Royale Geschenke

Was für ein Ju­bi­lä­ums­tag: Heu­te vor 175 Jah­ren wur­de Kö­nig Lud­wig II. ge­bo­ren, heu­te vor 150 Jah­ren ha­ben Co­si­ma und Ri­chard Wag­ner ge­hei­ra­tet.

Kö­nig Lud­wig II. im Jahr sei­nes Re­gie­rungs­an­tritts 1864 Foto: Jo­seph Al­bert

Der 175. Ge­burts­tag von Kö­nig Lud­wig II. ist na­tür­lich ein will­kom­me­ner An­lass für vie­le, sich über den bau­wü­ti­gen, men­schen­scheu­en, aber un­heil­bar wag­ner­süch­ti­gen und schwu­len ba­ju­wa­ri­schen „Kini“ her­zu­ma­chen. Was ich heu­te tun kann, ist zwei­er­lei. Ers­tens gebe ich für alle, die es ernst­haft wis­sen wol­len, ob er tat­säch­lich ver­rückt war, eine drin­gen­de Lese-Emp­feh­lung: Der Psych­ia­ter Heinz Häf­ner hat 2008 mit „Ein Kö­nig wird be­sei­tigt“ (Ver­lag C. H. Beck) ein wis­sen­schaft­lich prä­zi­ses Buch vor­ge­legt, aus dem klar her­vor­geht, dass Lud­wig II. nach heu­ti­gen Kri­te­ri­en kei­nes­wegs so geis­tes­krank, pa­ra­no­id oder schi­zo­phren war, wie es Prof. Bern­hard von Gud­den, sein Gut­ach­ter aus der Fer­ne, und des­sen Auf­trag­ge­ber in ih­rem Ent­mün­di­gungs- und Ab­set­zungs­ver­fah­ren sug­ge­riert ha­ben. Ich will nicht zu viel ver­ra­ten, aber der Au­tor ist se­ri­ös und das Gan­ze liest sich trotz der vie­len Fuß­no­ten span­nend wie ein Psy­cho-Kri­mi. Je­den­falls habe ich end­lich ver­stan­den, war­um die Wit­tels­ba­cher kein In­ter­es­se dar­an ha­ben, dass dazu sämt­li­che Un­ter­la­gen aus dem Ge­hei­men Haus­ar­chiv ans Licht kom­men.

Und zwei­tens möch­te ich mit ei­ni­gen Ge­burts­tags­wün­schen, -ge­dich­ten und -ga­ben Ri­chard Wag­ners ab 1864 kom­men­tar­los die au­ßer­ge­wöhn­li­che Be­zie­hung zwi­schen ei­nem Kö­nig und ei­nem Künst­ler be­leuch­ten. Dass die­se Aus­wahl 1870 en­det, ist kein Zu­fall. An Lud­wigs 25. Ge­burts­tag fand end­lich die Hoch­zeit von Co­si­ma von Bü­low und Ri­chard Wag­ner statt, in Lu­zern, wo im da­ma­li­gen Vor­ort Trib­schen die bei­den un­ter an­de­rem des­halb ge­lan­det wa­ren, weil ihr ei­ge­nes  gschlam­per­tes Ver­hält­nis und ihr Ver­hält­nis zu Lud­wig nicht nur in Mün­chen für zu viel Auf­se­hen ge­sorgt hat­te.

