Liebe ist stärker als der Tod

Zur Sai­son­er­öff­nung am Thea­ter Hof hat Re­gis­seu­rin Ni­luf­ar Münz­ing als Erst­auf­füh­rung die Gluck-Oper „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“ in­sze­niert – far­ben­präch­tig und mit ban­nen­den Bal­lett- und Chor­ein­la­gen.

Wenn die Fu­ri­en Or­pheus (Min­seok Kim) be­drän­gen, ist auf der Büh­ne die Höl­le los. Foto: H. Dietz Fo­to­gra­fie, Hof

Es ge­hört zum All­tag an klei­ne­ren Opern­häu­sern, dass es im­mer wie­der Erst­auf­füh­run­gen von Wer­ken gibt, die an­dern­orts längst ihre Feu­er­tau­fe be­stan­den ha­ben. Er­staun­lich ist das nur, wenn es sich, wie jetzt in Hof, um ei­nen Re­per­toire-Hit han­delt: Dort war erst am Wo­chen­en­de erst­mals die spä­te Ba­rock­oper „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“ von Chris­toph Wil­li­bald Gluck (1714–1787) zu er­le­ben.

War­um die Pa­ri­ser Fas­sung in der an­ti­quiert an­mu­ten­den deutsch­spra­chi­gen Über­set­zung von Hans Swa­row­ski aus­ge­wählt wur­de, lag wohl dar­an – und an den haus­ei­ge­nen Be­set­zungs­mög­lich­kei­ten für die drei So­lis­ten­par­ti­en. Wäh­rend heu­te zu­meist Al­tis­tin­nen oder Mez­zos als Glucks männ­li­cher Ti­tel­held bril­lie­ren, tritt in Hof, wie bei der Pre­mie­re der fran­zö­si­schen Ver­si­on 1774, als Or­pheus ein Te­nor an.

Er heißt Min­seok Kim, ist En­sem­ble­mit­glied und stellt sich der an­spruchs­vol­len Auf­ga­be mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Mut. Den braucht er schon des­halb, weil er als Or­pheus ins To­ten­reich hin­ab­stei­gen muss, um sei­ne Gat­tin Eu­ry­di­ke wie­der ins Le­ben zu­rück­ho­len zu kön­nen. An­ders als zu Glucks Zei­ten gibt es kein Hap­py End. Das ist dem Leit­mo­tiv die­ser Oper, in der die Lie­be stär­ker als der Tod sein will, aber nicht ab­träg­lich.

Dass Kim bei der Pre­mie­re Lam­pen­fie­ber hat­te, war nicht zu über­hö­ren: Gleich sei­ne ers­ten Kla­ge­ru­fe ver­un­glück­ten sprach­lich, und spä­ter fehl­ten ei­ni­gen Spit­zen­tö­nen und den spar­sa­men Ver­zie­run­gen Glanz und Si­cher­heit. Kann aber noch wer­den, denn das Gros der über­aus schwie­ri­gen Par­tie meis­ter­te der aus Süd­ko­rea stam­men­de Te­nor be­rüh­rend – den Ohr­wurm „Ach, ich habe sie ver­lo­ren“ in­klu­si­ve.

Or­pheus (Min­seok Kim) liegt im Schoß von Eu­ry­di­ke (So­phie-Mag­da­le­ne Reu­ter) und Amor (Yvon­ne Prent­ki) schaut zu. Foto: H. Dietz Fo­to­gra­fie, Hof

 

In der deut­lich klei­ne­ren Rol­le als Eu­ry­di­ke über­zeug­te un­ein­ge­schränkt die jun­ge So­pra­nis­tin So­phie-Mag­da­le­ne Reu­ter: ein sän­ger­dar­stel­le­risch viel ver­spre­chen­des Ta­lent aus Ham­burg bei sei­nem De­büt in Ober­fran­ken. Yvon­ne Prent­ki als Amor, die 2017/18 schon in Hof gas­tier­te und jetzt zum En­sem­ble ge­hört, ver­voll­stän­digt das So­lis­ten­ter­zett.

