Neueste Nachrichten aus dem Krehwinkel

Das erst of­fi­zi­ell de­men­tier­te, dann be­stä­tig­te Fest­spiel­kon­zert am Sams­tag fin­det jetzt im Wahn­fried-Saal statt.

„Na­gel­neue Krä­win­ke­lia­den“, hand­ko­lo­rier­te Fe­der-Li­tho­gra­phie von J. F. Kai­ser, Graz 1826 – Vor­la­ge: Wiki­me­dia Com­mons

Ja, ich weiß, das ist nicht die gän­gi­ge Schreib­wei­se. Aber die wohl frü­hes­te li­te­ra­ri­sche Nen­nung des Kräh­win­kels, der ab 1802 durch das Lust­spiel „Die deut­schen Klein­städ­ter“ weit­hin be­kannt wur­de, stammt, in der Schrei­bung mit E, aus der Sa­ti­re „Das heim­li­che Kla­ge­lied der jet­zi­gen Män­ner“ von Jean Paul Fried­rich Rich­ter – wo­mit wir uns gleich am rich­ti­gen Ort be­fin­den, näm­lich nicht in Pos­sen­ho­fen, son­dern in Bay­reuth, der so­ge­nann­ten Welt­stadt auf Zeit. Denn auch hier pas­siert so man­ches, was vi­sio­nä­re Köp­fe wie Hein­rich Hei­ne, Gott­fried Kel­ler, Au­gust von Kot­ze­bue und Jean Paul nicht bes­ser hät­ten er­fin­den kön­nen.

Es geht um das Fest­spiel­kon­zert am 25. Juli 2020, über das ich an­deu­tungs­wei­se erst­mals am 12. Juni ge­schrie­ben habe und das der in Sa­chen Fest­spie­le sehr gut in­for­mier­te Axel Brüg­ge­mann in sei­ner Crescendo-„Klassikwoche“ vom 15. Juni mit Aus­nah­me der Lo­ca­ti­on schon haar­klein so be­schrie­ben hat, wie es letzt­end­lich an die­sem Sams­tag sein wird: „Es könn­te die­sen Som­mer, am 25. Juli, tat­säch­lich zur tra­di­tio­nel­len Bay­reuth-Er­öff­nung kom­men. Denn dann soll – so ist zu hö­ren – ein Kon­zert mit Chris­ti­an Thie­le­mann im Fest­spiel­haus statt­fin­den. An his­to­ri­schem Ort, even­tu­ell ohne Pu­bli­kum, qua­si un­sicht­bar: Da passt es, dass der Baye­ri­sche Rund­funk das Kon­zert auch nur im Ra­dio über­tra­gen will.“

Die Lo­kal­zei­tung Nord­baye­ri­scher Ku­rier re­agier­te am 16. Juni mit ei­ner kur­zen Mel­dung, um we­nig spä­ter, am 18. Juni, nach der an­geb­li­chen „Ent­schei­dungs­fin­dung für oder ge­gen ein solch un­ge­wöhn­li­ches Event“ das kla­re De­men­ti von Heinz-Die­ter Sen­se zu ver­öf­fent­li­chen, dem an­stel­le der er­krank­ten Fest­spiel­lei­te­rin Ka­tha­ri­na Wag­ner agie­ren­den Ge­schäfts­füh­rer der Fest­spiel GmbH ne­ben Hol­ger von Berg, des­sen Ar­beits­ver­hält­nis in Bay­reuth zum nächs­ten April en­det. Am 5. Juli lie­fer­te Hu­ber­tus Herr­mann, der neue Lei­ter des Fest­spiel-Pres­se­bü­ros, un­ter dem Ti­tel „Al­ter­na­ti­ves Top-Pro­gramm für Bay­reu­ther Fest­spiel-Fans“ ers­te In­fos über das  ge­mein­sam mit BR-Klas­sik, ARD-al­pha und 3sat kon­zi­pier­te An­ge­bot. Un­ter den „Co­ro­na-ver­träg­li­chen Live-Ver­an­stal­tun­gen, ex­klu­si­ven Ar­chiv­schät­zen und Son­der­sen­dun­gen“ tauch­te plötz­lich doch – al­ler­dings ohne An­ga­be des Ver­an­stal­tungs­orts – das Fest­spiel­kon­zert vom 25. Juli auf.