25. August 1864

Nach­dem die bei­den sich nur drei­ein­halb Mo­na­te zu­vor in der Münch­ner Re­si­denz erst­mals be­geg­net wa­ren, gra­tu­lier­te Ri­chard Wag­ner Kö­nig Lud­wig II. zu des­sen 19. Ge­burts­tag nicht schrift­lich, son­dern höchst­per­sön­lich in Schloss Ho­hen­schwan­gau. Er schied an dem für ihn „so un­glaub­lich se­gen­vol­len Tage“ al­ler­dings, wie er sei­nem „ed­len Herrn“ nach­her schrieb, „in­nigst un­zu­frie­den“, weil die vor­ge­se­he­ne Ur­auf­füh­rung des ei­gens als Mor­gen­gruß für den Ge­burts­tag kom­po­nier­ten „Hul­din­gungs­mar­sches“ (Nr. 97 im Wag­ner-Werk-Ver­zeich­nis) nicht zu­stan­de kam. Im von Otto Stro­bel vor­ge­leg­ten Brief­wech­sel der bei­den steht dazu:
Am 24. Au­gust be­gab Wag­ner sich „bei ab­scheu­li­chem Wet­ter“ in Be­glei­tung von Ge­ne­ral­mu­sik­meis­ter Streck und den ihm un­ter­stell­ten 80 Mi­li­tär­mu­si­kern nach Füs­sen, wo über­nach­tet wur­de. Lei­der stell­te sich her­aus, daß in­fol­ge der An­we­sen­heit der Kö­ni­gin-Mut­ter Ma­rie in Ho­hen­schwan­gau die Auf­füh­rung des Mar­sches un­ter­blei­ben muß­te, so daß Wag­ner sei­ne Glück­wün­sche dem Kö­nig nur in Wor­ten, nicht aber in Tö­nen aus­drü­cken konn­te. Daß er bei die­ser Ge­le­gen­heit, wie Röckl meint, dem Kö­nig die Par­ti­tur­rein­schrift des „Hul­di­gungs­mar­sches“ über­reicht habe, ent­spricht nicht den Tat­sa­chen. Mel­det doch Wag­ner selbst erst am 23. Sep­tem­ber an Hans von Bü­low, daß er dar­über her sei, für den Kö­nig „eine zier­li­che Rein­schrift der Par­ti­tur“ des Mar­sches* an­zu­fer­ti­gen.
*Die heu­te im Be­sit­ze des Wit­tels­ba­cher Aus­gleichs-Fonds be­find­li­che Par­ti­tur­rein­schrift des „Hul­di­gungs­mar­sches“ (s. Hdschrnchbdg. I!), die ein Meis­ter­werk Wag­ner­scher Kal­li­gra­phie dar­stellt, trägt auf der Ti­tel­sei­te die Wid­mung: „Zum neun­zehn­ten Ge­burts­ta­ge / Sei­ner Ma­jes­tät des Kö­nigs / Lud­wig II. / von / Ri­chard Wag­ner.“ Das Ma­nu­skript ist dem Kö­nig ver­mut­lich am 7. Ok­to­ber über­reicht wor­den (vgl. S. 27 Anm. 3), nach­dem zwei Tage vor­her die am 25. Au­gust nicht zu­stan­de­ge­kom­me­ne Auf­füh­rung des Mar­sches im Hofe der Mün­che­ner Re­si­denz nach­ge­holt wor­den war.

25. August 1865

Wag­ner, der ge­ra­de erst auf Ein­la­dung des Kö­nigs fast zwei Wo­chen in des­sen Jagd­hüt­te auf dem Hoch­kopf am Wal­chen­see ver­bracht hat­te, konn­te Lud­wig zu des­sen 20. Ge­burts­tag nicht per­sön­lich gra­tu­lie­ren, weil so­wohl er selbst als auch der Kö­nig nicht ganz ge­sund wa­ren. Sein Ge­schenk – die Par­ti­tur­rein­schrift des „Rhein­gold“ (Par­ti­turz­weit­schrift) – hat­te er des­halb schon vor­ab auf den Weg ge­bracht, sein Glück­wunsch­te­le­gramm, auf­ge­ge­ben in Mün­chen am 25. Au­gust 1865 um 10.25 Uhr, an­ge­kom­men in Ho­hen­schwan­gau um 11.30 Uhr, lau­te­te:

Die Glo­cken hal­len, die Ka­no­nen dröh­nen;
die Luft ist rein, der Him­mel blau und klar:
will mich der Tag von neu­em sich ge­wöh­nen?
soll mir vergeh’n, wie trüb die Nacht mir war?
Ge­bo­ren ist ein Hei­land Deutsch­lands Söh­nen:
heut’ fei­ert er Sein zwan­zigst Er­den­jahr!
Ka­no­nen, dröhnt! Hallt laut und hell, ihr Glo­cken!
Mich will dem Gram der fro­he Tag ent­lo­cken.

Ger­ne sei noch er­gänzt, dass auch Co­si­ma von Bü­low, Wag­ners da­ma­li­ge Ge­lieb­te, Kö­nig Lud­wig II. ein Ge­schenk mach­te. Sie schick­te ihm ein ei­gen­hän­dig ge­stick­tes Kis­sen mit Mo­ti­ven aus Wag­ners Wer­ken, die sie in ih­rem ers­ten Brief an ihn auch aus­führ­lich er­läu­ter­te:
Des Holländer’s Schiff, Tannhäuser’s Stab, Lohengrin’s Schwan, Siegfried’s Schwert, Tristan’s Schaa­le – ich habe sie auf den grü­nen Grund der Hoff­nung ge­stickt, de­ren Pa­nier Eue­re Kö­nig­li­che Hand in trübs­ter Nacht ge­schwun­gen, und mit den Blu­men um­ge­ben wel­che den Er­lö­ser Par­zi­val am Charfrei­tag so wun­der­bar ent­ge­gen­blü­hen. Nach über­stan­de­ner Stur­mes­ge­fahr bringt in De­muth der See­mann sein be­schei­de­nes Ex-voto der gött­li­chen Jung­frau dar und dankt mit In­brunnst dem ver­lie­he­nen Schut­ze: so lege ich Eue­rer Ma­jes­tät mei­ne klei­ne Ar­beit zu Fü­ßen; je­der Stich ent­hält ei­nen Se­gens­spruch!

