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Klaus Flo­ri­an Vogt als Lo­hen­grin und das Fest­spiel­or­ches­ter un­ter Chris­ti­an Thie­le­mann zau­bern mu­si­ka­li­sche Glücks­mo­men­te in ei­nem sze­ni­schen De­ba­kel.

Klaus Flo­ri­an Vogt als Lo­hen­grin 2019 in Bay­reuth – Alle Fo­tos: Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

War das Fest­spiel­haus schon bei der Er­öff­nung am Er­öff­nungs­tag ein Back­ofen, so schien  der tags dar­auf noch um ein paar Stu­fen hö­her ge­schal­tet. Denn bei der „Lohengrin“-Wiederaufnahme wa­ren die Tem­pe­ra­tu­ren ge­fühlt ge­ra­de­zu läh­mend hoch. Kein Wun­der: Die In­sze­nie­rung von Yu­val Sharon wirkt in ih­rem zwei­ten Jahr noch sta­ti­scher, nichts­sa­gen­der, mar­gi­na­ler.

Dass den­noch am Ende ge­ju­belt wur­de, hat da­mit zu tun, dass es nicht we­ni­ge Opern­freun­de gibt, die schon da­durch glück­lich zu ma­chen sind, wenn sie schö­ne Stim­men und Mu­sik in an­spre­chen­der Äs­the­tik ge­lie­fert be­kom­men. Ge­nau das leis­tet die Pro­duk­ti­on dank ih­rer ho­hen mu­si­ka­li­schen Qua­li­tät und der Büh­nen­bil­der und Kos­tü­me von Neo Rauch und Rosa Loy, die ein­fach schön an­zu­se­hen sind, aber sonst nicht viel sa­gen. Und auf kei­nen Fall ir­gend je­man­den ir­gend­wie ernst­haft ver­stö­ren.

Man kann ein­tau­chen in eine fer­ne, mär­chen­haft-tech­noi­de Welt, in der die Far­be Blau do­mi­niert, stu­fen­wei­se kon­tras­tiert von der Kom­ple­men­tär­far­be Oran­ge – und ei­nem I-Tüp­fel­chen in Grün ganz am Schluss. Lei­der hat die­se Mi­schung aus neo­ro­man­ti­scher Ar­chi­tek­tur des frü­hen Elek­tri­fi­zie­rungs­zeit­al­ters mit hol­län­di­scher Ma­le­rei des 17. Jahr­hun­derts und sur­rea­lis­ti­schen Ele­men­ten kei­ne Tie­fen­wir­kung.

Was dar­an liegt, dass der Re­gis­seur, der – durch­aus mit aus­rei­chend Zeit – in ein fer­ti­ges Bild­kon­zept ein­sprin­gen muss­te, dar­aus nichts zu ma­chen wuss­te. Es ist eine In­sze­nie­rung, die im­mer nur be­haup­tet und gar nichts be­grün­det. Man sieht zwar, dass Frau­en in Bra­bant gern ge­fes­selt wer­den und schnell auf dem Schei­ter­hau­fen lan­den, aber er­klärt das schon die Fes­se­lung El­sas durch Lo­hen­grin im 3. Akt? Man sieht auch, dass Or­trud, die aus ih­rer Hand­ta­sche ein Seil zieht, um ih­ren Gat­ten Tel­ra­mund zu fes­seln, und spä­ter auch Elsa of­fen­bar auf­be­geh­ren, also star­ke Frau­en sein sol­len. Aber bis auf we­ni­ge Mo­men­te ist eine Per­so­nen­füh­rung, die über Opern­kli­schees und -stan­dards hin­aus­geht, nicht er­kenn­bar. Ge­schwei­ge denn ein schlüs­si­ges Kon­zept.

