Edelmut, Ethos und Grazie

Der Beyon­cé-Cho­reo­graph Sidi Lar­bi Cher­kaoui macht an der Baye­ri­schen Staats­oper aus Glucks „Al­ces­te“ ein Tanz­thea­ter mit Ge­sang, das bis auf die fehl­be­setz­te Ti­tel­fi­gur über­zeugt.

Die von Sidi Lar­bi Cher­kaoui 2010 ge­grün­de­te Com­pa­gnie East­man im „Alceste“-Bühnenbild von Hen­rik Ahr Alle Sze­nen­fo­tos: © Wil­fried Hösl

Wo kann man an ei­nem Opern­abend noch An­mut, Gra­zie, Edel­mut, Emp­find­sam­keit, Er­ha­ben­heit und Ethos er­le­ben? Dazu fes­seln­des Tanz­thea­ter, das auch my­thisch Ent­rück­tes, Ri­tu­el­les und Spi­ri­tu­el­les auf den Punkt und in die Ge­gen­wart bringt, in ei­ner Äs­the­tik, die die Ma­gie des Abs­trak­ten und der Ein­fach­heit fei­ert? Im Münch­ner Na­tio­nal­thea­ter, in Chris­toph Wil­li­bald Glucks „Al­ces­te“.

Nicht von un­ge­fähr kommt ei­nem bei die­ser Oper oh­ne­hin Goe­thes „Edel sei der Mensch, hilf­reich und gut!“ in den Sinn: Ad­mè­te, der ster­bens­kran­ke Kö­nig von Thes­sa­li­en, kann nur ge­ret­tet wer­den, wenn je­mand sein Le­ben für ihn gibt. Al­ces­te, sei­ne Frau, op­fert sich, er aber be­steht dar­auf, ihr in den Tod zu fol­gen. Halb­gott Her­ku­les fun­giert im Ha­des als Deus ex ma­chi­na und holt das Paar glück­lich zu­rück.

Dass die Neu­in­sze­nie­rung durch Sidi Lar­bi Cher­kaoui wie aus der Zeit ge­fal­len wirkt, muss man nicht als Nach­teil se­hen. Glucks Re­form­oper ist so hand­lungs­arm, dass sie sich den heu­te üb­li­chen Re­gie­thea­ter­de­kon­struk­tio­nen und -de­mon­ta­gen ent­zie­hen darf. Bei dem bel­gi­schen Re­gis­seur mit ma­rok­ka­ni­schen Wur­zeln, der auch das im Lou­vre ge­dreh­te Vi­deo „Apes­hit“ von Beyon­cé und Jay Z cho­reo­gra­phier­te, ver­ren­ken sich vor al­lem die drei­zehn Tän­zer sei­ner Com­pa­gnie East­man – und das auf fas­zi­nie­ren­de Wei­se.

Sze­ne mit der Com­pa­gnie East­man, die aus drei­zehn Tän­ze­rin­nen und Tän­zern be­steht

Mehr als sonst sind da­bei die Hän­de und Arme im Ein­satz, die sich mal scheint’s kno­chen­los schlän­geln, dann wie­der hart, kan­tig und blitz­schnell den ge­ge­be­nen Rhyth­mus in die Luft ste­chen. Im Fo­kus steht, die Mu­sik und die durch sie aus­ge­drück­ten gro­ßen Emo­tio­nen, Ängs­te, Hoff­nun­gen und Kon­flik­te in Be­we­gung und Kör­per­lich­keit um­zu­set­zen.

Auf der wohl­tu­end abs­trakt-ein­fa­chen, ef­fekt­voll be­leuch­te­ten Büh­ne von Hen­rik Ahr, die für ei­ni­ge Ak­teu­re und die Tän­zer auf Stel­zen ein­zig in den zu ho­hen Trep­pen­stu­fen eine klei­ne Hür­de ent­hält, ent­ste­hen gro­ße ar­chai­sche Ta­bleaux eben­so wie hef­tig be­weg­te klein­tei­lig-hek­ti­sche Mi­nia­tu­ren und gro­ße Wel­len­be­we­gun­gen und Ver­schlin­gun­gen al­ler Art.

Die So­lis­ten schrei­ten in der Re­gel er­ha­ben, kni­en im­mer wie­der, wer­den mit Tü­chern dra­piert und weg­ge­zo­gen, he­ben und sen­ken die Arme oder brei­ten sie aus, als wäre man auf ei­ner Opern­büh­ne von anno da­zu­mal. Wer sich von die­sem Vor­ur­teil frei­macht, er­lebt die­ses ru­hi­ge, ja sta­ti­sche Agie­ren als wür­de­voll, als et­was Spi­ri­tu­el­les, Kon­tem­pla­ti­ves und Me­di­ta­ti­ves. Und darf die über­ra­schen­de Er­fah­rung ma­chen, dass zum Ar­chai­schen auch Sta­ge­di­ving und Break­dance pas­sen.