25. August 1866

Wag­ner, in­zwi­schen aus Bay­ern aus­ge­wie­sen, schickt Lud­wig II. aus Trib­schen bei Lu­zern, wo er sei­nen neu­en, vom Kö­nig fi­nan­zier­ten Wohn­sitz hat, als Ge­burts­tags­ge­schenk die Par­ti­tur­rein­schrift der „Wal­kü­re“ (Par­ti­turz­weit­schrift). Das Wid­mungs­ge­dicht dazu lau­tet:

Dem kö­nig­li­chen Freun­de
mit der Über­rei­chung der Ori­gi­nal­par­ti­tur
der
„Wal­kü­re“
am ein und zwan­zigs­ten Ge­burts­ta­ge des Er­ha­be­nen.
Hier Sieg­munds und Sieg­lin­des Leid und Ster­ben;
hier Wotan’s Elend, höchs­te Got­tes-Noth!
Was weh­voll Wunsch und Lie­bes­mit­leid wer­ben,
was Brünn­hild treibt, zu trot­zen dem Ver­bot,
die Zeu­gung ei­nes kühns­ten Hel­den-Er­ben,
voll­bracht durch der Er­zeu­ger Lie­bes­tod, –
war sie ver­ge­bens? Wär’ die Frucht ver­lo­ren?
Ich frag’s den Tag, der einst Dich uns ge­bo­ren.

Ich frag’s, und bli­cke nach des Ber­ges Zin­nen,
die noch Brünnhilde’s Feu­er­wacht er­hellt:
die Heh­re schläft, und sor­gend muss ich sin­nen,
wem Wotan’s ed­les Erbe einst ver­fällt;
wird Al­be­rich den Zau­ber­reif ge­win­nen?
Wär’ Mime gar be­stimmt zum Herrn der Welt? –
Noch spielt mit Zwer­gen­tand der Werkerkor’ne:
wer kün­det ihm, dass er der Gottgebor’ne?

Nun muss er wan­dern, der das Werk ge­schaf­fen,
dem bit­ter sich des Le­bens Frucht ent­kernt:
wie mahnt’ er ihn, zur That sich auf­zu­raf­fen,
ihn, der das Fürch­ten wohl noch nicht ge­lernt,
doch auch nicht ahnt des Nei­des list’ge Waf­fen,
die ihn vom Heil, den Freund von ihm ent­fernt? –
Sein Werk ent­send’ ich, leg’ es Dir zu Füs­sen:
mög’ sinn­voll Dich’s vom fer­nen Wand­rer grüs­sen!

25. August 1867

Wie­der­um aus Trib­schen kom­men Ge­burts­tags­brief (ja, we­nigs­tens ein­mal soll­te ein un­ge­kürz­tes Bei­spiel ste­hen. Da müs­sen die ge­neig­ten Le­ser jetzt durch!) und Ge­burts­tags­ge­dicht; ers­te­rem ist zu ent­neh­men, dass das ge­plan­te Ge­schenk – die Ori­gi­nal­par­ti­tur der „Meis­ter­sin­ger“ – noch nicht voll­stän­dig ist und erst zur ge­plan­ten Hoch­zeit des Kö­nigs mit Her­zo­gin So­phie Char­lot­te in Bay­ern nach­ge­reicht wer­den soll. Dar­aus wur­de be­kannt­lich nichts, denn im Ok­to­ber 1867 lös­te der Kö­nig die im Ja­nu­ar zu­vor er­folg­te Ver­lo­bung wie­der auf.

