London und Puccini? Geht das zusammen?

Das Lan­des­thea­ter Nie­der­bay­ern hat im Büh­nen­bild von un­se­rem Mit­glied Karl­heinz Beer ei­nen ju­ris­ti­schen Opern­dop­pel­abend mit „Tri­al by Jury“ von Gil­bert & Sul­li­van so­wie „Gi­an­ni Schic­ci“ von Gi­a­co­mo Puc­ci­ni her­aus­ge­bracht. Über die Pre­mie­re be­rich­tet Frank Piontek.

En­sem­ble­sze­ne aus „Gi­an­ni Schic­ci“, mit dem nicht so güns­ti­gen Tes­ta­ment – Alle Fo­tos: © Pe­ter Litvai/​Landestheater Niederbayern

Kurz nach der Pre­mie­ren­fei­er singt Peg­gy March – das war 1969 – im TV ih­ren Hit In der Car­naby Street. Peg­gy March sang sei­ner­zeit auch den Song Mis­ter Gi­a­co­mo Puc­ci­ni. Lon­don und Puc­ci­ni, geht das zu­sam­men? Es geht sehr gut zu­sam­men – denn im Lan­des­thea­ter Nie­der­bay­ern, d.h.: im wun­der­schö­nen Fürst­bi­schöf­li­chen Opern­haus, hat man Gil­bert & Sul­li­vans Tri­al by Jury von 1875 und Puc­ci­nis Gi­an­ni Schic­chi von 1918 sinn­voll mit­ein­an­der ver­kup­pelt: zwei ju­ris­ti­sche Ko­mö­di­en, zwei Meis­ter­wer­ke. Der re­gie­füh­ren­de In­ten­dant Ste­fan Tilch fragt zu Recht, ob ei­nem auf den Büh­nen schon ein­mal die­se bei­den Ein­ak­ter an ei­nem Abend be­geg­net sei­en. Sind sie nicht, Euer Eh­ren. Und also schau­en wir auf zwei sehr ko­mi­sche wie tief­sin­ni­ge „Ge­richts“-, ge­nau­er: „Jus­tiz­dra­men“, in de­nen es sich hier – bei den Eng­län­dern – um eine So­zi­al­sa­ti­re, dort – bei den Ita­lie­nern – um eine mensch­lich grun­dier­te Spitz­bu­ben­ko­mö­die handelt.

In bei­den ca­ses wer­den die Be­zie­hun­gen ei­nes Man­nes zu ei­ner Frau ver­han­delt: In Tri­al by Jury wei­gert sich ein Mann, ein Ehe­ge­löb­nis ein­zu­hal­ten, be­vor der Rich­ter selbst das Pro­blem löst, in­dem er die Frau hei­ra­tet, in Gi­an­ni Schic­chi stün­de die Lie­be ei­nes jun­gen Paa­res auf dem Spiel, wenn sich die Ti­tel­fi­gur nicht ei­nen ge­nia­len Trick ein­fal­len lie­ße, um ein Tes­ta­ment zu fäl­schen. In bei­den Fäl­len herrscht beim Kol­lek­tiv der Ge­schwo­re­nen bzw. der Hin­ter­blie­be­nen eine ex­zel­len­te Dop­pel­mo­ral in Be­zug auf das, was man als „bür­ger­li­che Mo­ral“ zu be­zeich­nen pflegt. Hier wie dort ent­lar­ven sich die Ge­schwo­re­nen, der Ehe­ver­spre­chen­bre­cher, die geld­gie­ri­ge Frau und der Rich­ter wie die schließ­lich wei­nen­den Er­ben und der Tes­ta­ments­fäl­scher als un­ver­stellt ego­is­ti­sche Fi­gu­ren – nur, dass man bei Gi­an­ni Schic­chi weiß, für wen er letz­ten En­des den Be­trug be­geht, auch wenn er weiß, dass Lau­ret­t­as An­kün­di­gung, im Fall des Fal­les in den Arno zu sprin­gen, nur eine List ist. In der Dra­ma­tic Can­ta­ta wie in der Ope­ra geht es mu­si­ka­lisch schnell und voll­saf­tig daher.

