
Nein, in der noch pandemiegeschwächten Festspielsaison 2022, als endlich die für 2020 geplante „Ring“-Inszenierung von Valentin Schwarz erstmals in Bayreuth aufgeführt werden konnte, hätte ich nicht gedacht, dass ausgerechnet diese Version der Tetralogie mich mehr packen würde als all meine anderen Bayreuth-„Ringe“ – ausgenommen die Jahrhundert-Produktion von Patrice Chéreau und Pierre Boulez von 1976 bis 1980, die mich sofort zur Wagnerianerin gemacht hat. Obwohl Schwarz und sein Team sicher mehr als die meisten ihrer Vorgänger den Werkstatt-Gedanken ernst genommen, also jedes Jahr gedanklich und praktisch viel weiter gearbeitet haben, sind in ihrer interpretatorischen Logik Löcher und Fehlstellen geblieben. Und der zum Auftakt gewagte Versuch, auf viel besungene und benutzte Requisiten wie Speer und Schwert komplett zu verzichten, konnte natürlich nur fehlschlagen, abzulesen an den „Ersatz-Requisiten“ und Symbolen wie Pyramide, Masken und der wandernde Brünnhilden-Hut. Aber spielt das eine wesentliche Rolle? Zumindest für mich nicht.
Schon im ersten Aufführungsjahr gehörte ich zu den noch wenigen Kritikern (nachzulesen unter „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“), die dem sogenannten Netflix-„Ring“ viel abgewinnen konnten. Das Schlagwort, auf das ich auch in meiner Sammelbesprechung aus dem Jahr 2023 einging, kam mir jetzt wieder in den Sinn, als ich diesen „Ring“ zum sechsten Mal (Generalproben inklusive) im Festspielhaus erlebt und das Gros der aktuellen Rezensionen von 2025 gelesen habe. Denn Patrick Bahners, ein schätzenswerter F.A.Z.-Redakteur, hat sich in seinem Abschlussbericht zu „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ ausführlich mit dem Seriencharakter befasst. Ob man seinen Parallelen zu „Breaking Bad“, jener berühmten TV- und Streaming-Serie, und zur „Theorie der Befreiung“ im Detail folgen mag, sei dahingestellt. Aber es klingt plausibel, dass Szeniker wie das Schwarz-Team, die sich die konsequente Vergegenwärtigung der „Ring“-Figuren aufs Panier geschrieben haben, natürlich von wirkungsmächtigen Bildern der unmittelbaren Vergangenheit haben inspirieren lassen.
Der Netflix-„Ring“ hätte trotz der negativen Implikationen auch gut und gerne Corona-„Ring“ heißen können, denn er war und ist, wie keine andere Produktion der jüngeren Festspielgeschichte, gezeichnet von Verschiebungen und Veränderungen, die auf die Pandemie zurückzuführen sind. In welchem Maße die Produktion von Corona beeinträchtigt wurde, lässt sich direkt an den Besetzungen ablesen. Drei verschiedene musikalische Leiter in vier Jahren – 2022 Cornelius Meister als kurzfristiger Einspringer für den erkrankten Pietari Inkinen, der als ursprünglicher Dirigent dieser Produktion nur im Sommer 2023 im Einsatz war und 2024/25 von Simone Young, der ersten Bayreuther „Ring“-Dirigentin, abgelöst wurde – sowie zahlreiche Besetzungsänderungen bei den Solisten, zuletzt auch noch die Neubesetzungen vom Chor und dessen Leiter waren mit eine Ursache, warum dieser „Ring“ sich leider erst spät, in seinem letzten Aufführungsjahr, runden konnte.