Mit der zu­tref­fen­den Fest­stel­lung „Das Kom­mu­ni­ka­ti­ons­cha­os trägt zu­neh­mend ab­son­der­li­che­re Blü­ten“ be­rich­te­te Ro­man Kocholl, der Fest­spiel­spe­zia­list des Nord­baye­ri­schen Ku­riers, am 8. Juli, dass der BR auf sei­ner Home­page das Kon­zert in­zwi­schen im Mark­gräf­li­chen Opern­haus ver­or­te. In der Druck­aus­ga­be vom 11. Juli kom­men­tier­te Kocholl das Ge­sche­hen un­ter dem Ti­tel „Bit­te­re Aus­sich­ten“ un­ge­wohnt kri­tisch: „Das Si­gnal, das in die­sen Ta­gen vom Grü­nen Hü­gel aus­geht, ist: Geht uns bloß nicht auf die Ner­ven! Seit ei­ni­gen Wo­chen dok­tert man dort und in der Stadt an ei­nem Kon­zert her­um, das es am 25. Juli an ei­nem noch nicht ge­nann­ten Ort in Bay­reuth ge­ben soll. Als die­se Zei­tung erst­mals über sol­che Plä­ne be­rich­te­te, la­gen im Fest­spiel­haus of­fen­bar die Ner­ven blank.“ Da­bei gehe es doch nur um eine Ver­an­stal­tung, in der un­ter an­de­rem die We­sen­donck-Lie­der und Wag­ners „Sieg­fried-Idyll“ in klei­ner Be­set­zung auf­ge­führt wer­den sol­len. Und un­ter Hin­weis auf die Ur­auf­füh­rung des „Siegfried“-Idylls in Trib­schen: „Wäre doch ge­lacht, wenn sich nicht auch in Bay­reuth noch ein hüb­sches Stie­gen­haus für die­sen An­lass fin­den lie­ße.“

Das Stie­gen­haus hat sich also ge­fun­den. Um die Re­ak­ti­ons­schnel­lig­keit der jet­zi­gen Fest­spiel­ver­wal­tung zu il­lus­trie­ren, ver­wei­se ich ger­ne dar­auf, dass die­se es im­mer­hin fünf Tage vor dem Fest­spiel­kon­zert dann doch noch ge­schafft hat, auf der Fest­spiel-Home­page nun auch den prä­zi­sen Ver­an­stal­tungs­ort be­kannt zu ge­ben. Apro­pos: Zeit­gleich wur­de erst vor we­ni­gen Ta­gen der im­mer noch kom­plett ohne Co­ro­na-Hin­weis prä­sen­tier­te Spiel­plan in­so­fern kor­ri­giert, als ihm jetzt we­nigs­tens eine Kurz­in­fo zur Fest­spiel-Ab­sa­ge vor­an­ge­stellt ist. (Und für das Rah­men­pro­gramm Dis­kurs Bay­reuth, das heu­er von Ber­lin aus qua­si nur im Netz statt­fin­den wird, gibt es zu­min­dest eine vier­zei­li­ge An­kün­di­gung. Aber mehr auch nicht. Liegt das nur am man­geln­den Or­ga­ni­sa­ti­ons­ta­lent von Ku­ra­to­rin Ma­rie Lui­se Maintz oder ist das Di­ckicht der Zu­stän­dig­kei­ten in­ner­halb der Fest­spiel­ver­wal­tung ein­fach zu groß? Je­den­falls soll­te man jetzt bes­ser nicht dar­an den­ken, dass bei­spiels­wei­se die Deut­sche Oper Ber­lin blitz­schnell Co­ro­na-ver­kürz­te „Rheingold“-Aufführungen auf ih­rem Park­deck rea­li­siert hat, mit aus­ver­kauf­ten Vor­stel­lun­gen auch im Au­gust.)

