„Gott, diese Stühle“

Aus ge­ge­be­nem An­lass ein paar An­mer­kun­gen zur Be­stuh­lung des Fest­spiel­hau­ses, denn Sitz Nr. 21 aus ei­ner der 30 Ori­gi­nal-Par­kett­rei­hen von 1876 wur­de ge­ra­de von Bam­berg nach Ber­lin ge­bracht, zur Wag­ner-Aus­stel­lung des Deut­schen His­to­ri­schen Museums.

Fest­spiel­haus-Ori­gi­nal­stuhl von 1876 aus­ge­klappt – Foto: Mo­ni­ka Beer

Die Fach­li­te­ra­tur zur Be­stuh­lung des Fest­spiel­hau­ses ist über­schau­bar: Es gibt Hein­rich Ha­bels di­cken Wäl­zer „Fest­spiel­haus und Wahn­fried“ zu ge­plan­ten und aus­ge­führ­ten Bau­ten Ri­chard Wag­ners aus dem Jahr 1985 und den von Mar­kus Kie­sel 2007 her­aus­ge­ge­be­nen Text-/Bild­band „Das Ri­chard Wag­ner Fest­spiel­haus Bay­reuth“, dazu eine nicht en­den wol­len­de, münd­lich und schrift­lich über­lie­fer­te Fül­le von Zu­schau­er­kla­gen, was die Enge, Här­te und die für nicht we­ni­ge weib­li­che Rü­cken be­scheu­er­te Rü­cken­leh­ne der Stüh­le (auf Höhe der BH-Ver­schlüs­se) betrifft.

Das Büh­nen­fest­spiel­haus zu Bay­reuth, Ein­tei­lung des Zu­schau­er­raums (aus ei­ner Buch­ver­öf­fent­li­chung von 1909)

Seit bald 150 Jah­ren ist auch die am­phit­thea­tra­li­sche An­ord­nung der Par­kett­sitz­rei­hen nicht je­der­manns Sa­che, weil sie Klaus­tro­pho­bie aus­lö­sen kann. Kie­sel nennt mit Theo­dor Fon­ta­ne ein pro­mi­nen­tes Bei­spiel. Der Schrift­stel­ler war 1889 in Bay­reuth, ge­riet vor der Auf­füh­rung in ei­nen Wol­ken­bruch und er­reich­te den Zu­schau­er­raum fast zu spät und mit hoch­ge­krem­pel­ten Ho­sen. In ei­nem Brief schil­der­te er das so:
Fünf­zehn­hun­dert Men­schen drin, je­der Platz be­setzt. Mir wird so son­der­bar. Alle Tü­ren ge­schlos­sen. In die­sem Au­gen­bli­cke wird es stock­dus­ter. […] Und nun geht ein Tu­ba­b­la­sen los, als wä­ren es die Po­sau­nen des Letz­ten Ge­richts. Mir wird im­mer son­der­ba­rer, und als die Ou­ver­tü­re zu Ende geht, füh­le ich deut­lich: „Noch drei Mi­nu­ten, und du fällst ohn­mäch­tig oder tot vom Sitz.“ Also wie­der raus. Ich war der letz­te ge­we­sen, der sich an vier­zig Per­so­nen vor­bei bis auf sei­nen Platz […] durch­ge­drängt hat­te […] Und nun wie­der eben­so zu­rück. Ich war halb ohn­mäch­tig; […] die Sa­che ge­nier­te mich aufs äußerste.

Fest­spiel­haus-Sitz­plan mit durch­num­me­rier­ten Stüh­len aus der Ära Wolf­gang Wagner

Hein­rich Ha­bel gibt in sei­nem in der Rei­he „100 Jah­re Bay­reu­ther Fest­spie­le“ bei Pres­tel er­schie­ne­nen Band ge­naue­re Aus­kunft über die Be­stuh­lung des Festspielhauses:
Alte Sitz­plä­ne ge­ben die Zahl der Sitz­plät­ze in den 30 Rei­hen des Am­phit­thea­ters mit 1345 an; dazu kommt noch die zah­len­mä­ßig nicht de­fi­nier­ba­re Ka­pa­zi­tät der mo­bil zu be­stuh­len­den Fürs­ten­ga­le­rie, die in neun Lo­gen ge­teilt war; die dar­über­lie­gen­de Ga­le­rie habe etwa 200 Per­so­nen auf­neh­men kön­nen. Die heu­ti­ge Platz­zahl be­trägt ein­schließ­lich der Lo­gen 1925, da­von 1460 Plät­ze im Par­kett. […] Das Ge­stühl von 1876 (ge­fer­tigt von der Mö­bel­fa­brik J. A. Ey­ßer, Bay­reuth) hat­te re­la­tiv brei­te Sitz­flä­chen mit (in den Jah­ren vor der Er­neue­rung schon viel­fach durch­ge­ses­se­nem) Rohr­ge­flecht und durch­bro­che­ne, aus Rah­men mit mitt­le­rer Quer­spros­se ge­bil­de­te Rü­cken­leh­nen. 1968 wur­de es durch neue, leich­te Klapp­stüh­le aus Ei­sen mit höl­zer­nen Sit­zen und Leh­nen ersetzt.