Nicht we­ni­ge Gil­bert & Sul­li­van-Ken­ner hal­ten Tri­al by Jury (die zwei­te Ope­ret­te von Gil­bert & Sul­li­van) für das bes­te Werk des Au­toren­teams, ja: für die er­folg­reichs­te bri­ti­sche Kurz­ope­ret­te. Gi­an­ni Schic­chi gilt als eine der bes­ten Opern­ko­mö­di­en ever. Grund ge­nug also, die bei­den Stü­cke zu ver­bin­den, wenn man nicht, wie ur­sprüng­lich an­ge­dacht, das Trit­ti­co in­sze­nie­ren kann; da­für ist das klei­ne Opern­haus am Inn lei­der nicht fi­nanz­kräf­tig genug.

Chor und So­lis­ten in „Tri­al by Jury“

In Pas­sau wird die Ver­bin­dung nicht al­lein durch die bei­den be­tont sach­li­chen und spiel­tech­nisch höchst prak­ti­schen, Oben und Un­ten ver­bin­den­den Büh­nen­bil­der von Karl­heinz Beer ge­stif­tet, der mit die­ser Ar­beit nach 28 Jah­ren sein ver­mut­lich letz­tes Büh­nen­bild für das Lan­des­thea­ter Nie­der­bay­ern ent­wor­fen hat. Die Ver­bin­dung wird schon durch eine Ge­stalt her­ge­stellt, die man aus Mon­ty Python’s Fly­ing Cir­cus kennt: ein Rit­ter mit to­tem Huhn, der ge­le­gent­lich mit dem­sel­ben her­um­we­delt und die Prot­ago­nis­ten schlägt. Der Sinn? Es gibt kei­nen – sonst wär’s ja auch kei­ne An­spie­lung auf die bri­ti­sche Komikertruppe.

Wäh­rend Tri­al by Jury eine fast tän­ze­ri­sche Be­weg­lich­keit of­fen­bart, wie sie durch die Vau­de­ville-Mu­sik vor­ge­ge­ben wird (na­tür­lich könn­te man, wenn man Chris­toph Mar­tha­ler oder Ro­bert Wil­son hie­ße, das Gan­ze auch sta­tisch in­sze­nie­ren), glän­zen in Gi­an­ni Schic­chi die Per­so­nen durch eine in­di­vi­du­el­le Kör­per­spra­che und Mi­mik, aber na­tür­lich kommt’s in ers­ter Li­nie auf die Sän­ge­rin­nen und Sän­ger an. Der Rich­ter, der in sei­nem be­rühm­ten Selbst­dar­stel­lungs-Song fröh­lich all jene Ver­feh­lun­gen be­kennt, die dem An­ge­klag­ten zur Last ge­legt wer­den, ist Pe­ter Tilch, er spielt auch den Mar­co, Emi­ly Fultz ist An­ge­li­na und Nella, Ed­ward Leach Ed­win, der An­ge­klag­te, spä­ter Rinnuccio.

Leni Bä­um­ler ist die „Frau im Schrank“, sie ist die Re­gie­as­sis­ten­tin der Pro­duk­ti­on – und tritt in ei­ner kur­zen, stum­men und sehr wit­zi­gen Sta­tis­ten­rol­le als Lady im Des­sous auf: ge­wiss kei­ne trau­ern­de Hin­ter­blie­be­ne des ge­ra­de ver­stor­be­nen Buo­si Do­na­ti. Das Pas­sau­er En­sem­ble zeich­net sich durch gro­ße Ho­mo­ge­ni­tät und Spiel­freu­de aus – und be­sitzt mit Ma­nu­el Pol­lin­ger als Ge­richts­die­ner und Si­mo­ne („O Si­mo­ne? Si­mo­ne?…“), Wil­liam Diggle als An­walt der Klä­ge­rin und Gherar­do und mit Os­car Ma­rin-Reyes als um Wür­de be­müh­ter Spre­cher der Ge­schwo­re­nen und dau­er­be­kiff­ter Bet­to di Si­gna wei­te­re ein­satz­kräf­ti­ge Solisten.

