Schlingensiefs „Parsifal“

Heu­te vor zehn Jah­ren starb im Al­ter von nur 49 Jah­ren Chris­toph Schlin­gen­sief. Hier ein per­sön­li­cher Rück­blick auf sei­ne „Parsifal“-Inszenierung in Form von Kri­ti­ken aus den Jah­ren 2004 bis 2006.

Chris­toph Schlin­gen­sief wäh­rend der Ver­lei­hung des Nes­troy-Thea­ter­prei­ses 2009 in Wien Foto: Man­fred Werner/​Tsui

Rasant im Tempo und aberwitzig in seiner Bilderflut

Der neue „Par­si­fal“ in Bay­reuth: Ein Sieg für Pierre Bou­lez – und das Team Schlingensief
Frän­ki­scher Tag, 27. Juli 2004 (un­ge­kürz­te Version)

Nein, Chris­toph Schlin­gen­sief ist kein Schar­la­tan, son­dern ein ernst zu neh­men­der Künst­ler, der (was nichts Un­ge­wöhn­li­ches ist) nicht ganz fer­tig ge­wor­den ist mit sei­ner „Parsifal“-Inszenierung und dem­zu­fol­ge noch Nach­hol­be­darf hat: ein Hoch auf die Werk­statt Bay­reuth! Der von vie­len er­war­te­te Thea­ter-Skan­dal hat also nicht statt­ge­fun­den. Na­tür­lich wird es Ver­ris­se ge­ben, na­tür­lich gab es Pfif­fe und Buh­ru­fe, aber sie klan­gen nicht un­be­dingt so, als ob sie ein Muss und drin­gen­des Her­zens­be­dürf­nis ih­rer Ur­he­ber ge­we­sen wä­ren. Sie wa­ren eher ein Spie­gel­bild da­für, dass der in der Fest­spiel­ge­schich­te bei­spiel­lo­se Me­di­en-Hype eben doch sei­ne Spu­ren hin­ter­lässt. Chris­toph Schlin­gen­sief als Hauptur­he­ber wird schon wis­sen, was er tut, Wolf­gang und Ka­tha­ri­na Wag­ner tun das si­cher auch.

Er­war­ten Sie nun bit­te nicht, dass ich Ih­nen haar­klein er­klä­re, was al­les war­um so und nicht an­ders ge­schieht! Was Schlin­gen­sief und sein Team – Da­ni­el An­ger­mayr und Tho­mas Go­e­r­ge (Büh­nen­bild), Ta­bea Braun (Kos­tü­me), Voxi Bä­ren­klau (Licht­de­sign), Ul­rich Nie­pel (Licht), Mei­ka Dre­sen­kamp (Vi­deo) und Carl He­ge­mann (dra­ma­tur­gi­sche Mit­ar­beit) – auf die Büh­ne ge­stellt ha­ben, ent­zieht sich zu­min­dest teil­wei­se her­kömm­li­chen Deu­tungs- und Er­läu­te­rungs­mus­tern. Die Bil­der- und As­so­zia­ti­ons­flut ist schlicht­weg zu groß.

Wo­mit auch schon ein we­sent­li­cher Punkt an­ge­spro­chen wäre. Ri­chard Wag­ners Büh­nen­weih­fest­spiel ist mit die­ser Pro­duk­ti­on im Hier und Heu­te, im Jahr 2004 an­ge­kom­men, ist un­mit­tel­ba­rer Aus­druck ei­ner chao­ti­schen Welt, die nicht mehr weiß wo­hin mit der Fül­le ih­rer Bil­der und In­for­ma­tio­nen: der „Par­si­fal“ als schier end­lo­ser und doch kurz­wei­li­ger Vi­deo­clip, als tra­shi­ge MTV-Mam­mut­sen­dung mit Links ins World Wide Web, wo man auf al­les und gar nichts eine Ant­wort findet.

