle spielt Angst an so einem Abend?
Vogt Angst? Angst darf man nicht haben. Man muss solche Sachen mit Köpfchen singen, also immer mit dieser Kontrollinstanz. Ich gehe die großen Partien an, indem ich von Anfang an versuche, alle Töne in der Vorbereitung technisch richtig zu singen. Damit fahre ich bis jetzt ganz gut.
Thiel Edita Gruberova hat mir erzählt, dass sie es in der Garderobe öfter erlebt hat, dass der Tenor nebenan schon vorab die ganzen Spitzentöne abgefeuert hat. Singt man die besonderen Stellen davor nochmal für sich durch? Oder sagen Sie, das ist die Sache des Abends, der Vorstellung?
Vogt Ja, auch ich mag es überhaupt nicht, wenn neben mir Kollegen sind, die die Partie schon vorab zweimal durchsingen, denn meistens klingt es dann am Abend auch so. Ich wärme mich eigentlich nur auf, singe für Siegfried nur diese Hoihos, um zu gucken, okay, es ist da – und dann geht’s los. Die Arbeit muss vorher stattgefunden haben.

Thiel Nochmal zurück zu Ihrer Vorkarriere als Hornist: Wie sehr mussten Sie sich da auch von den Gesichtsmuskeln her umstellen?
Vogt Die Tonerzeugung beim Singen findet woanders statt. Als Bläser hat man dieses Instrument vor sich, bei dem man erstmal durchpusten muss, damit hinten was rauskommt. Beim Gesang ist das eben ganz anders. Die größte Umstellung war eigentlich die, nicht immer mit der Luft hinterher zu schieben. Trotzdem hat mir das Horn sehr geholfen, weil die Töne sehr dicht nebeneinander liegen und man sie genau anspielen muss. Auf dem Horn und überhaupt auf Blechblasinstrumenten muss man vorher eine sehr gute Tonvorstellung haben. Und das ist beim Gesang ähnlich.
Thiel Spielen Sie noch? Und wie häufig?
Vogt Mindestens einmal im Jahr zu Weihnachten.
Thiel Und wie empfindet das Ihre Familie?
Vogt Meine ältesten Söhne haben noch erlebt, wie ich Horn geübt habe, der dritte aber schon nicht mehr. Als ich irgendwann den Hornkoffer aufpackte, stand er da und fragte, was ist denn das?
Thiel Also gut: zu Weihnachten …
Vogt Ja, da machen wir Hausmusik.
Thiel Oder als Siegfried? Sie haben den Hornruf ja auch schon auf der Bühne gemacht – als einmaliges Gimmick? Oder könnten Sie sich das wieder vorstellen?
Vogt Ja, aber nicht auf dem Naturhorn wie in Zürich. Herr Homoki wollte leider kein ausgebautes Ventilhorn auf der Bühne haben, sondern es wurde in Basel für mich extra ein Naturhorn gebaut. Und weil das eine gewisse Stimmung haben muss – ein Horn in F ist leider relativ lang, und je länger diese Röhre ist, desto schwieriger ist das zu spielen –, konnte ich nicht den ganzen Ruf darauf spielen, sondern nur Teile.
Thiel Und was sagte der Hornist dazu?
Vogt Wir hatten das beim „Ring“ in Mailand auch angedacht. Aber dann kam der Solohornist und sagte, nein, das geht nicht, das könnt ihr nicht machen, sonst bin ich in meine Stelle im Orchester los, wegen der einen Vorstellung. Er hat es auch fantastisch gespielt.
Thiel Sie haben schon von Ihren Kindern gesprochen, die auch sehr musisch sind. Von einem ihrer Söhne gibt es ein wunderbares Video aus Wunsiedel, wo er Westside Story gesungen hat. Haben Sie jemals zu einem Ihrer Kinder gesagt, mach das nicht, lass das mit der Sängerkarriere?
Vogt Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin froh, dass tatsächlich einer die Idee hatte. Das ist ja ein Zeichen, dass wir ihnen etwas vorgelebt haben, das nicht so schlimm ist. Wenn dann einer Lust dazu hat und diesen Drang verspürt – gerade bei ihm hat man gesehen, dass er schon als Achtjähriger so eine Bühnenausstrahlung hatte –, war das irgendwie logisch, dass er das jetzt tatsächlich macht.
Thiel Man sagt immer, solche Kinder haben eine freie Entscheidung. Aber ich denke, es ist doch so, wie wenn die Eltern ein Kind mit in die Bibliothek nehmen und sagen, du musst hier nichts lesen.