Mon­ty Py­thon-Rit­ter mit Huhn in Aktion

Der Pro­duk­ti­on kommt es na­tür­lich zu­pass, dass mit Fultz, Leach und Diggle gleich drei na­ti­ve spea­k­er den ers­ten Ein­ak­ter be­völ­kern. Da­für wird der Schic­chi von By­ung Jun Ko ge­sun­gen: bei­fall­pro­vo­zie­rend, wie man nicht erst nach dem Schluss­ak­kord merkt. Mit sei­nem kräf­ti­gen Ba­ri­ton und ei­ner re­la­tiv zu­rück­hal­ten­den, aber char­man­ten vis co­mica er­obert er nicht nur die Her­zen von Toch­ter und zu­künf­ti­gem Schwie­ger­sohn, auch die des Pu­bli­kums, das den Abend zu­recht als amü­san­te wie gut ge­mach­te En­sem­ble­leis­tung fei­ert – und Na­ta­sha Sal­lès’ Lau­ret­ta, als pri­ma in­ter pa­res, ei­nen Son­der­bei­fall spen­det, weil die jun­ge So­pra­nis­tin al­les mit­bringt, um aus der klei­nen, aber be­deu­ten­den Par­tie et­was Be­son­de­res zu ma­chen. Dass Tilch sie auch be­son­ders wit­zig in­sze­niert hat, ver­steht sich durch­aus nicht von selbst; wenn Lau­ret­ta, die vom Papa fort­ge­schickt wird, da­mit sie nicht zur Zeu­gin sei­nes Be­trugs wird, auf der obe­ren Eta­ge vor sich hin rockt und Sport­übun­gen macht (die Bei­ne!), passt’s per­fekt zu Puc­ci­nis rhyth­misch ak­zen­tu­ier­ter Musik.

Wie schwer im Üb­ri­gen auch die­se Oper ist, merkt man, wenn der gute Ed­ward Leach sei­ne schö­ne Ari­et­ta, den herr­li­chen Lob­preis auf Flo­renz und die Frem­den, die Flo­renz groß ge­macht ha­ben, gut singt und die letz­ten bei­den Spit­zen­tö­ne denn doch nicht ganz er­reicht. Umso be­mer­kens­wer­ter das ge­sam­te mu­si­ka­li­sche Er­geb­nis des Abends, in dem ne­ben den be­reits ge­nann­ten So­lis­tin­nen und den hier Un­ge­nann­ten die Zita der Lu­cie Ceralo­vá und die Ci­e­s­ca der Sa­bi­ne Noack ge­nannt wer­den müs­sen, die sich stimm­lich und spie­le­risch, hör- und sicht­bar ver­gnüg­lich, in die Cho­se werfen.

Ed­ward Leach als Ri­nuc­cio legt sich ins Zeug.