Mein hol­der Kö­nig! Mein ge­lieb­ter ed­ler Freund!
Der hohe Tag naht, und – le­sen Sie die­se Zei­len – so ist er an­ge­bro­chen, den ich zu fei­ern habe wie sonst kei­nen noch so stolz in der Ge­schich­te ver­zeich­ne­ten Eh­ren­tag. Da ward ich zum zwei­ten Mal ge­bo­ren: was mir bei mei­ner ers­ten Ge­burt die Nor­nen einst ver­sag­ten, das leg­ten sie mir bei mei­ner Wie­der­ge­burt in wun­der­volls­ter Fül­le in die Wie­ge: dem treu­en kö­nig­li­chen Freun­de ver­eint, er­stand ich neu und mei­ner Sen­dung stolz ver­trau­end. – Pal­las Athe­ne sprang un­ge­bo­ren aus dem Hir­ne des Zeus; dem Schoos­se ei­ner rei­nen Jung­frau ent­spross der Hei­land der Welt. Ich prei­se die­se er­ha­be­nen Mys­te­ri­en; sie deu­ten mir an, wie ich Ihre Ge­burt als die mei­nes brü­der­li­chen Soh­nes mir zu er­klä­ren habe. Die Bra­ma­nen er­klä­ren die Ent­ste­hung der Wel­ten aus dem Hau­che der Sehn­sucht, der den un­er­mess­li­chen Ae­ther mit dem lei­ses­ten Schat­ten be­de­cke, und end­lich zum Him­mels­kör­per sich ver­dich­tet: so rief mein Seh­nen nach dem Edels­ten und Schöns­ten den lie­be­be­geis­ter­ten Men­schen her­vor, der, im Schoos­se ei­ner Kö­ni­gin emp­fan­gen, aus mei­nem Seh­nen eine Welt ge­stal­ten soll­te! So wis­sen Sie es; so weiss ich es! Be­wah­ren Wir stets un­ent­weiht diess wun­der­vol­le Ge­heim­niss: es sei Un­ser Glau­be, Uns­re Re­li­gi­on! Ei­nes macht mich trau­rig: – ich habe heu­te kei­ne Op­fer­ga­be auf dem Al­tar Uns­rer Mys­te­ri­en­fei­er nie­der­zu­le­gen. Diess­mal soll­te es mein neu­es Werk sein, das ich Ih­nen zum Prei­se voll­enden durf­te: mein ar­mes Ma­nu­script ist ge­ra­de jetzt aber nicht voll­stän­dig in mei­nen Hän­den; es dient in ver­schie­de­ner Verthei­lung den Zwe­cken sei­ner Ver­öf­fent­li­chung und eins­ti­gen Auf­füh­rung: un­mög­lich, die Thei­le heu­te so zu sam­meln, dass ich als vol­le Ern­te­ga­be es dem Freun­de hät­te über­rei­chen kön­nen. Da kommt mei­ner Trau­er denn ein sinn­reich gü­ti­ges Schick­sal tröst­lich zu Hil­fe. Diess ist das ein­zi­ge Jahr Ih­res Le­bens, in wel­chem Sie Ih­rem Ge­burts­ta­ge ei­nen zwei­ten won­ne­vol­len Eh­ren­heils­tag zur Sei­te stel­len. Wo soll­te ich Ae­rms­ter zwei wür­di­ge Ga­ben im glei­chen Jah­re auf­brin­gen? und un­mög­lich durf­te Ihr ho­her Ver­mäh­lungs­tag ge­fei­ert wer­den, ohne dass ich mei­ne bes­te Gabe als glück­ver­heis­sen­des An­ge­bin­de dem ge­lieb­tes­ten Freun­de dar­bräch­te. So sei denn, wenn Sie mir es hold er­lau­ben, an die­sem Uns Al­len so hoch be­deu­tungs­vol­len Tage Ih­nen mein Meis­ter­werk – denn da­für er­klä­re ich es mit be­schei­dens­tem Stol­ze! – über­ge­ben: ge­wiss, es wird Ih­nen und der glück­li­chen Er­wähl­ten, von schö­ner freund­li­cher Ver­heis­sung sein, und auf sei­nem Ti­tel [wird] es die­se mir so lieb­lich theu­re Be­stim­mung Ih­nen und der Welt ver­kün­den*. –
Hat diess Ihr Schick­sal so trau­lich sinn­voll für mich ge­fügt, und füh­le ich mich fast ver­an­lasst, es glück­lich zu nen­nen, dass ich für je­nen Tag mei­ne Gabe mir auf­spa­ren muss­te, so bli­cke ich doch nun trau­rig und be­schämt um mich, was ich denn wohl fin­den könn­te, um Ih­nen, durch des­sen Gross­muth ich ein­zig lebe und ge­dei­he, mit ei­ner Gabe er­wi­dern zu kön­nen. Wie dürf­tig bin ich! Al­les, was ich habe, habe ich durch Sie! Ih­nen ge­gen­über nen­ne ich nichts mein Ei­gen: ich lebe und webe in Ih­rer Güte und Huld; ath­me ich freie, stär­ken­de Luft, füh­le ich mich si­cher und sorg­sam ge­pflegt in mei­nem Hau­se, darf ich ir­gend ei­ner Le­bens­an­nehm­lich­keit mich tröst­lich ru­hig er­freu­en, so ist es Ihre Wohl­that, die ich ge­nies­se! Nur mit Ei­nem kann ich der un­be­g­ränz­ten Gross­muth mei­nes Wohl­thä­ters loh­nen, – mit mei­nem un­be­g­ränz­ten Dan­ke! Oh, Ed­ler, Lie­ber, un­säg­lich Theu­rer! Neh­men Sie die­sen im­mer neu­en, im­mer über­strö­men­den Dank aus der tiefs­ten Fül­le mei­nes Her­zens auch heu­te da­hin! Sei es, dass Sturm und Wet­ter mich dem Schut­ze mei­nes trau­li­chen Ob­da­ches zu­treibt; sei es, dass ich aus den nun geis­tig mir still hei­misch ge­wor­de­nen Räu­men den Blick auf son­nig glän­zen­de Berg­hö­hen aus­sen­de, – nie, nie er­freue ich mich auch nur ei­nen Au­gen­blick der an­ge­nehm trös­ten­den Si­cher­heit mei­nes neu­ge­bo­re­nen Da­seins, ohne an­däch­tig zu Ih­nen, mei­nem herr­li­chen Wohl­thä­ter, die Hän­de zu fal­ten. So wird mein Dank zum Ge­bet! Hier liegt mein Herz zu Ih­ren Füs­sen! Ver­zei­hung, wenn ich heu­te kei­ne ed­le­re Gabe fin­den kann!
So sei­en Sie ge­seg­net, hoch­ge­prie­sen und ge­lobt, wie in­nig und un­er­mess­lich tief ge­liebt! – Möge Ih­nen die­se schlich­te Ver­si­che­rung heu­te freund­lich will­kom­men sein!
Ewig ei­nig
Ihr
un­sterb­lich treu lie­ben­der
Ri­chard Wag­ner
Lu­zern. 22 Au­gust 1867.

