Wahn, Wahn, überall Wahn …

Nur drei Mal stand heu­er Wag­ners Erst­lings­dra­ma „Leu­bald“ auf dem Som­mer­spiel­plan der Stu­dio­büh­ne Bay­reuth. Und das ist ehr­lich ge­sagt ein Jam­mer.

Jür­gen Skam­braks als Leu­bald – Sze­nen­fo­tos: Tho­mas Eber­lein

Noch ein­mal und hof­fent­lich nicht zum letz­ten Mal hat die Stu­dio­büh­ne Bay­reuth „Leu­bald“ in ih­ren Som­mer­spiel­plan auf­ge­nom­men – ein Stück, das in der ge­ge­be­nen Rea­li­sie­rung je­den Wag­ne­ria­ner nicht nur in­ter­es­sie­ren soll­te, son­dern muss. Han­delt es sich doch um den dra­ma­ti­schen Erst­ling, den Ri­chard Wag­ner im zar­ten Al­ter von fünf­zehn Jah­ren voll­ende­te.

Der Text in teils an­ti­quier­ter, ver­quas­ter Spra­che galt lan­ge als ver­schol­len. Man­che wür­den sa­gen zu Recht – an­ge­sichts von Sen­ten­zen wie: „Soll sträu­ben sich mein Haar, soll’s freu­dig wal­len? Soll schau­dern, oder jauch­zen mei­ne Zun­ge? – Jauch­ze in Schau­dern! – o, bist du mein Va­ter?“ Es ver­steht sich von selbst, dass die Stu­dio­büh­nen­ver­si­on hin und wie­der sprach­lich noch was drauf­setzt.

Wag­ner selbst er­in­ner­te sich nur bruch­stück­haft an das ihm ab­han­den ge­kom­me­ne gro­ße Trau­er­spiel und schrieb 1871 im ers­ten Band sei­ner „Ge­sam­mel­ten Schrif­ten“: „Zwei­und­vier­zig Men­schen star­ben im Ver­lau­fe des Stü­ckes, und ich sah mich bei der Aus­füh­rung ge­nö­thigt, die Meis­ten als Geis­ter wie­der­kom­men zu las­sen, weil mir sonst in den letz­ten Ak­ten die Per­so­nen aus­ge­gan­gen wä­ren.“

Das stimmt zwar zah­len­mä­ßig nicht, vom An­satz her aber ir­gend­wie schon. Als das 61 Sei­ten um­fas­sen­de, in schwer les­ba­rer Schrift ver­fass­te Ma­nu­skript bei ei­ner Ver­stei­ge­rung 1978 in den Be­sitz der Ri­chard-Wag­ner-Stif­tung Bay­reuth kam, wur­de es von Isol­de Vet­ter und Egon Voss tran­skri­biert, wis­sen­schaft­lich be­ar­bei­tet und erst­mals im „Meistersinger“-Programmheft 1988 der Bay­reu­ther Fest­spie­le kom­plett ver­öf­fent­licht.

Stu­dio­büh­nen-Au­tor, -Re­gis­seur und -Schau­spie­ler Uwe Hop­pe, der Wag­ners Wer­ke in- und aus­wen­dig kennt und sie seit bald vier­zig Jah­ren so ein­falls­reich, poin­tiert und schlüs­sig zu kür­zen und zu in­sze­nie­ren weiß, dass man sich schon lan­ge fragt, war­um Ka­tha­ri­na Wag­ners ihn nicht längst en­ga­giert hat, be­sorg­te die Ur­auf­füh­rung 1989.

An­net­te Zeus als Ade­lai­de und Uwe Hop­pe als ihr Va­ter Ro­de­rich

Er hat das Stück, das un­ge­kürzt gute fünf Stun­den dau­ern wür­de, auf neun­zig pral­le Mi­nu­ten ver­dich­tet und mit dem aus Kulm­bach stam­men­den Mu­si­ker Hans Mar­tin Gräb­ner zu ei­nem Me­lo­dram ver­ar­bei­tet, das spä­ter im Fel­sen­thea­ter von San­s­pa­reil und in ei­ner Neu­in­sze­nie­rung im Stein­gra­eber-Gar­ten wie­der auf den Spiel­plan kam.