Vogt Natürlich sind unsere Kinder mit Theater und Musik groß geworden! Wir haben sie mit in die Vorstellungen genommen, aber wir haben es nicht forciert. Ich kann mich erinnern, dass unser Dritter mal in Dresden in eine „Zauberflöten“-Probe mitkam. Als meine Frau nach dem zweiten Akt wieder mit ihm gehen wollte, hörten wir auf der Bühne aus dem Foyer heraus: „Ich will das zu Ende gucken.“
Thiel Können Sie entspannt zuhören, wenn Ihr Sohn auf der Bühne ist?
Vogt Nein, kann ich nicht. Meistens heule ich die ganze Zeit.
Thiel Das liegt aber nicht am Stück.
Vogt Nein, ich sehe mich auch selber ein bisschen dabei. Ich kann mich erinnern an das Musical „Der Medicus“ in München. Als er endlich seinen Auftritt hatte und auf die Bühne kam, stand er einfach nur da – und das hat schon gereicht.
Thiel Die Familie musste und muss sich ja doch sehr stark an Ihrer Karriere ausrichten. Haben Sie etwas vermisst oder vermissen Sie etwas im Nachhinein?
Vogt Ja, viel. Leider ist die ganze Familie mit diesem Beruf verheiratet. Das lässt sich nicht vermeiden. Wenn man eine internationale Karriere machen will, muss man reisen, ist einfach viel weg und verpasst dadurch sehr viele familiäre Ereignisse. Ich habe keine einzige Abiturentlassung mitgemacht, keinen Abtanzball nach dem Tanzkurs, konnte bei vielen Geburtstagen nicht dabei sein, weil ich immer irgendwo Vorstellungen hatte. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite kommen die Kinder auch mit Sachen in Berührung, die sie im Normalfall nicht haben können. Wir haben zum Beispiel unseren Kleinsten ein Jahr aus der Schule genommen und sind mit ihm durch die Welt gereist, waren zweimal in Japan, in Amerika, in England und so weiter. Er hat dabei nicht nur Außergewöhnliches erlebt, sondern auch noch schön Englisch gelernt. Aber insgesamt hat der Vater viel zu Hause gefehlt.
Thiel Wir wissen, dass Sie gern mit dem riesen Campingbus unterwegs sind und auch selber fliegen. Empfinden Sie sich als Außenseiter, als Libero in der Szene? Sind Sie so ein Besonderling?
Vogt Das weiß ich nicht. Ich habe mir das so organisiert, wie es für mich gut ist. Bei Neuproduktion proben wir ja sechs oder sieben Wochen lang. Wenn man die ganze Zeit im Hotel oder in einer fremden Wohnung verbringt, muss man entweder viel Geld ausgeben, damit es vielleicht einigermaßen schön ist, oder man spart und sitzt in einem dunklen Loch. Das kann ich nicht gut aushalten. Ich glaube, ohne das Wohnmobil würde es mich bestimmt fünfmal so sehr nerven, weg zu sein.
Thiel Mit dem sind Sie demnächst auch in Barcelona, bei der Spanientournee des Festspielorchesters?
Vogt Ja, klar.
Thiel Ganz schön weite Strecke. Gönnen Sie sich auch was unterwegs, machen sie zum Beispiel in Frankreich drei Tage Station, um auch ein bisschen Urlaubsqualität mitzunehmen?
Vogt Das ist doch der Witz dabei! Mit dem Wohnmobil habe ich eher die Möglichkeit, wenn ich mal zwei Tage frei habe, auch dorthin zu fahren, wo es schön ist oder wo ich zum Beispiel einen Tag Skifahren kann.
Thiel Dürfen Sie das denn? Bei Fußballern steht es im Vertrag drin, dass man …
Vogt So genau habe ich das noch nicht gelesen.

Thiel Gab es am Anfang der Karriere, als sie gerade vom Horn zum Sänger gewechselt hatten, einen Moment, wo sie dachten, es ist vielleicht doch nicht das Richtige gewesen, wäre doch schön, wieder im Orchester zu sein? Gab es Zweifel?
Vogt Ja, am Anfang schon. Im meinem ersten Jahr in Flensburg bekam ich gleich vier große Partien, durfte Tamino singen und Narraboth. Und auch die Operetten dort haben riesen Spaß gemacht. Als ich nach Dresden kam, war meine erste Rolle der Erste Gefangene in „Fidelio“ – und das wurde nicht besser, weil der Operndirektor meinte, ich müsste erstmal lernen, wie es im Theater so zugeht, obwohl ich schon zehn Jahre im Orchester hinter mir hatte. Ich habe schnell versucht, an kleineren Häusern große Partien zu finden. Das hat auch gut geklappt. Und am Ende des ersten Jahres in Bayreuth kam auch der erste Tamino in Dresden. Im zweiten Jahr folgten Max und Hans und es wurde besser.