Groß­rei­ne­ma­chen im Fest­spiel­haus nach der Wie­der­eröff­nungs­sai­son 1951. Die Stüh­le wa­ren im­mer­hin so breit, dass laut Wolf­gang Wag­ner in Ge­ne­ral­pro­ben auch schon mal drei Per­so­nen auf zwei Stüh­len durch­hal­ten konn­ten. Ei­ner da­von dürf­te üb­ri­gens der „Spiegel“-Kritiker Klaus Um­bach ge­we­sen sein. – Vor­la­ge: Welt­dis­kus­si­on um Bayreuth/​Foto: Ernst Gebauer

Das heu­ti­ge Holz­ge­stühl mit schlich­ter Stoff­be­span­nung wur­de, wie Mar­kus Kie­sel schreibt, Ende der 1970er Jah­re ein­ge­baut. Da es auch jetzt im Par­kett nur 30 Rei­hen gibt, kann je­der nach­rech­nen, dass Wolf­gang Wag­ner, um mehr Kar­ten ver­kau­fen zu kön­nen, 115 zu­sätz­li­che Sit­ze ins Par­kett ge­bracht hat, was lei­der be­deu­tet, dass nicht nur alle Stüh­le deut­lich schma­ler sind als die ur­sprüng­li­chen, son­dern an vie­len Stel­len im­mer wie­der die Sicht­li­ni­en emp­find­lich ge­stört wer­den. Selbst auf Par­kett­plät­zen der 1. Ka­te­go­rie kann dann aus mei­ner Er­fah­rung, wenn Vor­der­mann oder -frau be­son­ders groß ge­wach­sen sind, die Vor­stel­lung schnell zur Qual wer­den. Stän­dig hin- und her­rü­cken­de Be­su­cher ha­ben durch­aus nicht im­mer ein Zap­pel­phil­ipp-Syn­drom, son­dern se­hen sonst ein­fach vom Ge­sche­hen auf der Büh­ne so gut wie gar nichts – trotz der teu­ren Karte.

Ob es Ab­hil­fe gäbe, wenn die jet­zi­gen Sit­ze tat­säch­lich aus­ge­dient ha­ben? Ver­mut­lich auch nur par­ti­ell. Au­ßer­dem könn­te das noch dau­ern, denn dann müss­te de­fi­ni­tiv die An­zahl der Stüh­le re­du­ziert wer­den. Mar­kus Kie­sel stell­te 2007 fest: „Nach neu­es­ter Ver­samm­lungs­stät­ten­ver­ord­nung müs­sen neue Stüh­le we­sent­lich brei­ter aus­fal­len und je­dem Gast Arm­leh­nen ge­wäh­ren, was wie­der­um we­ni­ger Plät­ze be­deu­ten wür­de und die be­gehr­ten Kar­ten noch be­gehr­ter machte.“

Fach­män­nisch ein­ge­packt und dann geht’s ab nach Ber­lin, zur Wag­ner­aus­stel­lung im Pei-Bau des Deut­schen His­to­ri­schen Mu­se­ums (ab 8. April 2022). – Foto: Mo­ni­ka Beer

Und was sagt Ri­chard Wag­ner dazu? Am bes­ten, man schaut nach in den Ta­ge­bü­chern von sei­ner zwei­ten Frau Co­si­ma, die am 23. Juli 1878, zwei Jah­re nach den ers­ten und vier Jah­re vor den nächs­ten Fest­spie­len, Fol­gen­des fest­ge­hal­ten hat:

[…] wir fah­ren mit den Kin­dern nach Bür­ger­reuth, be­su­chen zu­erst das Thea­ter, gro­ße Freu­de dar­an, hei­te­re Be­ach­tung des Mo­bi­li­ars sei­tens R. „Gott, die­se Stüh­le, die­se Spie­gel! Und kei­ner ist ei­gent­lich Be­sit­zer.“ Ich: „Ja! Es ist wohl der ein­zi­ge Be­sitz ohne Be­sit­zer.“ Dann aber trau­ri­ger Rück­blick auf die Auf­füh­rung, mit hef­ti­gem Ak­zent ruft er aus: „Ich möch­te das nicht wie­der durch­ma­chen! Es war al­les falsch! … Eine gro­ße Tä­tig­keit hat mich auf­recht­erhal­ten und wäh­rend der Zeit al­les Schlim­me un­be­ach­ten [las­sen], aber ich möch­te es nicht wie­der durch­ma­chen.“ Doch wir freu­en uns, daß das Haus da steht, wie ein ewi­ger Son­nen­un­ter­gang sieht es un­ter den Bäu­men aus; sei­ne schlich­te Po­ly­chro­mie mach­te uns Freude. –

In­fos zur Aus­stel­lung fin­den Sie hier

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