Der neue „Tannhäuser“: Slapstick und Tragik

„Tann­häu­ser“ in der Neu­in­sze­nie­rung von To­bi­as Krat­zer ist ein Thea­ter­coup. Bei der Pre­mie­re am 25. Juli wur­den die über­ra­gen­den So­lis­ten, Chor und Sze­ni­ker ge­fei­ert und Di­ri­gent Va­le­ry Ger­giev aus­ge­buht.

Die bei der Wart­burg ge­star­te­te Ve­nus­berg-Zir­kus­trup­pe in ih­rem viel­deu­ti­gen Old­ti­mer macht im Vi­deo un­ter an­de­rem bei ei­ner Fast­food­ket­te Sta­ti­on – eine Se­quenz, die üb­ri­gens in Bam­berg ge­filmt wur­de. Al­les Fo­tos © Bay­reu­ther Festspiele/​Enrico Nawrath

Die Fest­spie­le ha­ben eine neue Kul­t­in­sze­nie­rung, der ei­gent­lich nur noch ei­nes fehlt: ein Di­ri­gent, der mit so viel Ein­falls­reich­tum, Ge­nau­ig­keit, Kennt­nis und Lie­be ans Werk geht wie das In­sze­nie­rungs­team. To­bi­as Krat­zer ist mit Ri­chard Wag­ners „Tann­häu­ser“ ein Thea­ter­coup ge­lun­gen, den die wun­der­ba­re Sän­ger­rie­ge bra­vou­rös um­setzt. Nur Star­di­ri­gent Va­le­ry Ger­giev oute­te sich bei der Pre­mie­re eher als Be­set­zungs­feh­ler.

Schon im Vor­feld war klar, dass die­se Neu­in­sze­nie­rung Au­ßer­ge­wöhn­li­ches bie­ten wür­de. Schließ­lich hat es bei den Fest­spie­len zwar mit Grace Bum­bry schon eine schwar­ze Ve­nus ge­ge­ben, aber kei­ne Drag-Queen. Der Re­gis­seur be­zieht sich wit­zig, frech, un­ter­halt­sam, in­tel­li­gent und mit sehr viel Hin­ter­grund­wis­sen nicht nur auf die Fest­spiel- und Re­zep­ti­ons­ge­schich­te. Son­dern auch auf Ri­chard Wag­ners Aus­spruch „Kin­der, macht Neu­es! Neu­es! und aber­mals Neu­es!“ von 1852.

Clown Tann­häu­ser (Ste­phen Gould), Ve­nus (Ele­na Zhi­d­ko­va) und Os­kar (Man­ni Lau­den­bach) auf dem Mär­chen­land-Park­platz
Drag­queen Le Gateau cho­co­lat klopft an mit Wag­ners Re­vo­lu­ti­ons­de­vi­se

Sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on er­zählt ein Künst­ler­dra­ma, setzt aber die ge­ge­be­nen Ge­gen­wel­ten an­ders um. Der zu­meist mit pein­li­chen Sex­sze­nen be­las­te­te Ve­nus­berg ent­puppt sich als eine an­ar­chi­sche Zir­kus­trup­pe, die frei nach Wag­ners Re­vo­lu­ti­ons­de­vi­se „Frei im Wol­len, frei im Thun, frei im Ge­nie­ßen“ und wie in ei­nem Road­mo­vie un­ter­wegs mit ei­nem Ci­tro­en-Ca­mi­on beim Bur­ger King und ei­nem put­zi­gen Mär­chen­land Sta­ti­on macht und im ers­ten Akt vor dem eben­so put­zi­gen Fest­spiel­haus en­det, mit heu­ti­gen Fest­spiel­be­su­chern als Pil­ger­chor.

Clown Tann­häu­ser, stets eine Par­ti­tur im Ge­päck, kehrt zu­rück in sein frü­he­res Sän­ger­le­ben und steigt ein in eine mu­sea­le Fest­spiel­in­sze­nie­rung. Sei­ne Weg­ge­fähr­ten Ve­nus, Le Gateau cho­co­lat und der Blech­tromm­ler Os­kar en­tern das Fest­spiel­haus dop­pelt und drei­fach: ganz real (was man erst drau­ßen in der Pau­se sieht), in der kon­ser­va­tiv lang­wei­li­gen Bay­reuth-Vor­stel­lung des zwei­ten Akts, die in ge­deck­ten Far­ben in der un­te­ren Büh­nen­hälf­te ab­läuft, wäh­rend oben ein Echt­zeit­vi­deo in Schwarz-Weiß zeigt, was Back­stage pas­siert.

