Ein genialer Dreh: Alles fließt

An­dre­as Ho­mo­ki ge­lingt am Opern­haus Zü­rich in der Aus­stat­tung von Chris­ti­an Schmidt mit Ri­chard Wag­ners „Rhein­gold“ ein ver­hei­ßungs­vol­ler „Ring“-Auftakt.

Im­mer wie­der fin­det man in Co­si­ma Wag­ners Ta­ge­bü­chern den Satz „Ich habe den Über­gang ge­fun­den!“ Sie zi­tiert da­mit ih­ren kom­po­nie­ren­den Gat­ten, der häu­fig nach per­fek­ten mu­si­ka­li­schen Über­gän­gen such­te. Of­fen­sicht­lich hat sich das auch das Zü­ri­cher „Ring“-Team vor­ge­nom­men: Beim „Rhein­gold“ auf der Dreh­büh­ne fließt al­les ganz wun­der­bar – auch szenisch.

Für die räum­li­chen Vor­aus­set­zun­gen hat Chris­ti­an Schmidt ge­sorgt, der hie­si­gen Opern­freun­den spä­tes­tens seit sei­nem Bay­reuth-De­büt ein Be­griff ist: 2003 schuf er ein ge­spens­ti­sches Trep­pen­haus für Claus Guths „Holländer“-Inszenierung. Ak­tu­ell er­ar­bei­tet der aus Lich­ten­fels stam­men­de Büh­nen- und Kos­tüm­bild­ner am Opern­haus Zü­rich mit In­ten­dant An­dre­as Ho­mo­ki ei­nen neu­en „Ring“. Der Vor­abend des Vier­tei­lers hat­te am 30. April 2022 Premiere.

Der Er­folg die­ser Pro­duk­ti­on kommt nicht von un­ge­fähr, denn dem Re­gis­seur ist die Hand­lung selbst wich­ti­ger als die ei­ge­ne Les­art. „Un­se­re Ar­beit“, sagt er im Pro­gramm­heft, „will nicht die Deu­tung der Vor­gän­ge brin­gen, son­dern die Vor­gän­ge selbst zei­gen, so spie­le­risch, sinn­lich, emo­tio­nal, trau­rig, lus­tig, über­ra­schend und un­ter­halt­sam wie möglich.“

Mit die­sem An­satz ge­lingt, was fast schon Sel­ten­heits­wert hat: eine Mu­sik­thea­ter­in­sze­nie­rung, die, gleich­zei­tig be­hut­sam abs­tra­hie­rend, his­to­ri­sie­rend und in­ter­pre­tie­rend, mit ei­nem Hauch von Iro­nie, Lo­kal­pa­trio­tis­mus und Ver­frem­dung ein­fach das Stück er­zählt – ohne die heu­te üb­li­che De­kon­struk­ti­on, ohne Vi­deo-Bild­über­flu­tung, ohne Ver­viel­fa­chung von Fi­gu­ren, ohne Ver­ren­kun­gen und Über­frach­tun­gen al­ler Art.

Statt­des­sen er­mög­li­chen die ge­nia­le, auch äs­the­tisch über­zeu­gen­de Aus­stat­tung Chris­ti­an Schmidts (Künst­le­ri­sche Mit­ar­beit am Büh­nen­bild: Flo­ri­an Schaaf) und die über­aus prä­zi­se und psy­cho­lo­gisch stim­mi­ge Per­so­nen­re­gie von An­dre­as Ho­mo­ki, dass das „Rhein­gold“ glän­zend als Kon­ver­sa­ti­ons­stück funk­tio­niert und bei­na­he so flüs­sig und ra­sant ab­läuft wie sonst nur Mi­cha­el Frayns Bou­le­vard­ko­mö­die „Der nack­te Wahnsinn“.

Vier hohe, va­ria­bel und spar­sam mö­blier­te, weiß ver­tä­fel­te groß­bür­ger­li­che Räu­me à la Vil­la We­sen­donck auf der Dreh­büh­ne sind nicht nur für die Auf­trit­te und Ab­gän­ge gut, wie sie im Li­bret­to ste­hen, son­dern dar­über hin­aus. Da be­kommt man­ches Bei­sei­te-Spre­chen eine räum­li­che Kom­po­nen­te, und Rufe aus der Fer­ne fin­den hör­bar und sicht­lich wo­an­ders statt.

Selbst wenn die Zu­schau­er manch­mal den Dreh­wurm über ha­ben: Es gibt ge­nug zu se­hen, wor­über man auch bei der nächs­ten Run­de viel­leicht noch­mal nach­denkt, wenn nicht – hopp­la! – im­mer wie­der so frap­pie­ren­de Vi­sua­li­sie­run­gen kä­men wie die auf dem re­prä­sen­ta­ti­ven Wal­hall-Ölschin­ken sit­zen­den Rie­sen, Al­be­rich als Krö­te und Dra­chen im mäch­ti­gen Grün­der­zeit­schrank und das kurz­zei­ti­ge Ver­schwim­men der sonst so ak­ku­rat ge­glie­der­ten wei­ßen Wän­de (Vi­deo: Tieni Burkhalter).

