Holländer aus dem Kinoplakat

Mit Iro­nie geht al­les bes­ser: Kay Metz­gers In­sze­nie­rung des „Flie­gen­den Hol­län­der“ im Staats­thea­ter Mei­nin­gen wur­de be­geis­tert auf­ge­nom­men und ist auch mu­si­ka­lisch ein Hit.

Shin Ta­ni­gu­chi als Hol­län­der und Lena Kutz­ner als Sen­ta vor dem ge­leer­ten Film­pla­kat – Foto: Chris­ti­na Iberl

Ge­ra­de erst gab es bei uns von Sa­bi­ne Sonn­tag über „Wag­ner im Film“ ei­nen span­nen­den Mul­ti­me­dia­vor­trag. Und schon schwappt aus Mei­nin­gen die Kun­de von ei­ner „Holländer“-Inszenierung, die tat­säch­lich im Kino spielt – ein Zu­fall, der vor Ort nur da­durch ge­toppt wur­de, dass in der Pre­mie­ren­wo­che der Thea­ter­park­platz noch als Rum­mel­platz fun­gier­te, un­ter an­de­rem mit ei­ner Rie­sen­schiffs­schau­kel à la „Fluch der Ka­ri­bik“. Letz­te­rer in­spi­rier­te denn auch Kay Metz­ger, der zum Ab­schluss sei­ner Wag­ner-Pro­duk­tio­nen in Det­mold 2017 den „Flie­gen­den Hol­län­der“ in­sze­nier­te, ihn zu sei­nem neu­en Wir­kungs­ort als In­ten­dant mit nach Ulm nahm und da­mit auch für Mei­nin­gen en­ga­giert wur­de. Die Pre­mie­re muss­te we­gen Co­ro­na drei­mal ver­scho­ben wer­den, am 16. Ok­to­ber konn­te das Staats­thea­ter ihn end­lich vom Sta­pel lassen.

Wie im heu­ti­gen Re­gie­thea­ter üb­lich, ha­ben der Re­gis­seur und sei­ne Aus­stat­te­rin Pe­tra Mol­lé­rus Zeit und Ort der Hand­lung nicht wört­lich ge­nom­men. Das ein­zi­ge Schiff, das hier noch vor­kommt, ist aus Pa­pier und wird von Sen­ta ge­fal­tet. Und zwar nicht nur ein­mal, denn die an­sons­ten brav wir­ken­de Toch­ter des trink­freu­di­gen See­manns Da­land geht je­den Tag in den­sel­ben Film. „Fluch der Mee­re“ heißt er, und der Ka­pi­tän nennt sich nicht Jack Spar­row, son­dern Hol­län­der. Er ma­te­ria­li­siert sich plötz­lich aus dem Film­pla­kat, das im Ki­no­foy­er hängt, dem Ein­heits­raum mit Bis­tro, wo alle drei Akte spie­len. Das Tol­le an die­ser Grund­idee ist, sie funk­tio­niert – funk­tio­niert präch­tig! So­gar bes­ser als beim neu­en „Hol­län­der“ in Bay­reuth, wo die Knei­pe nur im 1. Akt vorkommt.

Shin Ta­ni­gu­chi als Hol­län­der, To­masz Wija als Da­land und der Steu­er­mann-Bar­kee­per, der sich ver­viel­facht hat – Foto: Chris­ti­na Iberl

Das Ki­no­foy­er als Über­gangs­be­reich zwi­schen Rea­li­tät und Fik­ti­on er­weist sich auch des­halb so prak­tisch für die­se Ge­schich­te, weil durch den gan­zen Abend nicht nur ein Hauch, son­dern eine ganz schön stei­fe Bri­se an sze­ni­scher Iro­nie weht. Im zwi­schen den spä­ten 50er- und frü­hen 70er-Jah­ren schwan­ken­den Klein­bür­ger­mi­lieu geht es hin und wie­der ganz schön gru­se­lig zu. So schnell wie die Spin­ne­rin­nen kann kein nor­ma­ler Mensch stri­cken. Aber sie sind ja eh nur eine far­big mar­kier­te Sen­ta-Pro­jek­ti­on, eine aus­nahms­wei­se sinn­vol­le Ver­viel­fa­chung. Dass Steu­er­mann und Mary die Bar­kee­per sind, leuch­tet hier eben­so ein wie das „Mensch är­ge­re dich nicht“-Spiel, in das Hol­län­der, Sen­ta und Da­land im 3. Akt so ver­tieft sind, dass sie das Bo­hei der ex­zel­lent sin­gen­den Bar­kee­per-Chö­re gar nicht wahr­neh­men – und die zu klei­nen Se­geln sich blä­hen­den Stoff­ser­vi­et­ten auch nicht.