Im 2. Akt zeigt das Vi­deo in der obe­ren Büh­nen­hälf­te un­ter an­de­rem, wie die Ve­nus-Trup­pe das Fest­spiel­haus en­tert, wäh­rend un­ten die mu­sea­le Fest­spiel­in­sze­nie­rung à la Wolf­gang Wag­ner ab­läuft.

In die­sen zwei ab­neh­mend par­odis­ti­schen Ak­ten darf un­ge­wöhn­lich oft ge­lacht wer­den, was man­chem im Pu­bli­kum ge­gen den Strich ge­hen mag. Aber im drit­ten Akt ist’s end­gül­tig vor­bei mit lus­tig: Der Span­nungs­bo­gen, den Re­gis­seur Krat­zer, Rai­ner Sell­mai­er (Büh­ne und Kos­tüm) und Ma­nu­el Braun (Vi­deo) kunst­voll und mit ein paar Ein­schrän­kun­gen schlüs­sig auf­ge­baut ha­ben, mün­det im tra­gi­schen Schei­tern der Prot­ago­nis­ten, die nun kei­ne Kunst­fi­gu­ren mehr sind, son­dern – und zwar in ei­nem hoch­po­li­ti­schen Kon­text – Men­schen aus Fleisch und Blut.

Na­tür­lich dürf­ten nicht nur Pre­mie­ren­gast Erz­bi­schof Lud­wig Schick die ge­ge­be­nen re­li­giö­sen As­pek­te ge­fehlt ha­ben. Statt­des­sen re­kur­riert die In­sze­nie­rung auf den re­vo­lu­tio­nä­ren Wag­ner eben­so wie auf Bay­reuth als Kunst­re­li­gi­on. Bei den zwei Frau­en­fi­gu­ren geht es nicht mehr um den Ge­gen­satz von Hei­li­ger und Hure, son­dern um zwei un­glück­lich lie­ben­de heu­ti­ge Frau­en, die – mit un­ter­schied­li­chem Re­sul­tat – auch re­so­lut sein kön­nen.

Die Ohr­fei­ge, die Eli­sa­beth dem zu­rück­ge­kehr­ten Tann­häu­ser im ers­ten Akt gibt, steht na­tür­lich nicht im Li­bret­to. Aber sie macht sie zu ei­ner Zeit­ge­nos­sin, mit der man un­mit­tel­bar mit­füh­len kann. Erst recht im drit­ten Akt, wenn sie sich vor ih­rem Selbst­mord für eine kur­ze letz­te Num­mer Wolf­ram hin­gibt, der im Last­wä­gel­chen das Clowns­kos­tüm Tann­häu­sers ge­fun­den und an­ge­zo­gen hat. Das ist tat­säch­lich eine lei­chen­bit­te­re Kos­tüm­tausch­sze­ne, die sehr viel mehr über Se­xua­li­tät aus­sagt als das gän­gi­ge rhyth­mi­sche Ge­tur­ne von Bal­lett­tän­zern.

Über­haupt geht es hier auch um se­xu­el­le Ori­en­tie­rung, se­xu­el­le Frei­heit und ihre Gren­zen – die ak­tu­el­le Me­Too-De­bat­te ein­ge­schlos­sen. Wer heu­te dar­über re­det, sagt uns der Re­gis­seur, ohne uns et­was auf­zuok­troy­ie­ren, soll­te un­ter an­de­rem über all die Lü­gen nach­den­ken, die da­mit zu­sam­men­hän­gen. Und ge­nau hin­schau­en, wo die Frei­heit noch fehlt und wo sie auf­hört.

Oben das Back­stage-Ge­sche­hen, un­ten ist die Ve­nus-Trup­pe mit der Drag­queen in Knall­gelb in­zwi­schen mit­ten im Sän­ger­krieg  ge­lan­det.

