Abschied vom „Ring“

To­masz Ko­niecz­ny als Wo­tan im 3. Akt „Die Wal­kü­re“ Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele

Nein, in der noch pan­de­mie­ge­schwäch­ten Fest­spiel­sai­son 2022, als end­lich die für 2020 ge­plan­te „Ring“-Inszenierung von Va­len­tin Schwarz erst­mals in Bay­reuth auf­ge­führt wer­den konn­te, hät­te ich nicht ge­dacht, dass aus­ge­rech­net die­se Ver­si­on der Te­tra­lo­gie mich mehr pa­cken wür­de als all mei­ne an­de­ren Bayreuth-„Ringe“ – aus­ge­nom­men die Jahr­hun­dert-Pro­duk­ti­on von Pa­tri­ce Ché­reau und Pierre Bou­lez von 1976 bis 1980, die mich so­fort zur Wag­ne­ria­ne­rin ge­macht hat. Ob­wohl Schwarz und sein Team si­cher mehr als die meis­ten ih­rer Vor­gän­ger den Werk­statt-Ge­dan­ken ernst ge­nom­men, also je­des Jahr ge­dank­lich und prak­tisch viel wei­ter ge­ar­bei­tet ha­ben, sind in ih­rer in­ter­pre­ta­to­ri­schen Lo­gik Lö­cher und Fehl­stel­len ge­blie­ben. Und der zum Auf­takt ge­wag­te Ver­such, auf viel be­sun­ge­ne und be­nutz­te Re­qui­si­ten wie Speer und Schwert kom­plett zu ver­zich­ten, konn­te na­tür­lich nur fehl­schla­gen, ab­zu­le­sen an den „Er­satz-Re­qui­si­ten“ und Sym­bo­len wie Py­ra­mi­de,  Mas­ken und der wan­dern­de Brünn­hil­den-Hut. Aber spielt das eine we­sent­li­che Rol­le? Zu­min­dest für mich nicht.

Schon im ers­ten Auf­füh­rungs­jahr ge­hör­te ich zu den noch we­ni­gen Kri­ti­kern (nach­zu­le­sen un­ter „Das Rhein­gold“, „Die Wal­kü­re“, „Sieg­fried“ und „Göt­ter­däm­me­rung“), die dem so­ge­nann­ten Netflix-„Ring“ viel ab­ge­win­nen konn­ten. Das Schlag­wort, auf das ich auch in mei­ner Sam­mel­be­spre­chung aus dem Jahr 2023 ein­ging, kam mir jetzt wie­der in den Sinn, als ich die­sen „Ring“ zum sechs­ten Mal (Ge­ne­ral­pro­ben in­klu­si­ve) im Fest­spiel­haus er­lebt und das Gros der ak­tu­el­len Re­zen­sio­nen von 2025 ge­le­sen habe. Denn Pa­trick Bah­ners, ein schät­zens­wer­ter F.A.Z.-Redakteur, hat sich in sei­nem Ab­schluss­be­richt zu „Sieg­fried“ und „Göt­ter­däm­me­rung“ aus­führ­lich mit dem Se­ri­en­cha­rak­ter be­fasst. Ob man sei­nen Par­al­le­len zu „Brea­king Bad“, je­ner be­rühm­ten TV- und Strea­ming-Se­rie, und zur „Theo­rie der Be­frei­ung“ im De­tail fol­gen mag, sei da­hin­ge­stellt. Aber es klingt plau­si­bel, dass Sze­ni­ker wie das Schwarz-Team, die sich die kon­se­quen­te Ver­ge­gen­wär­ti­gung der „Ring“-Figuren aufs Pa­nier ge­schrie­ben ha­ben, na­tür­lich von wir­kungs­mäch­ti­gen Bil­dern der un­mit­tel­ba­ren Ver­gan­gen­heit ha­ben in­spi­rie­ren lassen.