*Die­se Ab­sicht ei­ner be­son­de­ren For­mu­lie­rung des Ti­tels der „Meis­ter­sin­ger“ konn­te Wag­ner, wie Otto Stro­bel schreibt, nicht aus­füh­ren, da die Ver­mäh­lung des Kö­nigs un­ter­blieb. Hier nun noch das am 25. Au­gust 1867 te­le­gra­fier­te Ge­dicht:

Und wie­der hör’  ich ah­nungs­vol­le Glo­cken,
von Mon­s­al­vat dringt weih­lich ernst ihr Ton:
Grüsst Par­zi­val des Vol­kes Heil­froh­lo­cken?
Jauchzt Deutsch­land sei­nem kö­nig­lichs­ten Sohn?
Es tönt und hallt, er­füllt die nahe Stil­le:
So schwillt der Muth, so wächst ein Kö­nigs­wil­le!

Der Ant­wort­brief von Lud­wig II. vom 27. Au­gust 1867 zeigt, dass der Kö­nig ger­ne Ideen Wag­ners auf­ge­grif­fen und wei­ter­ge­spon­nen hat:

Theu­rer, an­ge­be­te­ter Freund!
End­lich fin­de ich den not­wen­di­gen Au­gen­blick der Ruhe und Samm­lung, um dem ge­lieb­ten, über Al­les theu­ren Freund zu schrei­ben. – Ich bin näm­lich seit mei­nem Ge­burts­ta­ge in Ho­hen­schwan­gau, wo ich, wenn ich, wie ge­gen­wär­tig, mit der Kö­ni­gin, mei­ner Mut­ter, hier ver­wei­le, sehr we­nig Zeit für mich fin­de; es ist oft zum ver­zwei­feln: mein lie­bes Ho­hen­schwan­gau, sonst (wenn ich al­lein bin) für mich der Sitz der wohl­thu­ends­ten Welt­ab­ge­schie­den­heit und Ruhe, so­wie der höchs­ten, wahrs­ten Poe­sie, ist un­ter die­sen Ver­hält­nis­sen eher ei­nem Orte der Pein ver­gleich­bar. Die Kö­ni­gin liebt mich wahr und in­nig und so konn­te ich, als gu­ter Sohn, nicht an­ders, als ih­rem Wun­sche ent­spre­chen, näm­lich ei­ni­ge Zeit hier ge­mein­sam mit ihr zu[zu]bringen, ob­wohl ich dem Theu­ren ge­ste­hen muß, daß es mich ein Op­fer kos­tet; denn mei­ne Mut­ter ver­steht mich ganz und gar nicht und das Le­ben hier ist höchst pro­sa­isch. Ich woll­te dem Freun­de hie­mit nur mit ei­ni­gen Wor­ten die hie­si­gen Ver­hält­nis­se schil­dern (o wie ver­schie­den von da­mals, je­nen won­ne­vol­len, ewig un­ver­geß­li­chen No­vem­ber­ta­gen!) und eile nun zur Sa­che. – Tau­send Dank aus tiefs­tem Her­zens­grund für den theu­ren Ge­burts­tags­brief und den be­geis­tern­den te­le­gra­phi­schen Gruß. – O Sie ha­ben mir da­mit Freu­den be­rei­tet, die kei­ne Fe­der schil­dern kann: das muß emp­fun­den sein; o ich weiß, der Theu­re ver­steht mich! So be­glü­ckend u. wahr­haft be­se­li­gend war der In­halt Ih­res Schrei­bens für mich, daß kaum die ver­spro­che­ne Par­ti­tur mir hät­te eine grö­ße­re Freu­de ma­chen kön­nen. O mein ge­lieb­ter Freund, der wah­re Ge­burts­tag ist für mich der 4te Mai, und [der] 22te, wie Ih­nen der 25. Aug., den Sie so freund­lich lie­be­voll als sol­chen be­zeich­nen. – O könn­te ich mich hin­zau­bern zu Ih­nen und der Freun­din nach dem lie­ben stil­len Triebs­chen, wäre es auch nur auf ei­ni­ge Stun­den mög­lich; was gäbe ich dar­um! nichts kann den trau­ten freund­schaft­li­chen Ver­kehr im Ge­sprä­che