Ca­mil­la Ny­lund als Elsa auf dem ers­ten von zwei Schei­ter­hau­fen in Yu­val Sharons „Lohengrin“-Inszenierung

Wenn man als Zu­schau­er die meis­te Zeit da­mit ver­bringt, sich me­di­ta­tiv in die lang­sam vor­bei­zie­hen­den, von Neo Rauch ge­mal­ten Wol­ken­pro­jek­tio­nen und nur zwei­di­men­sio­na­le Schilfku­lis­sen so­wie in über­wie­gend ne­cki­sche Kos­tüm­de­tails und eher lach­haf­te Leucht-Re­qui­si­ten zu ver­tie­fen, wenn schon der Ver­lust ei­nes Flü­gels – die Haupt­fi­gu­ren in die­ser merk­wür­di­gen Schwär­mer- und Schmet­ter­lings­welt sind alle be­flü­gelt – und das Ver­tu­schen der klei­nen Pan­ne ge­ra­de­zu er­eig­nis­haft wirkt, ist klar: Es tut sich sonst nicht viel auf der Büh­ne!

Schlim­mer noch das ma­nie­rier­te Ges­ten­vo­ka­bu­lar in die­sen „le­ben­den Bil­dern“. War­um die Cho­ris­ten mal ein­ge­fro­ren her­um­ste­hen und mal nicht, war­um sie mal eher in­di­vi­du­ell, dann alle wie ein Mann mit der­sel­ben Hand­be­we­gung agie­ren, er­schließt sich nicht. Und erst recht nicht, war­um der sonst so stei­fe Kö­nig das Volk plötz­lich an­heizt wie ein Ani­ma­teur im Fe­ri­en­club.

We­nigs­tens wirkt die Braut­bett­sze­ne heu­er nicht so un­ver­mit­telt bru­tal wie im Vor­jahr. Viel­leicht liegt das dar­an, dass Klaus Flo­ri­an Vogt den Quatsch aus dem Vor­jahr nicht Eins zu Eins nach­ma­chen woll­te. Der Wag­ner­te­nor, der seit 2007 für die ly­ri­sche­ren Rol­len in Bay­reuth zu­hau­se ist, gibt heu­er ne­ben dem Stol­zing drei­mal den Lo­hen­grin, al­ter­nie­rend mit Pjotr Be­c­zała, der im Vor­jahr in die­ser In­sze­nie­rung sein Bay­reuth-De­büt fei­er­te und un­ter an­de­rem auch die zwei Auf­füh­run­gen mit Anna Netreb­ko als Elsa sin­gen wird.

Klaus Flo­ri­an Vogt als Lo­hen­grin und Ca­mil­la Ny­lund als Elsa in der elek­tri­fi­zier­ten Braut­ge­mach­sze­ne

Vogt wur­de am Frei­tag in sei­ner Pa­ra­de­rol­le mit viel Ge­tram­pel ge­fei­ert, denn er konn­te hel­disch glän­zen und mit sei­ner zu­wei­len kna­ben­haft wir­ken­den Stim­me an den rich­ti­gen Stel­len über­ir­disch zar­te, en­gels­glei­che Glücks­mo­men­te zau­bern. Ca­mil­la Ny­lunds neue Elsa hat ein schö­nes Pia­no, al­ler­dings wirk­te ihr So­pran im Aus­druck meis­tens zu pau­schal und nicht kräf­tig ge­nug. Zu­mal Ele­na Pan­kra­to­va als neue Or­trud mit ih­rem Mez­zo­so­pran das Haus mü­he­los füllt, al­ler­dings – noch mehr als Ny­lund – wort­un­ver­ständ­lich bleibt. Ge­org Zep­pen­felds Kö­nig ist wie ge­habt nichts als no­bel, To­masz Ko­nie­cz­nys Tel­ra­mund hin­ge­gen zu grob und zu laut.

Die Haupt­sa­che sind aber oh­ne­hin der pracht­vol­le Fest­spiel­chor un­ter Eber­hard Fried­rich und das Fest­spiel­or­ches­ter un­ter Chris­ti­an Thie­le­mann. Die raum­grei­fen­den gro­ßen Bö­gen ge­lin­gen eben­so wie die fi­li­gra­nen Strei­cherklän­ge, in de­nen so viel silb­rig-zar­te Sehn­sucht liegt, dass man die Weh­kla­ge am Ende trotz der un­sin­ni­gen Schluss­lö­sung der Re­gie glaubt.

Be­such­te Wie­der­auf­nah­me-Pre­mie­re am 26. Juli 2019, Erst­druck im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags

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