Schon die in wei­ßen Sei­den­schlaf­an­zü­gen agie­ren­den Rhein­töch­ter sind für Über­ra­schun­gen gut, er­in­nern sie doch mit ih­ren Weiß­blond­pe­rü­cken an Ma­ri­lyn Mon­roe, wäh­rend Wo­tan und Fri­cka eher für Wag­ner und des­sen ers­te Frau Min­na zu de­ren Zür­cher Zeit ab Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ste­hen. Über­haupt liegt der Fo­kus deut­lich auf den fa­mi­liä­ren Beziehungen.

Brü­der wie Don­ner und Froh, Fa­solt und Faf­ner tre­ten wie Zwil­lin­ge auf; die ei­nen Snobs der 20er-Jah­re mit Kri­cket-Schlä­gern, die an­de­ren älp­le­ri­sche Bau­ern mit leicht jü­di­schem Ein­schlag. Und die bei­den Schwarz­al­ben in ent­spre­chen­der Ar­beits­kluft un­ter­schei­den sich nur des­halb, weil Al­be­rich nach der ers­ten Sze­ne in eine Macht­po­si­ti­on auf­ge­stie­gen ist.

Loge, der bar­fü­ßi­ge Halb­gott, ist auch sonst ir­gend­wie da­ne­ben. Die­se Mi­schung aus be­kiff­tem John­ny Depp und schmud­de­li­gem Zir­kus­di­rek­tor mit Klun­kern kommt so­gar ein biss­chen ins Flie­gen, üb­ri­gens ganz ohne tech­ni­sche Hilfs­mit­tel, wäh­rend Erda in un­schulds­wei­ßer Robe qua­si im Blind­flug durch die Räu­me schwebt und bei al­ler Ele­ganz und Mo­der­ni­tät my­thisch er­scheint. Wie öf­ter in die­ser In­sze­nie­rung: klei­ne Ur­sa­che (oder un­auf­wen­di­ges Thea­ter­mit­tel), gro­ße Wirkung.

Dass das al­les thea­tra­lisch so über­zeu­gend ab­läuft, ist un­ter an­de­rem der aus­ge­feil­ten Be­leuch­tung von Frank Evin zu dan­ken – so­wie zahl­rei­chen un­sicht­ba­ren Hel­fern, die die zau­be­ri­schen Um­bau­ten se­kun­den­schnell be­wäl­ti­gen. Die So­lis­ten­be­set­zung ist spiel­freu­dig und sän­ge­risch gut, wo­bei Mat­thi­as Klink ein­deu­tig die Nase vorn hat. Zwar ist er be­stimmt kein schön und kor­rekt sin­gen­der Loge, aber das leicht Schrä­ge passt zur Rol­le, die er in ge­ra­de­zu akro­ba­ti­scher Be­weg­lich­keit auf die Büh­ne bringt, dazu pa­ckend wort­ver­ständ­lich singt.

Macht­voll trump­fen To­masz Ko­nie­cz­ny als Wo­tan und Chris­to­pher Pur­ves als Al­be­rich auf, fül­len ihre Par­tien so­wohl dar­stel­le­risch als auch stimm­lich prä­gnant aus. Wolf­gang Ab­lin­ger-Sper­r­ha­cke als Mime schürt schon jetzt die Vor­freu­de auf „Sieg­fried“, an der Sei­te von Klaus Flo­ri­an Vogt, auf des­sen Rol­len­de­büt man ge­spannt sein darf. Über­zeu­gend auch Pa­tri­cia Bar­don als Fri­cka, Ki­an­dra Howarth als Freia und Anna Da­nik als Erda.

Fa­solt und Faf­ner sind mit Da­vid Soar und Oleg Da­vy­dov so­li­de be­setzt, die bei­den klei­nen Göt­ter, Jor­dan Shana­han als Don­ner und Omer Ko­bil­jak als Froh, las­sen auf­hor­chen, aus­ge­wo­gen das Rhein­töch­ter-Ter­zett mit Ulia­na Ale­xyuk, Niamh O’Sullivan und Sie­na Licht Miller.

Dass der neue Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Gia­nandrea No­se­da ver­mut­lich noch nicht ganz ver­traut ist mit der Akus­tik des Hau­ses, war bei der be­such­ten drit­ten Auf­füh­rung nicht zu über­hö­ren. Im Par­kett links kam das tie­fe Blech der Phil­har­mo­nia Zü­rich oft zu laut an (was aber auch an be­stimm­ten Po­si­tio­nen der Büh­nen­bild­wän­de lie­gen könn­te), und zu­min­dest zu Be­ginn wa­ren bei­spiels­wei­se die Rhein­töch­ter gern ei­nen Tick zu spät, was sich aber si­cher ein­spie­len wird. Or­ches­tral ist der neue Zü­ri­cher „Ring“ den­noch auf ei­nem gu­ten Weg. Und of­fen­bart  – ent­ge­gen der an­geb­li­chen Deu­tungs­ab­sti­nenz — sze­nisch durch­aus po­li­ti­schen Biss, denn das über­ra­schen­de Schluss­bild mit dem ab­surd lan­gen Tisch ver­weist, wie man ak­tu­ell nur all­zu gut ver­steht, auf das un­aus­weich­li­che Ende.

Ende der ers­ten Auf­füh­rungs­se­rie mit der Vor­stel­lung am 28. Mai; am 18. Sep­tem­ber 2022 hat als nächs­tes „Die Wal­kü­re“ mit Ca­mil­la Ny­lund in der Ti­tel­rol­le Pre­mie­re. Wei­te­re In­fos zum Zü­ri­cher „Ring“ fin­den Sie hier.

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