er­set­zen, und wüß­ten Sie [erst], wie öde es hier ist! Auch mei­ner theu­ren So­phie in Pos­sen­ho­fen wird es jetzt so ge­hen wie mir hier, denn bald hat sie sich des ihr we­nig zu­sa­gen­den Be­su­ches der Erz­her­zo­gin So­phie zu er­freu­en (über wel­che Sie mir jüngst we­nig er­bau­li­ches mitt­heil­ten). – Nun, so geht es auf Er­den, un­ge­trübt kann kein Glück ge­nos­sen wer­den, für emp­fun­de­ne Won­nen muß stets der nei­di­sche Dä­mon sei­nen Tri­but er­hal­ten. – Ge­wiß fin­den Sie es, theu­rer Freund, be­greif­lich, daß es mir lie­ber wäre, so­wie mei­ner Er­wähl­ten, könn­ten z.B. die Hoch­zeits­fei­er­lich­kei­ten ohne vie­len Lärm und Welt­spek­ta­kel vor­über ge­hen; denn scha­de ist, wenn ge­ra­de die schöns­ten, be­deu­tungs­volls­ten Tage des Le­bens durch Welt­ge­prän­ge und rau­schen­de Fest­lich­kei­ten in ge­wis­sem Sin­ne ge­trübt wer­den; viel schö­ner wäre es, könn­te die Trau­ung hier in der ernst-ehr­wür­di­gen Rit­ter­hal­le oder in ir­gend ei­ner Ka­pel­le am Ge­sta­de mei­nes lie­ben Starn­ber­ger­sees voll­zo­gen wer­den, als dort in der lie­be­lee­ren Haupt­stadt mit al­lem Prun­ke des Kö­nig­t­h­ums. – Doch Ver­ge­bung, wenn ich so­gar die­se klei­nen Sor­gen* Ih­nen an­ver­traue. – Daß ich stets Un­ser Ide­al fest im Auge be­hal­te, ja daß nur in ihm ich Trost fin­de in man­chen schwe­ren, trau­ri­gen Le­bens­ta­gen, daß mein Sein, mein Sin­nen und Trach­ten dar­nach ein­zig geht, in Uns­rem Glau­ben ich le­ben und ster­ben will, habe ich nicht nö­thig dem Ein­zi­gen lan­ge zu ver­si­chern: Sie wis­sen es, ken­nen Par­ci­vals Stre­ben, das nie er­lah­men kann; treu Uns­rer Fah­ne, als eif­ri­ger Strei­ter und Be­ken­ner der hei­li­gen Sa­che will ich schei­den von die­ser Er­den­welt; neue Pro­ben von der Wahr­haf­tig­keit, dem Ernst mei­ner Ge­sin­nun­gen gebe ich Ih­nen durch die schleu­ni­ge Be­ru­fung Fro­e­bels und Por­ges; ich las­se durch nichts mehr mich je be­ir­ren. –
Nun muß ich schlie­ßen, es ist tief in der Nacht. Bit­te, dan­ken Sie einst­wei­len in mei­nem Na­men der Freun­din für ihre lie­be­vol­len Zei­len. – Heil den Meis­ter­sin­gern! – Se­gen ih­rem Schöp­fer, des­sen Ei­gen ich mich mit Stolz nen­nen darf. – Treu und un­be­g­ränzt lie­bend, ewig
Ihr
Freund Lud­wig.
Ho­hen­schwan­gau
*Hin­ter die­sen „klei­nen“ Sor­gen, so Otto Stro­bel, ver­barg der Kö­nig weit grö­ße­re und erns­te­re! Wa­ren doch in ihm schon seit län­ge­rer Zeit und in im­mer stär­ke­rem Maße quä­len­de Zwei­fel dar­über wach­ge­wor­den, ob denn die Ver­bin­dung mit der Her­zo­gin So­phie ihm wirk­lich zum Glü­cke ge­rei­chen wür­de. Wag­ner wuß­te sehr wohl um die­se in­ne­ren Kämp­fe sei­nes jun­gen kö­nig­li­chen Freun­des und deu­te­te da­her des­sen da­mals ein­set­zen­des, län­ge­res Schwei­gen ihm ge­gen­über durch­aus in rich­ti­gem Sin­ne.

