Die unendliche Sehnsucht

E.T.A. Hoff­mann steht im Mit­tel­punkt un­se­rer nächs­ten Ver­an­stal­tun­gen. Da trifft es sich gut, dass un­ser Mit­glied Bar­ba­ra Rias sich mit den in­halt­li­chen Par­al­le­len zwi­schen Hoff­manns „Eli­xie­ren des Teu­fels“ und Wag­ners „Tann­häu­ser“ be­fasst hat. Hier ihre Aus­füh­run­gen und Überlegungen.

Il­lus­tra­ti­on (Aus­schnitt) von Hugo Stei­ner-Prag zu „Die Eli­xie­re des Teu­fels“ aus dem Pro­py­lä­en Ver­lag 1920 – Vor­la­ge: Hoff­mann di­gi­tal, Staats­bi­blio­thek zu Berlin/​Preußischer Kulturbesitz

E.T.A. Hoff­manns Ein­fluss auf Ri­chard Wag­ner ist un­be­strit­ten. Wag­ner selbst hat sich le­bens­lang mit Hoff­mann be­schäf­tigt, nennt ihn sei­nen „Lieb­lings­schrift­stel­ler“ (ML, S. 43). In sei­ner Au­to­bio­gra­phie er­wähnt er eine gan­ze Rei­he von Er­zäh­lun­gen Hoff­manns, vor­wie­gend aus den Se­ra­pi­ons-Brü­dern und den Fan­ta­sie­stü­cken, al­ler­dings kei­nen der Hoffmann’schen Ro­ma­ne. Glei­ches gilt für Co­si­ma Wag­ners Tagebuch-Aufzeichnungen.
Die For­schung zu den Werk­be­zü­gen zwi­schen dem Dich­ter Hoff­mann und dem Kom­po­nis­ten Wag­ner[1] un­ter­sucht kunst- und/​oder mu­sik­theo­re­ti­sche Aspek­te, da­ne­ben auch stoff­li­che Ent­spre­chun­gen.[2] Hier geht es hin­ge­gen um in­halt­li­che Par­al­le­len zwi­schen Die Eli­xie­re des Teu­fels und Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf Wart­burg. Sie be­tref­fen Per­so­nen­kon­stel­la­tio­nen, Bil­der, Sze­nen und For­mu­lie­run­gen – bei Hoff­mann im Text, bei Wag­ner selbst­ver­ständ­lich auch im mu­si­ka­li­schen Ausdruck.

1. Quellen

Hoff­manns ers­ter Ro­man Die Eli­xie­re des Teu­fels zähl­te bei Er­schei­nen 1815/16 zur tri­via­len Schau­er­ro­man­tik, die beim Pu­bli­kum au­ßer­or­dent­lich be­liebt war. Als ernst­haf­te Li­te­ra­tur galt die­ses Gen­re je­doch nicht.[3] Drei Jah­re spä­ter er­schie­nen die Se­ra­pi­ons-Brü­der, eine Samm­lung von Er­zäh­lun­gen, die zu­nächst vier, dann sechs Freun­de ver­fas­sen und ein­an­der vor­le­sen. Es folgt je­weils eine Dis­kus­si­on, in der man die Er­zäh­lung kom­men­tiert oder kri­ti­siert. Aus die­sen Ge­sprä­chen ent­wi­ckelt sich die Hoffmann’sche Poe­tik: Prin­zi­pi­ell müs­se das Kunst­werk aus der le­ben­di­gen Fan­ta­sie und dem ord­nen­den Ver­stand des Dich­ters ent­ste­hen. Was wir heu­te au­then­tisch nen­nen, for­mu­liert der Se­ra­pi­ons-Bru­der Lo­thar als Prin­zip: „Je­der prü­fe wohl, ob er auch wirk­lich das ge­schaut, was er zu ver­kün­den un­ter­nom­men, ehe er es wagt, laut da­mit zu wer­den“ (SB, S. 55).[4]
In die Se­ra­pi­ons-Brü­der hat Hoff­mann Der Kampf der Sän­ger und Die Berg­wer­ke zu Fa­lun auf­ge­nom­men. So­mit sind sie Teil von Hoff­manns Kunst­theo­rie; von der For­schung wer­den bei­de Er­zäh­lun­gen als mög­li­che Quel­len für Ri­chard Wag­ners Tann­häu­ser her­an­ge­zo­gen. In Kampf der Sän­ger er­zählt Hoff­mann auch die Vor­ge­schich­te des Tann­häu­ser: wes­halb Hein­rich ver­schwin­det und schließ­lich ins Tal der Wart­burg zu­rück­kehrt (SB, S. 290f.).
Die Berg­wer­ke zu Fa­lun ha­ben mit der Tann­häu­ser-Hand­lung ge­mein, dass der Prot­ago­nist Elis Frö­bom der Macht ei­ner mys­te­riö­sen Ge­steins­kö­ni­gin ver­fällt. Traum und Rea­li­tät ver­schwim­men ihm, so­dass er sich wie in zwei Hälf­ten ge­teilt emp­fin­det: „… es war ihm, als stie­ge … sein ei­gent­li­ches Ich hin­ab in den Mit­tel­punkt der Erd­ku­gel und ruhe aus in den Ar­men der Kö­ni­gin …“ (SB, S. 193). Elis ver­schwin­det schließ­lich im Berg­werk, und erst 50 Jah­re spä­ter wird sein Leich­nam durch Zu­fall ge­bor­gen – un­ver­sehrt von Ver­we­sung (vgl. SB, S. 195f.).[5] In der an­schlie­ßen­den Dis­kus­si­on er­klärt Cy­pri­an, er habe Men­schen ge­kannt, die „in ste­ter Un­ru­he um­her­ge­trie­ben wur­den und die bald die­ses, bald je­nes ent­setz­li­che Er­eig­nis aus dem Le­ben fort­riß“ (SB, S. 198). Wag­ner war mög­li­cher­wei­se nicht von der Er­zäh­lung, son­dern von Fi­gur des Elis’ be­ein­flusst: Für Eli­sa­beth ist Tann­häu­ser „Der Unglücksel’ge, den ge­fan­gen ein furcht­bar mächt’ger Zau­ber hält“ (T, S. 91).

Ne­ben Hoff­mann wer­den Wer­ke von Fou­qué, Tieck, Ei­chen­dorff, Bech­stein und Hei­ne als Quel­len für Wag­ner ge­nannt.[6] Das The­ma des Tann­häu­ser wie Wag­ner es in Dich­tung und Mu­sik form­te, hat mit den meis­ten Vor­la­gen al­ler­dings nur den Wett­streit der Sän­ger ge­mein, und Wag­ner selbst fin­det in Hoff­manns Kampf der Sän­ger den Stoff sehr „ent­stellt“ (vgl. ML, S. 288). Die Volks­bal­la­de Der Tan­häu­ser, die Achim von Ar­nim und Cle­mens Bren­ta­no in ihre Samm­lung Des Kna­ben Wun­der­horn auf­neh­men ent­hält auch eine Ve­nus­berg-Sze­ne, die Hein­rich Hei­ne spä­ter par­odis­tisch verfremdet.

2. Übersicht

E.T.A. Hoff­mann in Die Eli­xie­re des Teu­fels und Ri­chard Wag­ner in Tann­häu­ser schil­dern eine Ab­fol­ge von Fre­vel, Ver­drän­gung, Neu­be­ginn und er­neu­tem Fre­vel. Die Schuld wird schließ­lich auf­ge­löst durch das Op­fer der „rei­nen Jungfrauen“.

a) Die Frauengestalten
Bei­de Wer­ke kon­tras­tie­ren weib­li­che Ge­stal­ten: Po­si­ti­ve Er­lö­ser­fi­gu­ren bei Hoff­mann sind Au­re­lie und die hei­li­ge Ro­sa­lia[7], bei Wag­ner Eli­sa­beth und die hei­li­ge Ma­ria. Ne­ga­ti­ve Ver­füh­re­rin­nen sind Eu­phe­mie bei Hoff­mann und Ve­nus bei Wag­ner. Die weib­li­chen Er­lö­ser­ge­stal­ten ver­let­zen ein Tabu. Au­re­lie, weil sie den Mönch Me­dardus liebt, Eli­sa­beth, weil sie Tann­häu­ser, den „Strei­ter der Ve­nus“ liebt. Bei­de Frau­en be­nen­nen ihre Schuld: Au­re­lies Be­kennt­nis „… blieb ich denn rein von der Sün­de, als ich ir­di­sches Glück zu er­lan­gen hoff­te in mei­ner ver­bre­che­ri­schen Lie­be“ (E, S. 283f), ent­spricht Eli­sa­beths Ge­bet: „… wenn je ein sün­di­ges Ver­lan­gen, ein welt­lich Seh­nen keimt’ in mir …“ (T, S. 107). Bei­de Frau­en über­win­den die ir­di­sche Lie­be zu­guns­ten der himm­li­schen[8], sie op­fern sich und ent­süh­nen so die Män­ner, die sie lieben.