Sta­ge­di­ving­sze­ne mit Ad­mè­te (Charles Cstro­no­vo) und der Com­pa­gnie East­man

Lei­der wird die Pro­duk­ti­on über­schat­tet von ei­ner Fehl­be­set­zung: Do­ro­thea Rösch­mann fühlt sich in der Ti­tel­rol­le we­der sän­ge­risch noch dar­stel­le­risch wohl. Und die­se Un­si­cher­heit wird ge­spie­gelt in ei­ner Kos­tüm­än­de­rung in letz­ter Mi­nu­te: Bei der Kla­vier­haupt­pro­be trug sie, wie das Pro­gramm­heft do­ku­men­tiert, im ers­ten Teil des Abends noch ein wei­ßes An­ti­kenge­wand mit stre­cken­der Hoch­fri­sur, zur Pre­mie­re schick­te Mo­de­ma­cher Jan-Jan Van Esche sie weit­aus we­ni­ger güns­tig mit ei­nem schlab­bern­den gel­ben Kleid und ge­zopf­ter Mäh­ne auf die Büh­ne.

Sze­ne mit Do­ro­thea Rösch­mann als Al­ces­te (rechts), Mi­cha­el Nagy als Ober­pries­ter des Apol­lon und der Com­pa­gnie East­man

Zwei Akte lang wirkt die­se Al­ces­te un­ter den sonst an­ge­nehm ar­chai­sie­rend und kühl-mo­dern ge­klei­de­ten Fi­gu­ren wie ein Fremd­kör­per aus der Hip­pie­zeit, in al­len drei Ak­ten fehlt es der Sän­ge­rin auch an ei­ner über­zeu­gen­den Kör­per­spra­che und Mi­mik. An der Be­we­gungs­äs­the­tik des Re­gis­seurs schei­tert sie eben­so wie of­fen­sicht­lich er an ihr. Auch stimm­lich ließ sie bei der be­such­ten zwei­ten Vor­stel­lung man­che Wün­sche of­fen.

Was umso deut­li­cher durch das erst 23-jäh­ri­ge Opern­stu­dio­mit­glied Anna El-Khashem vor Au­gen und Oh­ren ge­führt wird. Die So­pra­nis­tin ist sän­ger­dar­stel­le­risch ein Ju­wel und trifft in der Ne­ben­rol­le als Ko­ry­phäe den na­tür­li­chen, sub­til-ele­gan­ten, ohne Druck und ba­ro­cke Ver­zie­run­gen aus­kom­men­den Ton, der Glucks Ma­gie aus­macht. Charles Cas­tro­no­vo als Ad­mè­te, Mi­cha­el Nagy als Ober­pries­ter und Her­cu­le so­wie die wei­te­ren So­lis­ten ha­ben Staats­opern­ni­veau.

En­sem­ble­sze­ne aus der Gluck-Oper „Al­ces­te“ mit Anna El-Khashem als Ko­ry­phäe, den Tän­zern der Com­pa­gnie East­man und dem Chor der Baye­ri­schen Staats­oper.

Un­ter der ein­fühl­sa­men mu­si­ka­li­schen Lei­tung von Mün­chen-De­bü­tant An­to­nel­lo Ma­na­cor­da er­weist sich das Baye­ri­sche Staats­or­ches­ter als ein sehr fle­xi­bler, idio­ma­tisch si­che­rer Klang­kör­per, der Glucks 1776 in Pa­ris ur­auf­ge­führ­te fran­zö­si­sche Neu­fas­sung in Tem­po, Laut­stär­ke und Dy­na­mik wun­der­bar aus­ta­riert – auch ohne Vi­bra­to und kost­bar vor al­lem in den fei­nen, lei­sen Stel­len. Und wenn es lau­ter wird, ist auch der von Sö­ren Eck­hoff ein­stu­dier­te Chor eine si­che­re Bank.

Be­such­te zwei­te Vor­stel­lung am 29. Mai 2019, Erst­druck im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 1., 6., 10. und 13. Juni so­wie am 18. Juli 2019. Die Auf­füh­rung vom 1. Juni wird ab 19 Uhr auf www​.staats​oper​.tv kos­ten­los im Live­stream über­tra­gen. Kar­ten-Info un­ter Te­le­fon 089/21851920.

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