25. August 1868

Zum 22. Ge­burts­tag klapp­te es end­lich mit der „Meistersinger“-Partitur, die heu­te im Ger­ma­ni­schen Na­tio­nal­mu­se­um zu fin­den ist. Das Wid­mungs­ge­dicht samt Zu­eig­nung lau­tet wie folgt:

Dem kö­nig­li­chen Freun­de
zu sei­nem Ge­burts­fes­te,
mit der Ue­ber­rei­chung des Wid­mungs­ex­em­pla­res
der Meis­ter­sin­ger.
Ein Werk ver­sprach ich, schee­len Neid’s Be­zwin­ger,
der Miss­gunst finst’re Wol­ken zu zerstreu’n;
ein Werk, das, deut­schen Geis­tes Preis-Be­din­ger,
zerriss’ne edle Bün­de sollt’ erneu’n:
wie Nürnberg’s alt-ehr­sa­me Meis­ter­sin­ger,
sich selbst be­lä­chelnd, doch dem Un­werth dräu’n,
der zwi­schen alt und neu­em Dich­ter­wal­ten
gern möcht’ als Jetzt­zeit-Irr­gelich­ter schal­ten.

Was ich ver­sprach, ob ich das treu ge­hal­ten,
ob ächt ich alte Schaf­fens­kraft be­währt,
ob mir ge­lang, das klär­lich zu ge­stal­ten,
euch als Traum nur durch die Sin­ne fährt?
Noch fühlt’ ich nicht im Bu­sen mir er­kal­ten
die war­me Lust, die sel­ber sich so werth:
was sie ent­facht zu freu­dig-hel­lem Zün­den,
will woh­lig mir des Werk’s Ge­lin­gen kün­den.

Doch, den mein Stern im Cha­os muss­te fin­den,
der dort, wo mir nur Sand am Meer er­scheint,
das Wirr­sal mei­nem Bli­cke liess ver­schwin­den,
dass der nur säh, wer mit ihm lacht und weint! –
Er durf­te um das Haupt das Reis mir win­den:
dem Kö­nig sass der Dich­ter hehr ver­eint,
nicht log das Herz: der neid’schen Geis­ter Zwin­ger,
du krön­test selbst den küh­nen Meis­ter­sin­ger.

Nun las­se de­muth­voll das Glück mich büs­sen,
dass ich so herr­lich hoch dir nahe stand:
hat fer­ne dir der Meis­ter wei­chen müs­sen,
drückt’ er zum Ab­schied dir die Freun­des­hand,
nun lieg’ sein Werk zu sei­nes König’s Füs­sen,
dort wo es Schutz und höchs­te Gna­de fand.
Und durft’ ihm won­nig eine Wei­se glü­cken,
die mög’ an’s Herz nun hold der Freund sich drü­cken!

Glück, Heil und Se­gen!

25. August 1869

Dies­mal war es eine ei­gen­hän­di­ge Ab­schrift der Or­ches­ter­s­kiz­ze des 3. Akts „Sieg­fried“, die Wag­ner Kö­nig Lud­wig zum Ge­burts­tag schenk­te, wie stets mit ei­nem eben­falls ei­gen­hän­di­gen Ge­dicht gar­niert:

Sie ist er­weckt, die lang’ in Schlaf ver­lo­ren;
Er­füllt ist nun des Got­tes stum­mer Rath:
Den sie ge­liebt, noch ehe er ge­bo­ren,
Den sie ge­schirmt, noch eh’ an’s Licht er trat,
Um den sie Straf’ und Göt­tergrimm er­ko­ren,
Der nun als küh­ner We­cker ihr ge­naht:
Zu ihr ward auf den Fels er hin­ge­trie­ben,
Der nur er­wuchs, weil sie ihn soll­te lie­ben.