Erfreulicherweise gab es einige Hauptsolisten, die seit 2022 sängerdarstellerisch prägend wirken: Tomasz Konieczny und Olafur Sigurdarson als die in jeder Hinsicht unvergesslichen Zwillingsbrüder Wotan/Wanderer und Alberich, Christa Mayer als starke Fricka und ungemein bewegende Waltraute sowie Michael Kupfer-Radecky als der abgefuckteste Gunther, den das Festspielhaus je gesehen hat. Ab 2023 durfte und darf Catherine Foster endlich auch in Bayreuth ihre darstellerischen Fähigkeiten als Brünnhilde zeigen (was ihr zuvor im Castorf-„Ring“ leider versagt war, weil der Regisseur mit seinem extrem eingeschränkten Frauenbild mit dieser Figur nichts anfangen konnte und wollte), im selben Jahr debütierte Tobias Kehrer als markanter Fafner, während Georg Zeppenfeld als heuer vielbeschäftigter Sachs und Gurnemanz seinen zurückhaltend-herben, aber sehr eindrücklichen Hunding ablegen musste. Nicht zu vergessen Ya-Chung Huang als Mime, der seit der letzten Saison wieder einmal klar gemacht hat, dass der Nibelungenzwerg sängerdarstellerisch unbedingt auf Augenhöhe mit dem Titelhelden sein sollte, damit eine „Siegfried“-Vorstellung überhaupt gelingen kann. Nicht zu vergessen Mika Kares als Hagen und die vielsagenden Hinzuerfundenen: Igor Schwab als Grane, Branko Buchberger als Hagen in „Siegfried“, die hier so wichtigen Kinderstatisten und das Haus- und Securitypersonal.
Umgekehrt gab es Hauptrollen, die, aus unterschiedlichen Gründen, jedes Jahr neu eingearbeitet werden mussten – wie Sieglinde mit Lise Davidsen, Elisabeth Teige, Vida Miknevičiūtė und Jennifer Holloway, wie Siegfried in „Götterdämmerung“ mit Stephen Gould und dessen Einspringer Clay Hilley, Jung-Siegfried Andreas Schager und seit 2024 Klaus Florian Vogt, der zuvor als Siegmund (wie sein Nachfolger Michael Spyres) überzeugte und als Siegmunds Sohn der gesamten Inszenierung erst ein stimmiges Profil zu geben wusste. Die bravouröse Gesamtleistung Vogts (dessen Stimme im Festspielhaus von vornherein anders und konsistenter klingt als bei Aufzeichnungen) geht einher mit der nicht zu unterschätzenden Leistung von Valentin Schwarz, der offenbar sofort verstanden hat, dass er mit diesem Sänger – anders als mit dessen Rollenvorgänger – für Siegfried nicht auf der Schlagetot-Ebene stehen bleiben konnte. Ein Regisseur, der ein realisiertes Rollenprofil fallen und sich individuell und sehr detailliert auf den neuen Interpreten einlässt, ist keine Selbstverständlichkeit, zumal bei der Vielzahl von Neubesetzungen.
Letztere sind in diesem letzten „Ring“-Rundungsjahr wirklich vom Feinsten. Allein die Namen der Hügel-Debütanten 2025 darf man sich auf der Zunge zergehen lassen: der neue Münchner Wotan Nicholas Brownlee als Donner, Mirko Roschkowski als Froh, Daniel Behle als Loge, Christina Nilsson als Freia, Anna Kissjudit als Erda, Patrick Zielke als Fasolt, Vitalij Kowaljow als Hunding, Victoria Randem als Waldvogel sowie Rheintöchter, Nornen und Walküren in ihren beeindruckend homogenen Auftritten. Die jetzige „Ring“-Besetzung in Bayreuth ist auch in den kleineren Rollen kaum zu schlagen, wofür nicht nur Festspielleiterin Katharina Wagner zu loben ist, sondern auch das Künstlerische Betriebsbüro unter Guido Hackhausen.