Der Netflix-„Ring“ hät­te trotz der ne­ga­ti­ven Im­pli­ka­tio­nen auch gut und ger­ne Corona-„Ring“ hei­ßen kön­nen, denn er war und ist, wie kei­ne an­de­re Pro­duk­ti­on der jün­ge­ren Fest­spiel­ge­schich­te, ge­zeich­net von Ver­schie­bun­gen und Ver­än­de­run­gen, die auf die Pan­de­mie zu­rück­zu­füh­ren sind. In wel­chem Maße die Pro­duk­ti­on von Co­ro­na be­ein­träch­tigt wur­de, lässt sich di­rekt an den Be­set­zun­gen ab­le­sen. Drei ver­schie­de­ne mu­si­ka­li­sche Lei­ter in vier Jah­ren – 2022 Cor­ne­li­us Meis­ter als kurz­fris­ti­ger Ein­sprin­ger für den er­krank­ten Pie­ta­ri In­ki­nen, der als ur­sprüng­li­cher Di­ri­gent die­ser Pro­duk­ti­on nur im Som­mer 2023 im Ein­satz war und 2024/25 von Si­mo­ne Young, der ers­ten Bay­reu­ther „Ring“-Dirigentin, ab­ge­löst wur­de – so­wie zahl­rei­che Be­set­zungs­än­de­run­gen bei den So­lis­ten, zu­letzt auch noch die Neu­be­set­zun­gen vom Chor und des­sen Lei­ter wa­ren mit eine Ur­sa­che, war­um die­ser  „Ring“ sich lei­der erst spät, in sei­nem letz­ten Auf­füh­rungs­jahr, run­den konnte.

Er­freu­li­cher­wei­se gab es ei­ni­ge Haupt­so­lis­ten, die seit 2022 sän­ger­dar­stel­le­risch prä­gend wir­ken: To­masz Ko­niecz­ny und Olaf­ur Si­gur­dar­son als die in je­der Hin­sicht un­ver­gess­li­chen Zwil­lings­brü­der Wotan/​Wanderer und Al­be­rich, Chris­ta May­er als star­ke Fri­cka und un­ge­mein be­we­gen­de Wal­trau­te so­wie Mi­cha­el Kup­fer-Ra­de­cky als der ab­ge­fuck­tes­te Gun­ther, den das Fest­spiel­haus je ge­se­hen hat. Ab 2023 durf­te und darf Ca­the­ri­ne Fos­ter end­lich auch in Bay­reuth ihre dar­stel­le­ri­schen Fä­hig­kei­ten als Brünn­hil­de zei­gen (was ihr zu­vor im Castorf-„Ring“ lei­der ver­sagt war, weil der Re­gis­seur mit sei­nem ex­trem ein­ge­schränk­ten Frau­en­bild mit die­ser Fi­gur nichts an­fan­gen konn­te und woll­te), im sel­ben Jahr de­bü­tier­te To­bi­as Keh­rer als mar­kan­ter Faf­ner, wäh­rend Ge­org Zep­pe­n­feld als heu­er viel­be­schäf­tig­ter Sachs und Gurn­emanz sei­nen zu­rück­hal­tend-her­ben, aber sehr ein­drück­li­chen Hun­ding ab­le­gen muss­te. Nicht zu ver­ges­sen Ya-Chung Huang als Mime, der seit der letz­ten Sai­son wie­der ein­mal klar ge­macht hat, dass der Ni­be­lun­gen­zwerg sän­ger­dar­stel­le­risch un­be­dingt auf Au­gen­hö­he mit dem Ti­tel­hel­den sein soll­te, da­mit eine „Siegfried“-Vorstellung über­haupt ge­lin­gen kann. Nicht zu ver­ges­sen Mika Ka­res als Ha­gen und die viel­sa­gen­den Hin­zu­er­fun­de­nen: Igor Schwab als Gra­ne, Bran­ko Buch­ber­ger als Ha­gen in „Sieg­fried“, die hier so wich­ti­gen Kin­der­sta­tis­ten und das Haus- und Securitypersonal.

