Herzerfrischend komisch, geistreich, bissig und tief

Wo­tan mit Au­gen­klap­pe und Fri­cka in ih­rem schi­cken Per­sia­ner-Out­fit Fo­tos: Tho­mas Eber­lein

Wäh­rend im letz­ten Jahr­zehnt oben im Fest­spiel­haus kaum ein Stein auf dem an­de­ren ge­blie­ben ist, wer­den am Ran­de des Hü­gels, un­ten in der Stadt, Tra­di­tio­nen ge­pflegt. Seit bald vier­zig Jah­ren gibt es im Hof­thea­ter der Kla­vier­fa­brik Stein­gra­eber mit dem Stu­dio­büh­nen-Wag­ner ge­wis­ser­ma­ßen ein Ge­gen­pro­gramm. Ob man die Stü­cke als Par­odie, Per­si­fla­ge, Sa­ti­re, Tra­ves­tie oder ein­fach als Wag­ner-Ad­ap­ti­on klas­si­fi­ziert: Sie sind in je­dem Fall herz­er­fri­schend ko­misch, geist­reich, bis­sig und ga­ran­tiert auch ein biss­chen tief.

Das jüngs­te Werk von Au­tor und Re­gis­seur Uwe Hop­pe heißt „Heda! Heda! Hedo!“ – wie die ein­präg­sa­men Rufe von Gott Don­ner im „Rhein­gold“, wel­che Kai­ser Wil­helm II. so sehr ge­fie­len, dass er sie für die Hupe sei­ner Li­mou­si­ne um­set­zen ließ. Heut­zu­ta­ge wäre das ein Han­dy-Klin­gel­ton, wo­mit wir auch schon mit­ten­drin sind im Plot. Denn die im Un­ter­ti­tel fi­xier­te Fra­ge „What the fuck is Wag­ner?“ kommt von noch ah­nungs­lo­sen Di­gi­tal Na­ti­ves, die aus ih­rem Dra­chen­jagd-Han­dy-Spiel aus- und in die Hand­lung von Ri­chard Wag­ners „Ring des Ni­be­lun­gen“ ein­stei­gen.

Wo­bei es kei­ne Rol­le spielt, ob die Zu­schau­er Vor­kennt­nis­se mit­brin­gen oder nicht. Denn so, wie die sechs Dar­stel­ler in ih­ren Mehr­fach­rol­len die Te­tra­lo­gie um­set­zen, ver­ste­hen selbst blu­ti­ge An­fän­ger, wor­um es geht. Und für alle an­de­ren hat Uwe Hop­pe in Text und In­sze­nie­rung zu­sätz­lich eine Fül­le an ver­blüf­fen­den An­spie­lun­gen an die Ori­gi­nal­wer­ke ein­ge­baut und lässt im gut funk­tio­nie­ren­den Büh­nen­bild von Mi­cha­el Bach­mann und den viel­sa­gen­den Kos­tü­men von Hei­ke Betz im­mer wie­der auch Fest­spiel­ge­schich­te Re­vue pas­sie­ren.

Bei der Ur­auf­füh­rung im letz­ten Jahr dau­er­te das Stück mit Pau­se noch drei Stun­den und hat­te ei­ni­ge Län­gen, die bei der Wie­der­auf­nah­me al­le­samt ver­schwun­den sind. Jetzt, ohne die zwar fas­zi­nie­ren­de, aber auf­ge­pappt wir­ken­de Po­cket­ver­si­on von „Par­si­fal“ und dank wei­te­rer mu­ti­ger  Kür­zun­gen, wirkt das tem­po­rei­che Stück wie aus ei­nem Guss. Was auch dar­an liegt, dass die sechs Stu­dio­büh­nen-Ak­teu­re, die kei­ne pro­fes­sio­nel­len Schau­spie­ler sind, bra­vou­rös in ihre stän­dig wech­seln­den Rol­len hin­ein­ge­wach­sen sind – stimm­lich eben­so wie in ih­rer Kör­per­spra­che.

Die saf­ti­ge Kri­tik der bei­den al­ten Hü­ter des Wag­ner­horts Max (Frank Jo­seph Mais­el) und Esche (Con­ny Trap­per) hat es in sich, die def­ti­ge Spra­che der wer­den­den vier Jung-Wag­ne­ria­ner Wil­helm (Lu­kas Stüh­le), Ros­wi­tha (Anja Kraus), Cas­par (Finn Leible) und Hed­wig (An­ne­te Lauck­ner) auch. Der Stab­reim fei­ert mit neu­en Um­set­zun­gen wie „dünn­blü­ti­ge Dum­mer­ja­ne“ und „gei­ler Ga­ckel“ fröh­li­che Ur­ständ, der Ju­gend-Slang ist, wie schon der Un­ter­ti­tel ver­heißt, über­rum­pelnd di­rekt.

Die Rhein­töch­ter sind na­tür­lich ein Tra­ves­tie-Hit, die Rie­sen in ih­rer Ein­falt kaum zu über­tref­fen. Sieg­fried ist schon in sei­ner kör­per­li­chen Be­weg­lich­keit ein un­ver­gess­li­cher Held und dürf­te das ab­rup­te Hin­fal­len bis zur Schmerz­gren­ze ge­probt ha­ben. Apro­pos: Gun­ther und Gutru­ne, ge­nannt Tru­ne, sind so doof, dass es fast schon weh tut. Aber eben durch der­lei Über­zeich­nun­gen er­schei­nen die Haupt­fi­gu­ren umso wahr­haf­ti­ger. Und Brünn­hil­des Schluss-Mo­no­log lässt ei­nen in sei­ner Ak­tua­li­tät schlicht­weg er­schau­ern. Gro­ßer Ju­bel bei der Wie­der­auf­nah­me-Pre­mie­re am Sams­tag.

Üb­ri­gens: Nicht nur das Steingraeber’sche Hof­thea­ter ist eine be­son­de­re Lo­ca­ti­on, die von der Stu­dio­büh­ne Bay­reuth all­som­mer­lich be­spielt wird. Emp­feh­lens­wert sind auch die Vor­stel­lun­gen von Shake­speares „Mac­beth“ im Fel­sen­thea­ter San­s­pa­reil. Bir­git Franz, Sieg­lin­de, Rhein­toch­ter und Norn in Uwe Hop­pes „Ring“-Erstling von 1982, hat eine 95 Mi­nu­ten dau­ern­de Fas­sung in­sze­niert, die ein­drucks­voll auf die Kraft der Spra­che setzt.

Be­such­te Wie­der­auf­nah­me­pre­mie­re von „Heda! Heda! Hedo!“ am 21. Juli, wei­te­re Vor­stel­lun­gen von  am 27., 29. und 31. Juli so­wie acht­mal im Au­gust. Be­such­te Ge­ne­ral­pro­be von „Mac­beth“ am 18. Juli, wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 24., 26. und 28. Juli so­wie sechs­mal im Au­gust. Erst­druck im Feuil­le­ton des Frän­ki­schen Tags am 23. Juli 2018. Kar­ten-Te­le­fon 0921/69001, wei­te­re In­fos auf der Home­page der Stu­dio­büh­ne Bay­reuth

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