Umso mehr freue ich mich auf den letzten „Ring“-Zyklus 2025 und werde am Ende, mit derzeit offiziell gezählten 1943 Sitzplatzinhabern nach der „Götterdämmerung“ am 20. August, erst still sein und dann sehr dankbar sehr viel jubeln. Obwohl der Schluss, wenn man genau hinschaut und weghört, dafür keinen Anlass gibt. Die Schwangere, die im still gelegten Schwimmbecken des 3. Akts „Götterdämmerung“ auftaucht, scheint Erdas Schützling zu sein, jenes Mädchen, das die Wala im 4. „Rheingold“-Bild unter ihre Fittiche nimmt und an der sich später, zu Beginn des 3. Akts „Siegfried“, der testosterongebeutelte Wanderer vergreift, weil er sie aus Versehen für Erda hält. Sprich: Ob das mit den Föten aus dem Schluss-Video jetzt plötzlich besser gehen kann, weil ihr mutmaßlicher Erzeuger in seinem gelben Anzug am Strick baumelt?
Warum ich jubeln werde, lässt sich erfreulicherweise auch an einigen, aber bei weitem nicht allen Kritiken ablesen. Es gibt nach wie vor Verrisse und ablehnende Äußerungen von Zuschauern, die vielleicht nur ein, zwei Teile erlebt haben. Aber gerade mit dieser Produktion war und ist die Tetralogie ein untrennbar zusammenhängender Vierteiler. Die Logik der Inszenierung erschließt sich letztlich nur jenen, die erstens offen sind für ungewöhnliche Interpretationen und zweitens alle Teile nacheinander in der richtigen Reihenfolge anhören, sehen und miterleben – genau deshalb hat übrigens Richard Wagner die Festspiele erfunden. Finanziell mag es notwendig gewesen sein, für den Schwarz-„Ring“ auch Einzelkarten anzubieten, dramaturgisch gesehen war das aber bestimmt falsch.
Immerhin eröffnet dieser Fehler aktuell allen neugierig Gewordenen die Möglichkeit, wenigstens noch ein Viertel vom viel diskutierten und nun zu Ende gehenden „Ring“ zu erhaschen: für „Siegfried“ am 18. August gibt es im Online-Sofortkauf noch Karten. Warum es sich unbedingt lohnt? Catherine Foster spielt und singt gerade die Brünnhilde ihres Lebens, Klaus Florian Vogt als Siegfried, Tomasz Konieczny als Wanderer, die großartig die Gesangs- und Orchesterstimmen bündelnde, aufblühen, glänzen, dröhnen und vergehen lassende Simone Young und alle anderen auf der Bühne und im Graben tun es ihr auf ihre Weise nach.
Womit ich endlich auf andere Meinungen und nochmals auf die F.A.Z. zurückgreife. Denn Patrick Bahners stellt in Wo die Pyramiden stehen (Bezahlschranke), seiner Kritik zu „Rheingold“ und „Walküre“ treffend fest: Opernregisseure suchen meist sprechende Bilder, um den Plot illustrierend zu verdeutlichen. Valentin Schwarz ist in seiner „Ring“-Inszenierung […] umgekehrt vorgegangen und hat die mythischen Chiffren in Handlungen übersetzt, von denen man sonst dank den vermischten Meldungen aus der Zeitung hört. […] Für die Welt des „Rings“ gilt: Von nichts kommt nichts, jede Handlung ist Moment des Geschehens.
Zu den wenigen Rezensenten, die alle vier „Ring“-Abende auch im vierten Aufführungsjahr besprechen, zählt Joachim Lange. Im Nordbayerischen Kurier bzw. in der Neuen Musikzeitung (jeweils mit Bezahlschranke) sieht er das „Rheingold“ szenisch und musikalisch aus einem Guss und schreibt über Valentin Schwarz: Seine Inszenierung hat sich als haltbarer und widerstandsfähiger erwiesen, als noch im ersten Jahr zu befürchten war. „Ring“-Konzepte mit Anspruch auf „die eine Idee“ brauchen immer ihre Zeit bis sie spontane Abwehr überwinden und in produktiver Neugier münden.