Um­ge­kehrt gab es Haupt­rol­len, die, aus un­ter­schied­li­chen Grün­den, je­des Jahr neu ein­ge­ar­bei­tet wer­den muss­ten – wie Sieg­lin­de mit Lise Da­vid­sen, Eli­sa­beth Tei­ge, Vida Mi­k­ne­vičiū­tė und Jen­ni­fer Hol­lo­way, wie Sieg­fried in „Göt­ter­däm­me­rung“ mit Ste­phen Gould und des­sen Ein­sprin­ger Clay Hil­ley, Jung-Sieg­fried An­dre­as Schager und seit 2024 Klaus Flo­ri­an Vogt, der zu­vor als Sieg­mund (wie sein Nach­fol­ger Mi­cha­el Spy­res) über­zeug­te und als Sieg­munds Sohn der ge­sam­ten In­sze­nie­rung erst ein stim­mi­ges Pro­fil zu ge­ben wuss­te. Die bra­vou­rö­se Ge­samt­leis­tung Vogts (des­sen Stim­me im Fest­spiel­haus von vorn­her­ein an­ders und kon­sis­ten­ter klingt als bei Auf­zeich­nun­gen) geht ein­her mit der nicht zu un­ter­schät­zen­den Leis­tung von Va­len­tin Schwarz, der of­fen­bar so­fort ver­stan­den hat, dass er mit die­sem Sän­ger – an­ders als mit des­sen Rol­len­vor­gän­ger – für Sieg­fried nicht auf der Schla­ge­tot-Ebe­ne ste­hen blei­ben konn­te. Ein Re­gis­seur, der ein rea­li­sier­tes Rol­len­pro­fil fal­len und sich in­di­vi­du­ell und sehr de­tail­liert auf den neu­en In­ter­pre­ten ein­lässt, ist kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit, zu­mal bei der Viel­zahl von Neubesetzungen.

Letz­te­re sind in die­sem letz­ten „Ring“-Rundungsjahr wirk­lich vom Feins­ten. Al­lein die Na­men der Hü­gel-De­bü­tan­ten 2025 darf man sich auf der Zun­ge zer­ge­hen las­sen: der neue Münch­ner Wo­tan Ni­cho­las Brown­lee als Don­ner, Mir­ko Rosch­kow­ski als Froh, Da­ni­el Beh­le als Loge, Chris­ti­na Nils­son als Freia, Anna Kiss­ju­dit als Erda, Pa­trick Ziel­ke als Fa­solt, Vi­ta­lij Ko­wal­jow als Hun­ding, Vic­to­ria Ran­dem als Wald­vo­gel so­wie Rhein­töch­ter, Nor­nen und Wal­kü­ren in ih­ren be­ein­dru­ckend ho­mo­ge­nen Auf­trit­ten. Die jet­zi­ge „Ring“-Besetzung in Bay­reuth ist auch in den klei­ne­ren Rol­len kaum zu schla­gen, wo­für nicht nur Fest­spiel­lei­te­rin Ka­tha­ri­na Wag­ner zu lo­ben ist, son­dern auch das Künst­le­ri­sche Be­triebs­bü­ro un­ter Gui­do Hackhausen.

Umso mehr freue ich mich auf den letz­ten „Ring“-Zyklus 2025 und wer­de am Ende, mit der­zeit of­fi­zi­ell ge­zähl­ten 1943 Sitz­platz­in­ha­bern nach der „Göt­ter­däm­me­rung“ am 20. Au­gust, erst still sein und dann sehr dank­bar sehr viel ju­beln. Ob­wohl der Schluss, wenn man ge­nau hin­schaut und weg­hört, da­für kei­nen An­lass gibt. Die Schwan­ge­re, die im still ge­leg­ten Schwimm­be­cken des 3. Akts „Göt­ter­däm­me­rung“ auf­taucht, scheint Er­das Schütz­ling zu sein, je­nes Mäd­chen, das die Wala im 4. „Rheingold“-Bild un­ter ihre Fit­ti­che nimmt und an der sich spä­ter, zu Be­ginn des 3. Akts „Sieg­fried“, der tes­to­ste­ron­ge­beu­tel­te Wan­de­rer ver­greift, weil er sie aus Ver­se­hen für Erda hält. Sprich: Ob das mit den Fö­ten aus dem Schluss-Vi­deo jetzt plötz­lich bes­ser ge­hen kann, weil ihr mut­maß­li­cher Er­zeu­ger in sei­nem gel­ben An­zug am Strick baumelt?

War­um ich ju­beln wer­de, lässt sich er­freu­li­cher­wei­se auch an ei­ni­gen, aber bei wei­tem nicht al­len  Kri­ti­ken ab­le­sen. Es gibt nach wie vor Ver­ris­se und ab­leh­nen­de Äu­ße­run­gen von Zu­schau­ern, die viel­leicht nur ein, zwei Tei­le er­lebt ha­ben. Aber ge­ra­de mit die­ser Pro­duk­ti­on war und ist die Te­tra­lo­gie ein un­trenn­bar zu­sam­men­hän­gen­der Vier­tei­ler. Die Lo­gik der In­sze­nie­rung er­schließt sich letzt­lich nur je­nen, die ers­tens of­fen sind für un­ge­wöhn­li­che In­ter­pre­ta­tio­nen und zwei­tens alle Tei­le nach­ein­an­der in der rich­ti­gen Rei­hen­fol­ge an­hö­ren, se­hen und mit­er­le­ben – ge­nau des­halb hat üb­ri­gens Ri­chard Wag­ner die Fest­spie­le er­fun­den. Fi­nan­zi­ell mag es not­wen­dig ge­we­sen sein, für den Schwarz-„Ring“ auch Ein­zel­kar­ten an­zu­bie­ten, dra­ma­tur­gisch ge­se­hen war das aber be­stimmt falsch.