Was Schlin­gen­sief weiß, ist nicht un­be­dingt das, was Opern­gän­ger und Wag­ner­ken­ner er­war­ten. Sei­ne Art von In­sze­nie­rung hat nicht den Ehr­geiz, die Hand­lung für den Zu­schau­er un­mit­tel­bar nach­voll­zieh­bar zu ma­chen, son­dern stellt sie in ei­nen ganz in­di­vi­du­el­len, wenn man so will ego­ma­ni­schen In­ter­pre­ta­ti­ons­rah­men, von dem aus man Schritt für Schritt wo­mög­lich neue Wege zu „Par­si­fal“ (der wahr­schein­lich das ein­zi­ge Werk Wag­ners ist, das ei­nen schlin­gen­sief­schen Zu­griff aus­hält) fin­den kann.

Es ist kein Zu­fall, dass auch die gro­ße dies­jäh­ri­ge Fest­spiel­aus­stel­lung „Wege zu Par­si­fal“ heißt, de­ren Ti­tel sich kon­kret auf ei­nen Pro­gramm­heft­auf­satz des Di­ri­gen­ten Pierre Bou­lez aus dem Jahr 1970 be­zieht. Schon ein ers­ter Blick auf die Ka­ta­log­bro­schü­re und ins ak­tu­el­le Pro­gramm­buch der dies­jäh­ri­gen Fest­spie­le macht deut­lich, wor­in die ak­tu­el­le Pro­duk­ti­on sich we­sent­lich von ih­ren Vor­gän­gern un­ter­schei­det: Wäh­rend man den spe­zi­fi­schen Cha­rak­ter von frü­he­ren In­ter­pre­ta­tio­nen an ei­ni­gen we­ni­gen Sze­nen wie­der­erkennt, ent­zieht sich die jet­zi­ge sol­chen Standbildern.

Der neue Bay­reu­ther „Par­si­fal“ ist von ei­ner stu­pen­den, den Zu­schau­er for­dern­den, si­cher auch über­for­dern­den Bild­kraft, die nie­mals sta­tisch, son­dern stets le­ben­dig, im Fluss ist. Das mit fil­mi­schen Mit­teln über­reich aus­ge­stat­te­te sze­ni­sche Ar­ran­ge­ment ist ein scheint’s nach al­len Rich­tun­gen sich ste­tig ver­än­dern­der, pul­sie­ren­der Or­ga­nis­mus, der kon­kret und doch ir­re­al ist und sich klar nur dort ver­or­ten lässt, wo al­les zu­sam­men­fließt: im mensch­li­chen Ge­hirn, in der Er­in­ne­rung, in der un­end­lich schnel­len und doch zeit­lo­sen Bil­der­flut, die un­mit­tel­bar dem Tod vorausgeht.

Der My­thos, den das Schlin­gen­sief-Team vi­sua­li­siert hat, ist eine durch­aus aben­teu­er­li­che Mi­schung aus In­gre­di­en­zi­en, die für sich ge­nom­men auch aber­wit­zig, ab­we­gig, un­re­flek­tiert sein mö­gen, aber in der Sum­me Sinn ma­chen. Auf der Dreh­büh­ne, die alle Schau­plät­ze syn­chro­ni­siert, voll­zieht sich wie in ei­nem mehr­schich­ti­gen, gleich­zei­tig ab­lau­fen­den Film das, was Wag­ner im „Par­si­fal“ ab­han­delt: eine Art Läu­te­rung, ein schmer­zens­rei­cher Weg, ver­bun­den mit Ri­tua­len, durch die der Mensch – ver­geb­lich – ver­sucht, sei­nen ei­ge­nen Tod in den Griff zu bekommen.

Der hier wie ein prä­raf­fae­li­ti­scher Je­sus wir­ken­de Par­si­fal, der sich im 1. Akt noch mit Ver­tre­tern al­ler Welt­re­li­gio­nen, also nicht nur mit dem Chris­ten­tum kon­fron­tiert sieht und ein­taucht in für ihn und uns frem­de Kul­tu­ren, ge­winnt im Vor­griff auf sei­nen Tod Ein­sich­ten, die ihn emp­find­sam ma­chen für das krea­tür­li­che Leid: Der Schwan, den er ge­tö­tet hat, ist ein Sinn­bild, das Schlin­gen­sief mit Bil­dern von Ha­sen über­la­gert, de­ren my­tho­lo­gi­sche Be­deu­tung in je­dem bes­se­ren Nach­schla­ge­werk aus­führ­lich be­schrie­ben ist.