Nach der „Götterdämmerung“ stellt er fest: Vollbracht haben sie allesamt, das zentrale Gesamtkunstwerk Richard Wagners als solches zu präsentieren. Und das eben auch und vor allem, dass eine so souveräne Ring-Dirigentin wie Simone Young mit ihrem einfühlsam spannenden Dirigat das Bühnengeschehen tragen, das Haus mit einem Klang zwischen betörend zart und wohldosiert auftrumpfend füllen kann, dass für das Publikum kein Chance zum inneren Aussteigen bleibt. Und, dass sich die Protagonisten mit ihren vokale Fähigkeit in Szene setzten und strahlen, aber eben auch im Zusammenspiel die Chance haben restlos zu überzeugen.
Andre Sokolowski resümiert auf kultur-extra: Die „Ring“-Inszenierung des jungen Österreichers Valentin Schwarz (36) mit ihren nibelungen-, riesen- und götterinternen Familienaufstellungen wird als ein bis dahin beispielloses Angebot ihn mitzudenken in die Festspielannalen des Grünen Hügels eingehen. Und es ist deprimierend, seiner seit vier Jahren anhaltenden kollektiven Wut-Protesterei der Mehrheit einer durch und durch verknöcherten „Wagnergemeinde“ gegenwärtig gewesen zu sein. Das völlig Unversöhnliche und (mehr noch:) Uneinsichtige, was sich da jedesmal – und insbesondere nach Schluss von jeder Götterdämmerung – lauthals manifestierte, stand in keinerlei Verhältnis zu dem (vor Minuten noch, ehe sich diese Wut bahnbrach) auch seitens der Protestler live Erlebten, denn auch sie schienen völlig gebannt zu sein von dem, was da so alles auf der Bühne abgegangen war, mit andern Worten ausgedrückt: Es ist und war zuvörderst Schwarz’ Personenführung zu verdanken, dass das ausführende Personal – sichtlich mit größter Spiellust – das umsetzte, was da „zwischenmenschlich“ von ihm eingefordert worden war.
Für Englischsprachige unbedingt lesenswert ist die Kritik This is what trauma looks like auf parterre.com von Micaela Baranello. Schon was sie über Simone Young schreibt, ist vom Feinsten: Her interpretation was notable for its agility and refinement, with a wonderfully subtle approach to textures, natural transitions, and a sense of balance in the house’s unique acoustic that was always singer-friendly without sacrificing orchestral depth. Her tempi were often on the slow side, sometimes a bit too much (the end of Rheingold) and sometimes to terrific effect (the Todesverkündigung). It was a formidable performance and a reminder that we don’t always need to chase the hottest 23-year-old baton-waver on the circuit. Decades of experience can pay off.
Apropos: Wie langjährige Erfahrung auszahlen kann, lässt sich auch an den Besprechungen von Frank Piontek ablesen. Aus seinen vier Einzelbetrachtungen, deren Lektüre ich ebenfalls unbedingt empfehle, erfährt man immer noch etwas Neues, nicht Gehörtes und Gesehenes, nicht Bedachtes. Nicht umsonst hat er, in Vertretung des erkrankten Wahnfrieddirektors Sven Friedrich, im vergangenen Jahr die jeweils einstündigen Einführungsvorträge der Bayreuther Festspiele gehalten. Hier also die Links zu Der Mond hängt tief über Walhall („Das Rheingold“), Mehrdeutig und packend („Die Walküre“), Der Sänger und die Sängerin („Siegfried“), und So geht es zu… („Götterdämmerung“) – mit seinen anderen Festspielkritiken zu finden im Bayreuther Kulturbrief beziehungsweise gerahmt von anderen, überwiegend kontroversen Meinungen auf der Opernfreund-Plattform.
P.S. Einige Kritikerinnen haben sich heuer damit vorgetan, vermeintliche sexistische Einfälle der Regie mit pseudo-feministischen Furor anzuprangern. So stellt Antonia Goldhammer auf BR Klassik beim Walkürenritt „platteste Sexismen“ fest: Wenn eine Gruppe von Frauen zusammenkommt, dann ist das in so elitären Kreisen nicht etwa der Vorstand eines Konzerns oder dergleichen, nein, das sind natürlich Patientinnen in einer Beautyklinik, die ungeduldig auf ihre Schuhbestellung warten. Das ist also die Interpretation dieses rein männlichen Regieteams von acht Frauen „in voller Waffenrüstung“ (so steht’s im Libretto). Wäre traurig, wenn nicht in diesen Zeiten sogar gefährlich, wenn sich dieser Humor durch die Weimarer Intendanz von Valentin Schwarz ziehen würde.