Im­mer­hin er­öff­net die­ser Feh­ler ak­tu­ell al­len neu­gie­rig Ge­wor­de­nen die Mög­lich­keit, we­nigs­tens noch ein Vier­tel vom viel dis­ku­tier­ten und nun zu Ende ge­hen­den „Ring“ zu er­ha­schen: für „Sieg­fried“ am 18. Au­gust gibt es im On­line-So­fort­kauf noch Kar­ten. War­um es sich un­be­dingt lohnt? Ca­the­ri­ne Fos­ter spielt und singt ge­ra­de die Brünn­hil­de ih­res Le­bens, Klaus Flo­ri­an Vogt als Sieg­fried, To­masz Ko­niecz­ny als Wan­de­rer, die groß­ar­tig die Ge­sangs- und Or­ches­ter­stim­men bün­deln­de, auf­blü­hen, glän­zen, dröh­nen und ver­ge­hen las­sen­de Si­mo­ne Young und alle an­de­ren auf der Büh­ne und im Gra­ben tun es ihr auf ihre Wei­se nach.

Wo­mit ich end­lich auf an­de­re Mei­nun­gen und noch­mals auf die F.A.Z. zu­rück­grei­fe. Denn Pa­trick Bah­ners stellt in Wo die Py­ra­mi­den ste­hen (Be­zahl­schran­ke), sei­ner Kri­tik zu „Rhein­gold“ und „Wal­kü­re“ tref­fend fest: Opern­re­gis­seu­re su­chen meist spre­chen­de Bil­der, um den Plot il­lus­trie­rend zu ver­deut­li­chen. Va­len­tin Schwarz ist in sei­ner „Ring“-In­sze­nie­rung […] um­ge­kehrt vor­ge­gan­gen und hat die my­thi­schen Chif­fren in Hand­lun­gen über­setzt, von de­nen man sonst dank den ver­misch­ten Mel­dun­gen aus der Zei­tung hört. […] Für die Welt des „Rings“ gilt: Von nichts kommt nichts, jede Hand­lung ist Mo­ment des Geschehens.

Zu den we­ni­gen Re­zen­sen­ten, die alle vier „Ring“-Abende auch im vier­ten Auf­füh­rungs­jahr be­spre­chen, zählt Joa­chim Lan­ge. Im Nord­baye­ri­schen Ku­rier bzw. in der Neu­en Mu­sik­zei­tung (je­weils mit Be­zahl­schran­ke) sieht er das „Rhein­gold“ sze­nisch und mu­si­ka­lisch aus ei­nem Guss und schreibt über Va­len­tin Schwarz: Sei­ne In­sze­nie­rung hat sich als halt­ba­rer und wi­der­stands­fä­hi­ger er­wie­sen, als noch im ers­ten Jahr zu be­fürch­ten war. „Ring“-Konzepte mit An­spruch auf „die eine Idee“ brau­chen im­mer ihre Zeit bis sie spon­ta­ne Ab­wehr über­win­den und in pro­duk­ti­ver Neu­gier münden.

Nach der „Göt­ter­däm­me­rung“ stellt er fest: Voll­bracht ha­ben sie al­le­samt, das zen­tra­le Ge­samt­kunst­werk Ri­chard Wag­ners als sol­ches zu prä­sen­tie­ren. Und das eben auch und vor al­lem, dass eine so sou­ve­rä­ne Ring-Di­ri­gen­tin wie Si­mo­ne Young mit ih­rem ein­fühl­sam span­nen­den Di­ri­gat das Büh­nen­ge­sche­hen tra­gen, das Haus mit ei­nem Klang zwi­schen be­tö­rend zart und wohl­do­siert auf­trump­fend fül­len kann, dass für das Pu­bli­kum kein Chan­ce zum in­ne­ren Aus­stei­gen bleibt. Und, dass sich die Prot­ago­nis­ten mit ih­ren vo­ka­le Fä­hig­keit in Sze­ne setz­ten und strah­len, aber eben auch im Zu­sam­men­spiel die Chan­ce ha­ben rest­los zu überzeugen.