Soll man fra­gen, war­um Kund­ry im 3. Akt so aus­la­dend kos­tü­miert ist wie die als eine Art Frucht­bar­keits­göt­tin fun­gie­ren­de, ein­drucks­voll in sich ru­hen­de Sta­tis­tin im 1. Akt? Muss man un­mit­tel­bar ver­ste­hen, war­um in die­sem dem Ver­fall ge­weih­ten Nie­mands­land Rob­ben sich im Tanz wie­gen und eine äl­te­re Dame im­mer wie­der auch ins Au­di­to­ri­um winkt? Darf es an­ge­hen, dass auf der Büh­ne des Bay­reu­ther Fest­spiel­hau­ses wie­der ein­mal Ober­am­mer­gau­er Lai­en­thea­ter statt­fin­det, ob­wohl fast alle Prot­ago­nis­ten es nach­weis­lich bes­ser kön­nen? Sind Per­so­nen­re­gie und Psy­cho­lo­gie für Schlin­gen­sief Fremdwörter?

Auch Par­si­fal wird von Gur­nemanz viel ge­fragt und weiß kei­ne Ant­wor­ten. Der Re­gis­seur und sein Team sind naiv wie Par­si­fal – und Kund­ry und Klings­or und Am­for­tas und Ti­tu­rel un­d­so­wei­ter, die eben­so wie auch Ri­chard Wag­ner ihre Fra­gen ans Pu­bli­kum wei­ter­ge­ben. Es sind – ohne er­ho­be­nen Zei­ge­fin­ger – mo­ra­li­sche Fra­gen. Und die tat­säch­lich bunt zu­sam­men­ge­wür­fel­te Men­schen­schar auf der Büh­ne schließt, ohne des­halb in ein be­lie­bi­ges Frie­de-Freu­de-Ei­er­ku­chen-Ge­fühl ab­zu­sin­ken, nie­man­den aus und alle – selbst­ver­ständ­lich auch Far­bi­ge und Be­hin­der­te – ein.

Vor­aus­ge­setzt man ist über­haupt be­reit, sich auf die­ses Fest­spiel­aben­teu­er ein­zu­las­sen! Ein erst­klas­si­ges Vor­bild da­für ist Pierre Bou­lez, der die un­ge­wöhn­li­che Pro­duk­ti­on nicht nur nach Kräf­ten un­ter­stützt und ge­för­dert, son­dern durch sei­ne mu­si­ka­li­sche In­ter­pre­ta­ti­on erst mög­lich macht: Er di­ri­giert den „Par­si­fal“ un­ge­mein rasch – ins schier Un­end­li­che zer­dehn­te Län­gen à la Ja­mes Le­vi­ne wür­den auch die Sze­ne rasch ins Nir­wa­na be­för­dern – und be­glau­bigt da­mit das Fort­schrei­ten, das Vor­wärts­drän­gen, die stän­di­ge Be­we­gung, den Kreis­lauf der Inszenierung.

Das Fest­spiel­or­ches­ter nimmt das Tem­po auf als wäre es sein ur­ei­ge­ner Rhyth­mus und Atem, spielt traum­haft lu­zi­de und leicht, lässt al­les Dröh­nen­de und Schwe­re, den an­geb­li­chen Wag­ner­klang eben, weit hin­ter sich und fin­det zu ei­ner Klar­heit und Über­sicht, wie sie auch dem Schöp­fer die­ser wun­der­ba­ren Mu­sik zu ei­gen ge­we­sen sein mag, als er die Kom­po­si­ti­on sei­nem Fest­spiel­haus auf den höl­zer­nen Klangleib ge­schrie­ben hat.

Was den Künst­ler Pierre Bou­lez aus­macht, der uns teil­ha­ben lässt an sei­ner in vie­len Jahr­zehn­ten ge­wach­se­nen im­mensen Mu­sik-Er­fah­rung, wur­de auch bei sei­nem So­lo­bei­fall in der Pre­mie­re deut­lich: Er ent­zog sich dem ein­hel­li­gen Ju­bel und den sich ge­ra­de auf­bau­en­den Stan­ding Ova­tions, in­dem er de­zent und rasch wie­der hin­ter dem Vor­hang ver­schwand und sich fort­an nur noch ge­mein­sam mit den durch­weg gu­ten bis sehr gu­ten So­lis­ten, den wie im­mer her­aus­ra­gen­den Cho­ris­ten un­ter Eber­hard Fried­rich und dem In­sze­nie­rungs­team zeig­te. Bra­vo Maestro!