In der Pres­se­mit­tei­lung des Wag­ner­mu­se­ums liest sich die Kon­zertan­kün­di­gung (un­ter Aus­las­sung von we­nigs­tens ein paar Mit­glie­dern des Fest­spiel­or­ches­ters, sonst bräuch­te es ja den di­ri­gie­ren­den Mu­sik­di­rek­tor nicht) so: „Trotz der co­ro­nabe­dingt schwie­ri­gen Um­stän­de wer­den die Stadt Bay­reuth und die Bay­reu­ther Fest­spie­le am tra­di­tio­nel­len Er­öff­nungs­tag der Fest­spie­le, Sams­tag, 25. Juli 2020, um 16 Uhr ein Kon­zert im Haus Wahn­fried ver­an­stal­ten. Un­ter Lei­tung von Chris­ti­an Thie­le­mann füh­ren die So­lis­ten Ca­mil­la Ny­lund, So­pran, und Klaus Flo­ri­an Vogt, Te­nor, so­wie Jobst Schnei­de­rat am Wahn­fried-Flü­gel Ri­chard Wag­ners Aus­schnit­te aus ‚Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg‘, das ‚Sieg­fried-Idyll‘ und die ‚We­sen­donck-Lie­der‘ auf. Das Kon­zert wird live vom Baye­ri­schen Rund­funk auf BR Klas­sik (www​.br​-klas​sik​.de/​p​r​o​g​r​a​m​m​/​r​a​d​i​o​/​a​u​s​s​t​r​a​h​l​u​n​g​-​2​2​0​7​2​6​8​.​h​tml) und zu­dem vor Ort auf Vi­deo­wän­den als Pu­blic Viewing für bis zu 400 Per­so­nen nach au­ßen über­tra­gen. Das Café Wahn­fried sorgt für Er­fri­schun­gen. Der Ein­tritt be­trägt 5 Euro als Re­gis­trie­rungs­ge­bühr zur Er­fül­lung der Co­ro­na-Auf­la­gen. Ti­ckets für das Pu­blic Viewing sind ab Mitt­woch, 22.Juli, on­line auf der Web­site der ‚Mu­si­ca Bay­reuth‘ un­ter www​.mu​si​ca​-bay​reuth​.de/​e​v​e​n​t​/​w​a​h​n​f​r​i​e​d​-​o​p​e​n​-​air und an der Thea­ter­kas­se (www​.bay​reuth​-tou​ris​mus​.de/​u​e​b​e​r​-​u​n​s​/​t​h​e​a​t​e​r​k​a​sse) er­hält­lich. We­gen des auf­wän­di­gen Auf­baus und der tech­ni­schen Ein­rich­tung muss Haus Wahn­fried am 25. Juli 2020 lei­der ganz­tä­gig ge­schlos­sen blei­ben. Das Sieg­fried Wag­ner-Haus und der Neu­bau des Mu­se­ums blei­ben da­ge­gen re­gu­lär und bei frei­em Ein­tritt bis 17 Uhr ge­öff­net.“

Da kann, darf, muss ich schnell noch­mals auf die Re­por­ta­ge „Wag­ner-Pil­ger auf Ent­zug“ von Pe­ter Jung­blut auf BR24 bzw. in der Sen­dung „Fa­zit“ auf Deutsch­land­ra­dio Kul­tur ver­wei­sen. Zwar ver­legt der Fach­jour­na­list fälsch­li­cher­wei­se das „Wil­de Fel­sen­ge­bir­ge“ aus der „Wal­kü­re“ vom zwei­ten in den drit­ten Akt, aber er um­reißt über ei­ni­ge we­ni­ge O-Töne von Ge­org Frei­herr von Wal­den­fels, war­um Bay­reuth nicht nur we­gen Co­ro­na in der Kri­se steckt. Der neue Vor­sit­zen­de des Fest­spiel-Ver­wal­tungs­rats und Chef der nicht nur mä­ze­na­ti­schen, son­dern in der Ge­sell­schaf­ter­ver­samm­lung der Fest­spiel-GmbH mit­be­stim­men­den „Ge­sell­schaft der Freun­de von Bay­reuth e.V.“ (GdF), spricht da­von, dass man sich am Sams­tag, an ei­nem Tre­sen beim Ein­gang zur GdF-Ge­schäfts­tel­le oben am Grü­nen Hü­gel, dar­auf ein­rich­tet, eher we­ni­ge, aber treue Fest­spiel­gäs­te zu trös­ten: „Kann auch sein, wenn ge­nü­gend Pu­bli­kum da ist, dass Chris­ti­an Thie­le­mann und ich Brie­fe von Ri­chard Wag­ner vor­le­sen, das war so eine Über­le­gung. Man muss ein­fach se­hen, ob das Sinn macht. Je­den­falls wol­len wir an die­sem 25. Juli Gast­ge­ber sein.“