And­re So­ko­low­ski re­sü­miert auf kul­tur-ex­tra: Die „Ring“-Inszenierung des jun­gen Ös­ter­rei­chers Va­len­tin Schwarz (36) mit ih­ren ni­be­lun­gen-, rie­sen- und göt­ter­in­ter­nen Fa­mi­li­en­auf­stel­lun­gen wird als ein bis da­hin bei­spiel­lo­ses An­ge­bot ihn mit­zu­den­ken in die Fest­spiel­an­na­len des Grü­nen Hü­gels ein­ge­hen. Und es ist de­pri­mie­rend, sei­ner seit vier Jah­ren an­hal­ten­den kol­lek­ti­ven Wut-Pro­test­e­r­ei der Mehr­heit ei­ner durch und durch ver­knö­cher­ten „Wag­ner­ge­mein­de“ ge­gen­wär­tig ge­we­sen zu sein. Das völ­lig Un­ver­söhn­li­che und (mehr noch:) Un­ein­sich­ti­ge, was sich da je­des­mal – und ins­be­son­de­re nach Schluss von je­der Göt­ter­däm­me­rung – laut­hals ma­ni­fes­tier­te, stand in kei­ner­lei Ver­hält­nis zu dem (vor Mi­nu­ten noch, ehe sich die­se Wut bahn­brach) auch sei­tens der Pro­test­ler live Er­leb­ten, denn auch sie schie­nen völ­lig ge­bannt zu sein von dem, was da so al­les auf der Büh­ne ab­ge­gan­gen war, mit an­dern Wor­ten aus­ge­drückt: Es ist und war zu­vör­derst Schwarz’ Per­so­nen­füh­rung zu ver­dan­ken, dass das aus­füh­ren­de Per­so­nal – sicht­lich mit größ­ter Spiel­lust – das um­setz­te, was da „zwi­schen­mensch­lich“ von ihm ein­ge­for­dert wor­den war.

Für Eng­lisch­spra­chi­ge un­be­dingt le­sens­wert ist die Kri­tik This is what trau­ma looks like auf par​terre​.com von Mi­cae­la Bara­nel­lo. Schon was sie über Si­mo­ne Young schreibt, ist vom Feins­ten: Her in­ter­pre­ta­ti­on was no­ta­ble for its agi­li­ty and re­fi­ne­ment, with a won­derful­ly subt­le ap­proach to tex­tures, na­tu­ral tran­si­ti­ons, and a sen­se of ba­lan­ce in the house’s uni­que acou­stic that was al­ways sin­ger-fri­end­ly wi­t­hout sacri­fi­ci­ng or­ches­tral depth. Her tem­pi were of­ten on the slow side, so­me­ti­mes a bit too much (the end of Rhein­gold) and so­me­ti­mes to ter­ri­fic ef­fect (the To­des­ver­kün­di­gung). It was a for­mi­da­ble per­for­mance and a re­min­der that we don’t al­ways need to cha­se the hot­test 23-year-old ba­ton-wa­ver on the cir­cuit. De­ca­des of ex­pe­ri­ence can pay off.

Apro­pos: Wie lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung aus­zah­len kann, lässt sich auch an den Be­spre­chun­gen von Frank Piontek ab­le­sen. Aus sei­nen vier Ein­zel­be­trach­tun­gen, de­ren Lek­tü­re ich eben­falls un­be­dingt emp­feh­le, er­fährt man im­mer noch et­was Neu­es, nicht Ge­hör­tes und Ge­se­he­nes, nicht Be­dach­tes. Nicht um­sonst hat er, in Ver­tre­tung des er­krank­ten Wahn­fried­di­rek­tors Sven Fried­rich, im ver­gan­ge­nen Jahr die je­weils ein­stün­di­gen Ein­füh­rungs­vor­trä­ge der Bay­reu­ther Fest­spie­le ge­hal­ten. Hier also die Links zu Der Mond hängt tief über Wal­hall („Das Rhein­gold“), Mehr­deu­tig und pa­ckend („Die Wal­kü­re“), Der Sän­ger und die Sän­ge­rin („Sieg­fried“), und So geht es zu… („Göt­ter­däm­me­rung“) – mit sei­nen an­de­ren Fest­spiel­kri­ti­ken zu fin­den im Bay­reu­ther Kul­tur­brief be­zie­hungs­wei­se ge­rahmt von an­de­ren, über­wie­gend kon­tro­ver­sen Mei­nun­gen auf der Opern­freund-Platt­form.