Sze­ne aus dem 2. Akt mit End­rik Wott­rich in der Ti­tel­rol­le 2004 Foto: Bay­reu­therFestspiele/​Jochen Quast

Weltabschiedswerk in heiterer Zartheit

Chris­toph Schlin­gen­siefs Bay­reu­ther „Par­si­fal“ run­det sich in sei­nem zwei­ten Aufführungsjahr.
Frän­ki­scher Tag, 1. Au­gust 2005 (un­ge­kürz­te Version)

„It’s Wag­ner“, sag­te nach dem Buh­ge­wit­ter im Zu­schau­er­raum und dem an­schlie­ßen­den Or­kan drau­ßen die ame­ri­ka­ni­sche Rock­poe­tin Pat­ti Smith. „It’s his en­er­gy“. Und mein­te das in po­si­ti­vem Sin­ne, auch und ge­ra­de in Be­zug auf die „Parsifal“-Inszenierung, die den dies­jäh­ri­gen Pre­mie­ren­rei­gen in Bay­reuth beschloss.

Eine au­ßer­or­dent­li­che En­er­gie­leis­tung in der Tat, und zwar von al­len Be­tei­lig­ten: Jetzt erst, in ih­rem zwei­ten Auf­füh­rungs­jahr ist – wie vor­her­ge­sagt – die­se In­sze­nie­rung ganz bei sich an­ge­kom­men. Chris­toph Schlin­gen­sief und sein Team ha­ben die Werk­statt-Chan­ce ge­nutzt, viel ge­än­dert und ver­bes­sert, ins­be­son­de­re was die Per­so­nen­füh­rung betrifft.

Das Büh­nen­bild mit ganz un­ter­schied­li­chen Bau­ten zwi­schen ein­ge­zäun­tem Elends­quar­tier und klas­si­schen Ar­chi­tek­tu­ren auf der rand­voll ge­stell­ten Dreh­büh­ne ist im We­sent­li­chen gleich ge­blie­ben, wur­de al­ler­dings spür­bar im Klein­tei­li­gen ent­rüm­pelt und wirkt da­durch deut­lich bes­ser struk­tu­riert und je nach Be­leuch­tung so­gar über­ra­schend transparent.

Auch die im Vor­jahr noch alle an­de­ren Ein­drü­cke über­la­gern­den Vi­deo­bil­der­flu­ten auf den viel be­weg­ten Pro­jek­ti­ons­tü­chern sind so zu­rück­ge­nom­men, dass sie zwar nach wie vor der Auf­füh­rung ih­ren Stem­pel auf­drü­cken, aber auch hier gilt: We­ni­ger ist mehr. Um­ge­kehrt sor­gen zwei Dou­bles für grö­ße­re sze­ni­sche Prä­gnanz. Par­si­fal und Kund­ry sind fast stän­dig prä­sent und be­geg­nen zu­wei­len gleich­sam sich selbst.

Das klingt ver­wir­ren­der als es ist. Die Dop­pel­gän­ger schär­fen das Pro­fil der Fi­gu­ren, ge­ben Ein­bli­cke in de­ren Vor­ge­schich­te oder grei­fen vor­aus und er­mög­li­chen die gleich­zei­ti­ge Dar­stel­lung be­stimm­ter Aspek­te, die man so noch nie ge­se­hen hat. Das noch im Vor­jahr be­klag­te Lai­en­spiel­thea­ter ist ei­ner fast zu stark auf Psy­cho­lo­gie fu­ßen­den, ins­ge­samt über­zeu­gend sich run­den­den Per­so­nen­re­gie gewichen.

Wo der Re­gis­seur ein­deu­tig vom Text­buch ab­weicht, macht es Sinn. So ver­wun­det der schwar­ze Voo­doo-Zau­be­rer Klings­or auch Kund­ry, de­ren Stöh­nen zu Be­ginn des Schluss­akts da­mit eine ganz rea­le Be­grün­dung er­fährt. Und aus­ge­rech­net der Buh­mann Schlin­gen­sief be­schert dem Pu­bli­kum letzt­end­lich das, was es in an­de­ren Pro­duk­tio­nen so schmerz­lich ver­misst: ein glück­li­ches Paar! Wie im drit­ten Akt Kund­ry und Am­for­tas zu­ein­an­der fin­den, ist ein klei­ner gro­ßer Thea­ter­mo­ment, der mir auf im­mer haf­ten bleibt in der Erinnerung.