Ein Wun­der, – doch kaum wun­der­bar zu nen­nen,
Dass hier ein Knab’ zu Jüng­lings­kraft ge­reift:
Der moch­te mut­hig durch die Wäl­der ren­nen,
Ihm nützt’ es, wenn der Jah­re Rad sich schweift!
Als gröss’res Wun­der muss ich diess er­ken­nen,
Wenn Man­nes Voll­kraft schon das Rad be­streift,
Dass dem die Jah­re dann die Kräf­te stär­ken
und sei­ner Ju­gend un­er­füll­ten Wer­ken.

Und die­se That ist Dei­nem Freund ge­lun­gen:
Was eilf der Jahr’ in stum­men Schlaf er schloss,
Das hat er nun zum Le­ben wach ge­sun­gen;
Der hold Er­weck­ten ein’t sich der Ge­noss.
Und doch, wie wär’ diess Weck­lied je er­klun­gen,
Wenn Dei­ner Ju­gend Blüt­he mir nicht spross?
Mich mahnt der Tag, an dem ich Dir es sen­de,
Dass ganz zu Dir sich auch das Wun­der wen­de.

25. August 1870

Um acht Uhr mor­gens fin­det die Trau­ung Wag­ners mit Co­si­ma von Bü­low, geb. Liszt, in der pro­tes­tan­ti­schen Mat­thä­us­kir­che in Lu­zern statt. Wag­ner schenkt Lud­wig II. zum Ge­burts­tag eine von Hans Rich­ter ge­fer­tig­te Ab­schrift des Or­ches­ter­s­kiz­ze des Vor­spiels und 1. Akts der „Göt­ter­däm­me­rung“, na­tür­lich mit ei­nem Hul­di­gungs­ge­dicht, das dar­auf an­spielt, dass der Kö­nig am 16. Juli, also noch vor der Kriegs­er­klä­rung Frank­reichs an Preu­ßen, die Mo­bil­ma­chung der baye­ri­schen Ar­mee be­foh­len hat­te:

Ge­spro­chen ist das Kö­nigs­wort,
dem Deutsch­land neu er­stan­den,
der Völ­ker ed­ler Ruh­mes­hort
be­freit aus schmähl’chen Ban­den;
was nie ge­lang der Klu­gen Rath,
das schuf ein Kö­nigs­wort zur That:
in al­len deut­schen Lan­den
das Wort nun tö­net fort und fort.

Und ich ver­stand den tie­fen Sinn
wie Kei­ner ihn er­mes­sen;
schuf es dem Vol­ke Siegs­ge­winn,
mir gab das Wort Ver­ges­sen:
ver­gra­ben durft’ ich man­chen Schmerz,
der lan­ge mir ge­nagt das Herz,
das Leid, das mich be­ses­sen,
blickt’ ich auf Deutschland’s Schmach da­hin.

Der Sinn, der in dem Wor­te lag,
war Dir auch un­ver­bor­gen:
der treu des ed­len Hor­tes pflag,
er theil­te mei­ne Sor­gen.
Von Wo­tan ban­gend aus­ge­sandt,
sein Rabe gute Kund’ ihm fand:
es strahlt der Mensch­heit Mor­gen;
nun dämm’re auf, du Göt­ter­tag!

Lud­wig dank­te per Te­le­gramm wie folgt:
Emp­fan­gen Sie einst­wei­len auf die­sem Wege mei­nen in­nigs­ten Dank für das himm­li­sche Ge­schenk, das mich mit ju­beln­der Freu­de er­füllt. Brau­che ich Ih­nen zu ver­si­chern, daß ich mehr denn je am heu­ti­gen für Sie und die Freun­din so be­deu­tungs­vol­len Tage im Geis­te bei Ih­nen bin!
Brief folgt bald.
Lud­wig.

Kö­nig Lud­wig II. im Or­nat des Ge­or­gi-Rit­ter­or­dens Foto: Jo­seph Al­bert

Wer jetzt im­mer noch was le­sen will, dem emp­feh­le ich mei­ne Ar­ti­kel zum Drei­kö­nigs­tag, zu Lud­wigs Gra­tu­la­ti­on zu Wag­ners 62. Ge­burts­tag so­wie über den für Ober­am­mer­gau ir­gend­wie doch fol­gen­rei­chen Be­such Wag­ners auf Lud­wigs Hüt­te auf dem Hoch­kopf am Wal­chen­see. Wei­te­re Lud­wig-Links und Tipps fin­den Sie au­ßer­dem heu­te hier bzw. nach dem 25. Au­gust hier.