„Zum tollsten Mystizismus aufgeregt“

Ex­per­te Frank Piontek denkt am Diens­tag, 20. Ok­to­ber 2026, um 19 Uhr im VHS-Saal (Tränk­gas­se 4) über Ri­chard Wag­ners Ver­hält­nis zu E. T. A. Hoff­mann nach, des­sen 250. Ge­burts­tag heu­er ge­fei­ert wird.

Selbst­ka­ri­ka­tur E.T.A. Hoff­manns in ei­nem Brief vom 9. Ja­nu­ar 1821 an Lud­wig De­vri­ent – Vor­la­ge: Staats­bi­blio­thek Bam­berg, Au­to­gr. H 66. Foto: Ge­rald Raab

Nein, das „auf­ge­regt“ aus dem Ti­tel-Zi­tat ist kein Druck­feh­ler. In sei­ner Au­to­bio­gra­fie „Mein Le­ben“ be­schreibt Ri­chard Wag­ner sei­ne Zeit als Pen­nä­ler in Leip­zig un­ter an­de­rem wie folgt:
Ich war da­mals in mei­nem sech­zehn­ten Jah­re, und zu­mal durch die Lek­tü­re Hoffmann’s zum tolls­ten Mys­ti­zis­mus auf­ge­regt: am Tage, im Halb­schla­fe hat­te ich Vi­sio­nen, in de­nen mir Grund­ton, Terz und Quin­te leib­haft er­schie­nen und mir ihre wich­ti­ge Be­deu­tung of­fen­bar­ten: was ich auf­schrieb, starr­te von Un­sinn. End­lich wur­de mir der Un­ter­richt ei­nes tüch­ti­gen Mu­si­kers zu­get­heilt; der arme Mann hat­te gro­ße Noth mit mir; er muß­te mir er­klä­ren, dass, was ich für selt­sa­me Ge­stal­ten und Ge­wal­ten hielt, In­ter­val­le und Ak­kor­de sei­en. Was konn­te für die Mei­ni­gen be­trü­ben­der sein, als zu er­fah­ren, dass ich auch in die­sem Stu­di­um mich nach­läs­sig und un­or­dent­lich er­wies? Mein Leh­rer schüt­tel­te den Kopf, und es kam so her­aus, als ob auch hier nichts Ge­scheid­tes aus mir wer­den würde.

Ri­chard Wag­ner ver­ehr­te E.T.A. Hoff­mann, den Kom­po­nis­ten von „Un­di­ne“,  ei­ner der ers­ten ro­man­ti­schen Opern, als eine sei­ner wich­tigs­ten li­te­ra­ri­schen und künst­le­ri­schen In­spi­ra­ti­ons­quel­len. Hoff­manns fan­tas­ti­sche Er­zäh­lun­gen präg­ten Wag­ners künst­le­ri­sches Den­ken. Im „Flie­gen­den Hol­län­der“, dem „Tann­häu­ser“ und den „Meis­ter­sin­gern von Nürn­berg“ las­sen sich Hoff­manns Ein­flüs­se be­son­ders gut er­ken­nen: die Ver­schmel­zung von Rea­li­tät und Traum und die Dar­stel­lung des Künst­lers als ge­nia­ler, aber auch zer­ris­se­ner Figur.
Wag­ner sah in Hoff­mann ei­nen Geis­tes­ver­wand­ten, der wie er selbst die Gren­zen zwi­schen Mu­sik, Li­te­ra­tur und Phi­lo­so­phie über­schritt. Er be­zeich­ne­te Hoff­manns Wer­ke als „wun­der­ba­re Träu­me“, die sei­ne ei­ge­ne Fan­ta­sie be­flü­gel­ten. Hoff­manns Ein­fluss zeigt sich je­doch nicht nur in Wag­ners Text­bü­chern, son­dern auch in sei­ner Idee des Ge­samt­kunst­werks – Grund ge­nug, in Bam­berg über das Ver­hält­nis Wag­ners zu Hoff­mann nachzudenken.
Der Vor­trag zum E.T.A.-Hoffmann-Jubliäumsjahr im gro­ßen VHS-Saal (Tränk­gas­se 4) ist eine ge­mein­sa­me Ver­an­stal­tung der Volks­hoch­schu­le Bam­berg Stadt, der Staats­bi­blio­thek Bam­berg, der E.T.A. Hoff­mann-Ge­sell­schaft und des RWV Bam­berg. Der Ein­tritt ist frei, eine An­mel­dung ist nicht erforderlich.
Zur Person

Frank Piontek, Dr. phil., geb. 1964 in Ber­lin, seit 1988 in Bay­reuth. Vor­trä­ge und Le­sun­gen im In- und Aus­land. Vie­le Auf­sät­ze und Ar­ti­kel über Mu­sik­thea­ter, Kunst und Li­te­ra­tur, Blogs über Ro­bert Mu­sil und Jean Paul, Bü­cher über Ri­chard Wag­ner. Thea­ter­au­tor von „Ca­sa­no­va kam zu spät“ (UA 1997) und „Sie­ben­käs“ (UA 2013), Dra­ma­turg der sze­nisch-mu­si­ka­li­schen UA von Wag­ners „Män­ner­list grö­ßer als Frau­en­list“. Mit­kon­zep­ti­on des ober­frän­ki­schen „Jean-Paul-Wegs und des Jean-Paul-Mu­se­ums Bay­reuth. Au­tor des Bay­reu­ther Walk of Wag­ner. Seit 2011 Bei­trä­ge für die Fach­pu­bli­ka­ti­on wag­ner­spec­trum, 2021 Mit­grün­der und -her­aus­ge­ber der Zeit­schrift Bay­reu­ther Kul­tur­brief, Kri­ti­ken u.a. bei der​opern​freund​.de. Im Som­mer 2024 hielt er die in­sze­nie­rungs­be­zo­ge­nen Ein­füh­rungs­vor­trä­ge der Bay­reu­ther Fest­spie­le. Beim RWV-Bam­berg ist er ein gern ge­se­he­ner Gast als Re­fe­rent und Autor.