b) Die männ­li­chen Protagonisten
Me­dardus und Tann­häu­ser ver­let­zen ein Tabu: Me­dardus durch den Bruch sei­nes Keusch­heits­ge­lüb­des, Tann­häu­ser durch sei­nen Auf­ent­halt im Ve­nus­berg. Bei­den Män­nern ge­lingt es nicht, ihre Sinn­lich­keit zu be­herr­schen: Me­dardus will Au­re­lie ver­ge­wal­ti­gen, Tann­häu­ser stellt Eli­sa­beth beim Sän­ger­wett­streit bloß. Me­dardus und Tann­häu­ser wer­den sich des Fre­vels be­wusst: Sie kas­tei­en sich, in­dem sie Es­sen und Trin­ken zu­rück­wei­sen, sich quä­len und stren­ger Käl­te aus­set­zen. Als Me­dardus ins Klos­ter zu­rück­kehrt, le­sen wir vom Ge­sang der heim­keh­ren­den Mön­che, be­vor Tann­häu­ser ins Tal der Wart­burg zu­rück­kehrt, hö­ren wir den Chor der Pil­ger. Bei­de Män­ner pil­gern nach Rom, doch der Papst ge­währt ih­nen kei­ne Ab­so­lu­ti­on: Nur das Op­fer der Frau­en wird sie ent­süh­nen und im Tod erlösen.

3. Schuld

Au­re­lie ver­letzt ein Tabu: Sie liebt ei­nen Mönch. Aus­ge­rech­net im Beicht­stuhl er­klärt sie dem „Gott­ge­weih­ten“ ihre Lie­be und er­lebt ge­nau das, was sie zu­vor in Der Mönch, dem Schau­er­ro­man von M.G. Le­wis ge­le­sen hat. Ihr Aus­bruch be­schämt sie zu­tiefst, und sie flüch­tet sich in die Ver­drän­gung, weil sie die „Ver­lo­ckung des Bö­sen“ spürt (E, S. 201). Kur­zer­hand leug­net sie die rea­le Sze­ne: Es sei nur ein leb­haf­ter Traum ge­we­sen, her­vor­ge­ru­fen durch nerv­li­che Über­rei­zung. Sehr viel spä­ter ge­steht sie sich und Me­dardus ih­ren Fre­vel ein: „… blieb ich denn rein von der Sün­de, als ich ir­di­sches Glück zu er­lan­gen hoff­te in mei­ner ver­bre­che­ri­schen Lie­be“ (E, S. 283f.).[9]

Ih­rem Be­kennt­nis ent­spricht Eli­sa­beths Ge­bet: „… wenn je ein sün­di­ges Ver­lan­gen, ein welt­lich Seh­nen keimt‘ in mir …“ (T, S. 107). Denn auch Eli­sa­beth bricht ein Tabu: Sie liebt ei­nen „Ve­nus-Rit­ter“. Tann­häu­ser hat­te Ve­nus ja ge­lobt, ihr „küh­ner Strei­ter“ zu sein (T, S. 39). Als Eli­sa­beth ihm in der Hal­le be­geg­net, weiß sie das noch nicht. Im Lie­bes­du­ett der bei­den legt Tann­häu­ser „dich­tes Ver­ges­sen“ über sei­ne Zeit bei Ve­nus (T, S. 63), singt vom „Gott der Lie­be“, der ihn zu Eli­sa­beth ge­führt habe (T, S. 65). Und das ist eine durch­aus un­schul­di­ge Me­ta­pher, die Eli­sa­beth zu Recht als poe­ti­sches Bild sei­ner Sehn­sucht und der Lie­be zu ihr ver­steht. Der Land­graf und Wolf­ram sind über­zeugt, dass Tann­häu­ser und Eli­sa­beth ein Paar wer­den (vgl. T, S. 67).
Doch dann än­dert Tann­häu­sers Preis­lied der Lie­bes­göt­tin al­les. Es stellt eine mög­li­che Ver­bin­dung mit Eli­sa­beth auf die Stu­fe von blo­ßer Ero­tik: „… was sich … in wei­cher For­mung an euch schmiegt – dem ziemt Ge­nuss in freud’gem Trie­be, und im Ge­nuss nur kenn ich Lie­be“ (T, S. 83). Zu Wag­ners wie zu Hoff­manns Le­bens­zeit sprach man das in al­ler Öf­fent­lich­keit nicht aus, schon gar nicht mit so über­schäu­men­der Be­geis­te­rung wie Tann­häu­ser beim Sängerwettstreit.
Den­noch: Eli­sa­beth ist zu­nächst hin­ge­ris­sen und will ap­plau­die­ren, dann spürt sie „ban­ge“ Ent­frem­dung, schließ­lich Angst (vgl. Wag­ners Re­gie­an­wei­sun­gen T, S. 79, 83, 87). Nun ist ihr be­wusst ge­wor­den, dass ihre Lie­be zu Tann­häu­ser ge­gen die hö­fi­sche Kon­ven­ti­on mit ih­rem Ide­al der himm­li­schen Lie­be ver­stößt. Das ist ihr „sün­di­ges Ver­lan­gen“ (T, S. 107). Und der „tör’ge Wahn“ (ebd.) mag ihre ty­pisch weib­li­che Hoff­nung sein, dass ihre Lie­be den Sün­der „hei­len“ kann. Dass dies nur mög­lich ist in der Süh­ne durch den Tod, er­kennt sie durch den Eklat beim Sängerwettstreit.

Das Nietz­sche-Zi­tat, wo­nach „die Un­schuld mit Vor­lie­be in­ter­es­san­te Sün­der er­löst“,[10] gilt auch für Au­re­lie, die eben­so wie Eli­sa­beth der Il­lu­si­on er­liegt, Me­dardus die rei­ne Lie­be ver­mit­teln zu kön­nen. Doch „… statt den Ge­dan­ken der ewi­gen Lie­be“ in ihm zu ent­zün­den habe sie die „höl­li­sche Glut der Lust“ in ihm ent­flammt (vgl. E, S. 284).

Eli­sa­beth nimmt die Zer­stö­rung der ge­mein­sa­men Zu­kunft klag­los hin, schützt Tann­häu­ser vor den Rit­tern und er­löst ihn schließ­lich durch ihre Lie­be zu ihm, zur hei­li­gen Ma­ria und zu Gott. Ihre Selbst­über­win­dung liegt dar­in, dass sie den Skan­dal, in den der Sän­ger­wett­streit mün­det, nicht ein­fach als Lie­ben­de, Ge­kränk­te und Lei­den­de er­trägt. Eli­sa­beth be­weist Au­to­no­mie, laut Im­ma­nu­el Kant die Grund­la­ge des mo­ra­li­schen Ge­set­zes, und han­delt als ein­zi­ge ver­nünf­tig im all­ge­mei­nen Tu­mult. Sie be­wahrt die auf­ge­brach­ten Rit­ter da­vor, Tann­häu­ser auf der Stel­le zu er­schla­gen und da­mit ein dop­pel­tes Ver­bre­chen zu be­ge­hen: Ers­tens gilt nun mal das Ge­bot „Du sollst nicht tö­ten“, zwei­tens wür­de der Mord Tann­häu­ser auf ewig ver­dam­men, da er sei­ne Schuld nicht mehr süh­nen kann: „Wollt ihr sein ewig Heil ihm rau­ben?“ Und „Zu­rück von ihm! Ihr seid nicht sei­ne Rich­ter!“ (T, S. 91). Nur durch die­ses sitt­lich-rei­fe Ver­hal­ten kann sie über­haupt zur Mitt­le­rin vor Got­tes Thron und zu Tann­häu­sers Er­lö­se­rin wer­den.[11]

Me­dardus wie­der­um muss nicht vor der Ge­sell­schaft ge­schützt wer­den, son­dern vor sich selbst. Und die­se Funk­ti­on er­füllt Au­re­lie: Sie er­scheint Me­dardus als hei­len­des Traum­bild, das die Alb­träu­me ver­scheucht: „… ein sanf­ter er­qui­cken­der Schlum­mer goß neue Le­bens­kraft in mei­ne Adern“. (E, S. 226). Nun ist er im­stan­de, nach Rom zu pil­gern: „… da er jetzt wirk­lich ein reu­iger Sün­der wor­den, und wohl fühl­te, dass er nichts mehr als das sei …“, er­klärt uns der „Her­aus­ge­ber“ (E, S. 227). Eben­so wie Tann­häu­ser hat Me­dardus sei­nen Hoch­mut über­wun­den und ist be­reit für Reue und Buße.