P.S. Ei­ni­ge Kri­ti­ke­rin­nen ha­ben sich heu­er da­mit vor­ge­tan, ver­meint­li­che se­xis­ti­sche Ein­fäl­le der Re­gie mit pseu­do-fe­mi­nis­ti­schen Fu­ror an­zu­pran­gern. So stellt An­to­nia Gold­ham­mer auf BR Klas­sik beim Wal­kü­ren­ritt „plat­tes­te Se­xis­men“ fest: Wenn eine Grup­pe von Frau­en zu­sam­men­kommt, dann ist das in so eli­tä­ren Krei­sen nicht etwa der Vor­stand ei­nes Kon­zerns oder der­glei­chen, nein, das sind na­tür­lich Pa­ti­en­tin­nen in ei­ner Be­au­ty­kli­nik, die un­ge­dul­dig auf ihre Schuh­be­stel­lung war­ten. Das ist also die In­ter­pre­ta­ti­on die­ses rein männ­li­chen Re­gie­teams von acht Frau­en „in vol­ler Waf­fen­rüs­tung“ (so steht’s im Li­bret­to). Wäre trau­rig, wenn nicht in die­sen Zei­ten so­gar ge­fähr­lich, wenn sich die­ser Hu­mor durch die Wei­ma­rer In­ten­danz von Va­len­tin Schwarz zie­hen würde.

Ohne ab­stru­se War­nun­gen, da­für mit Rat­schlä­gen folgt Iris Röck­rath ih­rer Kol­le­gin auf klas​sik​-be​geis​tert​.de. Was das (Statisten-)Kind in der „Göt­ter­däm­me­rung“ be­trifft, schreibt sie: Über­haupt ist es als Zu­schau­er ent­setz­lich, an­zu­se­hen, wie die­ses arme Kind auf der Büh­ne den gan­zen Abend her­um­ge­schleu­dert, ge­fes­selt und zwi­schen den Men­schen hin und her­ge­scho­ben wird und auch noch die an­ge­deu­te­te Ver­ge­wal­ti­gung durch Gun­ther an­se­hen muss. Hät­te man nicht eine Pup­pe da­für neh­men kön­nen? […] Viel­leicht hät­te man die Tex­te auch um­schrei­ben sol­len, da­mit der Zu­hö­rer das Ge­sche­hen auf der Büh­ne bes­ser ver­steht. Dass das ver­füh­re­ri­sche Frau­en­bild in die­ser Pro­duk­ti­on auf Hoch­zie­hen von Rö­cken und tief de­kol­le­tier­te Aus­schnit­te, blon­des Haar und be­son­ders keck und sexy re­du­ziert wur­de, passt ir­gend­wie nicht mehr in die heu­ti­ge Zeit. Da das Pro­duk­ti­ons­team aber aus­schließ­lich aus Män­nern be­steht, ist das viel­leicht ein Irr­tum. Ha­ben die wo­ken Da­men etwa ver­ges­sen, was der Un­ter­schied zwi­schen Ur­sa­che und Wir­kung ist?