Min­des­tens eben­so wich­tig sind in „Or­pheus und Eu­ry­di­ke“ das Bal­lett­ensem­ble (Cho­reo­gra­phie: Da­nie­la Me­ne­ses) und der haus­ei­ge­ne Chor, ver­stärkt durch den frei­en Opern­chor Co­ru­so (Ein­stu­die­rung: Ro­man Da­vid Ro­then­ai­cher). Bei­de sind in be­stechen­der Form, al­len vor­an die so­lis­tisch ge­frag­ten Tän­zer Ali San Uzer als Or­pheus- und Mar Reig Co­po­vi als Eu­ry­di­ke-Dou­ble.

Wo­mit auch schon an­ge­deu­tet ist, dass Ni­luf­ar K. Münz­ing die auf ei­nem an­ti­ken Stoff ba­sie­ren­de Oper eher mit zeit­ge­nös­si­schen Re­gie­thea­ter­mit­teln um­ge­setzt hat. Die Ti­tel­fi­gu­ren sind durch die tän­ze­ri­schen Dou­bles mehr­fach prä­sent, was man­chen ver­wir­ren mag, da­für aber tie­fe­re Schich­ten des Dra­mas ver­deut­licht. Und zwei­fel­los gut aus­sieht.

Dass Büh­nen­bild­ne­rin Brit­ta Lam­mers aus der Un­ter­welt letzt­lich ein Groß­raum­bü­ro macht, ist na­tür­lich ein fei­ner Witz an­ge­sichts von ei­nem Or­pheus, der als heu­ti­ger Stra­ßen­sän­ger agiert und vor Kum­mer ins Koma fällt. Ge­ra­de die Sze­ne­ri­en des 2. Akts sind stim­mungs­voll und in sich stim­mig. Star­ke Farb- und Be­leuch­tungs­ef­fek­te so­wie die pfif­fi­gen Kos­tü­me von Uta Gru­ber-Ball­ehr stel­len den an­ge­streb­ten  „ma­gi­schen Rea­lis­mus“ her.

Sieht man von ei­ni­gen mo­di­schen Ide­en und De­tails aus dem dra­ma­tur­gi­schen Zet­tel­kas­ten ab – schon der rau­chen­de Amor mit nur ei­nem ge­fie­der­ten Arm er­schließt sich nicht un­be­dingt von selbst – be­sticht die sze­ni­sche Um­set­zung bei al­ler Be­wegt­heit von Tän­zern, Chor und So­lis­ten durch ei­nen ru­hi­gen, ele­gi­schen Grund­ton, der ins Me­ta­phy­si­sche weist: Es geht schließ­lich um Tod, Trau­er und Ver­lust.

Nicht zu­letzt ge­lingt es auch den Ho­fer Sym­pho­ni­kern un­ter Wal­ter E. Gu­ger­bau­er, die Me­ri­ten der Gluck­schen Re­form­oper er­fahr­bar zu ma­chen. Das Or­ches­ter kann höl­lisch auf­brau­sen und doch Schlicht­heit und  Ruhe be­wah­ren, lässt echt, tief und kraft­voll die Her­zen spre­chen – und nicht die kal­ten Schön­hei­ten der mu­si­ka­li­schen Kon­ven­ti­on. Ein be­ein­dru­cken­der Abend, lang an­hal­ten­der Bei­fall.

Or­pheus (Min­seok Kim) im Ely­si­um, in Hin­ter­grund Amor und Eu­ry­di­ke Foto: H. Diez Fo­to­gra­fie, Hof

Be­such­te Pre­mie­re am 20. Sep­tem­ber 2019, Druck­ver­si­on im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags. Wei­te­re fünf Vor­stel­lun­gen in Hof (28.9.; 6., 9., 11. und 20.10. so­wie 8.12.2019), Gast­spie­le in Selb (26.9.), Schwein­furt (28.10) und Aschaf­fen­burg (26.11.). Kar­ten-Te­le­fon 09281/7070-290, wei­te­re In­fos auf der Home­page des Thea­ters

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