So­lis­ten, Sta­tis­ten und die auch stimm­lich groß­ar­ti­gen Cho­ris­ten tre­ten wie be­freit auf und mit je­ner Selbst­ver­ständ­lich­keit, die sze­ni­sche Glaub­wür­dig­keit erst her­stellt. Hier zahlt sich be­stimmt auch der Wech­sel des Ti­tel­prot­ago­nis­ten aus. End­rik Wott­rich, der sich im Pre­mie­ren­jahr nicht zu scha­de war für eine öf­fent­li­che Schlamm­schlacht ge­gen Schlin­gen­sief, sang den Par­si­fal be­stimmt schö­ner als jetzt Al­fons Eberz. Da­für ist Letz­te­rer aber dar­stel­le­risch so in­ten­siv, dass man das all­zu Lau­te und noch Un­ge­fü­ge gern in Kauf nimmt.

Mi­chel­le de Young hat sich hör­bar ge­stei­gert; sie kann in den kom­men­den Auf­füh­run­gen so viel Selbst­ver­trau­en tan­ken, dass sich das, was ih­rer Kund­ry noch an stimm­li­chen Ab­grün­den fehlt, von selbst ein­stel­len wird. John Weg­ners be­zwin­gen­der Klings­or, der nie­mals lar­moy­an­te Am­for­tas von Alex­an­der Mar­co-Buhr­mes­ter und Kwang­chul Youn als Ti­tu­rel sin­gen auf ho­hem Festspielniveau.

Selbst der dar­stel­le­risch oft höl­zern wir­ken­de Ro­bert Holl als Gur­nemanz be­glau­bigt die In­sze­nie­rung. Er ist so­zu­sa­gen die his­to­ri­sche In­stanz und wirkt in sei­nem Zot­tel­bart und -pelz, in sei­nem neu­en Rup­fen­kos­tüm des drit­ten Akts wie ein fer­ner Gruß von Emil Sca­ria aus der Ur­auf­füh­rungs­pro­duk­ti­on. Der Re­gis­seur hat also ei­nen Weg ge­fun­den, sei­ner auf­rich­ti­gen Be­wun­de­rung der sän­ge­ri­schen Kom­pe­tenz Hol­ls den pas­sen­den sze­ni­schen Rah­men zu geben.

Was die­se In­sze­nie­rung im Kern von al­len bis­he­ri­gen un­ter­schei­det, ist ihre Welt­of­fen­heit. Von Schlin­gen­sief ler­nen wir, dass der Welt­künst­ler Wag­ner nicht eine be­stimm­te Re­li­gi­on ge­meint ha­ben kann, son­dern dass es Glau­ben, Dog­men und Ri­ten über­all gibt, dass Wag­ners Welt­ab­schieds­werk die letz­ten Din­ge zwar zwangs­läu­fig in un­se­rer christ­li­chen Kul­tur ver­or­tet hat, aber weit dar­über hin­aus in­ter­pre­tiert wer­den kann und muss – in ei­nem Kor­ri­dor von Zeit und Raum, wo der Ti­tu­rel-Sarg von anno 1882 und der Vi­deo-Clip aus dem 21. Jahr­hun­dert mit den zu Wag­ner­klän­gen sich wie­gen­den Rob­ben zu ei­ner Ein­heit finden.

Pierre Bou­lez im Or­ches­ter­gra­ben un­ter­streicht das. Wie schon im Vor­jahr ist sei­ne mu­si­ka­li­sche In­ter­pre­ta­ti­on wun­der­bar leicht, ganz frei von Schwü­le, fal­scher Sü­ßig­keit, frei von Un­zart­heit und jeg­li­chem Pa­thos, frei auch von dem Weih­rauch, der sich schon ein­ge­fres­sen hat­te bis hin zum ab­sur­den „Ap­plaus­ver­bot“ nach dem ers­ten Akt, die­sem schreck­lich lang­le­bi­gen Missverständnis.