Und jetzt er­neut im Hof­thea­ter bei Stein­gra­eber, in lei­der nur drei aus­ver­kauf­ten Auf­füh­run­gen. War­um die Stu­dio­büh­ne die Pro­duk­ti­on im nächs­ten Jahr un­be­dingt wie­der auf­neh­men soll­te – wo­mög­lich ab­wech­selnd mit Wag­ners nur im Li­bret­to er­hal­te­nen ko­mi­schen Oper „Män­ner­list grö­ßer als Frau­en­list oder: Die glück­li­che Bä­ren­fa­mi­lie“ –, ist schnell ge­sagt.

Ers­tens hat welt­weit kei­ne an­de­re Büh­ne „Leu­bald“ im Pro­gramm, der schon sprach­lich und in­halt­lich un­schwer nicht nur die Vor­bil­der des spä­te­ren Mu­sik­dra­ma­ti­kers er­ken­nen lässt. Zwei­tens ist die In­sze­nie­rung in ih­rer Mi­schung aus hals­bre­che­ri­schem Kör­per­thea­ter mit Bal­lett­cho­reo­gra­phie so­wie der un­ser­eins längst fremd ge­wor­de­nen Stumm­film­ges­tik und -mi­mik un­be­dingt se­hens­wert.

Hän­de­rin­gen, blan­kes Ent­set­zen und Zäh­ne­ble­cken: oben An­net­te Zeus (Ade­lai­de) und Jo­han­na Rönsch (Gund­chen), un­ten Uwe Hop­pe (Ro­de­rich) und Lu­kas Stüh­le (Flamming)

Und drit­tens ist da die von Hop­pe ge­ni­al kon­zi­pier­te Be­gleit­mu­sik, die erst recht deut­lich macht, dass in dem Jüng­ling Wag­ner schon fast al­les steck­te. Für ein lus­ti­ges Leit­mo­tiv- und Stel­len­ra­ten geht das Gan­ze selbst für Ken­ner manch­mal zu schnell, was an der eben nicht nur von Wag­ner, son­dern auch von Live-Pia­nist Gräb­ner sou­ve­rän ge­pfleg­ten Kunst des un­merk­lich flie­ßen­den Über­gangs liegt.

Jo­han­na Rönsch (Gund­chen) und An­net­te Zeus (Ade­lai­de)

Man sieht den Mann am Kla­vier zwar nicht, er spielt aber ne­ben Jür­gen Skam­braks als Leu­bald eine Haupt­rol­le. Dass die bei­den schon 1989 da­bei wa­ren, darf als Qua­li­täts­zei­chen gel­ten. Zwar wirkt Skam­braks nun nicht mehr wie ein 20-Jäh­ri­ger, aber er gibt die­sem aber­wit­zi­gen Leu­bald-Ham­let, der in sei­nem Wahn zum acht­fa­chen Schla­ge­tot wird, glaub­haf­te Sta­tur.

Trotz des Hau­en und Ste­chens, trotz al­ler Tra­gik gibt es viel und herz­lich zu la­chen: Das ha­ben Wag­ner und Hop­pe von Wil­liam Shake­speare ge­lernt. Auf der Ebe­ne des nie­de­ren Volks agie­ren mit Stimm­kraft und Ver­ve Lu­kas Stüh­le (Flamming), Sa­scha Retzlaff (Bär­ting und Wirt) so­wie Cha­ris Ha­ger als präch­ti­ge Hexe (Kos­tü­me: An­drea Par­ten­fel­der), wäh­rend Uwe Hop­pe mal als der­ber Schramm­bold, mal als ed­ler, aber nicht min­der lau­ter Rit­ter Ro­de­rich zu Höchst­form auf­läuft.

Wenn auch Finn Leible, Anja Kraus und alle wei­te­ren Ge­spens­ter ihr grau­si­ges Werk voll­bracht, wenn die wun­der­ba­re An­net­te Zeus (Ade­lai­de) und die eben­so wun­der­ba­re Jo­han­na Rönsch (Gund­chen) auf Leu­balds Lei­che zu Lie­bes­tod­klän­gen ihr Le­ben aus­hau­chen, ist im Au­di­to­ri­um kein Hal­ten mehr. To­sen­der Bei­fall, Ge­tram­pel – wie es sich eben auch im Hof­thea­ter der Kla­vier­ma­nu­fak­tur Stein­gra­eber für eine rich­tig gute Auf­füh­rung ge­hört.

Be­such­te zwei­te Vor­stel­lung am 10. Au­gust, Druck­ver­si­on im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags

Wahn, Wahn, über­all Wahn: Na­tür­lich auch schon in Wag­ners Erst­ling „Leu­bald“ mit Jür­gen Skam­braks und An­net­te Zeus Foto: Tho­mas Eber­lein

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