4. Sexualität

Das Vor­spiel zu Tann­häu­ser führt uns in ge­gen­sätz­li­che Wel­ten: die „… in­ni­ge, keu­sche des Glau­bens … und in die sinn­lich glü­hen­de der ero­ti­schen Lie­be …“.[12] Wo Wag­ner mit Mu­sik malt, malt Hoff­mann mit Wor­ten: „… in duf­ti­ger Fer­ne sah ich sie wan­deln, sie trat aus den Ge­bü­schen, sie stieg em­por aus den Quel­len, sie schweb­te auf blu­mi­ch­ter Wie­se …“ (E, S. 42). „Sie“ – das sind die in­ein­an­der ver­schwim­men­den Ge­stal­ten der hei­li­gen Ro­sa­lie und der Un­be­kann­ten aus dem Beicht­stuhl. Im Bild, das Hoff­mann uns malt, se­hen wir Si­re­nen und Nym­phen auf­stei­gen: Me­dardus’ Vi­si­on er­in­nert an Wag­ners Re­gie­an­wei­sung für das Bac­chanal, wie es John Neu­mei­er im Bay­reu­ther Tann­häu­ser von 1972 cho­reo­gra­phiert hat.

Bac­chanal in der „Tannhäuser“-Inszenierung von Götz Fried­rich 1972 – Foto: Bay­reu­ther Festspiele/​Wilhelm Rauh

Me­dardus und Tann­häu­ser lei­den am Dua­lis­mus ir­di­scher und himm­lisch-rei­ner Lie­be, den sie nicht auf­lö­sen kön­nen. Me­dardus treibt sei­ne dä­mo­ni­sche Sinn­lich­keit bis zum Mord, Tann­häu­ser büßt die Ver­göt­te­rung der bloß sinn­li­chen Lie­be mit so­zia­ler Ächtung.

Lie­bes­ge­nuss ohne Lie­bes­leid bie­ten die dä­mo­nisch kon­no­tier­ten weib­li­chen Ge­stal­ten Ve­nus und Eu­phe­mie, die dem Ar­che­ty­pus der „jun­gen Hexe“ ent­spre­chen.[13] Sie ver­lo­cken den Mann zur „bö­sen Lust“, was ihn un­wei­ger­lich in die Ver­damm­nis stür­zen muss, wenn nicht eben die lich­ten, rei­nen Jung­frau­en in Ge­stalt von Au­re­lie be­zie­hungs­wei­se Eli­sa­beth den Bann der se­xu­el­len Ab­hän­gig­keit lö­sen. Selbst die Ver­hei­ßung psy­chisch-phy­si­scher Er­fül­lung in der Lie­be ist durch die­se bei­den Frau­en­ge­stal­ten personifiziert.
Auf die Ver­bin­dung von Ve­nus und Ma­ria in Tann­häu­ser weist Die­ter Borchmey­er hin.[14] Auch hier gibt es eine Ent­spre­chung zu den Eli­xie­ren: Me­dardus’ Vor­fahr, ein ge­nia­ler, al­ler­dings ver­derb­ter Ma­ler´, soll für ein Ka­pu­zi­ner­klos­ter ein Ge­mäl­de der hei­li­gen Ro­sa­lia an­fer­ti­gen. Ge­ra­de­zu be­ses­sen von ei­nem be­rühm­ten Ve­nus­bild, „das er stets in Ge­dan­ken trug“, will er auch die Hei­li­ge „nackt, und in Form und Bil­dung des Ge­sichts je­nem Ve­nus­bil­de gleich“ dar­stel­len. Doch dann wagt er nicht, Ro­sa­li­as Ge­sicht zu ma­len und ver­hüllt schließ­lich auch den Kör­per mit „züch­ti­gen Ge­wän­dern“ (E, S. 230). Voll­enden wird das Bild erst Me­dardus’ Vater.

In Eu­phe­mie per­so­ni­fi­ziert E.T.A. Hoff­mann die Ge­fähr­dung durch Se­xua­li­tät. Me­dardus und Eu­phe­mie ver­bin­det nur die se­xu­el­le Gier ohne Zu­nei­gung: Sie will ihn an sich fes­seln, er soll mit ihr „herr­schen“, nach­dem er den Ba­ron, Eu­phe­mies Ehe­mann, um­ge­bracht hat. Die Sze­ne ent­wi­ckelt sich zum wil­den Streit mit wüs­ten Be­schimp­fun­gen. Me­dardus be­schließt, Eu­phe­mie zu tö­ten, um sich von ihr zu be­frei­en und – Au­re­lie zu ge­win­nen: „In dem Au­gen­blick, daß Eu­phe­mie un­ter­ge­gan­gen, soll­te Au­re­lie mein wer­den“ (E, S. 74).

Tann­häu­ser kos­tet es eben­so viel En­er­gie, sich von Ve­nus zu lö­sen, und sein Lob­preis der Göt­tin mün­det schließ­lich ins Fle­hen: „O Kö­ni­gin, Göt­tin! Laß mich ziehn!“. Ve­nus be­greift Tann­häu­sers Sehn­sucht nach dem ir­di­schen Le­ben nicht. Zu­tiefst ge­kränkt, re­agiert sie so ge­reizt wie Eu­phe­mie: „Ich laß dich nicht! Du darfst nicht von mir ziehn!“ (T, S. 35). Al­ler­dings geht es im Ve­nus­berg zi­vi­li­sier­ter zu als in Me­dardus’ Schlaf­ge­mach: Der Dia­log der bei­den ist lei­den­schaft­li­che Hul­di­gung sei­tens Tann­häu­sers, die Ve­nus mit wah­rem Si­re­nen­ge­sang er­wi­dert.[15] Doch eben­so ri­go­ros wie Me­dardus mit sei­ner Ge­lieb­ten, bricht auch Tann­häu­ser mit der Göt­tin: Er lässt Ve­nus ver­schwin­den „Mein Heil ruht in Ma­ria!“ (T, S. 35) und wen­det sich ei­ner an­de­ren Frau zu.[16]

Geht es hier um die hei­li­ge Ma­ria oder um die ir­di­sche Eli­sa­beth, die Tann­häu­ser schon ein­mal ver­las­sen hat? Plau­si­bel ist Eli­sa­beth; die Lie­bes­göt­tin wird zwar ge­bannt durch die Er­wäh­nung der Got­tes­mut­ter, doch Tann­häu­sers Sehn­sucht gilt der ge­lieb­ten Frau: „Eli­sa­beth! O Macht des Him­mels, rufst du den sü­ßen Na­men mir?“ (T, S. 57). Dazu stimmt auch, dass „Wag­ner hier beim Wort ‚Eli­sa­beth‘ den glei­chen kla­ren (D-Dur-)Akkord setzt, mit dem er am Schluss der Ve­nus­berg-Sze­ne den Na­men ‚Ma­ria‘ un­ter­strich, und noch dazu in glei­cher In­stru­men­ta­ti­on …“.[17]

Tann­häu­ser, nach christ­li­chem Ver­ständ­nis schul­dig ge­wor­den, er­kennt nicht, dass er als Ve­nus’ „küh­ner Strei­ter“ (T, S. 39) auf Eli­sa­beth ver­zich­ten muss. Nicht der Wunsch an sich, die ad­li­ge Nich­te des Land­gra­fen zu hei­ra­ten, ist sein Ver­ge­hen.[18] Son­dern das Ver­lan­gen, rei­ne Sinn­lich­keit mit rei­ner Lie­be zu ver­bin­den. In sei­ner Welt ist das nicht mög­lich, in un­se­rer heu­ti­gen wäre es das schon. To­bi­as Krat­zer hat in sei­ner Bay­reu­ther In­sze­nie­rung von 2019 Tann­häu­sers Sinn­lich­keit als Aus­druck se­xu­el­ler Ge­walt in­sze­niert und so den Ta­bu­bruch für mo­der­ne Men­schen sicht­bar gemacht.