Eine Par­tie „Mensch är­ge­re dich nicht“ mit viel Bo­hei vom Chor – Foto: Chris­ti­na Iberl

Ge­spielt wird eine Misch­fas­sung nach der kri­tisch-wis­sen­schaft­li­chen Aus­ga­be, mit dem Erst­druck der Par­ti­tur als Haupt­quel­le, aber mit Er­lö­sungs­schluss in der Ou­ver­tü­re. Die Pau­sen­un­ter­bre­chung mit­ten im 2. Akt ist mach­bar, weil das Pu­bli­kum sich bis da­hin an Ein- und Aus­blen­dun­gen und dar­an ge­wöhnt hat, als In­sze­nie­rungs­be­stand­teil hin und wie­der voll be­leuch­tet zu werden.

Das über­ra­schen­de Ende des Abends soll nicht ver­ra­ten wer­den. Nur so viel: Sen­ta muss nicht ster­ben. Auch sonst geht bei die­ser Pro­duk­ti­on al­les gut aus. Die Sän­ger­dar­stel­ler ver­kör­pern ihre Rol­len glaub­haft und sin­gen in über­ra­schend gro­ßer Wort­ver­ständ­lich­keit, was dar­an liegt, dass Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Phil­ip­pe Bach, der Mei­nin­gen am Ende die­ser Sai­son lei­der ver­las­sen wird, das Or­ches­ter nur dann schwer auf­brau­sen lässt, wenn kein So­list sin­gen muss. Es geht dem Di­ri­gen­ten we­ni­ger um hoch­ro­man­ti­schen Rausch. Viel­mehr be­tont er das Spiel­opern-, ja Lort­zing­haf­te der Mu­sik, was sich trifft mit der ge­ge­be­nen sze­ni­schen Leich­tig­keit. In­dem er die Or­ches­ter­dy­na­mik sehr dif­fe­ren­ziert steu­ert, macht er ei­nen sän­ge­ri­schen Wohl­klang mög­lich, der die­sen Abend zu ei­nem be­son­de­ren macht.

In den Haupt­par­tien über­zeu­gen Shin Ta­ni­gu­chi als Hol­län­der und Lena Kutz­ner als Sen­ta. Bei­der Stim­men sor­gen in ih­ren viel­fäl­ti­gen Nu­an­cen da­für, dass sich auf der Büh­ne das Mu­sik­dra­ma voll­zieht, wie Wag­ner es in­ten­diert ha­ben mag. To­masz Wija ist ein fast schon zu schun­kel-lied­haft sin­gen­der Da­land, wäh­rend Mi­cha­el Sie­mons Erik rol­len­ge­recht lei­det. Tam­ta Ta­rie­lash­vi­li als be­weg­lich-so­no­re Mary und Ra­fa­el Hel­big-Kost­ka als stimm­li­che Leucht­ra­ke­ten ab­feu­ern­der Steu­er­mann er­gän­zen das So­lis­ten­en­sem­ble. Ein Son­der­lob ge­bührt dem von Ma­nu­el Be­the ein­stu­dier­ten Chor und Ex­trachor des Staats­thea­ters Mei­nin­gen. Der lang ent­behr­te Voll­klang ei­nes Chors be­glückt umso mehr, wenn so ex­akt und klar ge­sun­gen wird. Am Ende un­ge­trüb­ter, be­geis­ter­ter Premierenbeifall.

Be­such­te Pre­mie­re am 16. Ok­to­ber 2021, wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 1. und 6.11., 29.12.2021 so­wie 10.3.2022. Ti­ckets un­ter Te­le­fon 03693/451-222 und 451-137 so­wie auf der Home­page des Theaters