Thiel Immer das deutsche Repertoire! Bei einer so hoch gelagerten Stimme stellt sich doch automatisch die Frage, warum nicht auch das französische Fach?
Vogt Ja, hätte ich überhaupt nichts dagegen. Aber solange es parallel die Möglichkeit gibt, Wagner zu singen, mache ich lieber Wagner.
Thiel Wie weit im Vorhinein planen Sie? Gerade im schweren Fach sind das wahrscheinlich vier bis fünf Jahre, oder?
Vogt Drei bis vier Jahre.
Thiel Ist das manchmal eine Belastung, dass Sie wissen, was Sie am 14. April 2031 machen?
Vogt Das ist tatsächlich komisch, aber es gibt einem als Freiberufler vor allem Sicherheit. Je länger im Voraus ich weiß, okay, erst kommt das, dann das und dann darf ich wieder Tannhäuser singen, desto mehr kann ich beruhigt sein.
Thiel Wie groß waren die Ängste in der Corona-Zeit?
Vogt Groß. Da wusste man gar nicht, wie es weitergeht. Das war eine seltsame Zeit, wenn ich öfter morgens die Treppe runtergekommen bin und gedacht habe, na gut, heute mache ich mal nichts. Diese Zwangspause war auf der einen Seite ganz schön und hat mir durchaus gutgetan, denn es war für uns eine ganz tolle Familienzeit, die wir sonst nicht gehabt hätten. Trotzdem waren die Frustrationen natürlich groß. Auch wie manche Theater und im Speziellen manche Intendanten sich da verhalten haben, fand ich überhaupt nicht gut.
Thiel Sind Sie eher ein Typ, der immer beschäftigt sein muss? Immer Hamsterrad?
Vogt Nein, das auch nicht. Ich kann mich durchaus gut entspannen, aber ich entspanne mich am liebsten mit Tätigkeiten.
Thiel Wenn Sie auch ein geselliger Mensch sind, mit welchen von diesen vier Personen würden Sie gerne abends grillen? Siegmund, Siegfried 1, Siegfried 2 oder Loge? Oder grillen Sie gar nicht?
Vogt Doch. Siegfried 1 isst wahrscheinlich zu viel. Ja, am interessantesten wäre es wahrscheinlich mit Loge.
Thiel Gibt es Partien, die Sie unabhängig vom Stimmtechnischen nie annehmen würden? Wo Sie sagen, das bin ich nicht, ich finde nichts in mir, was ich einbringen kann?
Vogt Im Wagner-Bereich wüsste ich jetzt nichts. Und die anderen Sachen kenne ich nicht so gut.
Thiel Ein Kollege von Ihnen hat mir gesagt, er freut sich schon auf die Alterskarriere, wenn er den perversen Herodes singen darf.
Vogt Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht, ob ich das machen würde. Es ist schon eine tolle Partie, eine tolle Musik, aber ich weiß nicht, ob ich dazu wirklich Lust hätte.
Thiel Dann schließen wir wieder den Kreis: Wann gibt es den nächsten Ring mit den vier Partien, den Sie singen? So einen Komplett-„Ring“ – Vogt total?
Vogt Im März in Paris und in New York.
Thiel Wird das jetzt ein Modell für Sie? Also wenn, dann mache ich alles?
Vogt Ja, aber das hat vielleicht mehr damit zu tun, dass dann nur ein Tenor engagiert werden muss.
Thiel Ich will jetzt nicht nach Gagen fragen.
Vogt Ja, das machen wir das nächste Mal.
Thiel Vielen Dank. Und jetzt heißt es hier immer: Ring frei, Runde frei für die Zuhörer. Jetzt dürfen Sie fragen!

Frage aus dem Publikum Müssen wir die Welt der Oper, den Geist, die Emotionen und die Narrative auf die Straße bringen und gleichzeitig die Probleme mit der Straße auf die Opernbühne bringen? Ist das ein Zukunftsweg?
Vogt Für die Zukunft der Oper und speziell für Wagner sind, wie ich glaube, gute Inszenierungen das A und O. Wenn eine Inszenierung wie der Bayreuther „Tannhäuser“ es schafft, einen Zehnjährigen ebenso zu begeistern wie die Erwachsenen, ist unheimlich viel gewonnen. Wobei gerade auch die junge Generation unbewusst die ganze Zeit diese Musik bei Fantasy-Spielen und Fantasy-Filmen hört. Vielleicht müsste man das bewusster machen, damit die Hemmschwelle, in die Oper zu gehen, sinkt. Wagners Musik spricht für sich selbst, wenn man sich darauf einlässt, berührt sie einen sowieso. Wenn man aber szenisch eher abgeschreckt wird, ist das problematisch. Der Schlüssel liegt in wirklich guten Inszenierungen, die sich herumsprechen, wo die Leute gerne reingehen wollen. Der Rest ergibt sich dann von selbst.