Es ist ein gro­ßes Ge­schenk, Bou­lez noch ein­mal in Bay­reuth er­le­ben zu dür­fen. Was ihn von den an­de­ren Hü­gel-Di­ri­gen­ten un­ter­schei­det, liegt auf der Hand. Selbst ein Kom­po­nist fin­det er im gro­ßen Bo­gen wie im kleins­ten De­tail ei­nen wis­sen­den und klar struk­tu­rier­ten Weg durch „der Irr­nis und der Lei­den Pfa­de“, die hier in ei­nem glei­ßend hel­len Licht­kor­ri­dor, im Nir­wa­na des Fest­spiel­hau­ses enden.

Schon der vi­bra­to­lo­se Strei­cher­klang, mit dem er das Vor­spiel ganz be­hut­sam aus dem Ab­grund an­wach­sen lässt, macht deut­lich, dass Dis­kus­sio­nen um sei­ne Schnel­lig­keit mü­ßig sind. Bei Bou­lez ist der „Par­si­fal“ nur zwölf Mi­nu­ten kür­zer als bei der Ur­auf­füh­rung un­ter Her­mann Levi, über des­sen „ge­schlepp­ten“ Tem­pi sich Ri­chard Wag­ner – nach­zu­le­sen in Co­si­mas Ta­ge­bü­chern – im­mer wie­der beklagte.

Und wie in den auf­re­gen­den Jah­ren des Chéreau-„Rings“ 1976 bis 1980 zeig­te sich der Di­ri­gent jetzt wie­der os­ten­ta­tiv mit ei­nem hef­tig aus­ge­buh­ten Re­gis­seur. Ein denk­wür­di­ger Abend, dem in die­ser Kon­stel­la­ti­on nur noch vier wei­te­re fol­gen wer­den. Dann wird der über­aus jung ge­blie­be­ne, 80-jäh­ri­ge Ma­gi­er Pierre Bou­lez end­gül­tig sei­nen Ab­schied vom Fest­spiel­haus neh­men. Wer das Pri­vi­leg hat, eine sei­ner letz­ten „Parsifal“-Aufführungen zu er­le­ben, der kann das „Hier knien“, das Schlin­gen­sief auf den Bo­den der Dreh­büh­ne ein­ge­las­sen hat, plötz­lich nicht mehr nur als iro­ni­sches Aper­çu se­hen. Dan­ke Pierre Boulez.

Sze­ne­rie aus Chris­toph Schlin­gen­siefs „Par­si­fal“ Foto: Bay­reu­ther Festspiele/​Jochen Quast

Im wilden und blutigen Bilderkarussell 

Auch im drit­ten Auf­füh­rungs­jahr re­agiert das Pu­bli­kum ge­spal­ten auf die un­ge­heu­re Bil­der­flut, die der All­round-Künst­ler Chris­toph Schlin­gen­sief auf die Büh­ne des Bay­reu­ther Fest­spiel­hau­ses kippt.
Frän­ki­scher Tag, 4. Au­gust 2006 (un­ge­kürz­te Version)

Was für eine ana­chro­nis­ti­sche Welt! Auf der ei­nen Sei­te hält sich das Fest­spiel­pu­bli­kum nach wie vor ei­sern an das von Wag­ner de­zi­diert nicht ge­woll­te Applaus-„Verbot“ nach dem 1. Akt „Par­si­fal“, auf der an­de­ren brül­len, pfei­fen und joh­len die Herr­schaf­ten am Ende ge­ra­de­zu lust­voll los, als be­fän­de man sich nicht in ei­nem alt­ehr­wür­di­gen Thea­ter, son­dern auf dem Fuß­ball­platz oder in ei­ner bil­li­gen Fernsehshow.

Wo sind wir hier? Hart am Ziel, end­lich an­ge­kom­men im Hier und Jetzt, im 21. Jahr­hun­dert. Chris­toph Schlin­gen­sief, der fröh­lich win­ken­de Fahr­dienst­lei­ter, hat sei­nen Par­si­fal­lo­gra­fen noch­mals ge­tu­n­ed und neu jus­tiert und nimmt die mehr­heit­lich eher glück­li­chen Fest­spiel­kar­ten­in­ha­ber mit auf sei­ne aber­wit­zig wil­de und blu­ti­ge Büh­nen­weih­fest­spiel-Rei­se, wo man nicht ge­nau weiß, wird die Zeit hier zum Raum oder ist es doch nicht umgekehrt.

