Szenenapplaus nach dem Quintett

Wie sagt Beck­mes­ser so schön: „Ein sau­res Amt, und heut zu­mal!“ Denn ei­ner­seits kann man die Meis­ter­sin­ger-Pro­duk­ti­on in Mei­nin­gen mu­si­ka­lisch über den grü­nen Klee lo­ben, an­der­seits ist nicht zu über­se­hen, dass die In­sze­nie­rung mehr will, als sie sich traut, also fau­le Kom­pro­mis­se macht. Wie sonst soll­te man es nen­nen, wenn ein Re­gis­seur im Pro­gramm­heft ein po­li­tisch ge­färb­tes Kon­zept be­schreibt, das in der Um­set­zung aus­ge­rech­net dort Lü­cken auf­weist, wo es in Be­zug auf die rea­le His­to­rie und die Re­zep­ti­ons­ge­schich­te be­son­ders auf­fällt? An­ders ge­sagt: Wer Ri­chard Wag­ners Oper Die Meis­ter­sin­ger von Nürn­berg de­zi­diert in »den Ver­wer­fun­gen des 20. Jahr­hun­derts spie­geln« möch­te, spek­ta­ku­lär mit dem Ende des Ers­ten Welt­kriegs be­ginnt, spä­ter ei­nen Pi­ckel­hau­ben-Bis­marck­kopf auf die Büh­ne wuch­tet und mit ei­ner Art Pe­gi­da-Auf­marsch auf der Fest­wie­se en­det, aber zu­vor das Drit­te Reich ho­möo­pa­thisch do­siert un­ter den Tisch fal­len lässt, der ist sträf­lich in­kon­se­quent. Und zwar un­ab­hän­gig von der Fra­ge, ob die kom­pro­miss­lo­se Um­set­zung überzeugend(er) wäre.

In­sze­na­tor und In­ten­dant Ans­gar Haag ist zu­gu­te­zu­hal­ten, dass es zur Über­le­bens­stra­te­gie des Mei­nin­ger Thea­ters mit sei­nen über 700 Sitz­plät­zen ge­hört, bes­ser nicht bei der zah­len­den Kund­schaft an­zu­ecken. An ei­nem Stand­ort mit 20000 Ein­woh­nern ist das nur zu ver­ständ­lich. Wer bei fast je­der Auf­füh­rung auf Bus­se vol­ler Opern-, Thea­ter und Kon­zert­freun­de aus der nä­he­ren und wei­te­ren Um­ge­bung an­ge­wie­sen ist, lässt sich lie­ber von Kri­ti­kern ab­wat­schen als vom Pu­bli­kum. Und das stör­te sich bei der Pre­mie­re we­der groß dar­an, dass wäh­rend des ers­ten Akts ein klap­pern­des Ge­räusch nicht aus­ge­schal­tet wer­den konn­te, noch dass der In­sze­na­tor aus sei­ner sonst vor­herr­schen­den Bie­der- und Harm­lo­sig­keit zu­min­dest am An­fang und im Schluss­bild sicht­lich aus­bricht. Zwei­mal ein paar Mi­nu­ten Re­gie­thea­ter-Schreck­nis­se sitzt der er­fah­re­ne Wag­ne­ria­ner ge­las­sen ab, wenn das Gros ei­nes Meis­ter­sin­ger-Abends dem hei­te­ren Grund­cha­rak­ter des Werks ge­recht und die Hand­lung ohne viel Ver­bie­gen und Ver­frem­den er­zählt wird.