Film­sze­ne aus dem 1. Akt der „Tannhäuser“-Inszenierung von To­bi­as Krat­zer 2019 – Foto: Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

Auch bei Me­dardus mün­det die über­bor­den­de Sinn­lich­keit in se­xu­el­le Ge­walt. Mit Eu­phe­mie bricht er sein Keusch­heits­ge­lüb­de, op­fert da­mit das „Heil sei­ner See­le“ (E, S. 62). Und trotz die­ser Lie­bes­be­zie­hung zu ei­ner dä­mo­ni­schen Frau ver­sucht er, Au­re­lie zu ver­füh­ren. Als es ihm nicht ge­lingt, er sich durch Au­re­lies Un­schuld nur noch mehr in sei­ne se­xu­el­le Gier stei­gert (E, S. 70), will er sie ver­ge­wal­ti­gen, wor­an ihn Au­re­lies Bru­der Her­mo­gen hin­dert. Ihn tö­tet Medardus.

Au­re­lie ist das Ge­gen­bild zu Eu­phe­mie: eine nai­ve, un­schul­di­ge jun­ge Frau, die Me­dardus – da­mals noch Mönch im Klos­ter – ihre Lie­be ge­steht. Erst spä­ter er­fährt Me­dardus, wer die Un­be­kann­te ist, die in ihm die „sünd­lichs­ten Be­gier­den … er­reg­te, so daß ich mich nicht zu ret­ten wuß­te, vor wol­lüs­ti­ger Qual“ (E, S. 41).

Wes­halb Au­re­lie sich so un­sterb­lich in Me­dardus ver­liebt hat, wird nicht so rich­tig klar. Es könn­te mit der eben­so ver­wi­ckel­ten wie fluch­be­la­de­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te[19] der bei­den zu­sam­men­hän­gen, die Hoff­mann spä­ter im Per­ga­ment­blatt des al­ten Ma­lers (E, S. 228ff.) ent­hüllt: Als Kind über­rascht Au­re­lie ihre Mut­ter, wie die­se „im blau­en Ca­bi­net“ eine Wand zur Sei­te glei­ten lässt. Sicht­bar wird das „le­bens­gro­ße Bild ei­nes schö­nen, in ei­nen vio­let­ten Man­tel wun­der­bar ge­klei­de­ten Man­nes“ (E, S. 195f.), das auf Au­re­lie ei­nen „un­be­schreib­li­chen Ein­druck“ macht (ebd.).[20]

Nach dem Tod der Mut­ter ent­deckt man das Bild und ent­fernt es, doch Au­re­lie kommt nicht da­von los. Der Un­be­kann­te er­scheint ihr im Traum, trägt je­doch nicht mehr den vio­let­ten Man­tel, son­dern das Or­dens­kleid der Ka­pu­zi­ner: „Du liebst mich, Au­re­lie … aber kannst du die Ge­lüb­de des Gott­ge­weih­ten bre­chen?“ (E, S. 198). Als sie dann vom Ka­pu­zi­ner­mönch Me­dardus hört, ei­nem be­rühm­ten Kan­zel­red­ner, ist sie über­zeugt, dass „das ge­lieb­te und ge­fürch­te­te Traum­bild je­ner Me­dardus sein könn­te“ (E, S. 199), dem sie we­nig spä­ter am Al­tar der hei­li­gen Ro­sa­lie be­geg­net. Und weil er dem Bild des Un­be­kann­ten aufs Haar gleicht, bricht es aus ihr her­aus: „Du selbst, … Me­dardus, bist es, den ich so un­aus­sprech­lich lie­be“ (E, S. 200).

5. Erlösung

„Wag­ner hat über nichts so tief wie über die Er­lö­sung nach­ge­dacht: sei­ne Oper ist die Oper der Er­lö­sung“, schreibt Fried­rich Nietz­sche.[21] Wie passt das zu Tann­häu­sers „bö­ser Lust“ und Me­dardus’ „wil­der Be­gier“, die in Mu­sik und Dich­tung so aus­führ­lich wie ein­drücklich ge­schil­dert werden?

Zwei­fel­los spielt in den Eli­xie­ren und in Tann­häu­ser die Se­xua­li­tät eine grö­ße­re Rol­le als in an­de­ren Wer­ken von Hoff­mann und Wag­ner: Beim Dich­ter sind es Sze­nen mit un­ge­wöhn­lich dras­ti­scher Wort­wahl. Beim Kom­po­nis­ten ist es die flir­rend-ver­lo­cken­de Mu­sik, de­ren ero­ti­sche Span­nung man in­ten­si­ver emp­fin­det als die ei­gent­li­chen Ve­nus­berg­sze­nen. Bei­de Wer­ke be­to­nen die Trieb­haf­tig­keit der männ­li­chen Prot­ago­nis­ten und dar­aus fol­gend de­ren Schuld. Egon Voss kon­sta­tiert, Se­xua­li­tät sei Wag­ners Grund­the­ma.[22] Zu­gleich weist er auf den we­sent­li­chen Ein­fluss Ar­thurs Scho­pen­hau­ers auf Ri­chard Wag­ner hin: Die­ser habe sich seit 1854 mit Scho­pen­hau­ers Phi­lo­so­phie be­schäf­tigt und „… fort­an war Die Welt als Wil­le und Vor­stel­lung sein Glau­bens­be­kennt­nis.“[23]

Bei­de The­sen las­sen sich kaum ver­bin­den: Den Be­reich der Kunst – für Wag­ner wie für Hoff­mann das Le­bens­the­ma – be­stim­men laut Scho­pen­hau­er die Pla­to­ni­schen Ideen. Sie sind Ob­jekt der Kunst, ge­nau­er: die un­mit­tel­ba­ren Ob­jek­ti­va­tio­nen des Wil­lens zum Le­ben. „Sie [i.e. die Kunst] wie­der­holt die durch rei­ne Kon­tem­pla­ti­on auf­ge­faß­ten ewi­gen Ideen, das We­sent­li­che und Blei­ben­de al­ler Er­schei­nun­gen der Welt, und je nach­dem der Stoff ist, in wel­chem sie [i.e. die Ideen] wie­der­holt, ist sie bil­den­de Kunst, Poe­sie oder Mu­sik. Ihr ein­zi­ger Ur­sprung ist die Er­kennt­niß der Ideen; ihr ein­zi­ges Ziel Mitt­hei­lung die­ser Er­kennt­niß“.[24]

Grund­be­din­gung die­ser Ideen­schau ist die Fä­hig­keit zu rei­ner Kon­tem­pla­ti­on und willens­freiem Er­ken­nen. Das heißt: Bei Pro­duk­ti­on und Re­zep­ti­on von Kunst müs­sen wir den Wil­len zum Le­ben als blin­des Stre­ben aus­schal­ten. Die Se­xua­li­tät aber ge­stat­tet uns das be­kannt­lich nicht; nach Scho­pen­hau­er ist sie un­trenn­bar mit dem Wil­len zum Le­ben ver­bun­den, denn nur er ga­ran­tiert den Fort­be­stand der Gattung.

Wag­ner geht es eben­so wie Hoff­mann nicht al­lein um Se­xua­li­tät, son­dern viel­mehr um Er­lö­sung: Die „un­end­li­che Sehn­sucht“, eine For­mu­lie­rung, die durch­ge­hend in Hoff­manns poe­ti­schen und mu­sik­theo­re­ti­schen Wer­ken auf­taucht, ist die Sehn­sucht nach Er­lö­sung aus dem Dua­lis­mus des Lebens.