Die ra­san­te Dreh­büh­nen­fahrt, die das „Parsifal“-Karussell seit dem Fest­spiel­som­mer 2004 auf­ge­nom­men hat, ist noch lan­ge nicht an ei­nem End­punkt an­ge­kom­men. Für die über­bor­den­de Fan­ta­sie des Künst­lers Schlin­gen­sief, der schon im Pre­mie­ren­jahr die Opern­welt mit ei­ner in­kom­men­sura­blen Bil­der­fül­le scho­ckier­te, über­wäl­tig­te, rat­los mach­te, er­staun­te und be­geis­ter­te, gibt es of­fen­bar kei­ne Grenzen.

Nach den ers­ten Über­ar­bei­tun­gen, ein paar Zu­rück­nah­men und Ver­bes­se­run­gen, wie sie in der „Werk­statt Bay­reuth“ üb­lich sind, hat er jetzt – viel­leicht auch dank sei­ner neu­en Kund­ry Eve­lyn Her­lit­zi­us – doch We­sent­li­ches ver­än­dert. Die neue und star­ke Ein­be­zie­hung ara­bi­scher Schrift­zei­chen in die Bild­welt der In­sze­nie­rung, die jetzt auch ara­bi­schen Ge­wän­der für die mehr­fach ge­spal­te­ne Kund­ry und ihre Dou­bles mö­gen auf den ers­ten Blick po­li­tisch-mo­disch wir­ken und nach is­la­mi­sti­chem Ter­ror rie­chen, sind aber weit da­von entfernt.

Scha­de, dass es nur in der Pres­se­map­pe und nicht für je­den Be­su­cher eine Hand­rei­chung gibt, die dar­über auf­klärt, dass Schlin­gen­sief hier ei­nen Text Fried­rich Höl­der­lins aus dem „Hy­pe­ri­on“ in der ara­bi­schen Welt ver­or­tet: „Wie soll­ten wir den Trieb, un­end­lich fort­zu­schrei­ten, uns zu läu­tern, uns zu ver­ed­len, zu befrein, ver­leug­nen?“, heißt es da un­ter anderem.

War Kund­ry, die ver­meint­li­che Ter­ro­ris­tin, nicht schon vor mehr als zwei Jahr­tau­sen­den in der Ge­gend? Hat sie nicht Bal­sam von dort mit­ge­bracht für den tod­wun­den Am­for­tas? Kurz ge­sagt: Schlin­gen­sief nimmt vie­les im „Par­si­fal“, ins­be­son­de­re die Wei­he- und Ster­be­ri­tua­le, sehr ernst und spie­gelt sie dras­tisch und in ei­ner Welt, die eben nicht nur aus un­se­rer abend­län­di­schen Kul­tur, son­dern aus ei­ner be­ein­dru­cken­den Viel­falt von Kul­tu­ren die­ser Welt fußt.

Na­tür­lich könn­te man ihm Be­lie­big­keit vor­wer­fen. Denn ers­tens kippt Schlin­gen­sief so vie­le rea­le, sze­ni­sche und fil­mi­sche Bil­der, so vie­le Ideen auf die Büh­ne, dass die Zu­schau­er zwangs­läu­fig über­for­dert sind und aus­wäh­len müs­sen. Und zwei­tens setzt er sich, so ge­nau er vie­les nimmt, auch über das, was in der Hand­lung vor­ge­ge­ben ist, und selbst über sei­ne ei­ge­nen, schon ge­fun­de­nen Lö­sun­gen im­mer wie­der ein­fach hin­weg: das Schlin­gen­sief-Kunst­werk als Per­pe­tu­um mobile.