Frage aus dem Publikum Ich habe eine vielleicht nicht ganz ernst gemeinte Frage: Wie oft hatten Sie Textschwierigkeiten, speziell im „Lohengrin“?
Vogt Oh ja, ich kann mich erinnern, einmal, ich weiß gar nicht, wo das war, bin ich im zweiten Akt in so eine falsche Stelle gerutscht und habe dann irgendwas zweimal gesungen. Wenn man bei Wagner etwas zweimal singt, weiß man automatisch, dass das mindestens einmal falsch war. Es passiert mir aber wirklich selten, dass ich was vergesse – selbst in Spanien und auch in Italien, wo es teilweise keine Souffleure mehr gibt. Da muss man einfach sehr textsicher sein. Insgesamt bin ich mit mir da ganz zufrieden.
Frage aus dem Publikum Gehen Sie noch zu einem Lehrer?
Vogt Ja, zwar nicht regelmäßig, weil ich so viel zu tun habe, aber wenn ich die Möglichkeit habe und ein bisschen Zeit, gehe ich durchaus noch zu meiner Lehrerin und lasse mich gerne überprüfen.
Frage aus dem Publikum Ich hätte gerne gewusst, wie Sie das alles sowohl von der Stimme als auch körperlich und vom Gehirn her bewältigen. Wie kann man sich darauf vorbereiten? Machen Sie viel Jogging oder irgendein Training?
Vogt Ich versuche, möglichst gesund zu leben, genug zu schlafen und mich möglichst wenig zu ärgern. Ansonsten versuche ich natürlich auch, mich körperlich mit Yoga fit zu halten. Das hilft sehr, um auf der Bühne über Tische und Bänke zu springen, rauf zu klettern und wieder runter.
Thiel Daran anschließend vielleicht noch eine Frage von mir, weil wir vorhin über Regisseure gesprochen haben: Mit wem muss man mehr kämpfen? Mit den Dirigenten oder den Regisseuren?
Vogt Kämpfen nicht, aber auseinandersetzen muss man sich mit beiden. Das Konfliktpotenzial mit Regisseuren ist natürlich größer.
Thiel Es gibt die Debatte, dass die Orchester viel zu laut geworden sind, weil viele Dirigenten aus dem symphonischen Bereich in die Theater kommen und nicht die klassische Korrepetitoren- und Kapellmeisterlaufbahn durchlaufen haben.
Vogt Es gehört zur Aufgabe des Dirigenten in der Oper, eine Balance herzustellen. Ein guter Dirigent kriegt das Orchester auch leise – es muss ja nicht die ganze Zeit leise sein, denn es gibt durchaus Stellen, die dürfen richtig krachen. Ich mag das gerne, den vollen und lauten und kräftigen Orchesterklang.
Thiel Singt man auch aufgrund der akustischen Verhältnisse lieber in Bayreuth?
Vogt In Bayreuth ist die Akustik so, dass man seine Stimme wirklich von ganz laut bis ganz ganz leise benutzen kann. Das liegt aber eher am Haus. Auf der Bühne klingt es völlig anders als im Zuschauerraum, auf der Bühne kriegt man einen relativ präsenten Orchesterklang geliefert, weil der ja durch den Wulst der Orchesterabdeckung richtig nach hinten abstrahlt. Da ist es sogar so, dass man eher verleitet wird, ein bisschen zu viel zu machen. Man muss das eben wissen – und sich dann trotzdem zurückhalten.
Frage aus dem Publikum Ich würde gerne Ihrem Geheimnis, der von Ihnen realisierten und von mir erlebten Textverständlichkeit, die für mich umwerfend und weltweit einmalig ist, noch gerne näherkommen. Was machen Sie anders als Ihre Kolleginnen und Kollegen?
Vogt Das weiß ich nicht so genau. Gerade bei Wagner, bei diesem Gesamtwerk, wo der Text fast genauso wichtig ist wie die Musik, ist es unerlässlich, dass man den Text gut versteht. Weil seine Sätze sehr lang und verschachtelt sind, muss man sie, damit sie verständlich bleiben, auch gliedern. Ich beschäftige ich mich intensiv damit, diese Gliederung bewusst für mich selber zu empfinden, um sie dann auch beim Publikum rüberzubringen. Dabei hilft mir natürlich auch meine Stimmcharakteristik – und die Technik, die ich gelernt habe. Dass es funktioniert, ist für mich wichtig und gut. Und ich freue mich sehr, dass Sie das hören. Danke.
Redaktion: Monika Beer, Technischer Support: Harald Rink und Wolfram Fahrig (siehe Foto unten)