P.P.S. (Nach­trag vom 22. Au­gust 2025): Mein Lieb­lings­kri­ti­ker Al­brecht Sel­ge hat sei­nen zwei­ten aus­führ­li­chen Bay­reuth-Be­richt im VAN-Ma­ga­zin lei­der erst nach Er­schei­nen mei­nes „Ring“-Abschied-Artikels ver­öf­fent­licht. Selbst­ver­ständ­lich rei­che ich den Link zu sei­nen Nor­nen im Kin­der­zim­mer ger­ne nach, mit den neu­er­li­chen Hin­weis, dass man bei VAN (ge­spro­chen wie auf Eng­lisch FUN und treu­deutsch ge­meint wie bei Lud­wig van …) pro Mo­nat zwei Ar­ti­kel kos­ten­los le­sen kann, sich aber un­be­dingt ein Jah­res-Abo zu lä­cher­li­chen fünf­zig Euro leis­ten soll­te, denn dort schrei­ben auch an­de­re Meis­ter und Meis­te­rin­nen ih­res Fachs: Wo sonst kriegt man für so we­nig Geld so viel Qua­li­täts­jour­na­lis­mus für Mu­sik­lieb­ha­ber? Ge­nug ge­wor­ben, zu­rück zu Sel­ge: Schon wie er das „Ring“-Dirigat von Si­mo­ne Young be­schreibt, ist ein­fach bril­lant: An­de­re mö­gen Wag­ner „sin­fo­ni­scher“ di­ri­gie­ren, sog­haf­ter, aber wohl der­zeit kaum je­mand thea­tra­li­scher und bild­ge­nau­er. Es wirkt rhyth­misch un­ge­mein prä­zi­se, doch stets ago­gisch ge­nau durch­dacht, mit viel Luft für die Sän­ger und das selt­sam-kon­kre­te Ge­sche­hen auf der Büh­ne. Da­bei ist al­les von gro­ßer, hand­fes­ter Sinn­lich­keit: Da zau­bern die Feu­er, flir­ren und don­nern Ge­wit­ter (jene des Him­mels und der Ge­fühls­haus­hal­te), fun­keln Son­nen­strah­len durchs Waldweben.

Ganz zu schwei­gen sei­ne An­mer­kun­gen zu den Haupt­so­lis­ten wie zum Bei­spiel Chris­ta May­er (die heu­er die Wal­trau­te ih­res und auch mei­nes Le­bens ge­sun­gen hat), Klaus Flo­ri­an Vogt und To­masz Ko­niecz­ny. Über letz­te­ren schreibt er: Und wie Ko­niecz­ny – in ei­ner aus gut­tu­ra­len Ur­grün­den bre­chen­den Wucht sän­ge­risch nicht je­de­rohrs Sa­che – sei­nen Wo­tan zu ei­nem Lei­dens­gott son­der­glei­chen schafft, fin­de ich un­wi­der­steh­lich. Ge­ra­de über die Di­men­sio­nen des gan­zen „Rings“ ist Ko­niecz­nys Wo­tan ab­so­lu­ter trau­ri­ger Be­herr­scher die­ser Welt­büh­ne, selbst noch nach sei­nem Ab­gang zum Ende des Sieg­fried bleibt er die prä­gen­de Per­sön­lich­keit, die Klam­mer die­ses Bay­reu­ther „Rings“. Ein un­ver­gess­li­ches, um­wer­fen­des, zu Trä­nen rüh­ren­des Porträt.

Sel­ge teilt sei­nen Le­sern, kom­plett nach­les­bar in der ver­link­ten Kri­tik, eben nicht nur aus­führ­lich mit, was ge­nau er sieht, son­dern auch, was er da­bei fühlt. So schreibt er über die sze­ni­sche Lö­sung des Vor­spiels zur „Göt­ter­däm­me­rung“, die räum­lich eine Rück­blen­de auf das Won­ne­mond-Kin­der­zim­mer von Sieg­mund und Sieg­lin­de ist: Im sel­ben Kin­der­zim­mer, in An­we­sen­heit des Mäd­chens, das Sieg­hild oder Brünn­frie­de hei­ßen mag, tau­chen die Nor­nen der „Göt­ter­däm­me­rung“ un­ter der Bett­de­cke her­vor, und da kann der Zu­schau­er sich mal ganz per­sön­lich be­tref­fen las­sen, wenn er das an­geb­lich ge­schichts­lo­se Jetzt-We­sen Kind be­trach­tet, das doch um ein „Schick­sal“ zwangs­läu­fig nicht her­um­kom­men wird. Auch un­se­re ei­ge­nen Kin­der wer­den ir­gend­wann ster­ben, ein sich im­mer wie­der­ho­len­des Kom­men und Ge­hen, und doch je­des Le­ben in sich selbst eine Un­end­lich­keit, man weiß es ja und kann den Ge­dan­ken doch kaum fas­sen und schon gar nicht ertragen.