Me­dardus be­wäl­tigt die dä­mo­ni­sche Lei­den­schaft: In der Kon­tem­pla­ti­on, die ihm im Klos­ter ge­lingt, fin­det er zur Selbst­er­kennt­nis, an­er­kennt sei­ne Schuld, kann so die Ich­spal­tung über­win­den und zur Er­lö­sung im Tod ge­lan­gen. Und Tann­häu­ser, „in furcht­ba­rer Zer­knir­schung zu­sam­men­stür­zend“ (T, S. 93), beugt sich kei­nes­wegs nur der hö­fi­schen Kon­ven­ti­on. Denn „nichts ver­mag ihn in der Er­ha­ben­heit sei­ner Ent­zü­ckung, mit der er ein­sam ei­ner gan­zen Welt trot­zig ent­ge­gen­steht, zu er­schüt­tern, als … das Weib, das sich aus Lie­be für ihn op­fert“.[25] So be­dau­ert er zu­tiefst, was er Eli­sa­beth an­ge­tan hat, nimmt die auf­er­leg­te Buße an, pil­gert, sich kas­tei­end, nach Rom. Doch weil der Papst ihn nicht los­spricht, ver­bringt Tann­häu­ser den Rest sei­ner Zu­kunft kei­nes­wegs bü­ßend und kon­tem­pla­tiv in der Ein­sie­de­lei: Es zieht ihn wie­der zu Ve­nus, und das wirkt eher wie eine Trotz­re­ak­ti­on an­stel­le ei­nes Ver­lan­gens nach ewi­gem Ge­nuss. Wie­der­um ist es Eli­sa­beth, die ihn vor Ver­damm­nis bewahrt.

Tann­häu­ser und Me­dardus un­ter­wer­fen sich der Buße: Me­dardus weist das Es­sen zu­rück, liegt aus­ge­streckt auf dem kal­ten Mar­mor­bo­den und kas­teit sich „in ein­sa­mer Zel­le selbst auf die grau­sams­te Wei­se“ (E, S. 223). Tann­häu­sers Rom­er­zäh­lung be­schreibt Ähn­li­ches: Auf sei­ner Pil­ger­rei­se stillt er sei­nen Durst nicht, saugt viel­mehr „der Son­ne hei­ßen Glü­hen ein“, geht blo­ßen Fu­ßes über Dor­nen und Stei­ne, ruht sich nicht wie die an­de­ren Pil­ger im Hos­piz aus: „… die Glie­der bet­tet’ ich in Schnee und Eis“ (T, S. 115).

Bei­de Män­ner set­zen all ihre Hoff­nung auf die „rei­nen Jung­frau­en“: Für Tann­häu­ser ist Eli­sa­beth die „Gott­ge­sand­te, En­gel mei­nes Heils, des Him­mels Mitt­le­rin“ (T, S. 93). Wolf­ram be­kräf­tigt dies „Dein En­gel fleht für dich an Got­tes Thron …“ (T, S. 125). Me­dardus fühlt „… daß nur durch Au­re­lie mei­ne See­le er­ret­tet wer­den kön­ne…“ (E, S. 205), sie ist „die from­me Him­mel­braut“ (E, S. 281). Und wie Eli­sa­beth wird sie „der Erde vol­ler Qual ent­rückt“ (E, S. 287).

Sicht­ba­res Zei­chen für die Er­lö­sung Tann­häu­sers durch Eli­sa­beth ist der er­grün­te Stab des Paps­tes (T, S. 127), den die jün­ge­ren Pil­ger zu Eli­sa­beths Bah­re und dem Leich­nam Tann­häu­sers brin­gen. In den Eli­xie­ren ist das fri­sche Grün eben­falls mit dem Papst ver­bun­den, doch bei Hoff­mann ver­läuft die Be­geg­nung zwi­schen Sün­der und Got­tes Stell­ver­tre­ter so, wie Tann­häu­ser es sich ge­wünscht hat­te. Die­ser Papst ist kein er­bar­mungs­lo­ser Got­tes­mann; zwar er­teilt er Me­dardus nicht die Ab­so­lu­ti­on, doch er macht ihm Mut und schenkt ihm Hoff­nung: „wie die Kraft … des her­vor­schie­ßen­den Bau­mes die Blät­ter wie­der grün färbt“ pflan­ze sich der Fa­mi­li­en­fluch zwar fort. Doch „der ewi­ge Geist schuf ei­nen Rie­sen, der je­nes blin­de Tier, das in uns wü­tet, zu bän­di­gen und in Fes­seln zu schla­gen ver­mag“ (E, S. 248). Me­dardus er­kennt, dass er sich sei­ner Schuld stel­len, sie er­neut durch­le­ben muss. Das ist sei­ne Buße, die ihn – un­ter­stützt durch Au­re­lies Für­spra­che – schließ­lich ent­süh­nen wird.

Me­dardus ist ge­trös­tet, be­kommt je­doch – in ty­pisch Hoffmann’scher Iro­nie – noch ei­nen päpst­li­chen Dämp­fer mit auf den Weg nach Hau­se: „… ge­bär­de dich we­ni­ger när­risch in den Kir­chen, zum Hei­li­gen schwingst du dich nun ein­mal nicht hin­auf – der Ka­len­der ist voll­zäh­lig“ (E, S. 249). Als er aus Rom in sein Klos­ter zu­rück­kehrt, emp­fängt ihn der Ge­sang der heim­keh­ren­den Mön­che: „End­lich, nach rast­lo­ser Wan­de­rung … nah­te ich mich der Hei­mat; … Ein Hym­nus, von Män­ner­stim­men ge­sun­gen, klang aus der Fer­ne her­über – Ein Kreuz wur­de sicht­bar – Mön­che, paar­wei­se wie in Pro­zes­si­on fort­schrei­tend, hin­ter ihm.“ (E, S. 265). So sieht man auch den Pil­ger­chor, wenn Eli­sa­beth auf Tann­häu­sers Rück­kehr aus Rom hofft – vor dem geis­ti­gen Auge oder rea­li­ter auf der Büh­ne (T, S. 105f.).

Auch Eli­sa­beth fin­det ih­ren Frie­den: Wolf­rams be­rühm­tes Lied be­schreibt, wie der Abend­stern Eli­sa­beths See­le den Weg nach oben weist: „Da schei­nest du, o lieb­lichs­ter der Ster­ne“, und er bit­tet „grü­ße sie, … wenn sie ent­schwebt dem Tal der Er­den, ein sel’ger En­gel dort zu wer­den“ (T, S. 110f.).[26]

Me­dardus er­lebt eine ähn­li­che Vi­si­on wäh­rend des Re­qui­ems für Au­re­lie: „… war es mir, als sähe ich in himm­li­scher Son­nen­klar­heit Au­re­li­en, wie sie erst auf mich nie­der­blick­te und dann ihr von ei­nem strah­len­den Ster­nen­ring um­ge­be­nes Haupt zum höchs­ten We­sen er­hob, um für das ewi­ge Heil mei­ner See­le zu bit­ten“ (E, S. 286).

So bit­ten bei­de Frau­en an Got­tes Thron um Gna­de, bei Hoff­mann ver­mit­telt durch die hei­li­ge Ro­sa­lia, bei Wag­ner durch die Got­tes­mut­ter Ma­ria. Bei­de ge­ben ihr Le­ben für das See­len­heil ih­rer ge­lieb­ten Män­ner. Bei Wag­ner ist das nichts Un­ge­wöhn­li­ches, denn ei­nen Opern­schluss, den die Lie­ben­den über­le­ben, gönnt er uns nur in Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg. Hoff­mann hin­ge­gen lässt vie­le sei­ner Er­zäh­lun­gen ver­söhn­lich en­den: Die Ver­wir­run­gen lö­sen sich auf, Rea­les und Wun­der­ba­res sind am Ende ver­eint – ent­we­der in At­lan­tis, dem Reich der Poe­sie wie im Gold­nen Topf, dem ers­ten Hoffmann’schen Mär­chen. Oder in der Phi­lis­ter­welt wie in sei­nem letz­ten, dem Meis­ter Floh: Man ist ganz ohne Pro­blem so­wohl an­ge­se­he­ner Bür­ger Pe­re­gri­nus Tys als auch Geis­ter­kö­nig Sekakis.

Die Eli­xie­re bil­den da kei­ne Aus­nah­me, doch das Be­son­de­re ist die re­li­giö­se Grun­die­rung am Ende: „… der Herr des Him­mels“ las­se Me­dardus „… der­einst fröh­lich auf­er­ste­hen und neh­me ihn auf in den Chor hei­li­ger Män­ner, da er sehr fromm ge­stor­ben“ (E, S. 291). Wie auch Tann­häu­ser: „… in höchs­ter Er­grif­fen­heit“ ver­si­chert uns der Land­graf: „Der Gna­de Heil ward dem Bü­ßer be­schie­den, nun geht er ein in der Se­li­gen Frie­den“ (T, S. 120).