Aber erst jetzt, nach­dem ich die er­grei­fen­de Sze­ne ge­se­hen habe, wie Par­si­fal in sei­ner Kla­ge auch Am­for­tas um­armt und man nicht mehr weiß, wer da wen trös­tet, erst jetzt, wo Klings­or auch im 3. Akt prä­sent und ak­tiv ist, habe ich ver­stan­den, war­um der Fest­spiel-Pres­se­spre­cher (wie schon be­rich­tet) die­se Pro­duk­ti­on als „künst­le­risch sehr gut aus­ge­reift“ in die schnel­le Ab­set­zung nach dem Fest­spiel­som­mer 2007 weg­ge­lobt hat.

Schlin­gen­sief soll sei­nen „Par­si­fal“ nicht „end­los wei­ter pfle­gen“ dür­fen. Die Be­grün­dung ist eine pro­pa­gan­dis­ti­sche Meis­ter­leis­tung: Der Haupt­grund sei, „dass man dem Pu­bli­kum in der heu­ti­gen schnell­le­bi­gen Zeit im­mer öf­ter et­was Neu­es an­bie­ten müs­se“. Aber hal­lo! Ge­nau das macht die­ser aus dem Rah­men ge­fal­le­ne Re­gis­seur doch ge­ra­de, und zwar in ho­hem Maße. Nein, ein der­art ein­falls­rei­cher Künst­ler ist ein An­griff auf den Wag­ner­opern­ge­mischt­wa­ren­la­den, der vor al­lem rei­bungs­los lau­fen soll und in Wahr­heit längst an al­len Ecken und En­den stöhnt und ächzt. „Die Bil­der wer­den blei­ben“ steht jetzt sehr gut les­bar auf ei­nem der Büh­nen­bild­tei­le. Stimmt.

Bleibt noch von dem Glück zu spre­chen, das Schlin­gen­sief emp­fun­den ha­ben muss, als er mit der un­ge­mein büh­nen­prä­sen­ten Eve­lyn Her­lit­zi­us zu pro­ben be­gann. Sie ist be­stimmt die Kund­ry sei­nes Her­zens. Sie singt nicht so kul­ti­viert und stimm­schön wie Vor­gän­ge­rin Mi­chel­le de Young, aber da­für ste­hen ihr alle Far­ben von Zer­ris­sen­heit, Sehn­sucht und  Schmerz zur Ver­fü­gung. Der Par­si­fal von Al­fons Eberz ist nach wie vor stimm­lich zu laut und un­ge­füg, aber er passt in die­se In­sze­nie­rung ge­nau­so gut wie der wun­der­bar sich im­mer mehr in die Ur­auf­füh­rungs­zei­ten ver­flüch­ti­gen­de Gur­nemanz von Ro­bert Holl, der ma­gisch-dä­mo­ni­sche Klings­or von John Weg­ner und der wun­der­ba­re Schmer­zens­mann Am­for­tas von Alex­an­der Marco-Burmester.

Dass die „Parsifal“-Musik un­ter Adam Fi­scher an­ders klin­gen wür­de als bei Pierre Bou­lez, war klar. Aus den lich­ten Hö­hen der Klar­heit und Leich­tig­keit ist das Büh­nen­weih­fest­spiel hin­ab­ge­stürzt in ei­nen so­li­den und klang­mäch­ti­gen Wag­ner-All­tag, wo auch mal schie­re Laut­stär­ke sein darf und die von Eber­hard Fried­rich ein­stu­dier­ten Chö­re so auf­trump­fen, dass ei­nem fast Angst und ban­ge wer­den könn­te. Aber auch das kann ganz schön groß­ar­tig sein.

Zi­tat: „Sich aber nicht zu füh­len, ist der Tod, von nichts zu wis­sen und ver­nich­tet sein ist eins für uns.“ Aus: Fried­rich Höl­der­lin, Hyperion

Sze­ne aus Chris­toph Schlin­gen­siefs „Parsifal“-Inszenierung 2007. Foto: Bay­reu­ther Festspiele/​Jochen Quast

2007 durf­te ich die­se wun­den- und wun­der­vol­le „Parsifal“-Inszenierung, die ins­ge­samt 21 mal im Fest­spiel­haus auf­ge­führt wur­de, noch­mals er­le­ben, habe al­ler­dings nicht dar­über ge­schrie­ben. Wei­te­re In­fos und Links zu Chris­toph Schlin­gen­sief fin­den Sie im ak­tu­el­len Ta­ges­tipp vom 21. Au­gust bzw. spä­ter in den äl­te­ren Tipps und Links.