Na­tür­lich bleibt es pure Spe­ku­la­ti­on, ob die sze­ni­schen Brü­che zu­sam­men­hän­gen mit der kürz­li­chen Ent­las­sung von Pa­trick Sei­bert, dem Mei­nin­ger Chef­dra­ma­tur­gen und nach wie vor im Bay­reu­ther Ring dar­stel­le­risch ak­ti­ven Cas­torf-Mit­ar­bei­ter. Und ver­wun­dert re­gis­triert man, dass das Thea­ter als Stück­dra­ma­tur­gen mal Ans­gar Haag/​Aldona Far­ru­gia, mal Ans­gar Haag/​Sarah Schramm nennt. Sei’s drum: Das kei­nes­wegs schlüs­si­ge, son­dern eher be­haup­te­te Kon­zept ist ja nur ein Teil der von Bernd-Die­ter Mül­ler und An­net­te Zep­pe­ritz (Büh­ne und Kos­tü­me) be­bil­der­ten Auf­füh­rung, die sich in vie­len De­tails als ein Sam­mel­su­ri­um aus Wag­ner-In­sze­nie­run­gen der letz­ten Zeit er­weist – an­ge­fan­gen beim ers­ten his­to­ri­schen Rund­um­schlag, wie ihn Ste­fan Her­heim in sei­nem Fest­spiel-Par­si­fal 2008 über­wäl­ti­gend durch­ex­er­zier­te, den 2010 Jo­chen Big­an­zo­li in Leip­zig so­gar DDR-spe­zi­fisch fort­führ­te und erst­mals ei­nen Früh­stücks­tisch in der Schus­ter­stu­be eta­blier­te, an dem Stol­zings Meis­ter­lied mit spie­le­ri­scher Leich­tig­keit er­fun­den wer­den konn­te, en­dend bei Beck­mes­sers Kampf mit dem No­ten­pult, wie ihn Vera Nemi­ro­va 2016 für Er­furt und Wei­mar ak­zen­tu­ier­te, bei Da­vid Böschs abs­trak­ten Häu­sern vor schwar­zem Hin­ter­grund in Mün­chen und dem der­zeit wie­der gras­sie­ren­den alt- oder neu­fa­schis­toi­den Fest­wie­sen­volk. Ans­gar Haag setzt ein paar ei­ge­ne, mal gute, mal plat­te Ide­en hin­zu, ist aber hand­werk­lich ver­siert ge­nug, um sei­ne Prot­ago­nis­ten mit Spiel­freu­de und Prä­zi­si­on auf­zu­la­den. Weil die Fi­gu­ren stets le­ben­dig auf­ein­an­der be­zo­gen agie­ren, ver­gisst man gern die dra­ma­tur­gi­schen Feh­ler und Schwä­chen – zu­mal die mu­si­ka­li­sche Qua­li­tät vom Feins­ten ist.

Was auf Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Phil­ip­pe Bachs über­aus trans­pa­ren­tes, gänz­lich un­pa­the­ti­sches Di­ri­gat zu­rück­zu­füh­ren ist, und auf den glück­haf­ten Um­stand, dass eine so auf­wän­di­ge Pro­duk­ti­on so­lis­tisch fast kom­plett aus dem ei­ge­nen En­sem­ble­über­zeu­gend be­setzt wer­den kann. Dae-Hee Shin, seit der Sai­son 2003/04 in Mei­nin­gen, ist ein stimm­lich kul­ti­vier­ter und sou­ve­rä­ner Sachs, der ge­ra­de in­dem er auch dar­stel­le­risch nicht auf­trumpft, der Fi­gur eine Glaub­wür­dig­keit gibt, die den gan­zen Abend trägt. Das frü­he­re En­sem­ble­mit­glied Ste­pha­nos Tsi­ra­ko­glou ist ein sän­ge­risch prä­gnan­ter Beck­mes­ser, wird je­doch mit sze­ni­schem Kla­mauk lei­der ab­ge­wer­tet, Ernst Gars­ten­au­er gibt ei­nen Po­gner wie aus dem Wag­ner-Bil­der­buch. Eine Eva wie Ca­mi­la Ri­be­ro-Sou­za, eine Mag­da­le­ne wie Ca­ro­li­na Kro­gius hört und sieht man selbst an ers­ten Häu­sern nicht bes­ser, erst recht nicht ei­nen Da­vid wie den in je­der Hin­sicht be­weg­li­chen Siy­abon­ga Ma­qungo, dem man den Lor­beer eher zu­spre­chen woll­te als dem wa­cke­ren Stol­zing von Ondrej Ša­ling. Was soll man noch groß über fünf Haupt­rol­len­de­bü­tan­ten sa­gen, die es beim al­ler­dings oh­ne­hin traum­haft schö­nen Quin­tett im drit­ten Akt schaf­fen, die un­ter Wag­ne­ria­nern ein­ge­fleisch­te Sze­nen­ap­plaus­hem­mung mir nichts, dir nichts – und zu Recht – über den Hau­fen zu wer­fen?