6. Abschließende Betrachtung

„Was Goe­the über Wag­ner ge­dacht ha­ben wür­de?“, fragt Nietz­sche in sei­ner Schrift Der Fall Wag­ner. Zu­vor ver­gleicht er das Un­ver­ständ­nis, das Goe­the „im mo­ra­lin­sauren alt­jung­fern­haf­ten Deutsch­land“ ent­ge­gen­schlug mit der Em­pö­rung ge­gen Tann­häu­ser beim Sän­ger­wett­streit: „Goe­the war den Deut­schen im­mer an­stö­ßig … alle klei­nen Höfe, alle Art ‚Wart­burg‘ in Deutsch­land be­kreuz­te sich vor Goe­the, vor dem ‚un­sau­be­ren Geist‘ in Goe­the“. Die­se Ge­schich­te, so Nietz­sche, habe Wag­ner in Mu­sik ge­setzt.[27]

Und so sei ab­schlie­ßend eine Spe­ku­la­ti­on er­laubt: Als Tann­häu­ser am 19. Ok­to­ber 1845 an der Dresd­ner Hof­oper ur­auf­ge­führt wur­de, wäre E.T.A. Hoff­mann 69 Jah­re alt ge­we­sen. Was hät­te er wohl zu die­ser Oper und all­ge­mein zu Wag­ners Werk gesagt?

In die Se­ra­pi­ons-Brü­der stellt er die „voll­kom­me­ne Ein­heit des Tex­tes aus der Mu­sik“ noch zur Dis­kus­si­on: im Ge­spräch zwi­schen Der Dich­ter und der Kom­po­nist, das laut Ta­ge­buch am 9. Ok­to­ber 1813 voll­endet ist (SB S. 76ff. und S. 1045). Doch schon im Früh­jahr 1814 schreibt er in Ah­nun­gen aus dem Rei­che der Töne: „Wie, wenn voll­ende­te hohe Meis­ter­wer­ke des Ge­san­ges, in de­nen Mu­sik und Wor­te in Ei­nes ver­schmol­zen un­trenn­bar blei­ben, nur aus je­ner hö­he­ren phy­si­schen Ver­bin­dung des Dich­ters und Mu­si­kers ent­ste­hen könn­ten, so daß das Werk zu­gleich ge­dich­tet und kom­po­niert wur­de? – Wie, wenn oft ein geis­ti­ges drit­tes Prin­zip in der Na­tur ein Band um bei­de schlän­ge, und Wort und Ton wie ein Lie­bes­bo­te her­über­bräch­te vom Ei­nen zum An­dern, wie die Schmet­ter­lin­ge den be­fruch­ten­den Staub von Blu­me zu Blu­me tra­gen?“ (SchM, S. 612).

Ist das nicht eine hoch poe­ti­sche und zu­gleich pro­phe­ti­sche Sicht auf das Ge­samt­kunst­werk, das Ri­chard Wag­ner ein paar Jahr­zehn­te spä­ter schaf­fen soll­te? Wag­ner hat Hoff­manns For­de­rung nach Dich­ter und Kom­po­nist in Per­so­nal­uni­on ver­mut­lich ge­kannt. Doch ob er in die­sem Punkt von Hoff­mann be­ein­flusst war – auch das muss Spe­ku­la­ti­on blei­ben. Ge­wiss aber hät­te Hoff­mann – wie in Beet­ho­vens 5. Sin­fo­nie – auch in Wag­ners Werk „die un­end­li­che Sehn­sucht“ er­kannt. Sie war ja das Le­bens­the­ma bei­der Män­ner: Hoff­manns, der sich in ers­ter Li­nie als Mu­si­ker ver­stand und da­bei ein gran­dio­ses dich­te­ri­sches Werk ge­schaf­fen hat. Und Wag­ners, der sein Ide­al des Ge­samt­kunst­werks ver­wirk­lich­te und auf dem Grü­nen Hü­gel sein „Rit­ter­gut in At­lan­tis“ in Be­sitz nahm.[28]