Die Nie­der­baye­ri­sche Phil­har­mo­nie spielt im Üb­ri­gen un­ter Ba­sil H. E. Co­le­man ei­nen lus­ti­gen Sul­li­van und ei­nen wit­zig-lei­den­schaft­li­chen Puc­ci­ni, dem man gern zu­hört, da nicht al­lein die spru­deln­den Soli und mar­kan­ten Dia­lo­ge, son­dern auch so et­was Mi­ra­ku­lö­ses wie die Par­odie auf ein hoch­emo­tio­na­les und echt opern­haf­tes Con­cer­tato mit dem Chor und dem ge­sam­ten En­sem­ble ge­lingt, wie man es von Ver­di kennt. Gil­bert & Sul­li­van lie­ßen mit „We have a nice di­lem­ma“ eine zwei Mi­nu­ten lan­ge gro­ße Num­mer über die Co­me­dy-Büh­ne rol­len, wozu es al­ler gu­ten Kräf­te be­darf. In Pas­sau zeigt auch der von Gui­ran Je­ong ein­stu­dier­te Chor des Lan­des­thea­ters Nie­der­bay­ern, wie so et­was zu klin­gen hat. Wie ge­sagt: eine En­sem­ble­leis­tung, die nicht nur das har­mo­nisch wohl­klin­gen­de Ter­zett der drei Da­men im Gi­an­ni Schic­chi zu ei­nem Ver­gnü­gen ma­chen. Ein­zel­nes wie die zau­ber­haf­ten So­lo­strei­cher in der Tes­ta­ments­sze­ne des Schic­chi ist be­son­ders be­rü­ckend. Man merkt da von Neu­em, welch hohe Spiel­kul­tur auch an den so­ge­nann­ten klei­nen Opern­häu­sern herrscht.

Cha­os im Hau­se des Erb­las­sers Buo­so Donati

Ge­nau an die­ser Stel­le schlägt die Licht­stim­mung um, plötz­lich ste­hen alle in ei­nem ma­gi­schen Dun­kel­blau und der Bo­den­ne­bel be­ginnt zu wa­bern. Ähn­li­ches wird im Gi­an­ni Schic­chi an ei­ner an­de­ren Stel­le auf­leuch­ten. Die Re­gie hält sich mit Mätz­chen zu­rück – der Mon­ty-Py­thon-Rit­ter läuft au­ßer Kon­kur­renz durch die Sze­ne –, man übt sich statt­des­sen in gu­ten Wit­zen: Der end­lich glück­lich da­hin­ge­rö­chel­te Buo­so Do­na­ti, einst ein Guru, der mit sei­ner „Clean your Karma“-Firma dank sei­ner „Mön­che“ gute Ge­schäf­te ge­macht hat, wird un­term Bett ver­steckt, was di­ver­se Pro­ble­me mit sich bringt (der Mann ist ein­fach zu lang), im Ge­richts­saal wie im Ster­be­zim­mer wer­den per Dia­pro­jek­tor Bil­der an die Wand ge­wor­fen, die hier die un­schul­di­ge An­ge­li­na und den treu­lo­sen Bräu­ti­gam, dort die Kost­bar­kei­ten Flo­renz’, den groß­na­si­gen Schic­chi und die Pon­te Vec­chio zei­gen, von der sich das Töch­ter­chen stür­zen könnte.

Der Ge­richts­die­ner kämpft mit der Tech­nik, die Ver­wandt­schaft fin­det alle mög­li­chen Waf­fen im Haus des kar­ma­be­seel­ten Ge­schäf­te­ma­chers – und ei­nen Dil­do. Zwi­schen­durch aber herrscht die pure Poe­sie: die Flower Mai­dens, die An­ge­li­na in den Ge­richts­saal kom­men lässt, und der von den drei Rhein­töch­tern – par­don: den drei Da­men als Do­na­ti um­ge­kei­de­te Schic­chi ent­bin­den, auf je ver­schie­de­ne Wei­se, durch­aus zar­te wie hei­ter-iro­ni­sche Töne, wie sie auch in ko­mi­sche Ope­ret­ten und Opern ge­hö­ren. Und die In­sze­nie­rung ver­rät sie nicht. Also al­les rich­tig ge­macht im Fürst­bi­schöf­li­chen Opern­haus, wo Lon­don und Tor­re de Lago, bri­ti­scher und ita­lie­ni­scher Witz völ­lig zwang­los zusammenkamen.

Flo­renz darf in „Gi­an­ni Schic­ci“ nicht fehlen.