Ohne abstruse Warnungen, dafür mit Ratschlägen folgt Iris Röckrath ihrer Kollegin auf klassik-begeistert.de. Was das (Statisten-)Kind in der „Götterdämmerung“ betrifft, schreibt sie: Überhaupt ist es als Zuschauer entsetzlich, anzusehen, wie dieses arme Kind auf der Bühne den ganzen Abend herumgeschleudert, gefesselt und zwischen den Menschen hin und hergeschoben wird und auch noch die angedeutete Vergewaltigung durch Gunther ansehen muss. Hätte man nicht eine Puppe dafür nehmen können? […] Vielleicht hätte man die Texte auch umschreiben sollen, damit der Zuhörer das Geschehen auf der Bühne besser versteht. Dass das verführerische Frauenbild in dieser Produktion auf Hochziehen von Röcken und tief dekolletierte Ausschnitte, blondes Haar und besonders keck und sexy reduziert wurde, passt irgendwie nicht mehr in die heutige Zeit. Da das Produktionsteam aber ausschließlich aus Männern besteht, ist das vielleicht ein Irrtum. Haben die woken Damen etwa vergessen, was der Unterschied zwischen Ursache und Wirkung ist?
P.P.S. (Nachtrag vom 22. August 2025): Mein Lieblingskritiker Albrecht Selge hat seinen zweiten ausführlichen Bayreuth-Bericht im VAN-Magazin leider erst nach Erscheinen meines „Ring“-Abschied-Artikels veröffentlicht. Selbstverständlich reiche ich den Link zu seinen Nornen im Kinderzimmer gerne nach, mit den neuerlichen Hinweis, dass man bei VAN (gesprochen wie auf Englisch FUN und treudeutsch gemeint wie bei Ludwig van …) pro Monat zwei Artikel kostenlos lesen kann, sich aber unbedingt ein Jahres-Abo zu lächerlichen fünfzig Euro leisten sollte, denn dort schreiben auch andere Meister und Meisterinnen ihres Fachs: Wo sonst kriegt man für so wenig Geld so viel Qualitätsjournalismus für Musikliebhaber? Genug geworben, zurück zu Selge: Schon wie er das „Ring“-Dirigat von Simone Young beschreibt, ist einfach brillant: Andere mögen Wagner „sinfonischer“ dirigieren, soghafter, aber wohl derzeit kaum jemand theatralischer und bildgenauer. Es wirkt rhythmisch ungemein präzise, doch stets agogisch genau durchdacht, mit viel Luft für die Sänger und das seltsam-konkrete Geschehen auf der Bühne. Dabei ist alles von großer, handfester Sinnlichkeit: Da zaubern die Feuer, flirren und donnern Gewitter (jene des Himmels und der Gefühlshaushalte), funkeln Sonnenstrahlen durchs Waldweben.
Ganz zu schweigen seine Anmerkungen zu den Hauptsolisten wie zum Beispiel Christa Mayer (die heuer die Waltraute ihres und auch meines Lebens gesungen hat), Klaus Florian Vogt und Tomasz Konieczny. Über letzteren schreibt er: Und wie Konieczny – in einer aus gutturalen Urgründen brechenden Wucht sängerisch nicht jederohrs Sache – seinen Wotan zu einem Leidensgott sondergleichen schafft, finde ich unwiderstehlich. Gerade über die Dimensionen des ganzen „Rings“ ist Koniecznys Wotan absoluter trauriger Beherrscher dieser Weltbühne, selbst noch nach seinem Abgang zum Ende des Siegfried bleibt er die prägende Persönlichkeit, die Klammer dieses Bayreuther „Rings“. Ein unvergessliches, umwerfendes, zu Tränen rührendes Porträt.