Die bei­den hin­zu­er­fun­de­nen, fast durch­gän­gig prä­sen­ten Ak­teu­re, die ganz ne­ben­bei auch noch in der ers­ten Pau­se für ein gro­ßes Bo­hei am Wei­her im Fest­spiel­park sor­gen, ste­hen da­für – und für noch mehr. Le Gateau cho­co­lat ist die per­so­ni­fi­zier­te Trans­gen­der­fi­gur, hisst denn auch die Re­gen­bo­gen­flag­ge und steht, dun­kel wie sie nun mal ist, glei­cher­ma­ßen für Ras­sis­mus. Nur für die Drag-Queen geht das Gan­ze üb­ri­gens of­fen­bar gut aus.

Auf der wil­den Müll­kip­pe des 3. Akts ver­sucht Os­kar (Man­ni Lau­den­bach) Eli­sa­beth (Lise Da­vid­sen) zu trös­ten.

Der klein­wüch­si­ge Man­ni Lau­den­bach als Os­kar ist bei­spiel­haft für die ge­ge­be­ne Fül­le an Stil­zi­ta­ten aus der Kunst-, Li­te­ra­tur-, Film- und Thea­ter­ge­schich­te und be­glei­tet das Schei­tern von Wag­ners Tann­häu­ser-Per­so­nal mal herz­er­fri­schend ko­misch, mal zum Wei­nen em­pa­thisch. Er steht dar­über hin­aus für alle Men­schen, die an­ders sind als Otto-Nor­mal­ver­brau­cher und Lies­chen Mül­ler. Und was die bei­den Zu­satz­ak­teu­re im Vi­deo im be­rühm­ten Fest­spiel­haus­gang der Di­ri­gen­ten mit den Por­träts von zwei be­stimm­ten Pult­ma­gi­ern an­fan­gen, ist ein­fach zum Hin­kni­en!

Schlusspie­ta mit Tann­häu­ser (Ste­phen Gould), Eli­sa­beth (Lise Da­vid­sen) und Os­kar (Man­ni Lau­den­bach) auf dem Schrott­platz des 3. Akts

Glei­ches gilt für die So­lis­ten, von de­nen für mich Ste­phen Gould des­halb her­aus­ragt, weil er – an­ders als in Ka­tha­ri­na Wag­ners „Tristan“-Inszenierung – end­lich ne­ben sei­nem über­ra­gen­den Hel­den­te­nor auch sein dar­stel­le­ri­sches Po­ten­zi­al of­fen­bart. Sei­ne Ro­m­erzäh­lung war beim Fest­akt für Wolf­gang Wag­ner am Abend zu­vor mu­si­ka­lisch schö­ner, aber wenn er wie hier vom Re­gis­seur schau­spie­le­risch der­art ge­for­dert wird, kommt et­was hin­zu, das auch die sän­ge­ri­sche In­ter­pre­ta­ti­on wahr­haf­ti­ger macht. Ein So­li­tär, der neu am Fest­spiel­him­mel glänzt, ist Lise Da­vid­sens raum­fül­len­de Eli­sa­beth. Mar­kus Ei­che als Wolf­ram von Eschen­bach, Ele­na Zhi­d­ko­va, die als be­herz­te Ein­sprin­ge­rin die in al­len Ak­ten prä­sen­te Ve­nus gibt, die wei­te­ren So­lis­ten und der gran­dio­se Fest­spiel­chor sor­gen für eine hoch­ka­rä­ti­ge Vor­stel­lung.

Nur Va­le­ry Ger­gievs Di­ri­gat hört man lei­der an, dass er sich sei­nem Bay­reuth-De­büt nicht in­ten­siv ge­nug ge­wid­met hat. Das Fest­spiel­or­ches­ter glänzt zwar in den ein­zel­nen In­stru­men­ten­grup­pen und kost­bar in den lei­sen Stel­len. Aber die gro­ße Li­nie fehlt und die Ko­or­di­na­ti­on mit Chor- und So­lis­ten­stim­men wa­ckelt zu­wei­len be­denk­lich. Am Ende krieg­te der Di­ri­gent die meis­ten Buh­ru­fe ab. Das Gros des Pre­mie­ren­pu­bli­kum fei­er­te Sze­ni­ker, So­lis­ten und Chor en­thu­si­as­tisch.

Be­such­te Pre­mie­re am 25. Juli 2019, Erst­druck in et­was kür­ze­rer Form im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags.

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