Anmerkungen

[1] In Der Dich­ter und der Kom­po­nist un­ter­sucht Hoff­mann das „wahr­haft Ro­man­ti­sche“ (vgl. SB, S. 88) und weist da­bei der Mu­sik eine be­stim­men­de Rol­le zu: „… nur im Reich der Ro­man­tik ist die Mu­sik zu Hau­se“ (ebd. S. 84). Dar­aus er­gibt sich für ihn das Ver­hält­nis von Text und Mu­sik in der Oper: Die Mu­sik müs­se „un­mit­tel­bar und not­wen­dig aus der Dich­tung ent­sprin­gen“ (ebd.). Spä­ter geht er noch wei­ter und for­dert, dass Li­bret­tist und Kom­po­nist ein und die­sel­be Per­son sein soll­ten (vgl. un­ten, S. 11: SchM, S. 612).
[2] Die For­schungs­bei­trä­ge zum Ein­fluss Hoff­manns auf Wag­ner sind so zahl­reich, dass sie hier nicht im Ein­zel­nen auf­ge­führt wer­den. Ge­nannt sei­en nur: Kai­ser, Anne Kat­rin (vgl. Anm. 5), Krä­mer, Jörg: Die Be­deu­tung von E.T.A. Hoff­manns Mu­sik­äs­the­tik für Ri­chard Wag­ner. In: MHG, Bd. 22 (2014), S. 98-113 und Wag­ner, Ca­ro­li­ne: Auf Spu­ren­su­che. Die Be­deu­tung der li­te­ra­ri­schen Tex­te E.T.A. Hoff­manns für Ri­chard Wag­ner. In: MHG Bd. 22 (2014), S. 114-130.
[3] Die Eli­xie­re des Teu­fels ent­hal­ten alle ty­pi­schen Ele­men­te, die Kenn­zei­chen von Hoff­manns Er­zähl­wei­se sind: Die Angst vor dem Wahn­sinn teilt Me­dardus mit Jo­han­nes Kreis­ler, der Dop­pel­gän­ger, ob Trug­bild oder rea­le Per­son, quält Me­dardus eben­so wie den Ka­pell­meis­ter. Mit dem Pro­blem der Ich-Iden­ti­tät, im spä­ten Mär­chen Prin­zes­sin Brambil­la auf die Spit­ze ge­trie­ben, ist der Le­ser den gan­zen Ro­man hin­durch kon­fron­tiert. Die Ma­gus-Fi­gur, hier in Ge­stalt des Pri­o­rs Leo­nar­dus, führt Me­dardus schließ­lich zur Selbst­fin­dung. Für gro­tes­ke Sze­nen sor­gen die Auf­trit­te von Pie­tro Bel­cam­po ali­as Pe­ter Schön­feld, der auch Hoff­manns Kon­zept des Hu­mors verkörpert.
[4] In Er­wi­de­rung auf eine Kri­tik am Se­ra­pi­ons-Prin­zip, be­tont Hoff­mann die not­wen­di­ge Ver­bin­dung von Fan­ta­sie und Ver­stand noch ein­mal in ei­nem Brief an den Her­aus­ge­ber ei­ner Zeit­schrift. „… daß da die in­nern Au­gen, de­ren Blick die dich­te­ri­sche An­schau­ung be­dingt, eben so gut im Kopf sit­zen wie der Ver­stand, der hei­li­ge Se­ra­pi­on, als er je­nes Prin­zip auf­stell­te, nach dem man nur das le­ben­dig und wahr­haft ans Licht be­för­dern kann, was man eben so im In­nern ge­schaut hat, im­mer den un­wan­del­bar treu­en ehe­li­chen Bund vor­aus­ge­setzt hat, in dem bei­de, Ver­stand und Phan­ta­sie blei­ben müs­sen, wenn et­was Or­dent­li­ches her­aus­kom­men soll. – Ich blei­be bei die­sem Prin­zip!“ (SchrM, S. 674). Die­ses Prin­zip gilt auch für den mu­si­ka­li­schen Aus­druck: „…die Be­geis­te­rung, wel­che das Werk ge­bar, wird in wun­der­ba­rem Nach­klan­ge den Zu­hö­rer mäch­tig er­grei­fen, so daß er der Se­lig­keit teil­haf­tig wird, die den Mu­si­ker in je­nen Stun­den der Wei­he um­fing. Dies ist aber der wahr­haf­ti­ge Ef­fekt des aus dem In­nern her­vor­ge­gan­ge­nen Ton­ge­dichts“, heißt es in den Kreis­le­ria­na (F, S. 320f). Und so, als ver­fol­ge auch er die­ses „se­ra­pion­ti­sche Prin­zip“ für den Tann­häu­ser, schreibt Ri­chard Wag­ner in ei­nem Brief über die „leb­haf­te­tes­te und ge­stei­gerts­te Teil­nah­me des Pu­bli­kums“ an der Sän­ger­wett­streit-Sze­ne: „… ich hat­te so­mit den Tri­umph… un­ser Pu­bli­kum in der Oper durch den Ge­dan­ken zu fas­sen, nicht bloß durch die Emp­fin­dung“. Zit. nach Pro­gramm­buch zur Neu­in­sze­nie­rung Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf der Wart­burg. Mün­chen 2017, S. 15.
[5] Kurt Pah­len führt be­stimm­te Mo­ti­ve aus Hoff­manns Die Berg­wer­ke zu Fa­lun an (vgl. Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf der Wart­burg. Text­buch, Ein­füh­rung und Kom­men­tar von Kurt Pah­len un­ter Mit­ar­beit von Ro­se­ma­rie Kö­nig. Mainz 72008, S. 164). Wag­ner er­wähnt die Berg­wer­ke in Mein Le­ben (vgl. ML, S. 289), doch hier geht es um sei­ne ei­ge­ne Be­ar­bei­tung des Stof­fes, für die er sei­ne „Hoffmann’schen Er­in­ne­run­gen ge­plün­dert“ habe (vgl. ebd.). Anne Kat­rin Kai­ser, de­ren Dis­ser­ta­ti­on ein ei­ge­nes Ka­pi­tel zu Hoff­manns Ein­fluss auf Ri­chard Wag­ners Tann­häu­ser ent­hält, zieht für die Oper eben­falls Kampf der Sän­ger her­an: vgl. Anne Kat­rin Kai­ser: Die Kunst­äs­the­tik Ri­chard Wag­ners in der Tra­di­ti­on E.T.A. Hoff­manns, Diss. Frei­burg i.Br. 2009, S. 359-363).
[6] Vol­ker Mer­tens gibt eine de­tail­lier­te Auf­stel­lung von Wag­ners mög­li­chen Quel­len: Ve­nus­berg, Sän­ger­krieg, Bü­ßer­le­gen­de. Die mit­tel­al­ter­li­chen und ro­man­ti­schen Quel­len zu Wag­ners Tann­häu­ser. In: wag­ner­spec­trum, Schwer­punkt Tann­häu­ser, H. 1, 2018, S. 13-49. Die­ter Borchmey­er: Ri­chard Wag­ner. Werk – Le­ben – Zeit. Stutt­gart 2013, S. 97ff. führt die Quel­len aus­führ­lich an, des­glei­chen Ul­rich Drü­ner, der al­ler­dings kei­nes der Wer­ke von Hoff­mann er­wähnt. Vgl. Drü­ner, Ul­rich: Ri­chard Wag­ner. Die In­sze­nie­rung ei­nes Le­bens. Bio­gra­fie. Mün­chen 2016, S. 184f. Das gilt auch für Egon Voss: Ri­chard Wag­ner. Mün­chen 2012, Alex Ross: Die Welt nach Wag­ner. Ham­burg 2020 und Udo Berm­bach: Blü­hen­des Leid. Po­li­tik und Ge­sell­schaft in Ri­chard Wag­ners Mu­sik­dra­men. Stutt­gart 2003.
[7] Ro­sa­lia, Toch­ter ei­nes si­zi­lia­ni­schen Gra­fen, leb­te als Ein­sied­le­rin im 12. Jhd.: vgl. Re­clams Le­xi­kon der Hei­li­gen und der bi­bli­schen Ge­stal­ten. Stutt­gart 61987, S. 495f.
[8] vgl. Borchmey­er, a.a.O., S. 106f.
[9] Ver­drän­gung spielt eine be­deu­ten­de Rol­le in den Eli­xie­ren: Me­dardus glaubt, nicht er habe Her­mo­gen ge­tö­tet, son­dern der wahn­sin­ni­ge Mönch (vgl. E, S. 184), Me­dardus’ Dop­pel­gän­ger. Trotz der vie­len In­ter­pre­ta­tio­nen in der Hoff­mann-For­schung wird nie ganz klar, ob die­ser Dop­pel­gän­ger tat­säch­lich exis­tiert oder ob Me­dardus ihn nur hal­lu­zi­niert als Aus­druck sei­ner Ich-Spal­tung. Denn der Dop­pel­gän­ger ist ja nicht iden­tisch mit Vik­to­rin, Me­dardus’ Halb­bru­der, der ihm zum Ver­wech­seln gleicht.
[10] vgl. Nietz­sche, Fried­rich: Wer­ke in sechs Bän­den, hrsg. v. Karl Schlech­ta. Mün­chen-Wien 1980. Bd. IV, S. 908.
[11] To­bi­as Krat­zer sagt im Ge­spräch mit Kris­tel Pap­pel zu sei­ner Bay­reu­ther Tann­häu­ser-In­sze­nie­rung von 2019, Eli­sa­beth sei eine Ge­stalt, die dra­ma­tur­gisch ein­ge­führt wer­de, um zu ster­ben und zu er­lö­sen. Die­se Deu­tung ist in Krat­zers In­sze­nie­rung sehr stim­mig. Viel­leicht hat auch Wag­ner es so ge­meint, und mei­ne In­ter­pre­ta­ti­on ist zu mo­dern. Vgl. Krat­zer, To­bi­as: Tann­häu­ser 2019. In: Sze­nen­ma­cher. Wag­ner-Re­gie vom 19. Jh. bis heu­te. Hrsg. von Ka­tha­ri­na Wag­ner et al. Kas­sel 2020, S. 138.
[12] vgl. Tann­häu­ser, Pah­len, a.a.O., S. 10.
[13] Die­ser Ar­che­ty­pus ge­hört nach Erich Neu­mann zu den Mys­te­ri­en des Rau­sches, wäh­rend die „alte Hexe“ die ver­schlin­gen­de, furcht­ba­re Mut­ter und da­mit die To­des­mys­te­ri­en sym­bo­li­siert: vgl. Erich Neu­mann: Die Gro­ße Mut­ter. Düs­sel­dorf 2003, Abb. S. 81. Neu­mann ver­steht un­ter „Mys­te­ri­en“ nicht nur die his­to­ri­schen Mys­te­ri­en wie z.B. die Eleu­si­schen, son­dern „all­ge­mei­ner ei­nen psy­chi­schen Be­zirk, der … ein gan­zes Netz un­be­wußt zu­sam­men­ge­hö­ren­der Sym­bo­le um­fasst“ (a.a.O., S. 79). Aus­lö­ser kön­nen Rausch­mit­tel, aber auch ne­ga­tiv-se­xu­el­le or­gi­as­ti­sche Er­leb­nis­se sein. Der ne­ga­ti­ve Pol der Mys­te­ri­en des Rau­sches führt zum Ab­glei­ten in den Wahn­sinn, der po­si­ti­ve er­mög­licht Be­wusst­sein- und Per­sön­lich­keits­er­wei­te­rung; die Sym­bo­le da­für sind Ma­ria und So­phia. Me­dardus und Tann­häu­ser ge­lingt dies durch ihre Hin­wen­dung zu Au­re­lie und Eli­sa­beth be­zie­hungs­wei­se Ro­sa­lia und Maria.
[14] Borchmey­er, a.a.O. S. 106.
[15] vgl. Tann­häu­ser, Pah­len, a.a.O., S. 32ff.
[16] Ul­rich Drü­ner spricht von ei­ner „an­de­ren Ve­nus“ (vgl. Drü­ner, a.a.O., S. 185, dazu auch Borchmey­er, a.a.O., S. 106). Der Kon­flikt wird al­ler­dings nicht wirk­lich ge­löst – er wird ent­we­der auf eine in je­der Hin­sicht an­de­re Frau über­tra­gen oder ver­suchs­wei­se mit­tels hö­fi­scher Vor­schrif­ten sub­li­miert. Was aber auch miss­lingt, wie sich bei Tann­häu­sers Re­ak­ti­on auf die päpst­li­che Ver­dam­mung zeigt (vgl. S. 9).
[17] vgl. Tann­häu­ser, Pah­len, a.a.O., S. 56.
[18] vgl. Drü­ner, a.a.O., S. 184.
[19] Das Trin­ken des Eli­xiers (E, S. 37, S. 113) spielt nur eine Rol­le in Zu­sam­men­hang mit dem Fa­mi­li­en­fluch – schließ­lich hat es bei den „Frem­den“, ei­nem jun­gen Gra­fen und sei­nem Hof­meis­ter, über­haupt kei­ne Wir­kung (vgl. E, S. 34ff.). Ver­mut­lich soll­te der Ti­tel ver­kaufs­för­dernd wir­ken; Hoff­mann, krank und in fi­nan­zi­el­len Nö­ten, hoff­te, das Buch kön­ne sein „Le­bens­Eli­xier“ wer­den (Brief an Kunz vom 24.3.1814. In: E.T.A. Hoff­mann BW, 1. Bd. Mün­chen 1967, S. 456). Im Ro­man wir­ken die Eli­xier-Sze­nen eher wie Schau­er­ro­man-Kli­schees und sind so­wohl für das Ver­ständ­nis als auch für den Fort­gang der Hand­lung un­er­heb­lich. Zu Hoff­manns Kum­mer war sein Ro­man zu­nächst lan­ge nicht so er­folg­reich wie der tat­säch­lich tri­via­le Ro­man The Monk von Matthew Gre­go­ry Lewis.
[20] Der Mann auf dem Bild ist Fran­ces­ko, der Au­re­lies Mut­ter als 15-jäh­ri­ges Mäd­chen ver­führt hat. Das ge­mein­sa­me Kind ist Eu­phe­mie, die als Toch­ter der Ba­ro­nes­se von S. gilt. Spä­ter hei­ra­tet die Mut­ter den Ba­ron von F. und bringt den Sohn Her­mo­gen und die Toch­ter Au­re­lie zur Welt. Fran­ces­ko wie­der­um hei­ra­tet eine Deut­sche und zeugt mit ihr den Sohn Franz, der als der Mönch Me­dardus ins Ka­pu­zi­ner­klos­ter ein­tritt. So­mit sind Me­dardus, Eu­phe­mie und Au­re­lie Halb­ge­schwis­ter, was den Fluch noch ver­stärkt, ob­wohl den drei­en der In­zest ja nicht be­wusst ist.
[21] Nietz­sche, Fried­rich, a.a.O., S. 908.
[22] Voss, Egon, a.a.O., S. 64.
[23] Voss, Egon, a.a.O., S. 79.
[24] vgl. Scho­pen­hau­er, Ar­thur: Sämt­li­che Wer­ke. Nach der ers­ten, von Ju­li­us Frau­en­städt be­sorg­ten Ge­samt­aus­ga­be neu be­arb. u. hrsg. v. Ar­thur Hüb­scher. Leip­zig 1937, Bd. 2,1, 3. Buch, § 36, S. 217.
[25] vgl. „Über die Auf­füh­rung des Tann­häu­ser“ 1852. Zit. nach Pro­gramm­buch zur Neu­in­sze­nie­rung „Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf der Wart­burg. Mün­chen 2017. S. 51.
[26] Das Min­ne­sän­ger­lied, das Wolf­ram hier singt, ist zu­gleich Hul­di­gung an Eli­sa­beth und an Ve­nus: An­be­tung und Be­geh­ren ver­bin­den sich – vgl. auch die In­sze­nie­rung von To­bi­as Krat­zer (Anm. 12), in der es zur Ver­ei­ni­gung von Wolf­ram und Eli­sa­beth kommt. Wer­ner Hint­ze da­ge­gen deu­tet Wolf­rams „Eli­sa­beth, dürft ich dich nicht be­glei­ten“, als Hin­weis dar­auf, dass er mit ihr ster­ben will: Wer­ner Hint­ze, Ein Takt aus Wag­ners Tann­häu­ser. https://​www​.ri​chard​-wag​ner​.org/​r​w​v​i​/​d​e​/​r​i​c​h​a​r​d​-​w​a​g​n​e​r​/​w​e​r​k​e​/​?​c​o​l​l​e​c​t​i​o​n​_​i​d​=​182
[27] vgl. Nietz­sche, Fried­rich: Wer­ke in sechs Bän­den, hrsg. v. Karl Schlech­ta. Mün­chen-Wien (Han­ser) 1980. Bd. IV, S. 909f.
[28] Das Rit­ter­gut in At­lan­tis ist das Reich der Poe­sie, in das An­sel­mus ein­zieht: vgl. Der Gold­ne Topf (F, 254). Wag­ner schreibt in Mein Le­ben: „… ich ge­rieth auf den Ein­fall, den ‚gol­de­nen Topf‘ von Hoff­mann vor­zu­le­sen“ (ML, III, S. 113). Co­si­ma er­wähnt das Mär­chen in ih­rem Ta­ge­buch. Am 1. Ja­nu­ar 1871 schreibt sie über ih­ren Mann: „… den Frem­den er­schei­ne er ja wie eine Art Or­di­nar [sic!] Lind­horst, R. lacht, der Name bleibt ihm, mich nennt er die Feu­er­li­lie und Pr. Nietz­sche wird zum Stu­den­ten An­sel­mus“ (vgl. CWT 1, S. 335). Bei der Feu­er­li­lie han­delt es sich um Lind­horsts Ur­ahnin, nach­zu­le­sen in Nach­rich­ten von der Fa­mi­lie des Ar­chi­va­ri­us Lind­horst, ein amü­san­ter Ein­schub in Der Gold­ne Topf (vgl. F, S. 192ff.).