Im Fort­lauf sei­nes Bay­reuth-Be­richts geht Al­brecht Sel­ge, der un­ter an­de­rem mit „Beet­hovn“ eine nicht nur vom Ti­tel her bei­spiel­lo­se Bio­gra­phie vor­ge­legt hat, mit vir­tuo­sem Sprach­witz und ur­ei­ge­nen, eben sel­gi­schen Wort­schöp­fun­gen auch auf den Wag­ner-Clan ein: Und wenn die Groß­fa­mi­lie Wo­tan-Al­be­rich in die­sem „Ring“ der 2020er Jah­re ei­nen Fall für aku­te Psy­cho­the­ra­pie, teil­wei­se auch für Straf­ver­fol­gungs­be­hör­den dar­stellt, gilt das na­tür­lich eben­so für die Wag­ners. Wo­bei, an­de­rer­seits, die­ser Fa­mi­li­en­ver­bund ja seit Wie­munds und Wolf­walts Neu-Bay­reuth durch­aus be­wie­sen hat, dass auch hart­nä­ckig kri­mi­nel­le Pro­blemclans leit­kul­tu­rell re­inte­grier­bar sind. Die in Bay­reuth seit lan­gem üb­li­che of­fe­ne Ein­la­dungs­po­li­tik für ver­schie­dens­te Thea­ter­künst­ler und Äs­the­ti­ken be­weist die Ent­schlos­sen­heit, den ei­ge­nen Gral eben nicht faf­ner­mä­ßig lie­gend-be­sit­zend tot­zu­hü­ten, son­dern scho­nungs­los auch kon­tro­ver­sen und ris­kan­ten Be­trach­tun­gen aus­zu­set­zen. Dass das auch mal in die Bin­sen ge­hen kann, liegt in der Na­tur der Sache.

Für mich hat er nur in ei­nem Punkt die „De­chif­frier­flin­te ins Korn ge­wor­fen“ bzw. ein­deu­tig „die As­so­zia­ti­ons­lust ins Kraut schie­ßen las­sen“: Dass Gra­ne, hier dar­ge­stellt von ei­nem Mann, Brünn­hil­des „Toy­boy“ sein soll, kann ich beim bes­ten Wil­len nicht un­ter­schrei­ben – oder soll­te nicht bes­ser vor­sichts­hal­ber di­rekt bei Va­len­tin Schwarz nach­ge­fragt wer­den? Wie auch im­mer: Mit und nach dem „Ring“ kriegt Sel­ges zwei­ter Bay­reuth-Be­richt (der ers­te 2025er war zu den „Meis­ter­sin­gern“) noch die Kur­ve zu di­ver­sen aus­län­di­schen Fest­spiel­gäs­ten, zu ei­ner Fest­spiel­bi­lanz und -vor­schau, ei­ner letz­ten „Lohengrin“-Kritik und schließ­lich zum schlicht­weg meis­ter­lich ein­ge­web­ten Be­such der Aus­stel­lung „Ver­stumm­te Stim­men“ so voll­endet hin, dass man ihm end­lich den „Gol­de­nen Six­tus“ zu Fü­ßen & zu Schlä­fen le­gen möge.

P.P.P.S.: Jetzt fehlt nur noch der denk­bar kür­zes­te „Ring“ auf Frän­kisch, er­fun­den von Eber­hard Wag­ner, dem ober­frän­ki­schen Mund­art­au­tor und Al­be­rich-Dar­stel­ler in Uwe Hop­pes ers­ter „Ring“-Adaption „Der Ring des Lie­bes­jun­gen“ von 1982), wie ge­sagt, nicht ver­wandt und nicht ver­schwä­gert: noowl gehd die weld zugrund 

Olafur Sigurdarson als Alberich, Ya-Chung Huang als Mime und Kinderstatisten im 3. Bild von „Das Rheingold“ Foto: © Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele
Olaf­ur Si­gur­dar­son als Al­be­rich, Ya-Chung Huang als Mime und Kin­der­sta­tis­ten im 3. Bild von „Das Rhein­gold“ Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele

 

To­masz Ko­niecz­ny als Wo­tan und Ca­the­ri­ne Fos­ter als Brünn­hil­de im 3. Akt „Die Wal­kü­re“ Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele
Klaus Flo­ri­an Vogt als Sieg­fried im 1. Akt „Sieg­fried“ Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele
Ca­the­ri­ne Fos­ter und Sta­tis­tin im 2. Akt „Göt­ter­däm­me­rung“ Foto: © En­ri­co Nawrath/​Bayreuther Festspiele
To­masz Ko­niecz­ny bei der Gäss­las­ker­wa von Manns Bräu Foto: Mo­ni­ka Beer