Alle wei­te­ren So­lis­ten, die von Mar­tin Wett­ges ein­stu­dier­ten Chö­re – Chor und Ex­trachor des Mei­nin­gers Thea­ters, die Mei­nin­ger Kan­to­rei und der Chor des Evan­ge­li­schen Gym­na­si­ums Mei­nin­gen – so­wie die Mei­nin­ger Hof­ka­pel­le leis­ten Gro­ßes, auch wenn bei der Pre­mie­re die Ko­or­di­na­ti­on von Or­ches­ter- und Chor­stim­men noch nicht durch­ge­hend per­fekt war. Dass die Meis­ter­sin­ger zu­letzt vor über zwan­zig Jah­ren in Mei­nin­gen ge­spielt wur­den und erst aus An­lass des 70-jäh­ri­gen Chor­ju­bi­lä­ums wie­der in­sze­niert wur­den, ver­wun­dert fast, denn sie schei­nen in der her­vor­ra­gen­den Akus­tik des Hau­ses bes­ser zu klin­gen als in Wag­ners Fest­spiel­haus. Das liegt si­cher auch an der re­du­zier­ten Strei­cher­be­set­zung. Dank der gro­ßen Si­cher­heit der In­stru­men­ta­lis­ten merkt und hört das kaum ein Be­su­cher, den Sän­gern aber er­mög­licht es grö­ße­re Wort­ver­ständ­lich­keit und de­li­ka­te Aus­drucks­nu­an­cen. Dass die Mei­nin­ger Hof­ka­pel­le also ein Star der Auf­füh­rung ist, kommt nicht von un­ge­fähr. Denn ihr GMD sorgt mit at­trak­ti­ven und die Viel­sei­tig­keit för­dern­den Kon­zert­pro­gram­men und Son­der­pro­jek­ten im­mer wie­der da­für, dass die Mu­si­ker es ge­wöhnt sind, auf der Stuhl­kan­te zu sit­zen.

Zum Schluss noch ein Bay­reuth-Ver­gleich, der es in sich hat: Die teu­ers­ten Kar­ten für die Meis­ter­sin­ger-Neu­in­sze­nie­rung bei den Fest­spie­len 2017 kos­ten 400 Euro, in Mei­nin­gen hin­ge­gen ge­ra­de mal ein Zehn­tel. Also nichts wie hin.

Be­such­te Pre­mie­re am 7. April, wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 6. Mai (aus­nahms­wei­se mit Frank van Hove als Hans Sachs) und am 11. Juni. Kar­ten un­ter Te­le­fon 03693/451-222 und 451-137, In­fos auf der Home­page des Mei­nin­ger Thea­ters

Nach­trag nach der be­such­ten Vor­stel­lung am 6. Mai
Wie­der ein be­glü­cken­der Wag­ner­abend in Mei­nin­gen, dies­mal mit Gast-Sachs Frank van Hove: dar­stel­le­risch und stimm­lich sehr sou­ve­rän, nur sein Hang zum Na­sa­len ist nicht je­der­manns Ge­schmack. In­zwi­schen be­wegt sich Stol­zing Ondrej Ša­ling stimm­lich frei­er und bes­ser in sei­ner Par­tie; aber auch dies­mal hat er lei­der ver­sun­gen und ver­tan, weil er sei­nen Text un­frei­wil­lig fast so schlimm ver­biegt wie Beck­mes­ser im 3. Akt – mit dem Un­ter­schied, dass es nur bei letz­te­rem vom Dich­ter­kom­po­nis­ten R.W. so vor­ge­se­hen ist. Umso mehr ist Ste­pha­nos Tsi­ra­ko­glous als Mer­ker zu lo­ben – wie Ša­ling kein deut­scher Mut­ter­sprach­ler, aber mit ei­ner so kla­ren, wort­ver­ständ­li­chen Dik­ti­on, mit so viel Saft und Aus­drucks­kraft in sei­nem Bass­ba­ri­ton, dass man ihm, wenn es denn in der Oper ge­recht zu­gin­ge, zwei­fel­los den Lor­beer­kranz, die Meis­ter­ehr‘ und Eva zu­spre­chen wür­de. Letz­te­re ist mit Ca­mi­la Ri­be­ro-Sou­za ein ju­gend­lich-strah­len­des Zen­trum der Auf­füh­rung und vor al­lem des Quin­tetts, er­neut er­fri­schend jung und ganz ohne das sonst oft zu er­lei­den­de Ge­kei­fe und Ge­krei­sche Ca­ro­li­na Kro­gius als Mag­da­le­ne. Noch­mals sei Siy­abon­ga Ma­qungos se­hens- und hö­rens­wer­ter Da­vid be­ju­belt, erst­mals sei noch Ma­rián Kre­jčík her­vor­ge­ho­ben, der als eben­falls noch ziem­lich jun­ger Koth­ner in je­der Hin­sicht eine tol­le Fi­gur macht. Die Chö­re und die Mei­nin­ger Hof­ka­pel­le un­ter GMD Phil­ip­pe Bach sor­gen in gro­ßer dy­na­mi­scher Band­brei­te da­für, dass die­ser Meis­ter­sin­ger-Abend schlicht­weg be­glü­ckend ge­lingt. Es gibt nur noch die eine Auf­füh­rung am 11. Juni ab 17 Uhr. Eine Wie­der­auf­nah­me ist zu­min­dest in der kom­men­den Sai­son lei­der nicht ge­plant.

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