Ausgaben

E.T.A. Hoff­mann: Ge­samt­aus­ga­be in fünf Bän­den. Nach dem Text der Erst­aus­ga­ben und Hand­schrif­ten, un­ter Hin­zu­zie­hung der Aus­ga­ben von Carl Ge­org von Ma­as­sen und Ge­org El­lin­ger. Un­ter Mit­wir­kung von Wal­ter Mül­ler-Sei­del, Fried­rich Schnapp, Wolf­gang Kron und Wulf Se­ge­brecht. Mün­chen 1966-1969.
Sig­len: E = Eli­xie­re, SB = Se­ra­pi­ons-Brü­der, F = Fan­ta­sie­stü­cke, SW = Spä­te Wer­ke, SchrM = Schrif­ten zur Mu­sik, Nachlese.
E.T.A. Hoff­manns Brief­wech­sel. Drei Bän­de. Ge­sam­melt und er­läu­tert von Hans von Mül­ler. Hrsg. von Fried­rich Schnapp. Mün­chen 1967/69
E.T.A. Hoff­mann in Auf­zeich­nun­gen sei­ner Freun­de und Zeit­ge­nos­sen. Eine Samm­lung von Fried­rich Schnapp. Mün­chen 1974.
Sig­len: BW = Brief­wech­sel, Aufz: Aufzeichnungen
Ri­chard Wag­ner: Tann­häu­ser und der Sän­ger­krieg auf der Wart­burg. Text­buch, Ein­füh­rung und Kom­men­tar von Kurt Pah­len un­ter Mit­ar­beit von Ro­se­ma­rie Kö­nig. Mainz 2008
Ri­chard Wag­ner: Mein Le­ben. Mün­chen 1914
Co­si­ma Wag­ner: Die Ta­ge­bü­cher, 1869-1877. Ediert und kom­men­tiert von Mar­tin-Gre­gor-Del­lin und Diet­rich Mack. Mün­chen und Zü­rich 1976
Sig­len: T = Tann­häu­ser, ML = Mein Le­ben, CWT = Co­si­ma Wag­ner, Tagebücher
Zi­ta­te von/​zu Hoff­mann und Wag­ner ste­hen im Text mit Sig­len und Seitenzahl.

© Dr. phil. Bar­ba­ra Rias

Bar­ba­ra Rias-Bucher ar­bei­te­te nach ih­rer Pro­mo­ti­on an der LMU Mün­chen zu­nächst als lei­ten­de Re­dak­teu­rin in ei­nem Münch­ner Ver­lag, dann als Chef­re­dak­teu­rin ei­ner Zeit­schrift für Ar­chäo­lo­gie und Ge­schich­te. Ab 1980 war sie freie Au­torin u.a. zahl­rei­cher Rat­ge­ber­bü­cher in den Fach­ge­bie­ten voll­wer­ti­ge und ve­ge­ta­ri­sche Er­näh­rung. Mehr als 20 Jah­re be­schäf­tig­te sie sich auf dem ei­ge­nen Hof mit öko­lo­gi­schem Pflan­zen­bau, nach­hal­ti­gem Wirt­schaf­ten und Selbstversorgung.