Selge teilt seinen Lesern, komplett nachlesbar in der verlinkten Kritik, eben nicht nur ausführlich mit, was genau er sieht, sondern auch, was er dabei fühlt. So schreibt er über die szenische Lösung des Vorspiels zur „Götterdämmerung“, die räumlich eine Rückblende auf das Wonnemond-Kinderzimmer von Siegmund und Sieglinde ist: Im selben Kinderzimmer, in Anwesenheit des Mädchens, das Sieghild oder Brünnfriede heißen mag, tauchen die Nornen der „Götterdämmerung“ unter der Bettdecke hervor, und da kann der Zuschauer sich mal ganz persönlich betreffen lassen, wenn er das angeblich geschichtslose Jetzt-Wesen Kind betrachtet, das doch um ein „Schicksal“ zwangsläufig nicht herumkommen wird. Auch unsere eigenen Kinder werden irgendwann sterben, ein sich immer wiederholendes Kommen und Gehen, und doch jedes Leben in sich selbst eine Unendlichkeit, man weiß es ja und kann den Gedanken doch kaum fassen und schon gar nicht ertragen.
Im Fortlauf seines Bayreuth-Berichts geht Albrecht Selge, der unter anderem mit „Beethovn“ eine nicht nur vom Titel her beispiellose Biographie vorgelegt hat, mit virtuosem Sprachwitz und ureigenen, eben selgischen Wortschöpfungen auch auf den Wagner-Clan ein: Und wenn die Großfamilie Wotan-Alberich in diesem „Ring“ der 2020er Jahre einen Fall für akute Psychotherapie, teilweise auch für Strafverfolgungsbehörden darstellt, gilt das natürlich ebenso für die Wagners. Wobei, andererseits, dieser Familienverbund ja seit Wiemunds und Wolfwalts Neu-Bayreuth durchaus bewiesen hat, dass auch hartnäckig kriminelle Problemclans leitkulturell reintegrierbar sind. Die in Bayreuth seit langem übliche offene Einladungspolitik für verschiedenste Theaterkünstler und Ästhetiken beweist die Entschlossenheit, den eigenen Gral eben nicht fafnermäßig liegend-besitzend totzuhüten, sondern schonungslos auch kontroversen und riskanten Betrachtungen auszusetzen. Dass das auch mal in die Binsen gehen kann, liegt in der Natur der Sache.
Für mich hat er nur in einem Punkt die „Dechiffrierflinte ins Korn geworfen“ bzw. eindeutig „die Assoziationslust ins Kraut schießen lassen“: Dass Grane, hier dargestellt von einem Mann, Brünnhildes „Toyboy“ sein soll, kann ich beim besten Willen nicht unterschreiben – oder sollte nicht besser vorsichtshalber direkt bei Valentin Schwarz nachgefragt werden? Wie auch immer: Mit und nach dem „Ring“ kriegt Selges zweiter Bayreuth-Bericht (der erste 2025er war zu den „Meistersingern“) noch die Kurve zu diversen ausländischen Festspielgästen, zu einer Festspielbilanz und -vorschau, einer letzten „Lohengrin“-Kritik und schließlich zum schlichtweg meisterlich eingewebten Besuch der Ausstellung „Verstummte Stimmen“ so vollendet hin, dass man ihm endlich den „Goldenen Sixtus“ zu Füßen & zu Schläfen legen möge.
P.P.P.S.: Jetzt fehlt nur noch der denkbar kürzeste „Ring“ auf Fränkisch, erfunden von Eberhard Wagner, dem oberfränkischen Mundartautor und Alberich-Darsteller in Uwe Hoppes erster „Ring“-Adaption „Der Ring des Liebesjungen“ von 1982), wie gesagt, nicht verwandt und nicht verschwägert: noowl gehd die weld zugrund





